Bela B: "Ich bin kein Mensch, der wehmütig zurückblickt"

Bela B - der Punk-Womenizer des Pops bringt sein neues Album code b auf den Markt. Uns erzählt der sympathische Wahlhamburger vom Älter werden und dem guten alten Punkrock. Natürlich ohne nostalgisch zu werden.

Während sich die meisten Künstler nach einer zweijährigen Band-Tour erstmal auf die faule Haut legen, stürzt sich Bela B auf sein Soloprojekt. Mit gewohntem Wortwitz, ungewohnt viel Gefühl und neuem Chanson-Einfluss kreiert der Schlagzeuger und Sänger der Ärzte radiotauglichen Punkrock. Keine Sorge, das neue Album "code b" ist nicht mit Weichspüler gewaschen. Es macht da weiter, wo er mit seinem ersten Album "Bingo" aufgehört hat und verspricht unterhaltsame Klänge nicht nur für seine Fans. Aber wir wollten wissen, woher die Melancholie kommt und haben Bela B zum Interview geladen. Ein Gespräch über das Älter werden und dem guten alten Punkrock.

"Jeder Song ist ein Juwel"

Brigitte Young Miss: Im Oktober erscheint dein neues Solo-Album "code B". Welcher der 14 Songs daraus ist dein absoluter Hit?

Bela B: Det wees ich nich. Sind doch alle meine Babys. Mit 19 Songs sind wir ins Studio gegangen. Wir haben 17 Songs davon aufgenommen, und 14 sind nun auf dem Album. Die anderen werden bestimmt als B-Seiten enden. Außer der Song "Paris": Der ist toll, aber was genau damit passiert, weiß ich leider noch nicht.

Brigitte Young Miss: Liebst du deine eigene Musik?

Bela B: Ich freu mich über meine neue Platte. Die ist noch richtig frisch, und ich höre sie zurzeit selbst noch sehr gerne. Nach einer Tour, mit Proben und Auftritten, ist das natürlich ganz anders. Dann hört man sich seine eigene Platte nicht mehr an. Aber jedes Lied ist ein Juwel.

Ein Chor aus Sex- und Erlebnishungrigen!

Brigitte Young Miss: Der Song "onenightstand" klingt anders als die anderen Titel auf dem neuen Album. Was war deine Inspiration?

Bela B: Bei "onenightstand" klingt ein wenig französischer Chanson und ein bisschen Country mit. Es baut auf Blues-Harmonien auf. Um das Lied fertigzustellen, habe ich mit Lula, einer Sängerin, der ich sehr vertraue, eine Art Jamsession gemacht. Wir haben mit Spülbürsten Schlagzeug gespielt. Die sind später sogar wirklich mit eingespielt worden. Es ist ein obskures Stück. Ich habe schon auf dem Album "Bingo" mit unterschiedlichen Musikeinflüssen und Stilen zum Beispiel aus den 60er Jahren experimentiert. Privat höre ich sehr unterschiedliche Musikgenre - zugegeben, kein Reggae und auch nicht viel Jazz. Aber natürlich Country und Chanson, eher im Las Vegas-Stil, und das alles beeinflusst mich bestimmt beim Schreiben.

Brigitte Young Miss: In den Lyrics von "onenightstand" singst du fast gebetsmühlenartig den Satz "Vergiss nicht mich zu vergessen". Möchtest du in Wirklichkeit vielleicht doch ganz gern im Kopf des Anderen bleiben?

Bela B: Die Idee zum Text kommt von einem Doo-Whop-Song aus den 40er Jahren und war der Aufhänger zum Schreiben des Songs. Der Satz "Vergiss nicht mich zu vergessen" und "People like me fuck people like you" habe ich ganz bewusst so ineinander gesetzt. Die Aussagen sind die Grundregeln eines Onenightstands. Ansonsten wird es ein "mehrnightstand" und dann eine Affäre und dann Beziehung und dann eine unglückliche Trennung (lacht). Es ging mir dabei vor allem um den Rhythmus und die Technik. Quasi ein Chor aus Sex- und Erlebnishungrigen!

Brigitte Young Miss: An dieser Stelle kommt also der erhobene Zeigefinger?

Bela B: Natürlich! In Zeiten von AIDS (lacht).

Der Song: "Altes Arschloch Liebe"

Brigitte Young Miss: Im Song "Altes Arschloch Liebe" singst du die Zeilen: "Altes Arschloch Liebe, bitte lass es sein, mir geht’s gut allein." Ist das Resignation oder Egoismus?

Bela B: Eher Resignation. Oder Verzweiflung? Der Protagonist in dem Song ist zu oft verlassen worden. Der Song ist in gewisser Weise fiktiv, beruht aber natürlich auf persönlichen Erfahrungen. Den Wunsch, Liebe zu personifizieren und ihm, dem „Arschloch Liebe“, die Meinung zu sagen und sich Luft zu machen, kannte ich aus meiner Vergangenheit. Im Songtext selber schwingt ebenso Hoffnung mit und die Erkenntnis das er ohne Liebe nicht leben kann.

Brigitte Young Miss: Als erste Single kommt das Lied "Altes Arschloch Liebe" auf den Markt. Der Musikclip dazu ist ziemlich abgedreht. Worum ging es dir dabei?

Bela B: Das Video zu "Altes Arschloch Liebe" haben wir mit Wenzel Storch gemacht. Das ist ein Undergroundfilmer, den ich vor Jahren kennengelernt habe, als Storch mit dem Kurzfilm "Die Reise ins Glück" auf einem Filmfestival zu sehen war. Für das Video zu "Altes Arschloch Liebe" hat Wenzel dann einen ganz seltsamen 70er-Jahre Kokon entworfen, in dem wir gedreht haben.

Brigitte Young Miss: MTV-tauglich ist das Video aber nicht gerade...

Bela B: Natürlich ist das Video für die ganz jungen MTV-geschulten Augen oder Fans von Hip Hop etwas gewöhnungsbedürftig. In dem Genre sieht man nur dicke Autos und noch knapper bekleidete dralle Damen. Für die habe ich das Video aber auch nicht gemacht.

Brigitte Young Miss: Kommt jetzt wieder der erhobene Zeigefinger?

Bela B: Ja! Neben Klingeltönen und seltsamen Sendungen könnte dieser Sender sich wieder auf das "Music" vor dem TV erinnern und mehr Musik senden.

Brigitte Young Miss: In der Info zu deinem neuem Album liest man folgende Zeilen: "Code B ist zwar in Sachen Haltung eindeutig Punkrock, riecht aber weder nach abgestandenem Teppichboden, angekokeltem Schäferhund und schimmeligen Dosenbier noch brettert es auf einem überteuertem Skateboard die Auffahrt des elterlichen Anwesens herunter." Was bedeutet Punkrock für dich?

Bela B: Punkrock heißt: keine Angst vor Konfrontation. Vom Punkrock habe ich gelernt, keine Panik zu haben, jemanden vor den Kopf zu stoßen. Damit meine Platte so wird wie ich es will, muss ich anecken.

Brigitte Young Miss: Könnte man mehr Punkrock von dir erwarten?

Bela B: Die ganzen beschriebenen Punkrock-Äußerlichkeiten sind auf diesem Album nicht gegeben. Es gibt aber schon schnelles Schlagzeug und Gitarren. Meine Platte ist nicht provokativ. Inhaltlich kann ich mich aber nicht danach richten, was die Leute von mir erwarten. Da mache ich natürlich nur, was ich will. Punkrock halt.

Brigitte Young Miss: Im Punk gab es die Einstellung, nicht älter als dreißig werden zu wollen. Sterben die besten jung?

Bela B: Die wahre Punkeinstellung heißt eher "Tu was du willst". Der älteste Punkrocker der Welt, Charlie Harper von den UK Subs, der war bereits über dreißig als er die Band gegründet hat. Der hat heute weiße Haare, ist über sechzig und tritt immer noch auf. Mit 17 Jahren dachte ich auch, ich würde das vierzigste Lebensjahr nicht mehr erreichen. Und ich muss jetzt etwas erleben. Heute denk ich natürlich anders. Ich bin Mitte Vierzig und es gibt noch so viel vor mir. Dann sag ich "Scheiß auf Punkrock", was das angeht.

Brigitte Young Miss: Punkrock feierte vor Jahren seinen 30. Geburtstag. Ist es Zeit für Nostalgie?

Bela B: Ganz klar, nein. Meine Eltern wollten immer, dass ich mir Elvis anhöre. Ich hab dann gesagt: "Hau mir ab, mit deinem fetten Elvis!" Soll ich heute den Kids erzählen: "Bushido ist doof. Johnny Rotten war viel besser"? Das wäre albern.

Bela B und seine weibliche Seite

Brigitte Young Miss: Dein Album dreht sich vor allem um Gefühle - eigentlich eher ein Frauenthema. Wie steht es um deine weibliche Seite?

Bela B: Ich habe natürlich eine weibliche Seite. Frauen haben auch eine männliche Seite. Aber Männer wie Frauen verstecken das häufig. Bei chinesischen Leichtathletinnen sieht man die männliche Seite jedoch sehr deutlich (lacht).

Brigitte Young Miss: Du wirst von den Medien als „Punk-Womanizer“ und „Frauenversteher“ beschrieben. Woran liegt das?

Bela B: Ich fand das total lustig und meine damalige Freundin hat sich bepisst vor Lachen. Es liegt wahrscheinlich an meinen Texten. In vielen Songs, wie zum Beispiel "Ninjababy" und "Liebe und Benzin", singe ich von sehr starken Frauen. Aber ich bin auch der Typ der "Manchmal haben Frauen ein kleines bisschen Haue gern" geschrieben hat. Somit bleibt alles im Gleichgewicht.

Bela B und das Älter werden

Brigitte Young Miss: Im Titel "Geburtstagsleid" findet sich das klassische Frauenthema: Älter werden. Wie gehst du mit dem Alter um?

Bela B: Ich muss aufpassen, dass ich nicht peinlich werde und mit Spandex-Hosen auf der Bühne einen komischen Modetanz aufführe, obwohl es in der Hüfte schon spannt und die Bandscheibe knackt. Als Rockmusiker ist man eigentlich Berufsjugendlicher. Für gewisse Situationen bewahre ich einen Zwölfjährigen in mir, um offen zu sein für Eingebungen und Ideen. Aber grundsätzlich habe ich kein Problem mit dem Älter werden.

Brigitte Young Miss: In dem Song "Ach so unsterblich" thematisierst du einen Blick in die Vergangenheit. War früher alles besser?

Bela B: Einen Rückblick würde man mit 19 Jahren nicht verfassen. Wovon sollte man auch schreiben? Kindergarten? Grundschule? Ich bin kein Mensch, der wehmütig zurückblickt. Ich bin dafür, dass Beste aus dem Jetzt zu holen. Und das ist auch die Botschaft in meinem Song.

Brigitte Young Miss: Was wolltest du schon immer mal loswerden?

Bela B: Musik ist wichtig. Vergesst nicht, liebe Bym.de-Leserinnen, Musik zu kaufen. Musik ist fast so wichtig wie Schuhe, wenn ich hier mal ein Klischee bedienen darf. Außerdem halten gute Platten länger als Schuhe. So gute Platten wie die meine zum Beispiel.

Bela B: code b BPX 1992 (Sony BMG)

Interview Anke Büning
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