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Verständnis-Paradoxon Warum wir andere weniger verstehen, wenn wir Ähnliches erlebt haben

Das Verständnis-Paradoxon: Zwei Frauen führen in einem Café ein Gespräch
© Sanja / Adobe Stock
Es fällt uns nicht immer leicht, einander zu verstehen. Selbst – oder gerade dann, wenn wir vielleicht etwas Ähnliches erfahren haben. Aber warum ist das so? Eine neue Studie gibt auf diese Frage mögliche Antworten.

Mit unseren Mitmenschen reden, mitfühlen und eine Verbindung aufbauen. Das sind Dinge, die unsere Freundschaften und Beziehungen so besonders machen und unser Verständnis zueinander stärken können. Doch hättest du gedacht, dass ähnliche Erfahrungen nicht für mehr Verständnis unter uns sorgen, sondern tatsächlich das Gegenteil der Fall ist? Einer neuen Studie zufolge gibt es dazu erste Hinweise.

„Das ist mir auch schon passiert“

Ein einfacher Satz, der bestimmt schon dem:der ein oder anderen herausgerutscht ist, wenn eine andere Person etwas erzählt hat. Für die meisten: ganz normal. Schließlich sind wir einfach begeistert, freuen uns, dass wir eine ähnliche Erfahrung gemacht haben und wollen so auch dem:der anderen signalisieren: "Ich verstehe, wie du dich fühlst."

Doch wie kommt eine solche Aussage bei dem Gegenpart an, der:die gerade von einer Erfahrung berichtet hat? Einer Studie der Annenberg School for Communication zufolge ist es den Menschen lieber, wenn ihnen einfach zugehört wird, inklusive der Details der Geschichte und der Gefühle, die sie bei ihnen wieder wachruft. Erzählende öffnen sich in diesen Momenten und möchten natürlich auch gehört werden, anstatt mit einem "das ist mir auch schon passiert" unterbrochen zu werden.

Ähnliche Erfahrungen sind nicht gleich

Die Studienleiterin Yoona Kang vermutet, dass Menschen in derart Situationen ihre eigenen Erlebnisse auf die einer anderen Person übertragen. Dadurch, dass sie selbst etwas Ähnliches erlebt haben, nehmen sie oft an, dass ihre Gesprächspartner:innen auch ähnlich mit der Situation umgegangen sind und Ähnliches dabei gefühlt haben. "Das Leben der anderen Person ist möglicherweise durch die eigenen persönlichen Erfahrungen verfälscht“, erklärt Kang weiter. Sie könnten die Gefühle und Gedanken des anderen Menschen dadurch übertünchen und dafür sorgen, dass wir weniger Verständnis zu der Person aufbauen können, ergänzt Emily Falk, eine weitere Autorin der Studie.

"Sich mit anderen Personen verbunden zu fühlen ist fundamental für unsere Gesundheit und unsere menschliche Erfahrung – und etwas, nach dem es uns verlangt", erklärt sie. "Und vielleicht ist es ok, meine eigenen Interpretationen der Erfahrung und der Perspektive des anderen ihnen aufzubürden. Aber die Daten zeigen, dass es Menschen schwerer fällt, zuzuhören und zu verstehen, wenn sie eine ähnliche Erfahrung hatten." Es fiele stattdessen den Menschen einfacher, die keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht hätten, so Falk.

Wie kann man es besser machen?

Es sei wichtig, eine aktive Aufmerksamkeit in der Situation zu schaffen, erklärt Yoona Kang. Das bedeute, dass man in diesem Moment auch auf die internen und externen Erfahrungen achte – beispielsweise: Wie verhält sich die Person, die spricht, was macht das Erlebte gerade mit ihm:ihr? Bisherige Forschung geht davon aus, dass es sich positiv auswirkt, wenn wir aktiv aufmerksam sind. Das bedeute eine bessere interpersonale Kommunikation und ein  gesteigertes prosoziales Verhalten. Und zwar dadurch, dass wir positiv und unterstützend reagieren. Diese Art zu reagieren wurde in der Forschung ebenfalls mit Menschen assoziiert, die empathischer und mitfühlender sind als andere.

Was heißt das jetzt für uns? Am besten üben wir uns darin, aktiv zuzuhören. Wenn jemand gerade von seiner:ihrer Erfahrung berichtet, lohnt es sich für dessen:deren empfinden, erst einmal abzuwarten und zu verarbeiten, was gesagt wurde. Die eigenen Erfahrungen können wir in einem ruhigeren Moment sicherlich trotzdem noch ansprechen. Dabei sollten wir aber daran denken, dass Menschen ähnliche Dinge auf viele verschiedene Arten und Weisen erfahren und interpretieren können. Jede:r ist nun einmal sein:ihr eigener Mensch.

Guido

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