Bücher im März

Ab sofort stellen wir euch in unserer Buch-Rubrik die Neuerscheinungen des Monats vor. Diesmal unter anderem mit dabei: "Bitterfotze", der Bestseller aus Schweden und "Liebespaarungen", ein wunderschöner Roman über die Irrungen und Wirrungen der Liebe.

Maria Sveland: "Bitterfotze"

"Bitterfotze" von Maria Sveland

Sara ist verbittert. Genauer gesagt bitterfotzig. Denn bitterfotzig zu sein, so sagt sie, sei "nur eine konsequente Reaktion auf ein krankes System, eine Ermahnung, sich nicht mit weniger zufriedenzugeben als mit der totalen Gleichberechtigung". Doch Sara ist nicht gleichberechtigt. Kaum eine Frau ist es in ihren Augen.

Mit diesen bitteren Gedanken steigt sie eines kalten Januartages in ein Flugzeug nach Teneriffa. Sie muss weg aus dem kalten, nassen Schweden, in dem Gleichberechtigung nur auf dem Papier zu existieren scheint. Weg von ihrem Mann Johan, der sie zwar aufrichtig liebt, aber viel zu oft und viel zu lange für seinen Job im Stich lässt. Und auch weg von ihrem zweijährigen Sohn Sigge, der das Wichtigste auf der Welt für sie ist und von dem sie trotzdem oder gerade deshalb einfach mal Abstand braucht. Nur für eine Woche. Denn, so glaubt sie, sie sei eine bessere Mutter, wenn sie sich einmal eine Woche lang ausruhen dürfe.

Doch viel Zeit zum Ausruhen bleibt Sara nicht. Stattdessen denkt sie viel nach. Über Männer, die nach wie vor die große Karriere machen, während die Frauen sich zwischen Kita und Halbtagsjob zerlegen. Über eigentlich längst überholte Rollenbilder, die auch im modernen Schweden immer noch schmerzhaft aktuell sind. Und über die Schuldgefühle, die sie ihrem Kind gegenüber hat, wenn sie es nur für einige Stunden alleine lässt, während ihr Mann kommt und geht, wann er will. "Frauen geben und Männer nehmen", ist der Schluss, zu dem Sara kommt. Doch damit will sie sich nicht abfinden.

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"Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau mit müden Beinen und Migräne. Und hinter jeder erfolgreichen Frau liegt eine Scheidung"

Maria Sveland schrieb mit "Bitterfotze" den schwedischen Bestseller des Jahres.

Wochenlang dominierte "Bitterfotze" die Bestsellerliste in Schweden und sorgt seit seinem Erscheinen in Deutschland auch bei uns für großen Gesprächsstoff. Und das zu Recht: Maria Svelands Beobachtungen sind so scharfsinnig, so klug und - ja - so bitterfotzig, dass man sich am Ende des Buches fragt, ob wir wirklich im ach so fortschrittlichen 21. Jahrhundert leben. Und ob man überhaupt von einer gleichberechtigten Gesellschaft sprechen kann, in der die Männer mehr Geld verdienen als die Frauen und die Frauen weniger Wert zu sein scheinen als die Männer.

Und doch ist "Bitterfotze" kein Buch, das den Männern die ganze Schuld in die Schuhe schiebt und die Frauen auf die Opferbank schickt. So kritisiert Sveland auch das fehlende Selbstkonzept vieler Frauen, die auf Familienfeiern lieber den Tisch abräumen und für Ordnung sorgen, während der männliche Teil der Verwandtschaft sitzen bleibt, um die wirklich wichtigen Gespräche zu führen. Svelands Buch ist voll gespickt von intelligenten Sätzen, etwa: "Erst wenn du loslässt und die Kontrolle abgibst, wird es möglich, die Mutterschaft zu genießen. Und deshalb scheint das Mutterwerden ein unmögliches Gleichstellungsprojekt zu sein" oder "Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau mit müden Beinen und Migräne. Und hinter jeder erfolgreichen Frau liegt eine Scheidung".

Vermutlich hatte die schwedische Zeitung Expressen Recht, als sie nüchtern konstatierte: "Dieses Buch kann mehr für die Gleichberechtigung tun als alle Reden dieser Welt". Wie wahr.

Maria Sveland Bitterfotze 272 Seiten, 8.95 EUR Taschenbuch, Kiepenheuer & Witsch ISBN: 978-3-462-04083-8

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Leseprobe "Bitterfotze"

"Bitterfotze" von Maria Sveland

An einem scheußlichen Januarmorgen sitze ich im Flugzeug nach Teneriffa. Ich bin unendlich müde, hässlich und wütend. Nein, nicht wütend, sauer. Ich bin schrecklich sauer. Auf alles, am meisten auf mich, und das macht mich eiskalt. Ich bin schon viel zu lange sauer. Eine graue Zementmasse macht mich hart. Ich will zu viel Wein trinken und alles Hässliche vergessen. Wie solche Januarmorgen. Ich habe den Januar schon immer gehasst.

Ich sitze im Flieger, lese "Angst vorm Fliegen" und versuche, bessere Laune zu bekommen, vielleicht sogar ein Weilchen richtig glücklich zu sein?

Ich bin erst dreißig und schon so verbittert. Ich bin richtig bitterfotzig.

Das war nie so geplant. Ich habe wie alle anderen von der Liebe geträumt. Aber ein Verdacht, der vielleicht eine Einsicht ist, hat sich allmählich in mir ausgebreitet, und er macht tiefe, eitrige Wunden: Wie sollen wir jemals zu einer gleichberechtigten Gesellschaft kommen, wenn es uns nicht einmal gelingt, mit demjenigen gleichberechtigt zu leben, den wir lieben?

Ich bin dreißig, genau wie Isadora in "Angst vorm Fliegen", allerdings unendlich viel müder und langweiliger. Die Familienhölle hat mir jegliche Energie genommen, ich bin voller emotionaler Schmutzflecke. Ich könnte sie sein. Ich könnte du sein, Isadora, wenn ich etwas fühlen würde. Aber ich bin völlig emotionslos und habe nicht einmal Angst vorm Fliegen.

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"Bitterfotze" von Maria Sveland

Ich weiß nicht, wie ich es schaffen soll, weiterzuleben und nicht bitter zu sein, wo es doch so viele Gründe dafür gibt. Wenn ich nur an all die Frauen mit verkniffenen Mündern und müden Augen denke. Die einen vor dem Kühlregal anschnauzen, weil man im Weg steht. Die den Impuls auslösen, zurückzuschnauzen: Blöde Kuh. Und die einem für den Rest des Tages die Laune verderben.

Vor ein paar Tagen wurde mir plötzlich bewusst, dass ich in zwanzig Jahren vermutlich ganz genauso sein werde. Meine Verwandlung zur Bitterfotze ist auf dem besten Weg. Sie scheint unausweichlich, leben wir doch in einer Gesellschaft, in der Mädchen und Frauen diskriminiert, vergewaltigt, misshandelt und beleidigt werden. Aber jedes Mal, wenn ich so eine griesgrämige ältere Frau sehe, versuche ich zu denken: Tief in ihr drin gibt es ein fröhliches kleines Mädchen, das einmal grenzenlose große Träume hatte.

Ich sitze im Flugzeug und lese mein Buch über Isadora. Sie ist unterwegs zu einer Psychoanalytikerkonferenz in Wien, zusammen mit 117 Psychoanalytikern und ihrem Psychoanalytikermann Bennett. In meinem Flugzeug sind keine 117 Psychoanalytiker, nur ich und etwa sechzig januarbleiche arme Teufel, die alle mehr oder weniger unglücklich aussehen. Auch bin ich nicht unterwegs zu einer traumhaften Begegnung oder einem wunderbaren Spontanfick mit einem ebenso wunderbaren unbekannten Mann. Mich erwartet ein Apartmenthotel aus den 80er-Jahren, das vermutlich von Rentnern, ein paar Familien mit kleinen Kindern und mir bewohnt wird. Aber in den 70er-Jahren, als Erica Jong "Angst vorm Fliegen" schrieb, war sowieso alles viel spannender. Und teilweise ist das der Grund, warum ich so bitterfotzig bin.

Isadora konnte herumvögeln, Therapien machen, kiffen, links sein, und sie war Teil einer großen prächtigen Frauenbewegung, ich hingegen wuchs heran in den antifeministischen, ängstlichen 80er-Jahren, in denen alles dunkelblau war, sogar die Wimperntusche.

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"Bitterfotze" von Maria Sveland

Erica Jong prägte den Begriff des Spontanficks - die reine Begegnung ohne Schuldgefühle, purer Sex, frei von Reue und Geschichte, frei von jeglichen Machtkämpfen. Aber das war damals, in den fröhlichen 70er-Jahren. Dreißig Jahre später, in einer ganz anderen Welt, präge ich den Begriff bitterfotzig. Schwer belastet durch alle Ungerechtigkeiten der Geschichte und vom Geschlechterkampf. In dieser Gesellschaft wirst du so. Wenn du eine Frau bist. Während Isadora den Spontanfick und das Partykiffen predigte, hielt man meiner Generation Vorlesungen über Aids und sexuellen Missbrauch.

Als wir etwas erwachsener waren und eine Therapie anfangen wollten, gab es unendlich lange Wartelisten, weil Schwäche nicht zum Fortschrittsglauben der freien Ökonomie passt. Und als wir endlich bereit waren zu arbeiten, befand sich Schweden in einem tiefen Konjunkturtal, die Zahl der Arbeitslosen war so hoch, dass einem der Spaß verging.

Und eines Tages ist es Januar, ich sitze in einem Flugzeug und lese in meinem Buch über Isadoras Spontanfick. Und über Bennett und Adrian, ihren Mann und ihren Liebhaber.

Ich sitze in einem Flugzeug nach Teneriffa und nicht nach Wien zu einem Spontanfick bei einer Psychoanalytikerkonferenz. Neben mir sitzt ein jüngeres Paar, und als ich mein Buch heraushole, höre ich, dass sie schnieft. Sie hat sich dem kleinen Fenster zugewandt, die Schultern beben. Ihr Mann, ein Typ im Anzug und mit kurzen, ordentlich geschnittenen Haaren, sieht, dass ich es sehe. Er zeigt auf mein Buch und verdreht die Augen.

"Du musst entschuldigen, aber meine Freundin hat Flugangst. Sie sollte vielleicht dein Buch lesen", sagt er und versucht ein kleines Lachen. Es bleibt ihm im Hals stecken und klingt nur gemein. "Ich begreife überhaupt nicht, wovor du Angst hast. Du weißt doch, dass Autofahren gefährlicher ist als Fliegen!"

Er schaut mich an, um Bestätigung zu bekommen, aber ich schaue nur in mein Buch. Sie dreht sich zu ihm um und schnieft an seine Schulter.

"Ja, ich weiß. Ich bin unglaublich blöd, aber ich kann nichts dafür."

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"Bitterfotze" von Maria Sveland

Die Stewardess kommt zu uns, eine ältere Frau mit einem großen, mütterlichen Busen. Sie beugt sich vor und spricht mit ihrem sorgfältig geschminkten rosa Mund. Eine beruhigende Stewardessenstimme und freundliche Augen begegnen dem Blick des Flugangstmädchens.

"Möchtest du mit nach vorne kommen und schauen, wie es im Cockpit aussieht?", fragte die Stewardess, sie riecht nach Tantenparfüm und ich mag sie. Das Flugangstmädchen auch, glaube ich, sie ist froh, dass jemand versucht, sie zu trösten, anstatt sie zu verhöhnen.

"Nein danke. Ich glaube, lieber nicht. Es geht meistens vorbei, wenn wir in der Luft sind. Beim Starten und Landen ist es am schlimmsten."

"Ja, das geht den meisten so", antwortet die Stewardess.

"Soll ich dir einen Whisky bringen?"

"Ja, gerne. Vielen Dank!", sagt das Flugangstmädchen und sieht ihre gute Fee dankbar an. Der Freund schweigt und findet das Ganze wahrscheinlich nur peinlich. Ein Spektakel.

Wir fliegen. In großer Höhe. Es dröhnt in den Ohren, und ich bin froh, dass wir jetzt fliegen.

Die Stewardessenstimme im Lautsprecher ist sanft. Sie heißt uns willkommen und wünscht uns einen angenehmen Flug. Und ausgerechnet heute hat sie auch noch fantastische Sonderangebote. Für uns alle.

Ein Parfüm für nur hundert Kronen aus dem berühmten Hause Gucci. Oder warum nicht drei Mascaras für lange, schöne Wimpern. Und alles zu einem besonders günstigen Preis!

Ich weiß nicht, seit wann die armen Stewardessen auch noch als Verkäuferinnen arbeiten müssen, aber das Flugangstmädchen kauft die Wimperntusche, und ihr Typ schmollt weiter still vor sich hin, anstatt sie zu trösten.

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"Bitterfotze" von Maria Sveland

Kleine Frühstückstabletts werden verteilt, ich esse und spüre, wie mit dem süßen Joghurt, dem warmen Käsebrötchen und dem schwarzen Kaffee die Müdigkeit verschwindet. Vielleicht beruhigt das Frühstück oder der Whisky auch das Flugangstmädchen, denn jetzt weint sie nicht mehr und will reden.

"Hast du nie Angst vorm Fliegen?", fragt sie.

"Nein, aber ich habe Angst vor einer Menge anderer Sachen!", sage ich. Ich will nicht, dass sie sich noch blöder vorkommt. Außerdem ist es die reine Wahrheit. Ich habe vor allem Möglichen eine Riesenangst, abends allein von der U-Bahn nach Hause zu laufen, vor dem Autofahren, Fahrradfahren, nicht geliebt zu werden.

Sie fragt mich, ob ich allein reise, und als ich Ja sage, schaut sie mich mit großen Augen an.

"Mein Gott, bist du mutig, das würde ich mich nie trauen!"

Es freut mich, dass es einen Menschen gibt, der mich mutig findet. Auch wenn es nur eine junge Frau mit Flugangst ist. Ich lächle sie an und erzähle ihr, dass ich zu Hause einen kleinen zweijährigen Sohn habe, der mir den Schlaf raubt, und dass ich jetzt mal eine Pause von alldem brauche.

"Er heißt Sigge. Möchtest du ein Foto sehen?", frage ich und zeige ihr stolz das Bild, das ich immer bei mir habe. Eine Trophäe und zur Erinnerung, falls ich ihn vergessen sollte, denn es ist nicht zu leugnen, dass meine Tagträume immer öfter von der großen, freien Zeit des Alleinseins handeln. Ohne Mann und Kind. Von der Art von Einsamkeit, die einem Raum zum Denken gibt. Und aus diesen Tagträumen entsteht große Schuld und Emotionslosigkeit. Ich habe mit einem Mal das Bedürfnis zu erklären, dass ich normal bin, Familie habe und alles. Aber das hat eher die entgegengesetzte Wirkung auf das Flugangstmädchen. Jetzt bin ich auf einmal nicht mehr die Mutige, die sich traut, allein zu verreisen, sondern eine Verdächtige.

"Aber wird dein Sohn dich nicht vermissen?" "Doch, und ich werde ihn auch vermissen, aber ich glaube, ich bin eine bessere Mutter, wenn ich mich eine Woche ausruhen darf." Das Flugangstmädchen schaut mich aus schmalen Augen an. "Es ist ja nur eine Woche", sage ich flehend, aber sie ist gnadenlos. "Aber für einen Zweijährigen ist eine Woche doch irgendwie total lang?" "Ja", sage ich.

Das Flugangstmädchen drückt die Hand ihres Freundes und küsst ihn auf die Wange. Er schaut von seiner Zeitung auf und küsst sie zurück. Sie schauen sich in liebevollem Einverständnis an.

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"Bitterfotze" von Maria Sveland

Dass es tatsächlich merkwürdig ist, Mann und Kind ohne einen triftigen Grund für eine Woche zu verlassen, das wurde mir bereits klar, als ich es Freunden und Verwandten erzählte. Die meisten fragten: "Stimmt etwas nicht zwischen dir und Johan?" Was vielleicht nicht ganz falsch war. Die Leidenschaft hielt sich im Januar in Grenzen, nach den ausgedehnten Reisen und Familienbesuchen über Weihnachten. Aber es war auch nicht schlechter als sonst, keine Ehekrise oder so. Nur überdurchschnittliche Müdigkeit kombiniert mit logistischen Meisterleistungen, wie wir das Bringen und Abholen von der Kita mit unseren Vollblutkarrieren in Einklang bringen sollen, von denen wir beide nicht lassen wollen.

Und dann plötzlich beim Aufwachen war er da, der Abgrund, zum Beispiel an einem dunklen Morgen im Januar. Eine unendliche Müdigkeit. Ich schaute über die schneebedeckten Hausdächer und stellte fest, dass es schön aussah. Eine Märchenlandschaft. Für einen kurzen Moment lang kribbelte es, aber dann verwandelte es sich in eine sachliche Feststellung. Eine Emotionslosigkeit, die ich inzwischen nur allzu gut kenne.

Wann hat es aufgehört zu kribbeln? Ich schaute meinen Mann an, der am Tisch saß und frühstückte. Er las den Sportteil genauso ungerührt wie ich den Kulturteil. Ich versuchte zu hören, was im Radio gesagt wurde, aber es waren nur Wörter, und ich wünschte, wir würden zu denen gehören, die am Morgen Musik hörten und nicht Radio. Und die Tee tranken und nicht diesen ekligen Kaffee. Ich wünschte, ich würde zum Frühstücken auf einem Sofa sitzen und klassische Musik hören und nachdenken. Aber Kaffee vergiftet mehr als Tee, und das Radio stört, deshalb passte es gut zur Emotionslosigkeit.

Sigge spielte in seinem Zimmer und ich wurde schon bei dem Gedanken sauer, gleich durch den Schneematsch zur Kita hetzen zu müssen und dann weiter zu einer vollen und feuchten U-Bahn mit beschlagenen Fenstern. Immer gestresst, immer müde und oft sauer. Die Haare würden nass werden, weil ich die Mütze gestern in der Redaktion vergessen hatte, und ich wusste, ich würde frieren. Und wie ich den Januar hasste! Wirklich hasste. Manchmal tat es so weh, dass ich so tun musste, als würde ich in einem Film mitspielen: als emotionslose Mutter eines Kleinkinds. Ich posierte in einem chinesischen Morgenmantel auf dem Sofa. Vielleicht war ich sogar schön?

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"Bitterfotze" von Maria Sveland

Unser Hochzeitsfoto hängt in der Diele an der Wand. Wie eine grinsende Erinnerung an all unsere Träume. Was wir alles wollten. Am Hochzeitstag regnete es in Strömen, ich heiratete in einem gelben Regenmantel. Ich starrte das Foto an und sah meine rot geweinten Augen und die regennassen Haare, die am Kopf klebten. Ich weinte, weil ich so gerührt war von all den Freundlichkeiten, der Fürsorge und der Wärme, die wir von Freunden und Verwandten erfuhren.

Damals fühlte es sich groß und erwachsen und schön an, dass wir heirateten. Aber schon ein paar Monate später musste ich mich darüber lustig machen, weil es so absurd war, dass ich geheiratet hatte. Es ist nicht so, dass ich Johan nicht liebe, das habe ich immer getan (außer in dem einen Jahr, in dem es in unserer Ehe kriselte), aber die Wahrheit war, ich konnte nicht dazu stehen, verheiratet zu sein.

Ich ertrug den schmutzigen Ballast nicht, der unweigerlich mit der Ehe folgt. Den schlechten Geschmack im Mund, wenn ich daran dachte, wofür die Ehe steht. Jahrhunderte der Unterdrückung, Millionen unglücklicher Menschen, die im Hintergrund rumoren.

Ich weiß nicht, wie ich mit meinen zwiespältigen Gefühlen umgehen soll, dass ich verheiratet sein will, obwohl ich keine einzige glückliche Ehe kenne. Es ist wie eine Blase auf der Zunge, die man ständig betastet. Obwohl sie brennt. Ich muss einfach alle kritischen Bücher lesen, die je über die Ehe geschrieben worden sind. Besonders in den 70er-Jahren.

Deshalb lese ich immer wieder "Angst vorm Fliegen", deshalb beschäftige ich mich mit Suzanne Brøggers Verzweiflung über die Kleinfamilie, als ob es meine eigene wäre. Und ich erkenne, dass es meine eigene ist. Ich kenne keine glücklichen Familien oder Ehen. Keine. Keine in meiner Nähe, Großmütter, Großväter, Mutter, Vater, Tanten und Onkel, Freunde. Alle unglücklich verheiratet. Betrogen vom Mythos der Liebe.

Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer © 2009 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

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Uli T. Swidler: "Toskana für Arme"

Uli T. Swidler: "Toskana für Arme"

Max ist aus Deutschland geflohen. Nicht etwa weil eine Drückerbande hinter ihm her war, er Drogenschulden hatte oder sonst etwas Fieses. Nein, Max hat Liebeskummer, seitdem seine große Liebe Anna ihn hat sitzen lassen. Nun hat er sich nach Italien zurückgezogen, genauer gesagt auf den Monte Dolciano, einem abgelegenen Berg in den Marken - der Toskana für Arme - und fristet hier sein Dasein. Doch viel Zeit, um Frust zu schieben, bleibt ihm nicht, schließlich halten ihn seine italienischen Nachbarn ordentlich auf Trab.

Da ist zum Beispiel Giancarlo, Hobby-Saxophonist und Verkäufer in einer ferramenta - einem kleinen Geschäft für Bauzubehör, der Jazz liebt und Musikverächter hasst. Oder Luciana, Besitzerin der örtlichen Bar, die immer einen gut gemeinten Rat auf den Lippen hat und der heimliche Schwarm sämtlicher männlicher Dorfbewohner ist. Und natürlich Gino, Maurer und Philosoph in einem, der schnell Max’ bester Freund wird und ihn lehrt, wie man sich wie ein richtiger Italiener benimmt und in jeder Situation eine "bella figura" macht.

Man nehme die warme Sonne Italiens, mixe sie mit einer Prise wunderschöner Landschaftsbeschreibungen, füge ausreichend verrückte, aber liebenswürdige Charaktere dazu und rühre alles mit einer detailreichen Darstellung der italienischen Gebärdensprache an.

Herauskommt ein wunderschöner Roman über "la dolce vita", wahre Freundschaften und die beglückende Erkenntnis, dass das Leben nicht immer so spielt, wie man denkt. Der Autor Uli T. Swidler muss es wissen, schließlich lebt er selbst seit zwanzig Jahren in Italien. Und wenn man das Buch durchgelesen hat, will man nur noch eins: Ganz schnell runter auf den Monte Dolciano ziehen (den es in Wirklichkeit gar nicht gibt) und bei viel Vino und Amore das Leben genießen.

Uli T. Swidler Toskana für Arme 336 Seiten, 17.90 EUR Gebunden, Rowohlt Verlag ISBN: 978-3-463-40559-9

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Matt Dunn: "Aus. Ende. Gelände."

Matt Dunn: "Aus. Ende. Gelände."

Edward hat es sich ein bisschen zu bequem gemacht in seiner Beziehung. Der letzte romantische Abend mit seiner Freundin liegt Jahre zurück. Und ein paar Pfunde zu viel hat er sich auch angefuttert. Jane reicht es auf jeden Fall. Sie verschwindet für drei Monate nach Tibet und hinterlässt ihm einen bitterbösen Abschiedsbrief. Zitat: "Ich schlage vor, dass Du in der Zwischenzeit die Gelegenheit nützt und Dich im Spiegel ansiehst." Ganz schön fies.

Also sitzt der arme Eddie in seiner leer geräumten Wohnung und grübelt, wie er seine große Liebe zurückerobern kann. Rundum-Erneuerung lautet das Zauberwort, von A wie Abnehmen bis Z wie Zahnpflege. Zur Seite steht ihm sein bester Kumpel: ein selbstverliebter Schnösel namens Dan, der eine Trödel-Sendung im Fernsehen moderiert und seinen Ruf als größter Stelzbock Brightons bei jeder Gelegenheit verteidigt.

Natürlich stellt Eddie sich reichlich dämlich an in dieser Vorher-Nachher-Show. Er ist die männliche Version von Bridget Jones, ein knuffiger Trottel, der gerne Pommes isst und zu viel Bier trinkt. Bis er sich am Riemen reißt und es plötzlich wieder besser läuft an der Frauenfront.

Gut möglich, dass Autor Matt Dunn die erfolgreichen Tagebuch-Romane der Bridget Jones im Hinterkopf hatte, als er Eddies Geschichte schrieb. Vielleicht ist "Aus. Ende. Gelände" deshalb so vorhersehbar. Dunn hat verstanden, wie die typisch britische "Chick Lit", also romantische Romane für Mädels mit einem Schuss Humor, funktioniert. Das Ergebnis liest sich ganz nett, ist aber in etwa so gehaltvoll wie das Fast Food, das der gute Edward so liebt.

Matt Dunn Aus. Ende. Gelände 432 Seiten, 12.95 EUR Broschur, Knaur ISBN: 978-3-426-66329-5

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Lionel Shriver: Liebespaarungen

Lionel Shriver: "Liebespaarungen"

So, liebe Irina, jetzt musst du dich entscheiden. Wählst du Lawrence, den klugen, verlässlichen, aber manchmal etwas langweiligen Mann, mit dem du seit zehn Jahren deinen Alltag teilst? Oder Ramsey, den professionellen Snooker-Spieler, dessen Anblick genügt, um dich in den Wahnsinn zu treiben?

Es gibt Entscheidungen, die unser Leben für immer verändern werden. Doch einmal gefällt, schleicht sich hinterrücks die Frage ein: Was wäre, wenn ich eine andere Wahl getroffen hätte? Wäre ich glücklicher?

In "Liebespaarungen", dem neuen Roman der amerikanischen Autorin Lionel Shriver, dreht sich alles um das große "Was wäre, wenn" und seine Konsequenzen. Irinas Geschichte entfaltet sich zweigeteilt: Ein Leben lebt sie weiter an der Seite von Lawrence, in dem anderen gibt sie sich ihrer Leidenschaft zu Ramsey hin. Wie Parallelwelten stehen sich diese beiden Leben Kapitel für Kapitel gegenüber. Doch keine der Geschichten verläuft so geradlinig, wie Irina es sich erhofft hat.

Mit unglaublicher erzählerischer Raffinesse entwickelt Shriver eine Liebesgeschichte, die jeden, der seine Beziehung schon einmal in Frage gestellt hat, fesseln wird. Am Ende legt man dieses kluge Buch begeistert, verblüfft und etwas ratlos aus der Hand, weil man sich fragt, ob es überhaupt so etwas wie richtige Entscheidungen gibt.

Lionel Shriver Liebespaarungen 592 Seiten, 19.95 EUR Gebunden, Piper ISBN: 978-3-492-05096-8

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Leseprobe "Liebespaarungen"

Lionel Shriver

Was als Zufall begonnen hatte, war zur Tradition geworden: Am sechsten Juli sollten sie mit Ramsey Acton an seinem Geburtstag essen gehen. Fünf Jahre zuvor hatte Irina zusammen mit Ramseys damaliger Frau, Jude Hartford, an einem Kinderbuch gearbeitet. Jude hatte das Treffen angeregt. Sie schien unbedingt einen Abend zu viert ausmachen zu wollen, um ihrer Illustratorin ihren Mann Ramsey vorzustellen. Oder, nein – "meinen Mann, Ramsey Acton", hatte sie gesagt. Irina vermutete, dass Jude auf jene ermüdend feministische Weise stolz darauf war, nicht den Namen ihres Mannes angenommen zu haben.

Aber es ist nun mal schwierig, Ignoranten zu beeindrucken. Als sie mit Lawrence damals im Jahr '92 das bevorstehende Abendessen besprach, wusste Irina zu wenig, um zu erwähnen: "Ob du's glaubst oder nicht, Jude ist mit Ramsey Acton verheiratet." In dem Fall hätte sich Lawrence vielleicht ausnahmsweise auf seinen Economist-Kalender gestürzt, anstatt zu nörgeln, dass sie diesen Pflichttermin doch dann wenigstens in die frühen Abendstunden legen könne, damit er rechtzeitig zu Hause sein würde, um NYPD Blue zu gucken. Ohne zu ahnen, dass sie im Besitz zweier Zauberworte war, mit denen sich seine prinzipielle Abneigung gegen Geselligkeiten überwinden ließe, hatte Irina stattdessen zu Lawrence gesagt: "Jude will mir ihren Mann vorstellen, Raymond, oder so ähnlich."

Als sich aber das Datum, das sie vorschlug, als der Geburtstag jenes "Raymond oder so ähnlich" entpuppte, beharrte Jude darauf, dass der Abend zu mehreren noch viel lustiger würde. Nach seiner Rückkehr in den Junggesellenstand ließ Ramsey zumindest so viel über seine Ehe durchblicken, dass sich Irina zusammenreimen konnte: Nach ein paar Jahren waren die beiden nicht mehr in der Lage gewesen, sich fünf Minuten am Stück miteinander zu unterhalten. Jude hatte die Gelegenheit am Schopf gepackt, ein tristes, schweigsames Abendessen zu zweit zu umgehen.

Was Irina ein Rätsel war. Ramsey hatte in der Runde immer einen recht netten Eindruck gemacht, und das eigentümliche Unbehagen, das Irina selbst jedes Mal in seiner Gegenwart befiel, würde doch sicherlich nachlassen, wenn man mit dem Mann verheiratet wäre. Vielleicht hatte Jude es toll gefunden, ihre Kollegen mit Ramsey zu beeindrucken, war aber selbst nicht beeindruckt genug.

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Lionel Shriver: "Liebespaarungen"

Zudem hatte Judes erschöpfende Fröhlichkeit immer einen seltsam hysterischen Unterton und kam ohne das Vierer-Gremium nicht recht in Schwung. Dabei lachte sie wirklich viel, auch über ihre eigenen Bemerkungen. Es war ein zwanghaftes, ablenkendes Lachen, mehr aus Anspannung denn aus Humor geboren, ein Trick zur Maskierung und somit ein wenig unaufrichtig. Dennoch war ihr Bestreben, einem offenbar tief empfundenen Leiden tapfer zu trotzen, mitleiderregend. Ihr kurzatmiger Frohsinn weckte in Irina genau das Gegenteil - das Bedürfnis, nüchtern zu bleiben, mit tiefer, ruhiger Stimme zu sprechen, und sei es nur, um unter Beweis zu stellen, dass es durchaus akzeptabel war, ernst zu sein. Wenn sich Irina also gelegentlich an Judes Benehmen störte, fand sie sich in deren Gegenwart zumindest selbst nett. Der Name von Judes Mann hatte Irina zunächst nichts gesagt, zumindest nicht bewusst. Dennoch, als Jude an jenem ersten Geburtstag in den Savoy Grill stürzte und Ramsey neben ihr herglitt, durchzuckte Irina beim Blick in die graublauen Augen des groß gewachsenen Mannes ein Schlag, wie bei dem kurzen Kontakt zweier unter Strom stehender Drähte, was sie damals als ein visuelles Wiedererkennen deutete und später - sehr viel später - als ein Wiedererkennen einer ganz anderen Art.

Lawrence Trainer war kein prätentiöser Mann. Er hatte zwar einen Forschungsauftrag bei einem renommierten Londoner Thinktank, war aber in Las Vegas aufgewachsen und unerbittlich amerikanisch geblieben. Er war nicht als Erstes losgelaufen, um in den örtlichen Cricketverein einzutreten. Aber immerhin war sein Vater Golflehrer; er interessierte sich also von Haus aus für Sport. Trotz seiner misanthropischen Ader, die schuld daran war, dass er sich lieber alte Polizeiserien im Fernsehen ansah, als mit wildfremden Leuten essen zu gehen, war er ein Mensch mit kultureller Neugier.

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Lionel Shriver: "Liebespaarungen"

So hatte Lawrence schon in der Anfangszeit des gemeinsamen Londoner Exils eine Faszination für Snooker entwickelt. Da Irina diesen sehr britischen Zeitvertreib immer für eine undurchschaubare Variante von Billard gehalten hatte, mühte sich Lawrence, ihr klarzumachen, dass Snooker viel komplizierter und viel eleganter sei als das plumpe Spiel mit der 8er-Kugel. Neben dem etwa 1,80 mal 3,60 Meter großen Snookertisch nahm sich ein amerikanischer Billardtisch wie ein Kinderspielzeug aus. Snooker war eine Sportart, die nicht nur Geschicklichkeit erforderte, sondern strategisches Denken, und die frühen Profis hatten gelernt, bis zu einem Dutzend Stöße im Voraus zu planen und räumliche und geometrische Fertigkeiten zu entwickeln, vor denen jeder Mathematiker den Hut ziehen würde.

Irina hatte Lawrence in seiner Begeisterung für Snookerturniere im Fernsehen nicht gebremst, denn das Spiel strahlte eine angenehme Ruhe aus. Das gläserne Klackern der Bälle und das Prasseln höflichen Applauses waren ungleich beruhigender als die Schüsse und Sirenen der Polizeiserien. Die Kommentatoren sprachen kaum lauter als im Flüsterton und mit weichem, regionalem Akzent. Ihr Vokabular war voller Andeutungen, ohne direkt schmutzig zu sein: ein langer Stoß, sanfte Berührung, eine Rote lochen, an die Schwarze kommen. Obwohl es traditionell ein Sport der Arbeiterklasse war, herrschten beim Snooker Umgangsformen, wie man sie eher mit dem Adel in Verbindung brachte. Die Spieler trugen Weste und Fliege. Man fluchte nicht; Wutanfälle konnten den Spieler sogar Punkte kosten. Anders als das rowdyhafte Publikum beim Fußball, ja sogar beim Tennis - einst Tummelplatz für Snobs, in jüngster Zeit jedoch auf Crash-Derby-Niveau gesunken - verhielten sich die Zuschauer eines Snookerspiels mucksmäuschenstill.

Alles in allem bot Snooker also einen angenehmen Hintergrund, vor dem Irina neue Kinderbuchillustrationen konzipieren oder den Saum der Wohnzimmergardine nähen konnte. Nachdem sie dank ihres geduldigen Nachhilfelehrers einen gewissen Sinn für das Spiel entwickelt hatte, schaute Irina gelegentlich hoch, um einen Frame zu verfolgen. Mehr als ein Jahr, bevor Jude ihren Mann namentlich erwähnte, war Irina auf einen der Spieler auf dem Bildschirm aufmerksam geworden.

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Lionel Shriver: "Liebespaarungen"

Hätte sie darüber nachgedacht - was sie nicht getan hatte -, wäre ihr aufgefallen, dass er nie einen Titel geholt hatte. Dennoch schien sein Gesicht immer wieder in den Endrunden der meisten ausgestrahlten Turniere aufzutauchen. Er war älter als der Großteil der anderen Spieler, die eher um die zwanzig waren; mit einigen wenigen strengen Falten in seinem länglichen, facettenreichen Gesicht konnte er aber höchstens knapp über vierzig sein. Selbst für eine Sportart mit so strikter Etikette war er ein auffallend disziplinierter Spieler, er hielt sich vollkommen gerade. Denn die Korrektheit der Spieler war bis zu einem gewissen Grad auch nur aufgesetzt; vielen Spielern wuchs ein Bierbauch, und schon mit dreißig sahen ihre Gesichter verbraucht aus. Bei einem Präzisionsspiel wie diesem kam es häufig vor, dass Oberarme schlaff und Oberschenkel dick wurden. Dieser eine Spieler aber war schmal gebaut, mit eckigen Schultern und schlanken Hüften. Er trug immer das klassische, gestärkte weiße Hemd, eine schwarze Fliege und eine charakteristische perlmuttfarbene Weste - sein Markenzeichen vielleicht -, die mit weißer Seide durchwebt war, eine filigrane Arbeit, die Irina an ihre eigenen Zeichnungen erinnerte.

Als sie im Savoy Grill miteinander bekannt gemacht wurden, erkannte Irina Ramsey nicht als den Mann aus dem Fernsehen. Er war aus dem Kontext gerissen. Lawrence, der für Namen, Gesichter, Daten und Statistiken ein geniales Gedächtnis hatte, konnte ihre anhaltende Verwirrung schnell ausräumen. ("Wieso hast du mir nichts gesagt?", hatte er gerufen. Es war einer der seltenen Tage, an denen Lawrence Trainer als Bittsteller auftrat.) Beim Namen "Ramsey Acton" klappte sofort eine Akte auf über einen Mann, der offenbar eine Ikone des Spiels war, auch wenn er eine Art Relikt aus der Vorgängergeneration darstellte. Sein Spitzname "Swish" - dem amerikanischen Basketballsport entlehnt - war eine Huldigung an seine Fähigkeit, so sauber einzulochen, dass der Objektball nicht einmal die Ränder der Tasche berührte. Er war bekannt für seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit; er war ein impulsiver Spieler. Seit fünfundzwanzig Jahren war er Profi und dadurch berühmt geworden, dass er fünfmal im Finale gespielt hatte und kein Mal Weltmeister geworden war. (1997 waren es schon dreißig Jahre und sechs Finalspiele - und immer noch kein Titel.) In Sekundenschnelle war Lawrence mitsamt seinem Stuhl an Ramseys Seite gerückt, und die beiden verfielen in ein ausgelassenes Duett, das keinen Dritten duldete.

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Lionel Shriver: "Liebespaarungen"

Irina beherrschte die Grundregeln: Man musste abwechselnd einen roten Ball und einen bunten Ball versenken. Versenkte rote Bälle blieben versenkt; versenkte Farben kamen zurück auf den Tisch. Waren alle Roten abgeräumt, mussten die Bälle in einer vorgeschriebenen Reihenfolge versenkt werden. Lawrence dagegen kannte die abgelegensten Regeln des Spiels. Während er also salbungsvoll einige berüchtigte Respotted Blacks zitierte, verpasste ihm Swish einen eigenen Spitznamen: "Anorak-Man." "Anorak", im wörtlichen Sinn eine unmodische Windjacke, war außerdem ein verbreiteter Ausdruck für Trainspotter, Flugzeugspotter und alle, die die Namen der ersten zehn Dartspieler der Weltrangliste auswendig lernten, anstatt sich um ein eigenes Leben zu bemühen. Doch die leicht abschätzige Titulierung war eindeutig liebevoll gemeint. Und zu Lawrences Zufriedenheit sollte es bei dem Namen bleiben.

Irina hatte sich ausgebootet gefühlt. Lawrence hatte schon immer eine Tendenz, die Dinge an sich zu reißen. Irina hätte sich als zurückhaltend, ja sogar still bezeichnet, schlimmstenfalls als unscheinbar. Jedenfalls kämpfte sie ungern um Gehör.

Als Irina und ihre Freundin an diesem Abend einen Blick austauschten, verdrehte Jude die Augen himmelwärts, eine Geste, die um eine Spur gehässiger war als ein nachsichtiges So sind sie halt, die Jungs. Jude hatte ihren Mann in den Achtzigern während ihrer Journalistenphase kennengelernt, als sie für das Magazin Hello! einen Promotion-Artikel schreiben musste und Ramsey mehr oder minder ein Pin-up-Star war; bei dem Interview hatten sich die beiden betrunken und waren im Bett gelandet. Allerdings war aus Judes anfänglich spärlichem Interesse an Snooker ein Desinteresse an Snooker geworden, das schließlich in eine regelrechte Aversion mündete.

Lawrence schenkte der Frau, von der er als "seiner Frau" zu sprechen pflegte, die zu heiraten er sich aber nie die Mühe gemacht hatte, nicht die geringste Beachtung; Ramsey dagegen war besser erzogen. Er rückte den Stuhl in Irinas Richtung und verwahrte sich für den Rest des Abends gegen jede weitere Fachsimpelei. Er lobte ihre Illustrationen für Judes neues Kinderbuch und sagte: "Erste Sahne, deine Bilder. Haben mich echt beeindruckt." Vor allem weil er mit so leiser Stimme sprach, war der starke Südlondoner Akzent ein wenig gewöhnungsbedürftig. Er hatte eine Art, Irina anzusehen, und zwar nur Irina, wie sie es schon lange nicht mehr erlebt hatte, und, ehrlich gesagt, er machte sie damit nervös, ja verwirrte sie. Für eine erste Begegnung war sein Verhalten etwas übertrieben, nicht direkt anmaßend, aber irgendwie dann doch. Im Smalltalk war Ramsey jedenfalls eine Niete. Sobald sie das Gespräch auf den Parteitag der Demokraten oder John Major lenkte, verstummte er einfach.

Diskret übernahm Ramsey die Rechnung. Der Wein, und es war reichlich geflossen, war nicht billig gewesen. Aber Snookerprofis verdienten nicht schlecht, und Irina beschloss, kein schlechtes Gewissen zu haben.

An diesem ersten Geburtstag, seinem zweiundvierzigsten, hatte er einen wirklich netten Eindruck gemacht. Dennoch war sie erleichtert gewesen, als der Abend vorbei war.

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