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Das beste Ich Heute lieber nicht!

Das beste Ich: Frau besonnen im Wald
© avanna photography
Ehrlich ist das neue Stark. Gerade jetzt, da uns die Welt so viel abverlangt, zeigen sich immer mehr Menschen verletzlich – mit erstaunlichen Folgen.
Sina Teigelkötter

Manche mögen noch immer alles daran setzen, die beste Version ihrer selbst zu feiern. Aber die Zeiten, in denen Schein wichtiger als Sein ist, gehen zu Ende. Wir sehnen uns nach Echtheit – und wahrer Nähe.

Nichts ist gut. Die Welt kämpft immer noch mit der Seuche, wir haben Angst um jene, die wir lieben, fühlen uns eingeschränkt und einsam und fürchten um unsere Jobs. Unsere Kinder stressen uns und wir sie, wir sind müde und erschöpft. Aber wir sind damit nicht allein! Selbst auf Instagram, diesem verdammten Medium der Poserinnen und Poser, ploppen in letzter Zeit vermehrt diese und ähnliche Statusmeldungen auf: "Muss mich so überwinden morgens aufzustehen", "Funktioniere nur noch" oder "Kann bald nicht mehr". Das "neue Normal", so viel es uns abverlangt, bringt auch mehr Momente hervor, in denen wir uns einander echter, ungeschminkter zeigen als zuvor. Endlich!

Unser Handeln beeinflusst unser Umfeld

Denn fühlt es sich nicht auch gut an, das alles sagen zu können? Ist es nicht erleichternd, kurz mal nicht perfekt zu performen, keine Rolle mehr spielen zu müssen, die Maske fallen lassen zu dürfen? Und dabei zu erfahren, dass es den anderen nicht so sehr viel anders geht?

Wer sich öffnet, bringt andere dazu, sich ebenfalls zu offenbaren.

Wenn wir von unseren Träumen und Albträumen erzählen, von dem, was uns umtreibt und bewegt, ehrlich und ungefiltert, zeigen wir uns einander so, wie wir wirklich sind. Nur so entsteht Nähe, Verbindung. Und wenn wir eine Geschichte teilen, wird sie nicht nur für uns, sondern für alle weniger schwer. Als die Schauspielerin Meghan Markle Ende letzten Jahres über ihre Fehlgeburt schrieb, war das so ein Aha-Moment.

Eigentlich wissen wir um all das längst, dass wir unsere wahren Geschichten aber gerade jetzt, in dieser Krise, teilen, hat einen Grund: Wir schaffen es schlicht nicht mehr, uns als die perfekte Version unserer selbst zu inszenieren. Weil es anstrengend ist, jeden Tag die Mundwinkel nach oben zu ziehen, wenn uns eigentlich zum Heulen zumute ist. Weil es schrecklich viel Energie kostet, von der wir eh kaum noch genug haben – und die wir für Wichtigeres brauchen. Aber hätten wir die nicht eigentlich auch schon vorher gut anderweitig einsetzen können? Zum Beispiel dafür, uns unseren Problemen zu stellen, das anzugehen, was uns bremst und belastet?

Wir müssen mutig sein

Aber es erfordert Mut, offen zu sein. Darum zögern wir damit oft so lange oder belassen es, wenn wir nach unserem Befinden gefragt werden, am Ende doch bei einem "Geht schon". Dabei ginge noch viel mehr. Würde es sich nicht gut anfühlen, wenn sich diese Diskrepanz auflöste zwischen dem, was wir nach außen darstellen, und dem, was wir im Inneren sind? "Ich will ganz ehrlich zu dir sein": Wäre es nicht schön, wenn wir diesen Satz viel öfter hören würden (und dabei nicht automatisch nur an Fremdgehen oder Kündigung denken)?

Wer sich offenbart, muss etwas wagen, muss Risiken eingehen. Extrovertierten Menschen fällt das oft leichter als in¬trovertierten. Wer sich entscheidet, viel von sich preiszugeben, sollte darauf vorbereitet sein, dass einem nicht nur Liebe entgegenschlägt – das gilt besonders fürs Netz. "Ich glaube auch nicht, dass das jede kann und dass es jede versuchen sollte", sagt die Psychologin und Autorin Anne Otto. Anne Ottos aktuelles Buch heißt: "Woher kommt der Hass?" (S. 72, 22 Euro, Gütersloher Verlagshaus)

An dieser Stelle hat unsere Redaktion Inhalte aus Instagram integriert.
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"Die Frage ist doch: Wie wichtig ist mir das Anliegen? Können zum Beispiel andere Menschen aus meiner Offenheit ganz viel Kraft ziehen? Wenn meine Vision groß genug ist, werde ich auch Kritik und Häme standhalten können." 

Das bedeutet, dass jede so eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung für sich persönlich aufmachen sollte, bevor es ans "Ausziehen" geht. Ganz wertvoll ist auch die Fähigkeit, die Dinge nicht zu persönlich zu nehmen. "Wenn man es schafft, den Sachinhalt über den Beziehungsinhalt zu stellen, fühlt man sich nicht so schnell bedroht", so Otto.

Das ist natürlich gerade bei sehr persönlichen Themen nicht so leicht. Dennoch: Es kann sich immer wieder lohnen. Denn wenn wir alle offener werden und uns in unserer Unvollkommenheit und Einzigartigkeit zeigen, motivieren wir immer mehr Menschen dazu, das auch zu tun. Und zeigen auf diese Weise allen, wie vielfältig das Leben wirklich ist.

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BRIGITTE 09/2021

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