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Nachgefragt Haben Therapeut:innen eigentlich selbst einen an der Waffel?

Psychologie: Frau auf Sofa
© Pavelborn / Shutterstock
Es ist das Klischee der Psychologie: Therapeut:innen haben selbst einen an der Waffel. Ist dem so? Wir haben da mal nachgefragt – bei einer Therapeutin.

Gute Köch:innen sind nicht schlank, Pilot:innen schlafen mit Steward:essen und Psycholog:innen haben selbst einen an der Waffel. Klischees über Berufe gibt es wie Sand am Meer und Journalist:innen schreiben ohnehin nur in Metaphern. Nachdem ich letzteres so eben bewiesen habe, neige ich zu glauben, dass in manchen Stereotypen ein Fünkchen Wahrheit steckt...

Das ist natürlich Quatsch: Der Bauchumfang sagt soweit ich weiß in der Regel nichts über die Kochkünste aus und mit Sicherheit gibt es auch in der Luftfahrtbranche treue Menschen. Aber was ist mit den Therapeut:innen da draußen? Ich stelle gleich die nächste These auf und behaupte, dass sich so gut wie jede:r von ihnen das Klischee des eigenen Irrsinns zumindest schon einmal anhören musste. Und die nächste, dass es gar nicht so schlecht wäre, wenn sie eben auch schon einmal psychische Probleme erlebt hätten – schließlich versuchen wir gerade, mentale Gesundheit genauso zu bewerten wie physische und eine Depression kann man sich durch gewisse Umstände genauso einfangen wie einen Schnupfen. 

Durch meine eigenen Thesen kommen wir der Antwort aber doch nicht näher, denn ich bin nun einmal Journalistin und keine Therapeutin, deswegen tue ich das, was man in meinem Job klischeehaft eben tut: Ich frage. Und zwar die Dinge, die man eigentlich ungern fragt. 

Zum Glück habe ich eine Therapeutin parat, die mir die etwas unhöfliche Frage nicht übelnimmt. Andrea vorm Walde heißt die gute Dame und sie ist Coach und psychologische Beraterin – was sie zu meiner optimalen Forschungskandidatin macht. Also frage ich Andrea bei unseren aktuellen Kontakt einfach direkt: 

"Hand aufs Herz, haben Therapeut:innen selbst einen an der Waffel?"

Darauf folgt ein Lachen, ich habe Glück, denn sie nimmt die Frage mit Humor. Besser noch, sie ist ihr geläufig: "Haha, das habe ich schon oft selbst gedacht. Ich könnte ein paar Geschichten erzählen…", fängt Andrea an, zeigt sich dann aber doch loyal gegenüber ihren Kolleg:innen und wird ernst: "Es ist vielleicht ein bisschen Wahrheit dran, denn sehr viele Menschen, die sich der Psychologie verschreiben, tun das, weil sie erst aus eigener Erfahrung damit zu tun bekommen haben." 

Leuchtet ein. Wer selbst einmal die Weite der eigenen Psyche – und ihre Tücken – erleben musste, beschäftigt sich oft erst dann richtig damit, was für eine Bedeutung sie für unser Leben hat. Dass daraus eine Leidenschaft entsteht, die man dann zum Beruf macht, verstehe ich. 

Vor dem Klischee, dass sich Patient:in und Psycholog:in dann eher gegenseitig therapieren, muss trotzdem keiner Angst haben: "Jeder Therapeut ist natürlich dazu verpflichtet, eine bestimmte Menge eigener Therapiestunden zu nehmen", erklärt mir Andrea, "somit ist zumindest klar, dass wir alle unsere eigenen ‚Macken‘ ganz gut beleuchtet haben."

Dann kann es tatsächlich von Vorteil sein, wenn der:die Behandelnde selbst schon einmal auf der Couch lag: "Eigene Erfahrungen verstärken oft das Verständnis für andere", wirft Andrea ein, denn: "Empathiefähigkeit ist ohnehin eine Grundvoraussetzung dafür, (ein guter) Therapeut zu werden. Aber je mehr ich selbst ‚einen an der Waffel habe‘, also je mehr Abgründe ich kenne, desto besser kann ich mich in Patienten hineinversetzen. Ganz ehrlich: Wenn ich Liebeskummer habe, hilft mir am besten jemand, der weiß, wie weh das tut, oder?" Stimmt. So ist es ja allgemein mit der Schwäche: Wir zeigen sie oft lieber gegenüber den Menschen, die selbst nicht immer nur Stärke signalisieren.

Mein Fazit: Für mich liegt in der Vorstellung, Psycholog:innen hätten selbst ihr Päckchen zu tragen, ein Mix aus Wunschdenken und eigener Enttarnung. Denn zum einen nimmt der Gedanke die Barriere zwischen allwissend:en Therapeut:innen und hilflosen Patient:innen – und stellt sie gleich mal wieder schön auf eine Stufe. Zum anderen fällt es uns eben immer leichter, die Wahnsinnigkeit in anderen als uns selbst zu suchen, nicht wahr?

Guido

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