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Psychologie Wie dich der Inner-Crowd-Effekt klüger machen kann

Inner-Crowd-Effekt: Eine kluge Frau
© Riccardo Niels Mayer / Adobe Stock
Weisere Entscheidungen treffen? Klüger handeln? Es einfach besser wissen? Der Inner-Crowd-Effekt macht es möglich. Was es damit auf sich hat und wie du ihn nutzen kannst, liest du hier.

Wenn wir immer alles mit uns allein ausmachen müssten, wäre das Leben vermutlich ziemlich anstrengend. Schließlich sind unser Wissen und unser Horizont begrenzt, unsere Verfassung lässt nicht zu jeder Zeit Topleistungen zu. Zum Glück also müssen wir es nicht, sondern können uns austauschen und beratschlagen, von anderen lernen, ihre Perspektive anhören und sie als Ergänzung zu unserer eigenen nutzen, um ein umfassenderes Bild zu gewinnen. Besonders beliebte Ansprechpartner:innen für solche Fälle sind für viele Menschen Mama, Papa, beste Freundin, bester Freund, Schwesterchen und Brüderchen oder Tante, Onkel und Co.. Im Hinblick auf das Ergebnis wäre es laut einer aktuellen Studie unter Umständen allerdings sinnvoller, einen anderen, ganz bestimmten Typ Mensch zu Rate zu ziehen: Einen anders Gesinnten. Und tatsächlich brauchen wir uns den sogar nur vorzustellen. 

Studie: Problemlösung mit imaginärer Beratschlagung

Für eine Versuchsreihe mit rund 6400 Testpersonen baten niederländische Forschende die Teilnehmenden, Schätzfragen zu beantworten: Wie viel wiegt eine Waschmaschine, wie viel wiegt ein Elefantenbaby, wie viel ein Klavier? Nach ihrer ersten Schätzung durften die Versuchspersonen noch einmal überlegen und eine zweite Schätzung abgeben – allerdings sollten sie dazu je nach dem, in welche Gruppe die Wissenschaftler sie eingeordnet hatten, unterschiedliche Strategien anwenden.

Versuchsgruppe A sollte lediglich ein zweites Mal raten, wohingegen Mitglieder der Versuchsgruppe B den Auftrag erhielten, sich vorzustellen, was ein:e Freund:in von ihnen tippen würde, die eine ähnliche politische Ansicht vertritt wie sie. Versuchsgruppe C wiederum sollte sich überlegen, was ein:e Freund:in schätzen würde, der:die üblicherweise anderer Meinung ist als sie selbst. 

Während die zwei Tipps der Versuchsgruppen A und B tendenziell nahe beieinander lagen, unterschied sich bei Versuchsgruppe C die zweite Antwort deutlich von ihrer ursprünglichen Einschätzung – und genau dadurch war sie am erfolgreichsten: Der Durchschnittswert der beiden Versuche von Gruppe C kam der richtigen Antwort nicht nur meistens näher als ihr erster Tipp, sondern traf auch häufiger ins Schwarze als der Mittelwert der Einschätzungen der anderen beiden Gruppen. So lag die Trefferquote der Versuchsgruppen A und B etwa bei 20 Prozent, Gruppe C konnte mit ihrer Strategie hingegen eine Trefferquote von 33 Prozent erzielen – und das obwohl die Beratschlagung mit dem anders Denkenden nur in ihrem Kopf stattgefunden hatte.  

Weisheit der Vielen existiert auch in der Vorstellung

In dem Ergebnis ihrer Untersuchung sehen die Forschenden einen Grund zu der Annahme, dass wir das Phänomen der sogenannten Weisheit der Vielen,"wisdom of the crowd", in Maßen auch in unserem Geiste nutzen können. Dieses Phänomen besagt, dass der Mittelwert zahlreicher unabhängiger Einschätzungen der Wahrheit oft näher kommt als einzelne Ansichten. Indem wir uns die Meinung eines Menschen vorstellen, der eine der unseren möglichst weit entfernte Perspektive innehat, können wir nun die Weisheit der Vielen am einfachsten und effizientesten simulieren und dadurch klügere Entscheidungen treffen oder Lösungen finden, ohne direkt eine großangelegte, repräsentative Meinungsumfrage in Auftrag geben zu müssen. In Anlehnung an den Begriff "wisdom of the crowd" haben die Niederländer die Erkenntnis aus ihrem Versuch als "Inner-Crowd-Effekt" bezeichnet.

Voraussetzungen und Grenzen des Inner-Crowd-Effekts

Können wir uns nun, da wir um den Inner-Crowd-Effekt wissen, also endlich diese lästigen, anstrengenden Kontakte und Beziehungen mit anders denkenden Menschen sparen und uns nur noch mit Gleichgesinnten begeben? Oder können wir es generell sein lassen, andere Personen zu involvieren und um Rat zu fragen und uns nur noch mit unserem inneren Widerworte gebendem Denkkonstrukt unterhalten? Können wir gewiss – eine gute Idee wäre es aber womöglich nicht. Zwar sind wir als Menschen kreativ und verfügen über eine erstaunliche Gabe namens Fantasie, doch als Basis braucht diese Erfahrung. Wir können uns nichts vorstellen, was wir niemals in irgendeiner Form erlebt beziehungsweise wahrgenommen haben. Diverse Freundeskreise und mit anders denkenden Menschen zu verkehren, sind daher die besten Voraussetzungen für eine brauchbare Inner Crowd – auch wenn es manchmal anstrengend ist. 

Ansonsten sei noch erwähnt, dass eine vorgestellte Beratschlagung mit einer Person mit entgegengesetzter Meinung nicht für jedes Problem die angemessenste Strategie ist. In Situationen, in denen gerade unsere eigene, persönliche Perspektive von zentraler Bedeutung ist, – zum Beispiel entscheide ich mich für den Job, in dem ich einen Sinn empfinde, aber wenig verdiene, oder für den sinnlosen, der mich finanziell reich macht – empfiehlt sich eher ein Austausch mit einem Menschen, der uns nahesteht, gut kennt und versteht und der uns unsere Zweifel nehmen und dafür Sicherheit geben kann. Auch hier mag bereits ein imaginärer Austausch helfen. Doch ein echter ist wahrscheinlich nicht zu ersetzen.

Verwendete Quellen: spektrum.de, utopia.de

sus Guido

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