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"BRIGITTE Bücher"-Podcast Alena Schröder über ihren Roman „Junge Frau, am Fenster stehen, Abendlicht, blaues Kleid“

BRIGITTE Bücher Podcast: Meike Schnitzler und Angela Wittmann
© Brigitte
In ihrem Podcast "BRIGITTE Bücher" sprechen die Kulturredakteurinnen Meike Schnitzler und Angela Wittmann über ihre Lieblingsbücher. 

Hör dir hier die aktuelle Folge an

"BRIGITTE Bücher" findet ihr überall, wo es Podcast gibt – bei Audio Now, Spotify oder iTunes.

Was ist der "BRIGITTE Bücher"-Podcast?

Über 70 000 Bücher erscheinen in Deutschland jedes Jahr. Um einen Pfad durch diesen Lesedschungel zu schlagen, lesen Angela Wittmann und Meike Schnitzler hunderte von Büchern – ihre absoluten Favoriten stellen sie in diesem Podcast vor

Alle zwei Wochen suchen Angela Wittmann und Meike Schnitzler für das Kulturmagazin der BRIGITTE die besten Neuerscheinungen. Da sie sich abwechseln, ist es auch für sie selbst spannend, zu erfahren, was die jeweils andere für spannende, mitreißende, berührende und lustige Bücher gefunden hat. Da kommt manchmal auch etwas Futterneid auf. Zeit, sich auszutauschen! Und das tun Angela Wittmann und Meike Schnitzler in ihrem Podcast BRIGITTE Bücher. Jede bringt ihren absoluten Favoriten der letzten Wochen mit, außerdem erzählen sie von ihren Begegnungen mit Autori*innen und werfen einen Blick hinter die Kulissen des Literaturgeschäfts. 

Alle Folgen auf einen Blick

Folge 14: Das Erbe der Mütter - die Autorin Alena Schröder im Gespräch über ihr grandioses Romandebüt “Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid” 

In Folge 14 von BRIGITTE Bücher ist die die Autorin und Journalistin Alena Schröder zu Gast bei Angela Wittmann und Meike Schnitzler. Sie erzählt von ihrer eigenen Familiengeschichte, die sie zu ihrem hochgelobten Romandebüt „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ inspiriert hat.  Darin lässt eine junge Frau ihre kleine Tochter auf dem Land zurück und geht nach Berlin, um ihr Glück zu suchen: Senta findet Arbeit beim „Berliner Tagblatt“, fängt als Schreibkraft an und macht Karriere als Journalistin. In zweiter Ehe wird sie glücklich mit der Liebe ihres Lebens, ihrem jüdischen Kollegen Julius Goldmann. Ihr Schwiegervater ist ein berühmter Kunsthändler, dessen Besitz von den Nazis konfisziert wird. Kurz vor ihrer Emigration muss Senta eine Liste mit allen Kunstwerken erstellen, die ihm ebenso genommen werden wie sein Leben. Ihre Urenkelin Hannah hat von all dem noch nie gehört. Zu tief war die Verletzung ihrer Großmutter, die als Kind zurück blieb... Was für ein Erbe: Alena Schröders Debütroman erzählt von einer Familie mit vielen Geheimnissen, von einem verschwundenen Vermeer, der auf Raubkunst-Listen als „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ geführt wird, und von jungen Frauen, die als Mutter nicht glücklich werden können – über vier Generationen hinweg. Elektrisierend wie „Babylon Berlin“ und ehrlich wie „Regretting Motherhood“. (368 S., 22 Euro, dtv)    

Alena Schröder, geboren 1979, arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie hat Geschichte, Politikwissenschaft und Lateinamerikanistik in Berlin und San Diego studiert und die Henri-Nannen-Schule besucht. Nach einigen Jahren als Redakteurin in der ›Brigitte‹-Redaktion arbeitet sie heute frei u.a. für die ›Brigitte‹, das ›SZ-Magazin‹ und ›DIE ZEIT‹. Sie ist Autorin mehrerer Sachbücher sowie fiktionaler Bücher.  

Folge 13: Tod und Teufel – zwei Bücher über Leben und Sterben in England in früheren Zeiten 

In der dreizehnten Folge von BRIGITTE Bücher sprechen Angela Wittmann und Meike Schnitzler über einen Roman und ein Sachbuch, die viel mit dem Tod, aber auch mit dem Leben zu haben. Angela Wittmann hat sich “Judith und Hamnet” von Maggie O’Farrell ausgesucht, Meike Schnitzler spricht über das Sachbuch “The Five – das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper umgebracht wurden" von Hallie Rubenhold. 

Es gibt Romane, die stoßen eine Tür auf und schubsen einen hinein in ein Jetzt, das so nah, so absolut scheint wie der eigene Herzschlag. „Judith und Hamnet“ von Maggie O’Farrell ist so ein Buch. Jede Zeile hat etwas Pulsierendes, und zugleich spürt man in jedem Moment, wie fragil der Lebensstrom ist und wie schnell alles vorbei sein kann. Davon handelte schon ihr Memoir „Ich bin, ich bin, ich bin“, in dem die irisch-britische Autorin von ihren Begegnungen mit dem Tod erzählte. Auch in ihrem neuen Roman drängt der Tod machtvoll in das Leben einer Familie.

Vor über 400 Jahren verloren Agnes (oder Anne) Hathaway und ihr Mann William Shakespeare ihren Zwillingssohn Hamnet, der mit elf Jahren an der Pest starb. Wie haben die Eltern diesen Verlust verkraftet? Der Vater schrieb später sein weltberühmtes Drama „Hamlet“. Aber wie erging es der Mutter? Wer war sie überhaupt? Acht Jahre älter als ihr Mann, eine Kräuterkundige mit vielen Gaben, die Vernunft allein nicht erklären kann. Ihr Kind wird also sterben. Aber zugleich geschieht das Leben, und eine Liebe wächst – der Name Shakespeare fällt übrigens kein einziges Mal. (Ü: Anne Kristin-Mittag, 416 S., 22 Euro, Piper) 

Kein Roman ist es, was Meike Schnitzler dieses Mal mitgebracht hat, aber die Wirklichkeit ist ja oft noch spannender als die Fiktion: Jack the Ripper kennt man, doch wer waren seine Opfer? Fünf Prostituierte, würde jede*r antworten. Schon allein dies ist falsch, wie Hallie Rubenhold in ihrem Sachbuch „The Five – Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden“ klarstellt. Mit detektivischer Akribie spürt sie jeder einzelnen Frau nach, von der Geburt bis zu ihrem Tod. Fünf Frauenleben im viktorianischen England, manche begannen durchaus hoffnungsvoll. Rubenhold erzählt von Kindern und Ehemännern, von ehrbaren Berufen. Doch sie berichtet auch, wie schmal der Grat zwischen einer gesicherten Existenz und dem Elend war. Wenn zum Beispiel eine Ehe zerbrach, blieb der Frau oft nur das Armenhaus. Alkohol fraß jegliche Mittel und Energie auf, oft blieb nicht mal ein Bett zur Nacht. Und doch: Polly, Annie, Elizabeth, Catherine und Mary Jane – sie alle waren mehr als nur Opfer, sie waren Frauen ihrer Zeit. (Ü: Susanne Höbel, 424 S., 24 Euro, Nagel & Kimche) 

Folge 12: Leseglück zum Fest – Die besten Tipps für die Weihnachtszeit

In der Weihnachtsfolge von BRIGITTE Bücher werden diesmal zwei Bücher vorgestellt, die man getrost verschenken kann. Plus: Weitere Tipps der BRIGITTE-Buchexpertinnen für alle, die auf der Suche nach dem perfekten Roman, Kinder- oder Sachbuch sind.

Angela Wittmann hat „Herzfaden“ von Thomas Hettche dabei, einen großen Roman über ein kleines Theater: die Augsburger Puppenkiste. Er erzählt aber nicht nur die Geschichte von Figuren wie Kater Mikesch, Urmel & Co., sondern auch die Geschichte jener Frau, die sie berühmt gemacht hat: „Hatü“ Oehmichen, die als Kind im Krieg die Möglichkeiten der Puppen entdeckt und die später TV-Geschichte schreibt, als ihr Jim Knopf 1961 als erste Serie der legendären Puppenkiste auf den westdeutschen Fernsehbildschirmen erscheint. Ein zauberhaftes Buch über das Wunder, dass Geschichten (und Marionetten) lebendig werden können. (186 S., 24 Euro, Kiepenheuer & Witsch)

Meike Schnitzler spricht über den Roman „Tiger“ von Polly Clark. Der gilt in Sibirien als Geist des Waldes, dort spürt man seine fast nie sichtbare, aber magische Präsenz. Und falls man ihn beleidigt, wird er sich rächen. In dem Roman geht aber auch um Frieda, die ihre Arbeit als Primatenforscherin wegen ihrer Morphiumsucht verliert. In einem Provinz-Zoo begegnet ihr eine versehrte Sibirische Tigerin. Deren Schicksal ist wiederum verstrickt mit Tomas, einem Russen, der für ein Tiger-Reservat arbeitet, und mit Edit, einer sibirischen Ureinwohnerin, die für sich und ihre Tochter ein Leben in der Taiga wählt. Clark, eine preisgekrönte Lyrikerin, feiert mit einer ungestümen Prosa die Wildnis, die Bedrohung und das Ungezähmte. Ein eindrucksvolles Buch von zähnefletschender Schönheit. (Ü: Ursula C. Sturm, 432 S., 22 Euro, Eisele) 

Folge 11: Wahnsinn Familie – zwei Romane über die schlimmsten und besten Dinge, die Verwandtschaft mit sich bringt

Für die elfte Folge von BRIGITTE Bücher haben sich Angela Wittmann und Meike Schnitzler zwei Familienromane ausgesucht. Der eine ganz nah an unserer Lebenswirklichkeit: „Aus und davon“ von Anna Katharina Hahn erzählt von einer Mutter, die versucht, eine Auszeit von ihrer Mental-Load zu bekommen. Der andere ein Epos, das in der Zukunft beginnt, aber im Anfang des 20. Jahrhunderts verwurzelt ist: „Das Flüstern der Bäume“ von Michael Christie.

Im Jahr 2038 sind Bäume Mangelware. Touristen zahlen viel Geld, um auf einer kanadischen Insel die letzten Reste des Primärwaldes zu bestaunen. Eine der unterbezahlten Waldführerinnen ist die Biologin Jake Greenwood — die nicht ahnt, wie sehr ihre Familiengeschichte mit den alten Douglasien der Insel verwachsen ist. Bis ein Anwalt auf sie zukommt, der Nachforschungen angestellt hat. Der Kanadier Michael Christie blättert in seinem großen Familienroman „Das Flüstern der Bäume“ zurück bis ins beginnende 20. Jahrhundert, erzählt von einem Brüderpaar, dessen Leben von Holz geprägt war, von unfassbarem Reichtum und bitterster Armut, und von einer Kindesentführung besonderer Sorte. Im englischen Original raunt der Titel des Buches übrigens weniger esoterisch (er heißt dort „Greenwood“). Ein echter Spannungsroman über die Ausbeutung von Mensch und Natur. (Ü: Stephan Kleiner, 560 S., 22 Euro, Penguin) 

In einer vollkommen anderen Welt spielt der Roman, den Angela Wittmann mitgebracht hat: Cornelia ist immer dran: mit Anrufen, Staubsaugen, Geburtstags-Orga, Lehrergesprächen, ein richtiger „Mental Load“-Roman also. Jetzt will sie sich mal nur um sich kümmern und allein durch die USA reisen, um dem häuslichen Burn-out zu entfliehen – und daheim geht alles schief. Die Großeltern sollten auf die Enkel aufpassen, aber Opa hat einen Reha-Schatten und lässt die verzweifelte Oma mit der Verantwortung für eine wilde Teenager-Enkelin und ihren sehr unglücklichen und sehr dicken kleinen Bruder allein. Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem erbarmungslos guten Roman „Aus und davon“ vom Ausnahmezustand namens Familie. Das Skypen zwischen dem heulenden Kind in Stuttgart und der Mama in Manhattan wird zum Debakel: „Brunos Unglück quält mich, aber ich will ihm auch entkommen“, sagt Cornelia und versinkt in Selbsthass: „Eine Mutter mit fettem Kind ist ohnehin das Letzte. Dazu noch eine von einem Griechen geschiedene alleinerziehende Mutter.“ Um sich von ihrer Misere abzulenken, forscht sie nach ausgewanderten Vorfahren, bei denen sich ihre Großmutter als Hausmädchen verdingte – bis sie das Heimweh nicht mehr aushielt. (308 S., 24 Euro, Suhrkamp)

Folge 10: Sonderfolge zur Frankfurter Buchmesse mit Carmen Korn

Dieses Jahr ist auch auf der Frankfurter Buchmesse alles anders. Normalerweise sprechen Angela Wittmann und Meike Schnitzler live auf der Messe mit einer renommierten Autorin. Dieses Gespräch musste dieses Jahr im Studio stattfinden, im Rahmen des Bookfest digital, und wir freuen uns, es auch im Rahmen von „BRIGITTE Bücher“ online stellen zu können.

Die Autorin Carmen Korn gilt seit ihrer sogenannten „Jahrhundert-Trilogie“ über vier Hamburger Frauen als absolute Bestseller-Garantin. Diesen Herbst erobert sie die Bestseller-Listen mit dem Auftakt zu einer neuen, mehrbändigen Saga, die in Hamburg, Köln und San Remo spielt. „Und die Welt war jung“ nimmt uns mit in das Jahr 1950, in das Leben von zwei befreundeten Familien, in eine Zeit, als die Menschen versuchten, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, und auf neuen Wegen die Zukunft zu erobern. (640 S., 22 Euro, Kindler)

Carmen Korn
Autorin Carmen Korn ist zu Gast im BRIGITTE-Live
© Charlotte Schreiber

Folge 9: Düstere Zukunft und dunkle Vergangenheit – zwei sehr bewegende Romane, über das, was vielleicht kommt und das, was leider war

Endlich ist BRIGITTE Bücher wieder da – und für den Start der zweiten Staffel haben Angela Wittmann und Meike Schnitzler zwei sehr unterschiedliche, aber unglaublich bewegende Bücher ausgesucht, die trotz ihrer Gegensätzlichkeit viel mit unserem Schicksal zu tun haben. Außerdem gehen sie der Frage auf den Grund, warum eigentlich auf Buchcovern ständig Vögel zu sehen sind.

Angela Wittmann spricht über „Zugvögel“ von Charlotte McConaghy. Die Welt, die in diesem Debütroman beschrieben wird, ist unserer erschreckend nah: Es ist eine Welt fast ohne Tiere, die die 32jährige Autorin aus Australien aus Sorge über die Auswirkungen des Klimawandels entworfen hat. Die Eisbären sind weg, sogar die Krähen, zu denen die Vogelforscherin Franny als Kind eine besonders innige Beziehung hatte. Franny beschließt, den letzten Küstenseeschwalben zu folgen, die von allen Tieren den weitesten Weg zurücklegen: Die Zugvögel fliegen innerhalb eines Jahres von der Arktis bis in die Antarktis und wieder zurück. Die Expedition ist ein Himmelfahrtskommando, eine Fahrt der Verzweiflung auf einem der letzten Fischerboote, aber ihr Antrieb ist die Liebe. Nicht nur zu den Vögeln, sondern auch zu den Menschen, die Franny schon verloren hat. Und diese Liebe wird zum Rettungsanker im Sturm, der nicht nur auf dem Atlantik tobt, sondern auch in Frannys Herzen. Eine Heldin, deren Trauer zu Tränen rührt, und deren Tapferkeit hoffen lässt, dass doch noch nicht alles zu spät ist. (Ü: Tanja Handels, 398 S., 22 Euro, S. Fischer)

Meike Schnitzler hat dem Roman „Die Gespenster von Demmin“ mitgebracht, geschrieben von Verena Keßler. Darin geht es um Larry, die eigentlich Larissa heißt und raus aus Demmin will. Kriegsreporterin, das wäre ihr Traumjob, dafür trainiert sie jeden Tag, indem sie zum Beispiel mit dem Kopf nach unten im Apfelbaum hängt. Doch statt in die Ferne zu ziehen, sitzt die gewitzte Neuntklässlerin mit ihrer Mutter in Mecklenburg-Vorpommern fest. Ihre alte Nachbarin, Frau Dohlberg, räumt derweil ihr Haus aus, um ins Heim zu gehen. Jeder Teller, jedes Foto weckt Erinnerungen: an ihre Mutter und ihre kleine Schwester Lotte, an das Jahr 1945. Nach Kriegsende töteten sich in Demmin fast 1000 Menschen, ein hysterischer Massenselbstmord, der als Schatten über der Stadt liegt. Wenn Larry voller Energie im Baum baumelt, sieht Frau Dohlberg dort nur die tote Nachbarin, damals, mit der Schlinge um den Hals. Und wir erkennen, dass der Krieg, den Larry in der Ferne sucht, sehr nah an ihr dran ist. Ein eindrucksvolles Debüt über sprühendes Leben im Schatten des Todes. (240 S., 22 Euro, Hanser Berlin)

Folge 8: Zwei Krimis für die Sommerpause – eine neue Ermittlerin aus Island und ein alter Bekannter aus der Bretagne

Bevor BRIGITTE-Bücher in die Sommerferien geht, sprechen Angela Wittmann und Meike Schnitzler über zwei Kriminalromane, die das Fernweh ein bisschen stillen: Den isländischen Thriller „Dunkel“ von Ragnar Jonasson und den Krimi „Bretonische Spezialitäten“ von Jean-Luc Bannalec – oder Jörg Bong, wie nämlich der Autor hinter dem Pseudonym wirklich heißt.

Der isländische Autor Ragnar Jónasson  hat gleich eine ganze Trilogie hingelegt, die mit „Dunkel“ jetzt auch bei uns ihren Anfang nimmt („Insel“ und „Nebel“ folgen im Juli und September). Die englische „Times“ hat den Auftakt der „Hulda-Reihe“ schon als einen der besten Krimis seit 1945 ausgezeichnet. Hulda heißt die Heldin, die zu Beginn richtig mies in den frühzeitigen Ruhestand gedrängt wird, um Platz für einen jungen Kollegen zu machen. Jónasson, Jahrgang 1976, hat diese Hommage an Hulda übrigens seiner Mutter gewidmet. Für Angela Wittmann ist die Ermittlerin im Zwangs-Ruhestand schon jetzt eine absolute Lichtgestalt im nordischen Noir-Genre. (Ü: Kristian Lutze, 384 S., 15 Euro, btb)

Der Schöpfer des Kommissars Georges Dupin ist in Wirklichkeit gar kein Bretone, sondern ein deutscher Ex-Verleger mit einer großen Liebe zu seiner Wahlheimat. In seinen neuen Roman besucht Dupin ein eher langweiliges Polizeiseminar in Saint-Malo. Doch dann müssen die Kommissare aus den unterschiedlichen Departements ganz praktisch als Team ermitteln, denn eine Sterneköchin wurde in der Markthalle erstochen. Tatverdächtig ist ihre Schwester, ebenfalls eine Größe in der Gastroszene zwischen St. Malo, Cancale und Dinard. Viele „Bretonische Spezialitäten“darf der kaffeesüchtige Kommissar bei den Recherchen zu seinem neunten Fall genießen. Jörg Bong/Jean-Luc Bannalec erfreut seine Fans wie immer mit viel Ortskenntnis und Begeisterung für Kulinarik. (352 S., 16 Euro, KiWi)

Folge 7: Geschichten von zu viel und zu wenig Liebe – ein Thriller und ein Märchen über eine bösen Stiefmutter  

In Folge sieben sprechen Angela Wittmann und Meike Schnitzler über zwei Romane von amerikanischen Erzählerinnen, der eine das späte, aber sensationelle Debüt einer Juristin, die ihr Fachwissen für einen Gerichtsthriller nutzt, der andere ein Buch einer bereits renommierten Autorin über zwei Geschwister, die von der Witwe ihres Vaters um alles gebracht werden

Angela Wittmann hat für diese Folge das spektakuläre Romandebüt „Miracle Creek“ von Angie Kim ausgesucht. Im sogenannten „Miracle Submarine“ gab es Tote: ein Junge und eine fünffache Mutter. Sie saßen in dieser U-Boot-ähnlichen Druckkammer, weil reiner Sauerstoff bei Autismus helfen soll. Angeboten wurde die HBO-Therapie vom koreanischen Einwanderer Pak. Er wird verdächtigt, Feuer gelegt zu haben. Ebenso wie Elisabeth, die Mutter des toten Kindes und Hauptangeklagte in Angie Kims Gerichtsthriller. Kims Empathie für die Einwandererfamilie und für die Mütter der chronisch kranken Kinder, die bei ihnen Hilfe suchen, ist groß: Am Ende wünscht man sich, es möge gar niemand schuldig sein. (Ü: Marieke Heimburger, 509 S., 22 Euro, Hanser Blau) 

Der Roman „Das Holländerhaus“ der PEN-Award-Preisträgerin Ann Patchett, den Meike Schnitzler ausgewählt hat, liest sich fast wie ein Märchen. Zwei Geschwister werden nach dem zu frühen Tod des Vaters von der jungen Stiefmutter gnadenlos um ihr Erbe, das Haus aus dem Titel, betrogen. Noch Jahre später treffen sich Maeve und ihr jüngerer Bruder Danny, um heimlich im Auto vor dem Anwesen eine Zigarette zu rauchen und es von Weitem zu betrachten. Man wünscht sich die ganze Zeit, die Kinder könnten so richtig böse Rache für das erlittene Unrecht nehmen, aber die großartige Ann Patchett überrascht uns natürlich viel raffinierter in dieser Geschichte über den Klammergriff der Vergangenheit und die Kraft der Vergebung. (Ü: Ulrike Thiesmeyer, 400 S., 22 Euro, Berlin Verlag)

Folge 6: Ein kleiner Corona-Kanon für lange Lesetage und bewegende Familienschicksale nördlich des Polarkreises

Weil Angela Wittmann immer nach ihren Top-Corona-Tipps gefragt wird, hat sie für Folge 6 einen kleinen Corona-Kanon zusammengestellt: Ganz ohne „Die Pest“ von Camus und Boccaccios „Decamerone“. Dafür mit spannenden Romanen, die gerade in bedrückenden Zeiten zeigen, wie wichtig die erlösende Macht des Erzählens sein kann. Besonders am Herzen liegt ihr der Roman „Ein Junge, sein Hund und das Ende der Welt“ von C.A. Fletcher, der in der nahen Zukunft spielt. In einer fast leeren Welt, macht sich der Held Griz auf, um seine gestohlene Hündin zu retten. Was ihm hilft, dieses Abenteuer zu bestehen: die Liebe zu diesem Tier – und seine Leidenschaft fürs Lesen, fürs Schreiben und speziell für apokalyptische Literatur. Eine ebenso verblüffende wie unvergessliche Geschichte, die Kraft und Hoffnung gibt.  (Ü: Vanessa Lamatsch, 480 S, 18 Euro, Penhaligon)  

Meike Schnitzler stellt „Klara vergessen“ von Isabelle Autissier vor, einen Familienroman, der seinen Anfang in Murmansk nimmt, einer russischen Hafenstadt nördlich des Polarkreises. Juri, ein Ornithologe, kommt nach Jahren zurück in die alte Heimat, weil sein Vater im Sterben liegt. Der Alte, dessen Grausamkeit Juri die Kindheit schwer gemacht hat, möchte, dass Juri etwas über das Schicksal seiner Großmutter Klara herausfindet, die in frühen 50er Jahren verschwand. Autissier, hochdekorierte Seglerin und Ingenieurin für Fischereiwissenschaften, beschreibt aber noch viel mehr als nur ein tragisches Familienschicksal, dessen Traumata sich über die Generationen fortpflanzen, sie vereint atemberaubende Naturbeschreibung mit einer tiefen Kenntnis des rauen Meeres. (Ü: Kerstin Gleinig, 304 S., 24 Euro, mare)

Folge 5: Schicksalhafte Beziehungen – zwei Thriller über zwischenmenschliche Katastrophen

Für Folge 5 haben Angela Wittmann und Meike Schnitzler zwei Spannungsromane ausgesucht, die sich mit den Abgründen zwischen Mann und Frau beschäftigen: „Die Gefangenen“von Debra Jo Immergut und „Whisper Network“ von Chandler Baker.

Der Name der Autorin ist bereits ein Versprechen: Debra Jo Immergut. Ihr literarisches Debüt „Die Gefangenen“ lässt jedenfalls auf eine große Zukunft hoffen, es ist ein Psychothriller im besten Sinne, weil wir Zeuge werden, wie Gefängnispsychologe Frank und Miranda, die 52 Jahre hinter Gittern bleiben soll, während ihrer Therapiesitzungen eine hochmanipulative Beziehung eingehen. Er kennt sie von früher: Sie war sein Highschool-Schwarm, jetzt wird sie sein Schicksal. (Ü: Ulrike Wasel/Klaus Timmermann, 305 S., 20 Euro, Penguin)

„Whisper Network“ von Chandler Baker wurde in den USA als erster Me-Too-Thriller gefeiert. Es geht um erfolgreiche Juristinnen in Dallas, alles arbeitende Mütter, die sich gegen ihren übergriffigen Chef zur Wehr setzen. Doch dann stürzt dieser vom Balkon des Firmengebäudes und jede der Frauen gilt auf einmal als verdächtig. Trotzdem ist in diesem Buch die Krimihandlung eher nebensächlich, was besonders beeindruckt ist Bakers Schilderung des Spagats, in dem sich diese hochqualifzierten arbeitenden Mütter befinden, die ständig so tun müssen, als gäbe es ihre Kinder gar nicht. (Ü: Astrid Finke, 480 S., 20 Euro, Heyne)

Folge 4: Tief im Herzen von Amerika: Ein Western und eine Wiederentdeckung

Zwei vollkommen unterschiedliche Romane von US-Autorinnen haben sich Meike Schnitzler und Angela Wittmann für die neue Folge von BRIGITTE-Bücher ausgesucht: Die Wiederentdeckung „The Street – die Straße“, von Ann Petry und den Western „Herzland“ von Téa Obreht.

Als Ann Petry 1946 ihren ersten Roman veröffentlichte, war er eine Sensation. Eine Afroamerikanerin, eine Frau, schrieb über das Leben von Afroamerikanern, knallhart beobachtet, zornig, meisterhaft. Um die 1,5 Millionen Mal verkaufte sich „The Street“, die Geschichte einer jungen Mutter im Harlem der 40er-Jahre. Die schöne Lutie Johnson hat ihren Mann verlassen und mietet für sich und ihren achtjährigen Sohn Bubb eine heruntergekommene Wohnung in der 116. Straße in New York. Unbedingt möchte sie eine bessere Zukunft für ihr Kind, doch schnell muss sie feststellen, dass sie der fatalen Mischung aus Armut, Rassismus und männlicher Übergriffigkeit kaum entkommen kann. Gerade weil sie nicht bereit ist, jeden Preis zu zahlen, wird die Schlinge immer enger, die sich um sie und Bubb zieht. Ann Petrys wiederentdecktes Meisterwerk ist ein bis in jede Nebenrolle brillant besetztes Drama. Vom perversen Hausmeister, seiner grauen Maus von Mitbewohnerin, bis zur durch einen Brand entstellten Zuhälterin – in jeder Beschreibung zeigt Petry ihre Kunst als Erzählerin mit klarem Blick und tiefem Verständnis dafür, wie das Elend zuerst die Seele tötet. (Ü: Uta Strätling, 450 S., 24 Euro, Nagel & Kimche)

Angela Wittmann kann man eigentlich mich mit Western jagen, vielleicht liegt es an einer Überdosis Karl Mey, den ihr Vater immer zum Einschlafen vorlas. „Herzland“ hat aber schon jetzt einen Platz unter den Büchern, die sie immer wieder aufs Neue lesen will. Arizona um 1890, Nora kämpft gegen die Dürre, die ihre Farm und ihre Familie bedroht: Da kann man schon zur Furie werden, aber ihr Jüngster fürchtet eine andere Bestie. Er ist einem Wesen auf der Spur, auf das Téa Obreht, geboren 1985 in Serbien und über Zypern und Ägypten in die USA ausgewandert, bei ihren Recherchen wirklich gestoßen ist: ein Kamel im Wilden Westen. (Ü: B. Robben, 512 S., 24 Euro, Rowohlt Berlin)

Folge 3: Lesen zu Zeiten von Corona – der Pandemie-Roman voller Lichblicke und 1200 Seiten Wälzer-Glück

Für die dritte Folge von BRIGITTE Bücher hat Angela Wittmann den Endzeitroman „Mein Name ist Monster“ von Katie Hale ausgesucht: Eine Frau mit dem Spitznamen „Monster“ hat eine Katastrophe überlebt, isoliert in einem Saatguttresor im arktischen Spitzbergen. Es gab einen Krieg mit Bomben, die mit einem Erreger verseucht waren. Eine tödliche Krankheit brach aus, gezüchtet im Labor. Hört sich jetzt vielleicht nicht eben aufmunternd an, ist aber lang nicht so eine düstere Dystopien wie Cormack McCarthys „Die Straße“. Und auch wenn das Setting ein bisschen so ist wie in der Serie „The Walking Dead“, dann sind hier wenigstens keine Zombies am Start. Die Toten sind tot. Und Monster ist sehr lebendig und ein Mensch, vor dem man keine Angst haben muss. Selbst wenn man ein junges Mädchen ist und neben Monster vielleicht die letzte Überlebende überhaupt... Es gibt ganz viel Güte in diesem Buch. Eine große Sehnsucht nach Nähe und Menschlichkeit, die erfüllt wird. Und damit Hoffnung. Sogar auf einen Neuanfang und eine bessere Welt. Und wie die 30-jährige englische Autorin das in ihrem Debütroman erzählt, das ist schon sehr besonders. Bei aller archaischen Wucht dieser Geschichte hat Katie Hale nämlich einen ganz eigenen Ton, eine poetische Zartheit, die eine tröstende Kraft entfaltet. Deswegen können wir gerade jetzt zu Zeiten von Corona ganz unerschrocken dieses Buch lesen.

Meike Schnitzler setzt auf 1200 Seiten Leseglück mit „Spiegel und Licht“ von Hilary Mantel: Acht Jahre mussten Fans von Mantels preisgekrönter Romanreihe über die Tudor-Zeit auf den finalen dritten Band warten. Zu spoilern gibt es nichts: Das historische Schicksal von Thomas Cromwell, dem engsten Berater von Heinrich XIII., ist kein Geheimnis (er wurde 1540 hingerichtet), aber wie die englische Autorin diesen Mann und seine Zeit, in der ein Leben nichts und die Macht alles zählte, auferstehen lässt, ist in gewohnter Manier sensationell. Kein Wunder, identifiziert sich Mantel doch mit ihrem Helden, der wie sie durch seine Intelligenz aus prekärer Herkunft in schwindelerregende Höhen aufstieg. Abstürzen wird Mantel kaum, der dritte Booker-Preis könnte demnächst kommen.

Folge 2: Packende Historie und ein kurzer Familienroman mit Wums

In der zweiten Folge von BRIGITTE Bücher empfiehlt Angela Wittmann: „Vardø – Nach dem Sturm“ von Kiran Millwood Hargrave: Historisch verbürgt ist, dass am Weihnachtsabend 1617 ein Sturm die 40 Fischer der Insel Vardø verschlingt. Die Frauen bleiben zurück mit drei Greisen, den Kindern und dem Pfarrer. Der Roman erzählt, wie sie am nordöstlichsten Zipfel Norwegens ums Überleben kämpfen. Dass der Rand der Arktis auch das Ende der Zivilisation ist, zeigt sich dann 1621: Eine brutale Hexenjagd endet mit einem historisch verbürgten Prozess. In den Augen von Kirche und König wäre es schicklicher gewesen, die Witwen wären verhungert. Wer sein Leben selbst in die Hand nimmt, muss mit dem Teufel im Bunde sein. Oder hat den Sturm selbst beschworen? Kiran Millwood Hargrave setzt den Opfern ein literarisches Denkmal.

Meike Schnitzler hat „Der Sinn des Ganzen“ von Anne Tyler ausgesucht: Micah Mortimer ist ein etwas kauziger, mitteljunger Mann -  zu Hause führt er ein striktes Regime mit Staubsauger- und Bodenwischtagen, ansonsten rettet er mit seiner Computerfirma die Rechner alter Damen: „Wodurch ist er kaputtgegangen?“ – „Diese Frage sollte man im Zusammenhang mit Computern nie stellen.“ Micah selbst stellt auch keine Fragen ans Leben, aber als plötzlich ein junger Mann auf seiner Schwelle steht, der seinen Vater sucht, kommt Unordnung in das verlässliche Gefüge. Anne Tyler schafft es, einen auf den ersten Blick unspektakulären Typen in eine faszinierende literarische Figur zu verwandeln.

Folge 1: Die besten zwei Romane dieses Frühlings übers Erwachsenwerden

Vor zehn Jahren hat Bestseller-Autor David Nicholls mit „Zwei an einem Tag“ die Welt zu Lachen und zum Heulen gebracht. Jetzt hat er in diesem Frühling einen neuen Roman über die allererste Liebe vorgelegt. Ein großartiges Buch, um in BRIGITTE Bücher – den Literaturpodcast zu starten, findet Meike Schnitzler, die „Sweet Sorrow“ des britischen Autoren ausgewählt hat: Junge aus schwierigen Verhältnissen trifft 1997 selbstbewusstes Mädchen aus der Mittelschicht bei Shakespeare-Theaterprojekt. Aus dieser knappen Konstellation macht der Nicholls in seinem vierten Roman eine hinreißende Coming-of-Age-Geschichte. Er erzählt von einer Zeit im Leben, in der alles möglich zu sein scheint, in der ein Sommer ewig dauert – und die große Liebe bestimmt noch länger. 

Angela Wittmann begeistert sich für Thomas Brussigs „Die Verwandelten“: Pubertiere waren Fibi und Aram schon, bevor sie nach einer „Challenge“ in der Waschanlage einer Tanke auf dem platten Land als Waschbären wieder rauskommen. Was dann kommt, ist eine tierisch lustige und sehr bissige Satire auf die menschliche Natur und den Hunger der sozialen und sonstigen Medien auf „Racoon Content“. 

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im bei den Buchtipps der BRIGITTE-Community vorbei!

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