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Experteninterview Hilfe, diese Hilflosigkeit! Wie gehe ich mit Kriegsangst um?

Berlin: Brandenburger Tor leuchtet in den Farben der Ukraine
© Mo Photography Berlin / Shutterstock
In Europa herrscht Krieg. Und viele von uns haben Angst. Was mache ich, wenn ich nicht weiß, wohin mit meinen Gefühlen? Eine Therapeutin über unseren Umgang mit der aktuellen Situation.

Wir sind am 24. Februar in einer anderen Welt aufgewacht, als in der, in der wir am Tag zuvor eingeschlafen sind.

Während ich mich nach dem Aufwachen in meinem warmen Bett noch einmal umgedreht habe, wurde jemand anderes nur 1.600 Kilometer entfernt davon geweckt, dass eine Bombe in sein Zuhause einschlug. Fakt ist: Ich habe das Privileg, Szenen aus dem Krieg bislang nur aus Film und Fernsehen zu kennen. Menschen aus Europa, nicht weit von uns entfernt, bekommen sie nun zu sehen, wenn sie aus dem eigenen Fenster schauen. 

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine befinden sich viele von uns in einer Art Schwebezustand. Wir gehen alle unterschiedlich mit den Ereignissen um, doch die Worte Krieg und Europa in einem Satz dürften niemanden kaltlassen. Manche bekommen Panik. Andere verfallen in eine Art Starre der Hilflosigkeit. Manche können sich nicht von den Nachrichten lösen. Andere trauen sich nicht einmal, die News-App zu öffnen. Es gibt dabei kein richtig oder falsch - das ist das Erste, was ich von Andrea vorm Walde lerne. Ich habe die psychologische Beraterin aus Hamburg angerufen, um mit ihr über Kriegsangst zu sprechen. Das letzte Mal, als wir telefonierten, sprachen wir darüber, was Dating-Apps mit uns machen – heute, was Bilder von Panzern und Soldaten in uns bewirken. Ja, unsere Welt ist eine andere geworden.

Der Krieg in der Ukraine – und unsere Hilflosigkeit, die keine ist

Aber auch in dieser Realität spielt Psychologie eine Rolle, denn wir können unsere Angst nicht unterdrücken, aber lernen, mit ihr umzugehen. Ersteres wäre auch gar nicht sinnvoll, wie Andrea mir gleich zu Beginn erklärt: "Erstmal muss man sich klarmachen, dass Angst per se nicht schlecht ist, sondern gut. Sie will uns schützen." Dazu sei sie in extremen Situationen vor allem normal: "Alle Menschen haben ein Bedürfnis nach Sicherheit."

Wenn ich zum Beispiel merke, dass ich bestimmte Bilder nicht ertragen kann, dann ist niemandem damit geholfen, wenn ich sie mir trotzdem angucke.

Aber: Nicht alle Menschen gehen gleich damit um. Diese Erkenntnis kann uns bereits dabei helfen, unsere Angst zu bewältigen, wenn unser Sicherheitsgerüst ins Wackeln gerät: "Wir müssen genau auf uns gucken: Was gibt mir im normalen Leben Sicherheit? Es geht darum, ein gutes Fingerspitzengefühl für sich selbst zu entwickeln", sagt die Therapeutin. Wer wüsste, was einem im Alltag helfe, könnte in Akutsituationen gut darauf zurückgreifen. Eine allgemeingültige Lösung gebe es hier nicht – während manche Ruhe bräuchten, fühlten sich andere vor allem unter Menschen wohl. "Bei einem kann das heißen, sich mit Freunden auszutauschen, für andere, gut informiert zu sein. Wieder andere können diese Kriegsbilder nicht ertragen. Dann müssen wir tatsächlich auch gucken, mit wem wir uns gerade umgeben und ob uns diese Person auch guttut", rät sie.

So können wir also lernen, uns in wackeligen Zeiten Sicherheit zu schenken – indem wir auf unsere eigenen Bedürfnisse hören. Wenn das jedoch nach einer Feel-Good-Serie auf dem Sofa ruft, wird es schnell von schlechtem Gewissen begleitet. Wir können es uns hier doch nicht gut gehen lassen, während woanders die Welt brennt? "Es hilft genau niemandem in der Ukraine, wenn wir hier mit einem schlechten Gewissen sitzen und deswegen keine Serie gucken", widerspricht mir Andrea, "es würde mehr helfen, wenn wir eine Serie gucken und danach 50 Euro spenden."

Es gibt aber noch etwas Gutes: Angst versetzt uns ins Handeln

Apropos Spenden: Wie gehe ich denn mit dieser bleiernen Hilflosigkeit um, die uns allen gerade auf den Schultern liegt, während wir Nachrichten schauen? "Jeder denkt gerade, oh Gott, ich kann gar nichts machen, aber das stimmt nicht", wirft die Expertin ein. Tatsächlich gibt es in vielen Regionen bereits Organisationen, die Dinge sammeln, um Menschen an der Grenze und auf der Flucht zu helfen. Es werden Demos veranstaltet und Spendenkonten eingerichtet. Damit könne man der Angst sogar einen Sinn geben, ermutigt Andrea: "Es gibt etwas Gutes: Angst versetzt uns ins Handeln. Einfach mal drüber nachdenken: Was kann ich tun?" 

Letztendlich tragen wir das Gegenmittel für negative Gefühle oft selbst in uns. Nur fällt es uns schwer, es in Notsituationen abzurufen. Umso wichtiger ist es, dass Expert:innen wie Andrea uns daran erinnern: "Gegen Angst hilft zum Beispiel Mut. Gegen Hilflosigkeit hilft es, aktiv zu werden." Und dabei nie sich selbst vergessen: "Wenn ich zum Beispiel merke, dass ich bestimmte Bilder nicht ertragen kann, dann ist niemandem damit geholfen, wenn ich sie mir trotzdem angucke." Dann lieber ein paar Decken sammeln, spenden und Serien gucken. Auch das ist okay.

Andrea vorm Walde ist psychologische Beraterin und Coach, andreavormwalde.de

Guido

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