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Kopfkarussell Es ist mehr als okay, mittelmäßig zu sein

Kopfkarussell: Es ist mehr als okay, mittelmäßig zu sein
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Alles in unserer Gesellschaft zielt auf Selbstoptimierung ab. Unsere Autorin kennt diesen Druck nach Perfektion und stellt sich die Frage "Darf ich mittelmäßig sein?"

Es wird nahezu überall propagiert: "Werde jeden Tag besser als zuvor"; "Drei Schritte zu deinem neuen Traumkörper" und "That Girl Routinen" für einen perfekt strukturierten Alltag. Die Gesellschaft vermittelt uns, dass wir nicht gut genug so sind, wie wir sind. Dass wir immer etwas an uns, unserer Ernährung, unserem Job und unseren Beziehungen verbessern können. Für alles gibt es einen Zehn-Punkte-Plan, einen Ratgeber-Podcast oder Instagram-Posts, die uns motivieren sollen. An Ratschlägen und Tipps zur Selbstoptimierung und zu Wachstum ist grundsätzlich nichts falsch. Sie können hilfreich sein und uns weiter bringen, aber die Dosis macht das Gift. Mich persönlich schreckt die Masse an Tipps ab und ich stecke den Kopf in den Sand.

Kommt der Wunsch nach Perfektion von außen?

Zugegeben: Der meiste Druck, den ich im Alltag verspüre, kommt durch die sozialen Medien. In diesen kleinen Apps scheint oft alles perfekt. Und obwohl ich meinen Feed regelmäßig sortiere und Accounts, die mir kein gutes Gefühl gebe, deabonniere, hab ich trotzdem das Gefühl, von vermeintlicher Perfektion erschlagen zu werden. Oft ertappe ich mich, wie ich versuche, irgendwelchen Routinen anderer nachzueifern, um einen produktiveren, schöneren, mehr vorzeigbaren Alltag zu haben, der nicht nur mittelmäßig ist. 
Aber ist es uns wirklich so wichtig, perfekt zu sein, um von außen mehr Anerkennung zu erhalten? Kommt der Druck wirklich von der Gesellschaft oder machen wir ihn uns vielleicht doch selber, weil wir unbedingt so sein wollen, wie es uns in den sozialen Medien, auf Werbeplakaten und von Selbstfindungs-Coaches vermittelt wird?

Mittelmäßigkeit ist vollkommen normal

Die meisten von uns führen "nur" ein mittelmäßiges Leben. Wir arbeiten, machen den Haushalt, treffen Freunde und versuchen ab und zu, durch besondere Unternehmungen oder Kurztrips mehr Abwechslung in unsere Routine zu bringen. Am Ende bleibt unser Alltag aber vor allem eins: eben routiniert und alltäglich. Und soll an dieser alltäglichen Mittelmäßigkeit wirklich etwas falsch sein? Es ist mehr als okay, morgens mal nicht aus dem Bett zu kommen und abends lieber auf der Couch sitzen zu bleiben, anstatt noch ein straffes Sportprogramm durchzuziehen oder sich um den Papierkram zu kümmern, der schon seit Wochen liegen geblieben ist. Wir müssen im Alltag nicht alles schaffen, nicht überdurchschnittlich produktiv sein und schon gar nicht perfekt.

Machen wir uns selbst am meisten Druck?

Ich würde mich selbst als eine sehr reflektierte Person bezeichnen. Vielleicht bin ich etwas zu emotional und zerdenke zu viel. Einerseits schätze ich Routinen und Beständigkeit sehr, andererseits wird mir Alltag schnell zu langweilig und ich sehne mich nach mehr Aufregung in meinem Leben. Und schon ist er da: der Druck, mehr zu machen, mehr zu sein, mehr zu erleben. Dieser Druck kommt nur bedingt von außen. Der Ursprung liegt in meiner eigenen Unsicherheit. Darin, dass meine Mittelmäßigkeit mir selbst nicht reicht. Niemand anderem, sondern bloß mir. Anstatt durch Druck noch mehr zu schaffen, intensiver an mir zu arbeiten, um eine "bessere Version meiner selbst" zu werden, fühle ich mich gelähmt und taub. Ich muss an mir selbst arbeiten und den Ursachen für das "nicht genug fühlen" auf den Grund gehen. Nur so kann ich lernen, Mittelmaß an mir mehr zu akzeptieren. Und vielleicht macht mich ein gesundes Mittelmaß glücklicher und freier, als mich einem ständigen Druck auszusetzen, den ich irgendwann nicht mehr aushalte?

Ein Hoch auf den Durchschnitt

Mein Leben ist manchmal ziemlich aufregend, meistens strotzt es aber nur so von Mittelmäßigkeit. Ich versuche Stück für Stück, mir selbst weniger Druck zu machen und den Ist-Zustand meines Alltags anzuerkennen.
Die Gesellschaft vermittelt uns ein optimales, aber nicht echtes Bild eines Lebens, das so wahrscheinlich niemals lebenswert wäre, weil wir unter dem ständigen Druck irgendwann zusammenbrechen würden. Glückwunsch an alle, die immer alle To-Do's und Routinen erledigt bekommen, überdurchschnittlich erfolgreich sind und auch noch Zeit für Freunde, Familie und sich selbst finden. Ich schaffe das nicht.

Ich bin ein Mittelmaß. In meinem Alltag, in meinen Beziehungen, in meinem Job. Manchmal bin ich okay damit, manchmal zerreißt es mich – und das ist völlig normal. Auch die Mittelmäßigkeit erfordert Arbeit und passiert nicht von heute auf morgen. Aber ich glaube, sie macht auf Dauer glücklicher als ein Leben, in dem man sich selbst ja doch nie genug ist.

Brigitte

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