Große Klappe und nichts dahinter

Keine Frau, mieser Job und ein Haufen Schulden: Simon Peters ist ein "Vollidiot" par excellence. Der Stoff, mit dem Autor Tommy Jaud Hunderttausende unterhalten hat, soll nun auch auf der Kinoleinwand funktionieren, mit Oliver Pocher als Hauptdarsteller

Sirenen heulen, Blaulicht erhellt die Kölner Nacht und Passanten und Feuerwehrmänner richten bange Blicke gen Himmel. Dort oben, auf dem äußeren Fenstersims einer Dachgeschosswohnung, steht ein junger Mann, allem Anschein nach bereit zum Sprung. Will sich der Blondschopf (Oliver Pocher) wirklich umbringen? Oder hat ihn etwas anderes in diese verzwickte Situation getrieben?

Weg bis zum äußeren Fenstersims ist die Geschichte eines Loser. Seine Freundin hat ihn - schwanger von einem anderen - vor einem Jahr verlassen. Weibliche Eroberungen kann der Endzwanziger auch nicht vorweisen, selbst nach Single-Urlauben muss er am Flughafen als einziger durch die Tür mit der Aufschrift "Ungevögelt" treten. Die gutgemeinten Tipps seiner besten Freunde Steve (Thomas Sinclair Spencer) und Paula (Tanja Wenzel) fruchten bei Simon überhaupt nicht. Im Gegenteil: Er gibt sich so prollig und arrogant, dass die Frauen nach diversen verbalen Tiefschlägen angewidert und - schlimmer noch - mitleidig flüchten.

Die schöne Milchaufschäumerin

Beruflich sieht es auch nicht besser aus: Seinen Job erfüllt Simon ohne große Leidenschaft, richtig Spaß hat er nur, wenn er mit seinem Kumpel, dem dicken Flick (Oliver Fleischer), die Kunden ärgern kann. Die Ermahnungen seine Chefin, der Eule (Anke Engelke), ignoriert er beharrlich und nutzt ihr Verständnis gnadenlos aus. Ein aufdringlicher Vollzugsbeamter (Herbert Feuerstein), der lang ausstehende Schulden eintreiben will, bringt Simon an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Doch eines Nachts geht plötzlich die Sonne auf: Simon entdeckt beim Besuch einer "All American Coffee Company"-Filiale Marcia (Ellenie Salvo González), die hübsche Milchaufschäumerin, die "Mutter meiner Kinder". Einziges Problem an der Sache: Simon weiß nicht, wie er seine Angebetete ansprechen soll. Als er es eines Tages doch noch tut, überschlagen sich die Ereignisse dermaßen, dass sich Simon kurz vor dem Sprung von besagtem Fenstersims wiederfindet...

Peinlich, peinlich Herr Pocher

"Vollidiot" hätte eine witzige Verfilmung werden können, mit seinem modernen Soundtrack und dem schnellen Schnitt als Grundlage - wenn sich die Produzenten für einen anderen Hauptdarsteller entschieden hätten. Oliver Pocher, dem TV-Großmaul, nimmt man zwar die Rolle des sexistischen, überheblichen und sich selbst überschätzenden Losers ab. Aber diese Eigenschaften sind eben nicht die einzigen Facetten des Typs Singles, der im Buch "Vollidiot" beschrieben wird. Die Figur Simon ist dort wesentlich vielschichtiger angelegt. Zu ihr gehören Gefühle wie Trauer, stilles Glück und schüchterne Verliebtheit, die zu spielen Pocher aber leider nicht in der Lage ist. Wenn Simon zum Beispiel seiner Ex-Freundin seine Liebe gesteht oder an sich selbst zweifelt und voller Selbstzerstörungsphantasien durch die Stadt stromert, ist die Interpretation von Pocher lächerlich und unsouverän. So kann man sich nicht nur bei den zahlreichen Peinlichkeiten von Simon Peters, sondern auch beim schauspielerischen Versagen des Oliver Pocher fremdschämen. Auch ein Spannungsbogen baut sich nicht auf. Wie sollte das bei aneinandergereihten sketchartigen Episoden auch möglich sein?

Herzlich willkommen zur "Pocher-Show"

Ein paar faszinierende Momente blitzen aber auch in "Vollidiot" auf. Wenn Werbespots verhöhnt werden, nervtötende Klingeltöne, Teenie-Bands wie Tokio Hotel oder Pochers Rolle als Werbeträger im richtigen Leben. Trotz dieser wenigen Highlights ist "Vollidiot" eine eher durchschnittliche Produktion, die mit jeder Szene mehr zur "Pocher-Show" verkommt. Liebhaber von derben Zoten werden sich sicher gut unterhalten fühlen, Tiefgang sucht man aber vergebens. Da hilft selbst ein beherzter Sprung vom Fenstersims nichts.

Bilder Senator Film
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