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Corona Team Freiheit und Team Sicherheit – zu welchem gehörst du?

Corona: Team Freiheit und Team Sicherheit – zu welchen gehörst du?
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Erst vor kurzen feierte die Corona Pandemie zweijähriges Jubiläum. Definitiv kein Grund zum Konfettischmeißen, auch wenn die Maßnahmen gelockert werden und in manchen Bundesländern sogar die Maskenpflicht entfällt. Unsere Autor:innen schwanken zwischen dem Wunsch nach Sicherheit und nach Freiheit.

Seit zwei Jahren begleitet uns Covid-19 und damit auch die Maßnahmen in unserem Alltag. Maskenpflicht, Abstand, regelmäßige Tests, Impfung – ja oder nein? Langsam lockert die Bundesregierung die Corona-Maßnahmen. Stürzen wir uns nun wieder in die Freiheit oder bleiben wir Team Sicherheit?  In dieser Geschichte gibt es kein Schwarz und Weiß und auch beide Perspektiven sind nur ein kleiner Ausschnitt. 

Team Sicherheit 

Leonard*, 31, Redakteur
Ich zähle mich zu Team Sicherheit und werde die Maske, die manche Menschen ja so zu verachten scheinen, auch lange nach der Maskenpflicht noch tragen. Ich bin mit meinen Anfang 30 noch ziemlich jung, nicht wirklich sportlich, rauche ganz gerne mal und muss höchstwahrscheinlich trotzdem nicht fürchten, dass mich eine Infektion an ein Beatmungsgerät fesselt oder mich gar ins Koma schickt. Doch schon rein aus egoistischen Gründen muss ich es wirklich nicht riskieren, mich mit Corona zu infizieren (tatsächlich ist es mir bisher gelungen, einer Infektion aus dem Weg zu gehen): Es gibt sie eben, die Fälle von jungen Menschen, die auf einmal keine zwei Stufen mehr gehen können, ohne das Gefühl zu haben, dass ihre Lunge bald kollabiert oder die keine drei Sätze lesen können, ohne innehalten zu müssen und zu überlegen, was noch einmal gleich im ersten Satz stand. Long Covid ist absolut nichts, womit ich mich persönlich gerne auseinandersetzen würde. Meinen Alltag möchte ich gerne weiter bestreiten, vielen Dank. 

Aber tatsächlich geht es mir als Mitglied von Team Sicherheit nicht vorrangig um mich und das ist eine Haltung, die ich auch in Gesprächen mit Gleichaltrigen oft vermisse: Die Erkenntnis, dass es bei Corona und der damit einhergehenden Vorsicht – Long Covid hin oder her – nicht um einen selbst geht. "Ich bin gesund, ich habe keine Angst vor einer Infektion." So etwas in der Art höre ich öfter und klar, das mag stimmen, denn die von mir weiter oben genannten Situationen müssen tendenziell seltener junge Menschen durchleiden. Aber bei den Maßnahmen ging es nie um die Jungen, sondern um die Alten und die Geschwächten. Mein Vater ist mit seinem Alter und einer schweren Vorerkrankung gleich mehrfach ein Risikopatient. Ich sehe ihn ungefähr alle zwei Wochen. Jedes Mal, wenn ich einen Menschen in der Bahn sehe, der die Maske nicht richtig trägt, wenn sich in der Supermarktschlange die Person hinter mir anschleicht und mir quasi in den Nacken atmet, wenn ich von meinen Freund:innen erbitte, dass wir alle Tests machen, bevor wir uns in der Gruppe sehen, denke ich an meinen Vater. 

Es ist für mich einfach eine Selbstverständlichkeit, Restaurants, die ja nun wirklich ein Sammelsurium an Aerosolen sind, nach Möglichkeit nur draußen sitzend aufzusuchen. Es ist für mich klar, dass, wenn ich mich mit einer Gruppe von Leuten treffe, ich im Mindesten mich selbst teste und immer mal wieder daran erinnere, dass sie es mir doch bitte gleichtun mögen. Und aus der Bitte eine Forderung wird, wenn Menschen dabei sind, die ich kaum kenne und somit ihre Einstellung zum Thema Corona-Vorsichtsmaßnahmen nicht einschätzen kann.  

Und es ist ja nicht so, dass ich selbst all der Vorsicht nicht langsam müde werde. Dass ich nicht selbst denke: "Möchte ich die nächsten Jahre wirklich so verbringen? Möchte ich möglichst selten reisen, ins Kino gehen, auf Festivals, auf Ausstellungen? Soll so mein Leben nun aussehen?" Fakt ist ja, dass Corona uns noch lange begleiten wird, auch wenn ich manches Mal das Gefühl habe, gewisse Leute verhalten sich beim ersten Anzeichen eines Inzidenzsturzes so, als müssten sie gleich alles Verpasste der letzten Jahre an einem Wochenende nachholen. Wie man lesen kann, fällt es mir selbst auch schwer, über gewisse Haltungen und Aktionen nicht zu urteilen – wie auch über meine Haltung und mein Mangel an Aktionen ab und an geurteilt wird. Es gibt Freund:innen, vor denen ich manches Mal das Gefühl habe, als "Spaßbremse" dazustehen, die innerlich mit den Augen rollen, wenn ich einen Test verlange oder darum bitte, dass wir zum x-ten Mal spazieren gehen, statt uns in eine Bar zu setzen. Einmal wäre ein ehemaliger Freund von mir fast nicht zu einem Gruppentreffen gekommen, weil ich ihn per WhatsApp in einem Anflug von Sorge zu seinem Corona-Verhalten ausfragte und auf einen Test bestand. Er habe sich "nicht willkommen gefühlt", wurde mir später gesagt. 

Der "Es geht hier nicht um mich"-Moment ist ein sehr individueller. Er kann nicht erzwungen werden, man kann eine Person nicht zu dazu überreden oder sie mit Argumenten überzeugen. Jeder Mensch muss diesen Moment für sich erleben. Wer ihn nach über zwei Jahren noch nicht von selbst hatte, der:die bekommt ihn vielleicht noch oder auch nie. Hoffentlich ist er dann harmlos und nicht tragisch. Als mich auf dem Balkon rauchend der Frust überkam, während ich die seltenen Sonnenstrahlen meiner Großstadt genoss und ich mir dachte: "Ich mag nicht mehr! Ich will nun unvernünftig sein und tun, wonach mir ist und nicht alles ständig hinterfragen!", da fiel mir mein Vater wieder ein und der Hauch des Gefühls überkam mich, das ich wohl haben würde, wenn er an Corona erkrankt und deswegen – höchstwahrscheinlich – stirbt und ich die Person war, die die Viren womöglich in seine Wohnung brachte, weil ich einfach mal wieder Spaß haben wollte.  Schon der Hauch der Schuld war mir genug.  

Team Freiheit

Marlene*, 25, Volontärin
Mich hat die Nachricht, dass die Maskenpflicht fällt, ehrlich gesagt ziemlich überrascht. In meiner Stadt bleibt zwar alles erst einmal, wie es ist, trotzdem durfte ich in der letzten Woche bei einem Besuch der Familie in Nordrhein-Westfalen das erste Mal "Freiheit" schnuppern. Ohne Maske in den Supermarkt, und das mit einem ziemlich mulmigen Gefühl. Deshalb blieb die Maske erst einmal an. Doch beim Schlendern durch die Regale wurde ich neugierig und zog schlussendlich die Maske von Mund und Nase. Und Überraschung: Es hat nur zwei Minuten gebraucht, bis ich mich an das normale Atmen wieder gewöhnte und die ehemalige Maskenpflicht völlig vergaß. Und ich muss zugeben: Ich wünschte, ich könnte wieder alles ohne Masken machen, aber zu welchem Preis? Auch bei mir bleibt die Maske vorerst an.

Meine Einstellung und Sichtweise zu Corona ist weder Schwarz noch Weiß. Trotzdem zähle ich mich zum Team Freiheit. Anfang des Jahres bin ich selbst an Corona erkrankt und es hat mich ganz schön umgehauen. Ich bin 25, eigentlich kerngesund, rauche nicht und treibe regelmäßig Sport. Trotzdem hat mich das Virus zwei Wochen lang komplett aus dem Verkehr gezogen und ich war heilfroh, als ich wieder konzentriert arbeiten konnte und nach fast zwei Monaten wieder das erste Mal auf einem Laufband stand. Corona darf nicht verharmlost werden.

Trotzdem sehne ich mich nach Freiheit und glaube, man darf sie auch genießen trotz der ungewissen Zeiten. Seit Restaurants und Bars wieder geöffnet sind, freue ich mich jedes Mal aufs Neue auf einen Abend "wie früher". Mit Sicherheitsvorkehrungen, ja. Aber mir macht das regelmäßige Testen und die Maske nichts mehr aus, es ist Normalität geworden. Es ist durchaus möglich, Freiheit zu genießen und trotzdem nicht rücksichtslos mit seinen Mitmenschen umzugehen. Ich habe es grundsätzlich einfach. Ich sehe meine Familie eher unregelmäßig und habe niemanden in meinem direkten Umfeld, der an Vorerkrankungen leidet.

Eine meiner besten Freundinnen arbeitet im Gesundheitswesen und wird den ganzen Tag mit dem Virus und seinen Auswirkungen konfrontiert. Bevor es Impfstoffe überhaupt gab, erkrankte sie an Corona und hat nun mit Long-Covid-Folgen zu kämpfen. Mit ihr tausche ich mich regelmäßig über das Thema aus und bewundere ihre Einstellung. Selbst sie, die es ziemlich hart getroffen hat, genießt wieder die Freiheit und Möglichkeiten, die sich nach Normalität anfühlen. Ob das jetzt das Reisen oder der Samstagabend in der Bar ist. Jede:r sollte das machen, was er:sie für richtig hält. Aber vor dem Hintergrund, dass wir rücksichtsvoll sind und die Krankheit ernst nehmen. Ich frage mich regelmäßig, warum es manche Menschen immer noch schaffen, über die Maskenpflicht zu maulen, an die wir uns, wenn wir ganz ehrlich sind, gewöhnt haben. Um mehr Freiheit zu erleben und mich weniger eingeengt zu fühlen, nehme ich Mund-Nasen-Schutz und regelmäßige Tests gerne in Kauf.

Ich genieße es sehr, wieder rausgehen zu können. Ob es nun ein Bier in der Lieblingsbar, doch mal Tanzen im Club oder ein Kinobesuch ist – das alles gibt mir ein Gefühl von "lebendig sein". Und dieses Gefühl habe ich schmerzlich vermisst. Auch wenn es immer noch komisch ist, wieder mehr Menschen körperlich nahe zu sein und sich vor Clubs und Bars ewig lange Schlangen bilden, in denen Abstand oft vergebens gesucht wird.

Ich wünsche mir Normalität, glaube aber, dass dies unsere neue Normalität ist. Und ich versuche sie mir, mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, so schön wie möglich zu gestalten. Und wenn man nicht als "Spaßbremse" dasteht, schaffen es die Leute ja trotzdem, über dich zu urteilen. "Nachlässig", heißt es dann. "Du nimmst das alles ja echt nicht so ernst," kriege ich zu hören. Und doch, ich nehme es ernst, passe auf, nehme Rücksicht. Aber gönne mir die Momente der Freiheit, solange ich niemanden gefährde. Ich verstehe jeden, der es anders macht, der noch vorsichtiger ist und aufpassen will. Ich will mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, einen geliebten Menschen anzustecken, nur weil man wieder rausgehen wollte. Aber rausgehen und frei sein mit Sicherheitsvorkehrungen – darin sehe ich kein Problem.

*Namen von der Redaktion geändert

cge / cs Brigitte

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