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Wikiriot "Mein inneres Coming out, die Selbstannahme meiner Homosexualität, war für mich der schwierigste Part"

Wikiriot
© Katja Ruge / PR
Wikiriot war Teilnehmerin bei "Princess Charming", ist Feministin, Influencerin und vor allem: sie selbst. Was hat sie uns zu sagen?

"Wurdest du schon einmal angewidert angeguckt, weil du mit deiner:m Partner:in Hand in Hand gelaufen bist?

Bist du jemals gefragt worden, ob du ein Junge oder Mädchen bist, weil du anders aussiehst?

Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du nur lesbisch bist, weil du noch nicht den richtigen Mann gefunden hast?"

"Dear straight people", liebe Heteros, lautet der Titel des Videos, das auf dem Instagram-Kanal von Wikiriot zu finden ist. Die obigen Fragen sind nur einige vieler Ausschnitte daraus, die die Diskriminierung queerer Menschen im Alltag verdeutlichen sollen. Gestellt werden sie von Kandidat:innen der TV-Show "Princess Charming", die zuletzt vielmehr als Aufklärungs- statt Dating-Format zelebriert wurde.

Wikiriot, das ist eine von ihnen. In der Show tat sie das, was sie auch privat im Netz tut: Auf Diskriminierungen aufmerksam machen. Über vermeintliche Tabus sprechen. Für eine feministische Gesellschaft kämpfen. Vor allem aber: kein Blatt vor den Mund nehmen. Wir haben mit ihr über Mission und Mut gesprochen.

Mein Bildungsauftrag besteht darin, queer feministische Themen anzusprechen, die mir persönlich geholfen haben, mich mit mir selbst wohlzufühlen.

Liebe Wikiriot, seit Princess Charming wirst du ja oft auf der Straße angesprochen. Aber was antwortest du, wenn Menschen dich nicht kennen und fragen: wer bist du eigentlich und was machst du? 

Ich bin Wiki fucking riot und ich bin vor allem ich selber in allem was ich tue. Ich kämpfe gegen jegliche Art der Diskriminierung – und nebenbei bin ich eine super coole Erzieherin. 

In Reality-Shows geht es vielen Menschen darum, sich selbst darzustellen. Du aber hast davon gesprochen, einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Was meinst du damit?

Mein Bildungsauftrag bestand darin, queer feministische Themen anzusprechen, die mir persönlich geholfen haben, mich mit mir selbst wohl zu fühlen und verständnisvoller mit meinen Mitmenschen umzugehen. Aber ich wollte auch gesehen werden und finde auch nichts verwerflich daran, das zuzugeben. 

Würdest du dich denn auch fernab des Fernsehens als Influencerin bezeichnen? Was gibt es bei dir auf Instagram zu sehen – und was nicht?

Angefangen hat meine Instagram 'Karriere', weil ich angefangen habe, über sexuelle Übergriffe zu berichten. Ich war also auch schon vor Princess Charming aktiv auf Instagram. Ich befasse mich vor allem mit intersektionellem Feminismus gepaart mit Humor und vulgärer Sprache.

"Lauch der Woche“ zum Beispiel ist eine sehr beliebte Kategorie, auf der ich Menschen roaste, die sexistisch, rassistisch, queerfeindlich etc. sind. 

Du sagst deine Meinung, nimmst kein Blatt vor den Mund – erst recht wenn es jemanden stören könnte. Wer und was hat dir dabei geholfen, dein Selbstbewusstsein zu entwickeln? 

Ich glaube, meine Mama hat einen sehr großen Anteil daran, dass ich heute so „badass-mäßig" nen Fick auf andere Meinungen geben kann. Sie hat mich immer mit allem, was ich war und bin, unterstützt und gesagt, dass ich gut bin wie ich bin. Plus: der Feminismus und die queer-feministische Bubble in der ich mich bewege. 

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Instagram integriert.
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Unabsichtliche Diskriminierung ist trotzdem Diskriminierung und die betroffenen Personen leiden darunter. Wichtig ist, wie wir damit umgehen.

Ich lebe auch oft so in meiner Bubble, dass ich denke, es sei doch total egal, wer wen liebt – aber jetzt mal Hand aufs Herz: Erlebst du aufgrund deiner Sexualität noch unangenehme Situationen, Klischees oder Diskriminierung?

Ständig! Von Paaren die nur auf der Suche nach einem Experiment sind, Männern, die mir meine Homosexualität abschreiben wollen und nach Beweisen fragen, bis hin zu Menschen, die mich anspucken, weil ich meine Ex-Freundin geküsst habe. 

Uff. Das tut mir leid. Du klärst auf Instagram auch Menschen auf, die nicht so offensiv und dreist, sondern eher „aus Versehen“ jemanden diskriminieren, ohne es zu wollen, zum Beispiel, wenn sie ein falsches Pronomen benutzen. Was rätst du da?

Es gilt immer die Regel der Definitionsmacht. Die betroffene Person entscheidet immer, ob es diskriminierend war. Da ist auch egal, wie man das meint. Fehler kann man immer machen, dass ist nicht schlimm. Wichtig ist, wie wir damit umgehen, wenn wir darauf aufmerksam gemacht werden. Wir können uns entschuldigen und der Person, die wir diskriminiert haben, zuhören, den Raum geben. Ihnen glauben, dass gewisse Dinge Schmerz auslösen und versuchen, zukünftig diese Fehler nicht mehr zu machen. So gehe ich damit um, wenn ich Menschen diskriminiere. 

Hier finde ich auch immer wichtig zu erwähnen: unabsichtliche Diskriminierung ist trotzdem Diskriminierung und die betroffenen Personen leiden darunter.

 

Ich habe zwei Jahre damit verbracht, mich selber zu „heilen“.

Du hast bei Princess Charming auch über das Thema Coming out gesprochen, dem Thema ein sehr bewegendes Gedicht gewidmet. Magst du von deinem Coming out erzählen? 

Mein inneres Coming out, also der Prozess der Selbstannahme meiner Homosexualität, war für mich der schwierigste Part. Ich habe sehr früh gemerkt, dass ich polarisiere und ich wollte nicht noch zusätzlich auffallen durch meine Sexualität. Also habe ich zwei Jahre damit verbracht, mich selber zu „heilen“. Ich hatte sehr viel Sex mit Männern. Spoiler: es hat unüberraschenderweise nicht funktioniert, ich bin immer noch lesbisch und mittlerweile bin ich sehr im Reinen damit. Ich liebe es Frauen zu lieben. Mein äußeres Coming out ist weniger spannend. Anders als ich, hatte mein Umfeld kein Problem mit meiner Homosexualität und dafür bin ich sehr dankbar. 

Wie können wir es schaffen, eine Gesellschaft zu werden, in der es kein Coming out mehr braucht? 

Mehr (antikapitalistische) ehrliche Sichtbarkeit, queerer Aufklärungsunterricht und eine neue queerfreundliche Analyse der Religionsbücher. 

Wie würde denn deine perfekte Gesellschaft aussehen?

Eine, in der jede Person sein kann, wie sie eben ist (so lange sie keiner anderen Person Schaden zufügt). In der man verständnisvoll miteinander umgeht und die Grenzen der anderen Menschen wahrt.

Danke für das Gespräch!

Guido

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