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BRIGITTE-KOLUMNE KOPFKARUSSEL Haustiere als Wegwerf-Artikel

Kopfkarussel: Katze mit ihrem Frauchen
© KDdesignphoto / Shutterstock
Kaum ist die coronabedingte Homeoffice-Pflicht vorbei, klagen deutsche Tierheime darüber, dass zahllose im letzten Jahr vermittelte Tiere wieder abgegeben werden. Unsere Autorin, selbst Katzenbesitzerin, taumelt zwischen Wut und Kummer.

Ich hasse die Menschheit. Naja, zugegebenermaßen nicht immer und auch nicht alle Menschen, aber im Moment ziemlich viele. Denn aktuell gibt es jede Menge Berichte über Tierheime, die an die Belastungsgrenze ihrer Kapazität stoßen und Aufnahmestopps verhängen. Und das, obwohl die Heime doch noch vor wenigen Monaten praktisch leer waren und es sich als richtig schwierig gestaltet hat, beispielsweise einen Hund oder eine Katze zu adoptieren.

Tiere als Zeitvertreib

Klar, das Coronavirus hat unseren Alltag komplett auf den Kopf gestellt. Plötzlich konnten selbst diejenigen von zu Hause aus arbeiten, deren Chefs sonst auf einer 40-stündigen Präsenz im Büro bestanden haben. Und Zeit hatte man auch – ein Lockdown reihte sich an den anderen, einige Monate lang konnte man kaum auch nur vor die Tür gehen. Das führte zu Langeweile bei den einen und zum absoluten Stress bei den anderen, die beispielsweise ihre Kinder betreuen und gleichzeitig ihre Arbeit unter einen Hut bekommen mussten.

Der Weihnachts-Effekt

Da liegt der Gedanke, sich ein Tier zuzulegen, nahe: Die Kinder sind beschäftigt und haben etwas zum Kuscheln, Mama und Papa haben endlich ihre Ruhe zum Arbeiten und der klassische Großstadt-Single fühlt sich nicht mehr so alleine. Natürlich ist es nicht bei allen so, die aktuelle Situation in den Tierheimen lässt aber Ähnliches vermuten. Dass all die Hunde, Katzen, Kaninchen und Co. jetzt wieder quasi hinter Gittern sitzen, erinnert doch sehr an den klassischen Weihnachts-Effekt: Tiere werden ja nach wie vor gerne unter den Tannenbaum als Geschenk gelegt und im Frühjahr, spätestens aber im Sommer wieder im Heim abgegeben.

Die Gründe sind in meinen Augen ebenso vielfältig wie lächerlich: Mancher merkt, dass er sich doch nicht so viel kümmern kann/will, das Tier ja nicht mehr klein und niedlich, sondern groß ist und mittlerweile entsprechend mehr teures Futter benötigt oder plötzlich stört, wenn man in den Urlaub fahren will. Oder aktuell einfach deshalb, weil die gesetzliche Homeoffice-Pflicht nun wieder vorbei ist und man eben doch nicht mehr so viel Zeit für ein Haustier hat. Immerhin: Viele Tierheime und auch Zoohandlungen geben zu Weihnachten gar keine Tiere mehr ab. Das hätte man vielleicht zum Start der Corona-Pandemie auch durchsetzen müssen, aber es konnte zugegebenermaßen ja auch keiner ahnen, wie lange diese uns beschäftigen würde.

Es spricht generell aber leider viel dafür, dass sich die meisten Menschen immer noch zu wenige Gedanken darüber machen, dass ein Tier nun einmal kein Gegenstand ist, den man einfach in die nächstbeste Ecke setzen kann, wenn man das Interesse daran verliert. Und die wenigsten machen sich wirklich Gedanken darüber, was der erneute Umzug ins Heim für die Vierbeiner bedeuten kann: Jeder Ortswechsel löst enormen Stress bei den Tieren aus, ebenso der plötzliche Wegfall der Bezugsperson. Einige Tiere werden dadurch verhaltensauffällig, wodurch sie schwerer erneut zu vermitteln sind – ein Teufelskreis.

Herz, wo bist du?

Kopfkarussel: Ivy und Kite
Ivy und Kite, die Katzen unserer Autorin, haben ihr Herz im Sturm erobert
© Privat

Vor allem aber frage ich mich, wie man es überhaupt übers Herz bringt, das eigene Haustier einfach wieder wegzugeben. Man baut doch eine Bindung zu einem Lebewesen auf, für das man die Verantwortung übernimmt. Als zweifache Katzen-Mama weiß ich, wovon ich spreche: Mich macht es zum Beispiel unheimlich glücklich, wenn meine Katze Ivy sofort auf mich zugelaufen kommt, sobald ich die Wohnung betrete und dass sie sich mit einem Buckel gegen meine Hand drückt, damit ich sie erst einmal ordentlich streichele. Oder wie sich mein Kater Kite schnurrend neben mir auf dem Sofa auf den Rücken rollt, damit ich ihm den Bauch kraule (bei den meisten Katzen ist das übrigens eine No Go Area!). Wobei – eigentlich hatte ich mein Herz bereits an unserem allerersten gemeinsamen Abend unwiederbringlich an die beiden verloren, als Ivy begeistert mit mir und der Katzenangel spielte und Kite auf meinen Schoß kroch, um ein Schläfchen zu machen.

Seelentröster und beste Freunde

Haustiere sind so viel mehr als einfach nur Mitbewohner, um die man sich kümmern muss: Sie sind Gefährten, beste Freunde und Seelentröster. Aber ein Tier passt nun einmal nicht immer in das eigene Leben, wenn man beispielsweise einfach eine zu kleine Wohnung oder zu wenig Zeit hat. Vor diesen Fakten die Augen zu verschließen bringt nichts und endet schlimmstenfalls mit einem traumatisierten Tier. Man kann deshalb nicht oft genug an den gesunden Menschenverstand appelieren (auch wenn ich manchmal an ihm zweifle): Denkt bitte gründlich darüber nach, ob ihr euch wirklich ein Tier zulegen könnt/wollt. Plant hohe Tierarztkosten (auch die reine Gesundheitsvorsorge kann ziemlich teuer sein) und eventuell benötigte Urlaubsbetreuung ein. Und lasst vor allem euer Herz sprechen – wer Tiere wirklich liebt, will für sie ja auch das Beste.

Brigitte

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