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Psychologie Diese 2 Fragen zeigen dir, ob du an deinen Bedürfnissen vorbei lebst

Ausreden für Treffen: Frau mit Hund
© MasterKeySystem / Shutterstock
Psychologie: Wir haben mit einer Therapeutin über die neue Überforderung und Erschöpfung mit sozialen Treffen gesprochen. Leben wir vielleicht einfach an unseren Bedürfnissen vorbei?

Ist es nicht schön zu beobachten? Langsam kommen die Menschen wieder aus ihren Wohnungen, nähern sich dem normalen Leben. Auch wenn sich diese Normalität zugegebenermaßen gerade noch etwas fragil anfühlt. Aber drücken wir einmal die Daumen und blicken positiv in eine Zukunft ohne Corona: Dann wird es bald wieder möglich sein, unter Menschen zu gehen. Alte Freunde wiederzutreffen. Geburtstage nachzufeiern. Die Kontakte zu pflegen, die im letzten Jahr zwangsläufig auf der Strecke geblieben sind.

Denn ja, wir haben uns monatelang auf unsere engsten Menschen, unser Zuhause konzentriert und eine kleine, komfortable Höhle gebaut. Nur ist es gar nicht so einfach, da wieder herauszukriechen oder? Menschen sind (glücklicherweise!) verschieden, doch in letzter Zeit sind mir so einige begegnet, die dem neuen Sozialleben mit dezenter Überforderung entgegentreten – mich eingeschlossen.

Nach über einem Jahr Pandemie kommt es uns manchmal vor, als hätten wir gar verlernt, sozial zu sein. Geht das überhaupt? Und wie gehe ich denn jetzt am besten damit um, wenn ich merke, dass ich einen Abend lieber mit mir und höchstens meinem Haustier verbringen möchte – aber eigentlich schon verabredet bin? 

Psychologie: Lebst du an deinen Bedürfnissen vorbei?

Andrea vorm Walde ist Therapeutin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Klienten betreut sie in einer Hamburger Praxis und online. Tipps von ihr gibt es außerdem regelmäßig auf ihrem Blog www.andreavormwalde.de
Andrea vorm Walde ist Therapeutin, Coach und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Klienten betreut sie in einer Hamburger Praxis und online. Tipps von ihr gibt es außerdem regelmäßig auf ihrem Blog www.andreavormwalde.de
© Andrea vorm Walde / Privat

Schnell kramen wir im Kopf nach einer Ausrede für das Treffen. Dabei ist das eine denkbar schlechte Idee, wie wir jetzt gelernt haben. Andrea vorm Walde ist Coach, Therapeutin und psychologische Beraterin, sie kennt die Problematik mit dem Sozialstress, dem Absagen und der Selbstfürsorge aus ihrer Praxis allzu gut: Ein guter Ausgangspunkt für uns, mal ein ehrliches Gespräch über Grenzen und ihre Konsequenzen zu führen.

Andrea vorm Walde, Butter bei die Fische: Kann man verlernen, sozial zu sein?

"Ich hoffe ja nicht. Die Frage ist halt immer: Wie ticke ich eigentlich? Also hier: Wieviel sozialen Umfang brauche ich überhaupt? Ich glaube, dass wir ja wirklich ganz oft an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei leben."

Sie meinen, manche Menschen brauchen vielleicht gar nicht so viele Kontakte, wie sie vor der Pandemie hatten?

"Solche Themen kochen gerade wirklich hoch.. Ich glaube, dass es in unserer Gesellschaft so groß geschrieben ist, immer sozial zu sein, dass Klient:innen das Gefühl haben, ihre Beliebtheit drücke sich in der Menge an Verabredungen aus. Und es ist schon so, dass man wirklich oft erst durch Ausnahmesituationen merkt: Eigentlich lebe ich mein Leben an meinem eigenen Ich vorbei."

Ja, das kommt mir bekannt vor… Aber es ist auch wirklich schwer, sich dem hinzugeben. Wie schaffe ich es, Grenzen zu setzen, ohne andere zu verletzen? Wenn ich zum Beispiel ein Treffen absage, weil es mir zu viel wird, obwohl ich keine richtige Erklärung habe?

"Man hat ja eine Erklärung: Nämlich die Sorge für sich selbst! Da ist nur die Frage, wie sehr man demjenigen gegenüber wirklich ehrlich sein kann und sich auch traut, ehrlich zu sein. Das ist ja eine Herausforderung. Bei richtig guten Freunden sollte man sich das schon trauen, zu sagen, Du, ich mag heute Abend einfach nicht weggehen. Und vielleicht mag ich das auch in drei Wochen nicht.Aber alles was weiter weg ist, ist schwierig und wir sind halt einfach echt nicht gewohnt, Nein zu sagen."

Und wie ist da der Weg?

"Es geht auch da nur mit Ehrlichkeit. Man kann ja auch vielleicht ganz klar sagen: Du, das hat gar nichts mit dir zu tun, das hat etwas mit mir zu tun. Und wenn der oder die das dann nicht versteht... Ja, dann muss man eben auch überlegen, ob der:diejenige wirklich gut im eigenen Leben aufgehoben ist. Manchmal fängt man sich darüber aber auch wieder, wenn man dann halt einfach mal offen und ehrlich darüber redet: Du, ich will dich einfach nicht jede Woche sehen. Ich kann das nicht, aber ich freue mich total, wenn wir uns alle zwei Monate sehen und dann hat man einen tollen Abend!"

Ja, Ehrlichkeit hilft da total. Das nimmt auch den Druck aus dem Treffen raus, finde ich, wenn man weiß, hier ist niemand böse, wenn ich absage. Sonst werden Verabredungen schnell zu Stressterminen …

"Absolut und es ist ja auch so: Je besser wir uns um uns selbst kümmern, dafür sorgen, dass wir stabil und fröhlich sind, desto mehr können wir uns anderen widmen. Sonst würde es gar nicht funktionieren, dann wäre es ja aufopfern. Das wäre ja auch für das Gegenüber nicht schön, ich fände es ganz furchtbar, wenn sich Menschen nur mit mir treffen, weil sie sich nicht trauen, mir zu sagen 'ich kann das gerade nicht'. Dabei passe ich weder auf mich noch auf die Beziehung auf, damit tut man auch anderen keinen Gefallen."

Und wenn es nicht um zeitliche, sondern emotionale Kapazität geht? Manchmal hat man ja auch das Gefühl, gerade so viele eigene Baustellen zu haben, dass man sich nicht um den Liebeskummer der Freundin kümmern kann.

"Das ist auch so ein Selbstfürsorge-Thema. Da geht es aber auch darum: Kann ich hier noch etwas erreichen? Wenn ich an die Teenagerzeit zurückdenke, da hat man sich alle Liebeskummer-Geschichten immer wieder erzählt und angehört. Soweit ich mich erinnere, hat das uns allen nicht wirklich geholfen, weil man sich ja noch mehr reinsteigert. Zuhören ist natürlich wichtig, aber es ist erwiesen, dass es nicht weiterhilft, immer und immer wieder ein Problem zu thematisieren. Im Gegenteil: Das Gehirn speichert das mit jeder neuen Erörterung tiefer ab.. Da kann und muss man manchmal sagen: Guck mal, ich kann dir dabei gerade nicht helfen. Aber ich überlege mit dir: Was oder wer kann dir helfen?

Was ich sagen will: Der Beistand hat natürlich Grenzen, ich finde, manche Sachen muss man schon machen – wenn ich zum Beispiel meine Freundin auf eine Beerdigung begleiten soll, lege ich alle Termine um. Aber wenn jemand so ein Dauerproblemmensch ist, der einen aussaugt, weil er gar keine echte Hilfe annimmt, hat das nichts mehr mit Freundschaft zu tun."

Und dann? Das fühlt sich für mich irgendwie nach Hängenlassen an.

"Dann muss man sich natürlich überlegen: Traut man sich, ein offenes Wort zu sprechen? Man kann sich auch selbst fragen: schaffe ich das gerade, für jemanden da zu sein, und bin ich überhaupt eine Hilfe? Ist ja auch ein Unterschied, ob ich mir immer wieder das Problem anhöre oder ob ich zum Beispiel mal etwas anders mache und sage: Pass auf, wie wäre es, wenn wir Sonntag stattdessen einfach mal eine Radtour machen oder so? Auch hier lösen wir es also am besten mit Ehrlichkeit."

Vielen lieben Dank für das Gespräch!

Guido

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