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Psychologie "Wir denken: Morgen wache ich auf und bin bereit! Das wird nicht passieren."

Laura Malina Seiler
© Farina Deutschmann / Pressestelle
Wieso haben wir eigentlich so oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein? Im Interview mit GUIDO spricht Podcasterin und Autorin Laura Seiler über das "Leben in Angst" – und wie wir es erkennen und umwandeln können.

Manchmal haben wir das Gefühl, uns im Leben verfahren zu haben. Nichts fühlt sich mehr richtig an, so richtig entwirren können wir unser inneres Verkehrschaos aber auch nicht. So geht es Alma, als sie morgens aufwacht und einfach nicht mehr kann. Sie duscht. Und als sich das Wasser mit Tränen vermischt, beschließt sie, dass es nun aber mal genug sei. Also begibt sie sich auf eine Reise – zurück zu sich.

So wie Alma fühlen sich viele Menschen an dem einen oder anderen Moment in ihrem Leben, wie mir ihre Schöpferin Laura Malina Seiler in unserem Interview erzählt. Mit ihrem neuen Roman "Zurück zu mir" scheint sie aktuell einen Nerv zu treffen. Ich wollte von ihr wissen, woher dieses Gefühl kommen kann, falsch abgebogen zu sein – und wie man wieder auf die richtige Fahrbahn gerät.

 "Der einzige Weg, sich bereit zu fühlen, ist, indem du es tust."

Herzlichen Glückwunsch zum neuen Buch, Laura! In "Zurück zu mir" geht es um Alma und ihr 90-jähriges Ich. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Laura Malina Seiler: Die Idee ist daraus entstanden, dass ich schon seit Jahren eine Meditationstechnik, eine Art Visualisierung, übe, in der ich mich mit meinem 90-jährigen Ich verbinde. Ich habe so eine wunderschöne Verbindung zu meinem eigenen, zukünftigen Ich. Mir hat das oft Kraft und Vertrauen gegeben, aber auch Hoffnung und Klarheit. Irgendwann dachte ich: Wie cool wäre das denn, wenn ich daraus ein Buch schreiben würde, über einen Dialog zwischen einer jungen Frau und ihrem 90-jährigen Ich?

Diesen Traum, einen Roman zu schreiben, haben viele, die wenigsten setzen ihn um. Was hast du anders gemacht?

Ich weiß, die Antwort ist blöd, aber am Ende ist es wirklich: einfach machen. Aussteigen aus dem Kopfkarussel. Es gibt keinen anderen Weg, ein Buch zu schreiben, als den Laptop aufzuklappen, das Dokument zu öffnen und den ersten Satz zu schreiben. Und bei mir ist es so: Wenn ich diesen ersten, schrecklichen Schritt überwunden habe, wird es plötzlich leichter.

Der größte Fehler, den wir in unserem Leben machen, ist, darauf zu warten, dass wir uns bereit fühlen, etwas zu tun. Wir denken: Morgen wache ich auf und bin bereit! Das wird nicht passieren. Der einzige Weg, sich bereit zu fühlen, ist, indem du es tust.

Es gibt Warnzeichen, die uns sagen, dass wir in Angst, statt in Liebe leben – wenn wir zuhören

Ja, ich glaube, da steckt auch viel Erfolgsdruck oder auch Selbstzweifel dahinter. Was, wenn es nicht klappt? Du nennst das in deinem Buch "in Angst, statt in Liebe leben“, was meinst du damit?

Ich glaube, Liebe und Angst sind die zwei Pole, auf denen wir unser Leben balancieren. Und die meisten Menschen leben tatsächlich in der Angst, in dem Gefühl, nicht genug zu sein. Das ist wie ein Loch in einem, dass man immer irgendwie mit äußeren Dingen füllen möchte. Die neue Handtasche, das Paar Schuhe werden das Loch aber nicht füllen.

Sondern?

Der Weg zur Liebe ist innere Arbeit. Ich sorge dafür, dass ich mit mir eine freundschaftliche, liebevolle Beziehung aufbaue. Das beginnt schon in der Art, wie wir mit uns sprechen. Also anstatt morgens in den Spiegel zu schauen und zu sagen: Wie siehst du denn schon wieder aus, zu sagen: Ich liebe dich. Ich achte auf dich. Ich bin stolz auf dich.“

Ich glaube so viele Menschen leben aber in einem sehr negativen Verhältnis zu sich selbst, so dass es ihnen gar nicht auffällt. Gibt es da denn Warnzeichen, dass man gerade in der Angst lebt?

Absolut. Da gibt es ganz unterschiedliche Ebenen, zum Beispiel die körperliche. Ob es Neurodermitis ist, wir stark schwitzen, Bauchgrummeln, Sodbrennen oder eben Migräne haben. Das sind alles Dinge, die zum Beispiel mit falscher Ernährung zu tun haben – oder eben psychosomatisch sein können. Das Problem ist: Wenn wir dann immer eine Pille nehmen, geht das dahinterstehende Problem nicht weg. Es manifestiert sich auf einer tieferen Ebene.

Laura Malina Seiler: Zurück zu mir
© rowohlt polaris / Pressestelle

Das heißt, es ist unglaublich wichtig, auf der körperlichen Ebene achtsam zu sein und wahrzunehmen: Wann bekomme ich eigentlich immer Kopfschmerzen? Also nicht zu sagen: Oh Mann, jetzt habe ich schon wieder XY, sondern innezuhalten. Sich zu hinterfragen. Ich guck mal, was mein Körper mir damit sagen möchte. Der Körper ist unglaublich intelligent. Wir müssen uns nicht betäuben, sondern hinfühlen.

Dann gibt es noch die äußere Ebene. Warnzeichen sind zum Beispiel, wenn wir wahrnehmen, dass sich gerade irgendwas nicht richtig anfühlt. Dass wir immer unter Dauerstress oder auch Daueranspannung stehen.

Wie schaffe ich es, diese Warnzeichen auch wahrzunehmen? Hast du da eine Übung oder einen Tipp?

Ich bin ein Riesenfan davon, sich morgens einfach mal eine Viertelstunde zu nehmen, eine kurze Meditation zu machen, vielleicht eine Atemübungen beim Tee oder Kaffee.

Durch das morgendliche Checken von Whatsapp, Instagram, befinden wir uns ja immer sofort im Reaktionsmodus, statt bei sich zu sein. Wenn wir nicht in Kontakt mit uns selbst sind, wie sollen wir dann wirklich in Kontakt kommen mit der Welt? Ich empfehle, immer so einen kleinen Check in bei sich selbst zu machen. Zu gucken: Wie geht es mir gerade? Brauche ich etwas? Schadet mir etwas? Die eigenen Emotionen wahrnehmen. Und ja, es geht ganz viel um Achtsamkeit und Bewusstsein.

In dem Moment, in dem du dir erlaubst, all diese Gefühle auch mal zu fühlen – erst dann kannst du sie gehen lassen.

Ich höre aber schon die Menschen, die mir bei Stressbeschwerden etc. ins Ohr flüstern: Stell dich nicht so an. Reiß dich einfach mal zusammen, das ist das normale Leben. Wieso stößt Achtsamkeit und dieses Reinfühlen in sich selbst in unserer Gesellschaft immer noch auf so große Widerstände?

Weil es natürlich erstmal der schwierigere Weg ist. Es ist schwieriger, wirklich hinzufühlen und auch Schmerz, Enttäuschung, vielleicht sogar Wut in sich wahrzunehmen. All diese unangenehmen Gefühle, vor denen wir die ganze Zeit versuchen wegzulaufen. In dem Moment, in dem du dich entscheidest, zu sagen: Ich schau jetzt z.B. auf ein psychosomatisches Symptom, wirst du dahinter wahrscheinlich ein Gefühl finden, das höchstwahrscheinlich unangenehm ist – gekoppelt an eine Erfahrung, die noch geheilt werden darf. Da kommt automatisch diese Abwehr. Dann lenken wir uns lieber ab, schauen Netflix, um bloß nicht diesen Schmerz zu fühlen. Und ich glaube, das ist ein großes Problem unserer Gesellschaft.

Aber ich glaube, viele Menschen haben ja auch einfach Angst davor, was passiert, wenn sie in den Schmerz hineingehen…

Die Wahrheit ist: Es passiert nichts. Im Gegenteil: Erst in dem Moment, in dem du dir erlaubst zu heilen, dir erlaubst zu vergeben, dir erlaubst, all diese Gefühle auch mal zu fühlen – erst dann können wir sie gehen lassen.

Guido

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