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Vicky Leandros Im Gespräch mit Guido

Vicky Leandros: Im Gespräch mit Guido
© Andreas Sibler
Vicky Leandros, 70, hat Musikgeschichte geschrieben. Wer kennt nicht den Song "Ich liebe das Leben"? Sie ist mit Guido befreundet und spricht mit ihm über ihren nicht ganz leichten Start ins Leben – und warum man nie aufhören darf, an sich zu glauben.

Vicky, du weißt, dass ich dich liebe und verehre. Als Freundin. Und als Sängerin. Ich weiß noch, wo wir uns kennengelernt haben. Das war vor vielen Jahren auf einer AIDS-Gala, die ich moderiert habe. Du bist dort aufgetreten und hast alle innerhalb von Sekunden in deinen Bann gezogen. Da dachte ich mir: Ach, so geht das, wenn man ein Star ist …
Vicky: Schön, dass du das sagst. Aber man selbst ist so im Film, man merkt das gar nicht.

Du warst verdammt lässig.
Das war aber nicht immer so. Als ich jung war, war ich extrem schüchtern. Ich wusste mit dem Publikum nichts anzufangen. Fernsehauftritte waren okay. Da konnte ich raus und mein Lied singen. Aber sobald das vorbei war, verschwand ich in der Garderobe und wollte mit niemandem sprechen.

Du bist immer deinen eigenen Weg gegangen. Warst du schon als Kind so selbstständig?
Ich musste früh selbstständig werden. Als ich neun war, haben sich meine Eltern getrennt, meine Mutter ist nach New York gezogen. Ich habe sie danach kaum gesehen. Das war eher so: Ach, ich habe noch eine Tochter? Wo ist das hässliche Entlein denn?

Da würden doch heute viele sagen: Wenn die Mutter ein Kind so früh verlässt, könnte die Seele Schaden nehmen.
Ja, könnte sie auch. Und mein Vater war auch nicht immer präsent. Der war damals ein gefragter Sänger und musste viel reisen. Ich habe währenddessen bei einer griechischen Familie in Hamburg gelebt. Ich finde allerdings, man muss sich nicht immer leidtun. Glück kann man sich erarbeiten. Ich habe mich von nichts und niemandem abschrecken lassen und immer weiter an mich geglaubt. Das war damals für Frauen in meiner Generation nicht selbstverständlich.

Aber du hast genau das getan.
Ich hatte schon als Kind den Traum, Sängerin zu werden. Musik, Singen, das war meine Leidenschaft. Ich hörte stundenlang die Platten von Ella Fitzgerald und wollte so werden wie sie. Ich habe meine Stimme trainiert, unterschiedliche Stile ausprobiert, bin zum Ballett, habe Sprachen gelernt und Gitarrenunterricht genommen. Ich wollte so vielseitig werden wie möglich und habe geübt, geübt, geübt.

Das haben wir gemeinsam. Als ich klein war, habe ich meiner Schwester Interviews gegeben. Meine Eltern fanden das furchtbar! Aber ich dachte: Wieso? Später muss ich das können … Du warst 13, als du deine erste Single aufgenommen hast. Ein ganz schöner Frühzünder!
Mein Vater arbeitete damals schon als Musikproduzent und Komponist. Der wollte eigentlich gar nicht, dass ich Sängerin werde. Das sei viel zu anstrengend für ein Mädchen, hieß es. Aber ich hatte einen sehr starken Willen und habe ihn so lange bequatscht, bis er mich mit ins Studio genommen hat. Damit hatte ich einen guten Start. Mit 15 nahm ich zum ersten Mal am "Grand Prix Eurovision de la Chanson" teil, mit 19 habe ich ihn gewonnen. Das ist jetzt über 50 Jahre her. Unglaublich.

Danach bist du überall auf der Welt aufgetreten. In Japan, Latein-amerika, Europa. Du warst ein echter Superstar. Und dann hast du drei bezaubernde Kinder bekommen und deine Karriere einfach so unterbrochen. Das fand ich damals wirklich sehr mutig von dir.
Für mich war das gar keine Frage. Ich wollte meine Kinder selbst großziehen und nicht immer unterwegs sein. Ich hatte auch keine Angst, dass das meiner Karriere schaden könnte. Ich wollte einfach für meine Familie da sein. Und das war ich auch. Elf Jahre lang.

Hat dir der Trubel nicht gefehlt?
Nein, kein bisschen! Meine Kinder wussten noch nicht einmal, dass ich Sängerin bin. Das habe ich ihnen nie erzählt.

Wirklich? Die hatten keine Idee?
Nö. Ich habe natürlich abends mal ein Kinderlied gesungen, wie andere Mütter auch. Aber meine Kinder konnten ja nicht beurteilen, ob das besser oder schlechter klingt als bei anderen. (lacht)

Das passt zu dir. Du bist so auf dem Boden geblieben. Wenn ich bei euch zu Besuch bin, empfinde ich das immer als großen, toleranten Raum.
Ich habe meinen Kindern früh beigebracht, dass jeder anders ist. Und dass jeder seine Macken und Mucken hat.

Wir doch auch.
Genau. Und das muss man akzeptieren und respektieren. Bei uns ist jeder willkommen. So wie er ist. Ich habe versucht, meine Kinder tolerant und freidenkerisch zu erziehen. Ich glaube, das ist mir gelungen. Aber das weißt du ja mit am besten. (lacht) Du hast das Hochzeitskleid für meine Tochter Sandra entworfen. Das war wahrscheinlich das eigenwilligste Brautkleid, das man in Deutschland in den letzten 50 Jahren gesehen hat.

Das war ganz aufregend. Sandra hatte genaue Vorstellungen: Ihr Kleid sollte ein Mix der Kulturen sein. Da war dieses altgriechische Trachtenmuster, das wir extra in Indien haben sticken lassen. Und dazu ein goldener Rock. Das war Haute Couture. Eine meiner Schneiderinnen hat zu mir gesagt: Guido, das ist die freieste Braut, die wir je hatten!
Frei und selbstbewusst. Genauso ist sie.

Du hast auf Gut Basthorst vor einigen Monaten ukrainische Flüchtlinge aufgenommen.
Als ich die ersten schrecklichen Bilder im Fernsehen sah, wollte ich unbedingt etwas tun. Bei uns leben jetzt zwei Mütter mit ihren fünf Kindern. Die gehen mittlerweile in die Schule, lernen sehr schnell Deutsch und fassen Fuß. Das ist wunderbar zu sehen. Was ich besonders schön fand: Das ganze Dorf hat geholfen, als die Familien kamen. Sie haben Fahrräder vorbeigebracht und Berge von Spielzeug.

Du bist auch sonst sehr engagiert: Gibst Benefizkonzerte, setzt dich für unfallgeschädigte Kinder ein und unterstützt das Kinderprojekt Arche. Und dein Ex-Mann, Enno von Ruffin, ist so etwas wie der Vater der Region. Stimmt die Redewendung: Adel verpflichtet?
Ich finde, dass man eine Verantwortung den Menschen gegenüber hat, wenn es einem selber gut geht.

Du bist gerade 70 geworden. Hat das etwas für dich verändert?
Ich denke schon länger über das Leben nach. Und darüber, dass es endlich ist. Mit 70 fragt man sich schon, wie viele Sommer werde ich noch erleben? Ich gehe das Leben jetzt viel bewusster an. Deswegen habe ich auch die Entscheidung getroffen, meine Karriere zu beenden. Meine Abschlusstournee beginne ich am 25. März 2023 in der Elbphilharmonie. Im nächsten Herbst setze ich sie dann fort.

Sagen da nicht viele: Vicky, du musst weitermachen!
Ja, schon. Aber das Gute ist, ich muss gar nichts mehr. Ein Konzert zu geben bedeutet, drei Stunden durchzupowern. Das ist Hochleistungssport.

Leistungssportler trainieren ab. Wie gehst du das an?
Schritt für Schritt. Früher habe ich 22 Weihnachtskonzerte gegeben. Dieses Jahr wird es eins. Aber das wird für mich sicherlich ganz besonders. Und du wirst lachen: Wie wichtig es ist, langsam abzutrainieren, habe ich tatsächlich während der Pandemie lernen müssen. Ich hatte 120 Konzerte abgesagt und meine Stimme die ganze Zeit nicht benutzt. Als es dann wieder losgehen sollte, war zum ersten Mal in meinem Leben mein Selbstvertrauen weg. Ich konnte meine Stimme nicht loslassen oder führen. Mittlerweile habe ich mein Selbstvertrauen wieder.

Du kannst es ja machen wie Barbra Streisand und dein Publikum bei den schwierigen Passagen für dich singen lassen.
Dann wären die aber ständig dran … (lacht)

Ganz ehrlich, fällt dir der Abschied schwer?
Ich denke, alles hat seine Zeit. Ich hatte ein sehr langes Künstlerleben. Über 50 Jahre. Jetzt will ich Zeit mit meiner Familie verbringen, Freundschaften pflegen. Und Durchatmen. In all den Jahren war ich nie mehr als zehn Tage am Stück in Griechenland. Das will ich unbedingt ändern.

Was würdest du im Rückblick sagen: Das größte Geschenk meines Lebens … … sind meine Kinder. Ohne lange nachzudenken. Und ich bin dankbar, dass viele meiner Wünsche und Träume in Erfüllung gegangen sind.

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