Danebenbenehmen leicht gemacht

Der Anti-Knigge fürs Danebenbenehmen: Nina Puris Buch "Tischlein Leck Mich" gibt Tipps zum Unhöflichsein. Im Interview erklärt die Autorin, warum Frauen auch mal rüpelhafter sein können.

BYM.de: Hallo Frau Puri. Schön, dass Sie Zeit gefunden haben.

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Nina Puri: Hallo.

BYM.de: War das jetzt eigentlich schon zu viel Begrüßung, gar unhöflich, Ihnen die Hand zu geben?

Nina Puri: Och, es langt völlig, „Hey“, „Ej“ oder „Na, Alter!“ zu sagen und einen Finger zum Gruß zu heben. Wenn zwei Männer sich freundschaftlich nahe sind, dann dürfen die gerne mal „Na, du Arsch!“ sagen, bevor sie schweigend ein Bier zusammen trinken. Unter Frauen ist es üblich, zur Begrüßung zu kreischen: „Oh, das ist ja ein süßes Kleid! Wo hast du das denn her?“ und dann bei einem Caffè Latte über alle Lebensformen herzuziehen, die gerade nicht am Tisch sitzen. Alles in Ordnung, alles möglich.

BYM.de: Bin ich für dieses Interview heute überhaupt passend angezogen? Ich habe extra Turnschuhe angezogen und eine alte Jeans...

Nina Puri: Perfekt für Interviews, perfekt für Trauerfeiern, perfekt für Hochzeiten.

Es steht leider kein Flash zur Verfügung

BYM.de: Oder wäre das schon fast zu viel und ich sollte lieber in Jogginghose ankommen?

Nina Puri: Die Frisur ist vielleicht zu gekämmt.

BYM.de: Also entspricht sie nicht dem „explodierten Schnittlauch“ auf dem Kopf, wie Sie ihn im Buch erwähnen?

Nina Puri: Sie meinen den „Out-of-Bed-Style“: Also die Haare schnell egal-wie zusammen schustern, Hauptsache es sieht aus wie frisch aus dem Bett. Das würde immer passen! Selbst Hollywoodstars tragen diesen Look beim Gang zur Altglastonne, zur Frühstücksverabredung oder zum Urlaubsflieger.

BYM.de: Der Knigge „erlaubt“ seit kurzem, dass man eine Beziehung auch per SMS beenden darf. Was halten Sie davon?

Nina Puri: Klar kann man das machen. Von „Du, ich brauche mal ’ne Pause“ als Abschied nach dem ersten Entkleiden bis hin zu „Ja dann“ als formelles Lebwohl nach einer langjährigen Beziehung oder „Hast du meine Socken gesehen?“ nach einem überstürzten Aufbruch ist alles okay.

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"Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen wohin noch mal?"

BYM.de: Sie reden in Ihrem Buch auch generell über die zunehmende elektronische Kommunikation. Sollte man nicht vielleicht den kompletten Kontakt auf SMS und E-Mail umstellen?

Nina Puri: E-Mail und SMS sind tolle Medien, wenn man Zeit sparen will. Das kann man zum Beispiel, wenn man auf Klein-/Großschreibung und Rechtschreibung verzichtet. Es ist inzwischen auch oft üblich, die Betreffzeile einer E-Mail leer zu lassen. Ist ja auch viel lustiger, wenn der Empfänger erst nach einem stundenlangen Download erfährt, dass sich hinter dem namenlosen Anhang eine Power Point-Slideshow mit Dalai-Lama-Weisheiten oder Fotos vom Geburtstag der Katze verbergen. Was Leute auch gerne machen, um Zeit zu sparen: kryptische Kürzel verwenden.

BYM.de: Wie ernst ist Ihr Buch gemeint?

Nina Puri: Vordergründig erfährt man in "Tischlein Leck Mich", wie man sich im Leben hemmungslos und geschickt nach vorne rüpelt. In Wirklichkeit führt das Buch aber vor Augen, welche seltsamen Verhaltensweisen wir im Umgang miteinander haben. Aber nicht in dem Sinne, dass ich mit dem Zeigefinger rumwedele. Ich finde es schöner, wenn man über die Dinge lachen kann, die einen im Alltag nerven oder baff machen. Oder unsicher. Zum Beispiel so Kleinigkeiten wie "Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen wohin noch mal?" Ist doch nett, wenn man sieht, dass auch andere da im Dunkeln tappen. Vor allen Dingen ist mein Buch natürlich satirisch gemeint. Ich hatte das jetzt schon ein paar Mal, dass mir bei einem Radiointerview vorher gesagt wurde "So, jetzt dürfen Sie ruhig richtig schön drauf los unhöflich sein!"

BYM.de: Sie werden also jetzt als unhöfliche Person abgestempelt?

Nina Puri: Die einen glaube, ich liefe als derbe rüpelnder Klotz durch die Gegend. Die anderen glauben, mit streng erhobenem Zeigefinger. Ist natürlich beides Mumpitz.

BYM.de: Aber wollen Sie auch ein wenig darauf hinweisen, dass vielleicht etwas falsch läuft in der Gesellschaft?

Nina Puri: Ja, klar, Satire macht so etwas ja schon. Wenn man nach der Lektüre des Buches nicht nur über sich selbst lachen könnte, sondern vielleicht sogar humorvoll über die Klöpse der anderen hinweg lächeln könnte, statt genervt zu sein, das wäre doch super!

"Es täte Frauen gut, wenn sie ein bisschen unverschämter wären, mehr gerade raus."

BYM.de: Ich sieze Sie jetzt einfach die ganze Zeit, obwohl Sie in Ihrem Buch deutlich zum Duzen auffordern. Finden Sie es störend, wenn man Sie siezt?

Nina Puri: Gar nicht. Ich bin selbst allerdings ein schlimmer Dauer-Duzer. In meinem ganzen Umfeld ist das Gang und Gebe, gerade im Medienbereich. Manchmal ertappe ich mich allerdings dabei, dass ich auch Leute aus ganz anderen Bereichen duze und nachher denke "Wollten die das überhaupt?" Andererseits fühlt man sich manchmal wiederum, als hätte man einen Stock im Hintern, wenn man Leute nicht gleich nach der dritten netten Mail duzt.

BYM.de: Wie kamen Sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben? Hatten Sie ein eingängiges Erlebnis?

Nina Puri: Natürlich die ganzen Erlebnisse, die wir alle haben: Ob man nun an der Supermarktkasse von hinten mit dem Einkaufswagen gebufft wird oder im Zug über acht Reihen hinweg zuhören muss, wie jemand über seinen letzten Hautarzttermin referiert. Außerdem sind Manieren ein dankbares Thema, weil da eine wunderbare Fallhöhe ist zwischen dem, was jeder für gute Manieren hält und dem, was wir tatsächlich an Manieren praktizieren. Und das war letztendlich dann auch der Grund für mich, das Thema anzugehen.

BYM.de: Glauben Sie, dass man so dreist wie in Ihrem Buch beschrieben, einfacher durchs Leben kommt?

Nina Puri: Ich glaube schon, auch wenn das jetzt nicht vorbildlich gemeint ist. Ein grober Klotz, der wirklich nichts merkt, kommt leichter durchs Leben. Aber ob er besser durchs Leben kommt, das bezweifle ich.

BYM.de: Wie sieht es denn aus mit Frauen und Männern? Gibt es da Unterschiede im Unhöflichsein?

Nina Puri: Was wir Frauen ganz gut drauf haben, ist dieses "Über-Bande-Spielen": Über die einzige Lebensform, die nicht am Tisch sitzt, lästern oder Probleme nicht direkt besprechen, sondern den Umweg über zehn beste Freundinnen wählen. Dafür denke ich, dass Frauen sich ein bisschen was von diesem "Hoppla-jetzt-komm-ich" abgucken könnten. Zum Beispiel im Job. Während Frauen sich gerne unterschätzen und viel zu lange überlegen, ob sie für diese oder jene Aufgabe wirklich gut genug sind, denken Männer einfach "Hey, geile Chance! Mach ich." Es täte Frauen gut, wenn sie da auch ein bisschen unverschämter wären, mehr gerade raus.

Claudia Hamburger
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