Bücher im Mai

Ab sofort stellen wir euch in unserer Buch-Rubrik die Neuerscheinungen des Monats vor. Diesmal mit dabei: "Brudermord" und "Tod auf der Piste".

Veronika Rusch: Brudermord

Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

Es sind die Farben, die ihr fehlen. Alles ist in ein grelles Weiß getaucht. Es gibt nichts anderes mehr, kein Blau, kein Rot, kein Grün. Für Ruth Imhofen gibt es keine Farben mehr.

Denn die letzten 24 Jahre verbrachte die begabte Malerin in einer Psychatrie. Eingesperrt, abgeschieden von der Außenwelt. Ihr Bruder Johannes war es, der zu Beginn der achtziger Jahre ihre Einweisung vorantrieb, nachdem Ruth vorgeworfen wurde, ihren Geliebten im Drogenrausch erschlagen zu haben.

24 Jahre später kommt Ruth Imhofen frei, auf Betreiben eines jungen Arztes, der erhebliche Zweifel an ihrer Schuld hegt. Er schaltet die Münchener Rechtsanwältin Clara Niklas als Betreuerin für Ruth Imhofen ein, doch noch ehe er Clara über die Hintergründe des Falls aufklären kann, verunglückt er tödlich. Und dann wird auch noch Ruths Bruder Johannes Imhofen erschlagen aufgefunden.

Alle Indizien sprechen gegen Ruth, und Clara möchte den Fall am Liebsten so schnell wie möglich abgeben. Doch dann trifft sie die tief verstörte Ruth Imhofen - und wird gleich von ihr in den Bann gezogen. Langsam kommen auch ihr Zweifel an Ruths Schuld und sie beginnt den Fall neu aufzurollen, gegen den Willen der Kriminalpolizei und der Psychatrieleitung. Und stößt dabei auf eine höchst grausame Geschichte.

Auf der nächsten Seite: Brudermord - spannender Krimi über eine grausame Wahrheit

Wie ihre Hauptfigur Clara Niklas arbeitet auch Schriftstellerin Veronika Rusch als Rechtsanwältin.

Autorin Veronika Rusch ist selbst Rechtsanwältin und leitet in Garmisch-Patenkirchen eine eigene Kanzlei. Die Frau weiß also, wovon sie schreibt. Mit ihrem Debüt "Das Gesetz der Wölfe" um die sympathische Münchener Rechtsanwältin Clara Niklas überraschte sie bereits die Kritiker. Und nun ist also ihr Nachfolgeroman "Brudermord" erschienen.

Gut, Veronika Rusch ist sicherlich nicht die begabteste Schriftstellerin unter der Sonne. Zu banal wirken einige Dialoge, zu pathetisch einige Beschreibungen. Und doch ist "Brudermord" ein durchweg spannender Krimi über Schuld, verpasste Chancen und eine mörderische Wahrheit, die sich hinter den düsteren Mauern einer psychatrischen Klinik verbirgt.

Lesenswert!

Veronika Rusch Brudermord. Ein Fall für Clara Niklas. Goldmann Taschenbuch, 448 Seiten 7,95 EUR ISBN: 978-3-442-47004-4

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Leseprobe: Brudermord

Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

PROLOG

Die alte Frau blinzelte mühsam mit den Augen. Es war dämmrig im Zimmer, und sie wusste nicht, wie spät es war. Draußen plätscherte der Regen. In diesem morgendlichen Zwielicht konnte die alte Frau noch schlechter als sonst sehen. Im Grunde erkannte sie nur Schemen in unterschiedlichen Grautönen.

"Eva?" Sie hatte Schritte im Flur gehört. Doch niemand antwortete. Das war ungewöhnlich. Die Pflegerin, die ihr morgens beim Aufstehen half, machte sich immer schon von weitem bemerkbar, um sie nicht zu erschrecken.

"Bist du das, Eva?", fragte sie noch einmal und hörte selbst, wie zittrig ihre Stimme klang. Mühsam richtete sich die alte Frau in ihrem Bett auf und lauschte. Es war totenstill im Haus. Sie musste sich getäuscht haben. Doch gerade als sie sich wieder zurück in ihre hohen Kissen sinken ließ, hörte sie wieder etwas. Schritte, die näher kamen. Und dann eine Stimme. Sie kam von der Tür her, flüsternd, für die schwachen Ohren der Greisin kaum vernehmbar.

"Wer ist da?" Die Frau wollte energisch klingen, wollte sich solche Späße verbitten, doch die Stimme versagte ihr den Dienst. Hilflos lag sie im Bett und versuchte zu hören, was dort hinter der Tür gesprochen wurde, während langsam die Angst in ihr hochkroch. Als sie die Worte endlich verstand, erstarrte sie. Es waren die Zeilen eines Gedichtes, Worte, die sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Hastig versuchte sie, die Lampe auf ihrem Nachttisch anzuknipsen, doch ihre von Arthritis verkrümmten Finger bekamen den Schalter nicht zu fassen. Mit einem dumpfen Schlag landete die Lampe auf dem Boden. Die Frau konnte hören, wie die Glühbirne zerbrach. Sie begann zu zittern.

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Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

"Die Gefangnen im Turm halten den Wächter gefangen..."

Die Tür öffnete sich langsam, und die flüsternde Stimme wurde deutlicher:

"und üben mit ihm das Einmaleins der Stunden..."

Die Frau hielt sich die Ohren zu. Sie wollte diese Worte nicht hören. Nie mehr. Doch sie hatten sich so tief in ihr Gedächtnis eingegraben, dass sie unwillkürlich die Lippen bewegte und lautlos mitsprach, während die schemenhafte Gestalt langsam näher kam:

"Nachts holen die Gefangnen verstohlen die Welt in den Turm..."

Sie begann zu schreien. Ein dünner, hoher Altfrauenschrei, zu schwach, um die grauenhafte Stimme zum Verstummen zu bringen, die immer weitersprach, noch immer flüsternd, ewig die gleichen Zeilen wiederholend, gleichförmig, unbeteiligt.

"Die Gefangenen im Turm halten den Wächter gefangen..."

Als Johannes Imhofen an diesem Abend nach Hause fuhr, war er mit sich und der Welt vollkommen im Einklang. Seine Befürchtungen hatten sich als unbegründet erwiesen. Nichts von dem, was er sich ausgemalt hatte, war eingetroffen, und es sah so aus, als würde es dabei bleiben. Sie war zahm geworden. Endlich. Seine Anstrengungen waren nicht umsonst gewesen. Auch wenn er nicht hatte verhindern können, was dieser windige Pfuscher mit seinem krankhaften Ehrgeiz ins Rollen gebracht hatte: Sein Leben würde trotzdem weitergehen wie bisher.

Er ahnte nicht, wie sehr er sich damit täuschte.

Mit einem sanften Klicken schloss die Fernbedienung seinen Wagen ab, diese elegante silbergraue Limousine mit allem Pipapo, den man sich denken konnte. Dieser Wagen war ein Vermögen wert. Und dabei das pure Understatement. Ein kurzes warmes Aufleuchten der Blinklichter antwortete ihm, dann war alles ruhig. Friedlich. Seine Schritte hallten durch den leeren Raum. Von der Tiefgarage führte ein direkter Zugang hinauf in seine Villa. Natürlich hätte er selbst sie nie so genannt, er war schließlich keiner dieser protzigen Neureichen, die ständig mit ihren Besitztümern angeben mussten. Das hatte er gar nicht nötig. Aber es war unbestritten eine Villa. Alt und ehrwürdig noch dazu.

Grundstück in Grünwald, die allerbeste Gegend. Gerade kam er von einem kleinen Umtrunk bei Bekannten nach Hause, sehr angenehme, kultivierte Leute. Seine Frau war heute unpässlich gewesen, wie so oft in letzter Zeit. Die ganze Geschichte hatte sie natürlich sehr mitgenommen. Es war nicht einfach für sie, all das wieder in den Zeitungen zu lesen. Nicht sehr schön, aber nicht zu vermeiden. Er hatte es versucht; vor allem für Sybille, sie litt so sehr darunter, sie hatte damals schon immer Angst gehabt. "Sie ist unheimlich", hatte sie immer gesagt. "Beunruhigend." Nun, Sybille war immer schon recht leicht zu beunruhigen gewesen.

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Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

Johannes Imhofen verbrachte die letzten Sekunden seines Lebens damit, in seinem staubgrauen Burlington-Mantel nach dem Schlüssel für die Tiefgaragentür zu suchen. Er war nicht in seinen Manteltaschen, wo er ihn vermutet hatte, und auch nicht in der Hosentasche. In dem Moment, als er im Innenfutter seines Jacketts den silbernen Anhänger ertastete, an dem der Schlüssel befestigt war, traf ihn ein Schlag auf den Hinterkopf. Es war ein heftiger, gut gezielter Schlag, und Johannes Imhofen ging augenblicklich zu Boden. Sein Blick fiel noch auf die verschlossene Tür vor ihm, und er bedauerte plötzlich, seine Frau nicht mehr gesprochen zu haben. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen gehabt in den letzten Jahren, hatten mehr geschwiegen als miteinander geredet, aber in dem Augenblick, in dem ihm klar wurde, dass dieser Schlag tödlich war, erfasste ihn eine große Sehnsucht nach ihrer Stimme, wollte er noch einmal mit ihr sprechen.

"Sybille", flüsterte er, dann traf ihn ein zweiter Schlag, und nichts konnte mehr gesprochen werden zwischen ihnen. Nichts gab es mehr, was gehört oder gesehen oder wiedergutgemacht werden konnte. Er spürte es nicht mehr, als ein weiterer Schlag ihn traf. Und noch einer. Obwohl seine Augen weit aufgerissen waren, konnte er das Blut nicht mehr sehen, das aus seinem zertrümmerten Schädel auf den grauen Betonboden sickerte. Er fühlte nicht, wie das Leben ihn verließ. Spürte nicht, wie seine Organe ihre Arbeit einstellten, der Herzschlag verstummte und Kälte aus dem Boden in die Glieder kroch. Er war tot.

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Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

CADAQUÉS

Der Himmel war leer. Er hatte keine Farbe, kein Licht war darin, kein Anfang und kein Ende. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen hinein, in der Hoffnung, aufgesogen zu werden von dieser unerbittlichen Leere. Irgendwann wurde ihm schwindlig, der Himmel begann, sich zu entfernen, löste sich in viele winzige Punkte auf, die zu flimmern begannen, und endlich schloss er die Augen. Blind ging er in die Knie und ließ sich zur Seite fallen. Der Sand war hart wie ein Brett. Kälte kroch ihm in die Glieder, er fühlte seinen Körper steif werden. Er fühlte, wie er schwerer wurde, wie ein Stein, den irgendwann einmal das Meer heraufgespült und dort liegen gelassen hatte. Das Päckchen an seiner Brust zog ihn hinunter in die sandige Kälte. Er wollte sterben.

Als er die Augen wieder öffnete, wusste er einen Augenblick lang weder, wo er sich befand, noch was für eine Tageszeit war. Alles um ihn herum war von einem hellen, klaren Grau, wie ein künstliches, lebloses Abbild der Wirklichkeit. Mühsam richtete er sich wieder auf. Sein erster Griff galt dem Päckchen in seinem Hemd. Es war noch da. Er zog es heraus und wog es unschlüssig in den Händen. Er sollte es ins Meer werfen, davontreiben lassen und zusehen, wie es sich voll Wasser sog und langsam unterging. Warum nur hatte diese Frau ihn aufgesucht? Warum hatte sie ihm diese Last aufgebürdet? Er schüttelte den Kopf und schob das Päckchen wieder zurück. Er wusste genau, warum.

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Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

Die Frau hatte in Miguels Bar im Hafen auf ihn gewartet, eine leere Tasse Kaffee vor sich. Ein großer Hund lag zu ihren Füßen, grau wie ein Schatten. "Ich heiße Clara", hatte sie gesagt und ihm ohne ein Lächeln ihre Hand hingestreckt. Clara. Nichts weiter. Ein Name, der Helligkeit, Licht versprach. Doch der Name trog. Er hatte es in dem Moment gewusst, als er ihre Hand ergriffen hatte. Trotzdem hatte er sich zu ihr gesetzt. Miguel hatte ihnen eine Karaffe Wein gebracht und zwei Gläser. Sie waren allein in der Bar, es war noch zu früh für Gäste. Und Touristen gab es um diese Jahreszeit sowieso nicht. Nur ihn und diese rothaarige Frau. Clara.

Er begann zu trinken. Die Frau sagte nichts. Sie saß nur da, noch immer in ihrem grünen Wollmantel. Sie trank den Wein mit ihm. Rauchte Zigaretten. Irgendwann zog sie den Mantel aus und hängte ihn über den Stuhl. Langsam füllte sich die Bar mit Menschen. Arbeiter aus der Umgebung, junge Leute, Mädchen mit hohen Absätzen, ihre Freunde in pastellfarbenen Hemden und Collegepullovern. Sie standen an der Bar, tranken kleine Gläser mit Wein, Fino, oder ein Bier aus der Flasche. Dazu gab es Tapas. Fette Chorizo, gebratene Datteln mit Speck, rohen Schinken, weißes Brot. Miguel brachte auch ihnen einen kleinen Teller, obwohl er wusste, er würde ihn nicht bezahlen können. Irgendwann holte die Frau ein Päckchen aus ihrer Tasche und schob es ihm hin.

"Kommen Sie zurück", sagte sie, und ihr Blick war eine Bitte. Dann ging sie, und der graue Schatten folgte ihr.

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Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

MÜNCHEN, ZWEIEINHALB WOCHEN FRÜHER

Rechtsanwältin Clara Niklas hielt den Hörer noch eine ganze Weile in der Hand, als der Anrufer längst aufgelegt hatte. Erst als das drängende Besetztzeichen ertönte, legte sie den Hörer langsam zurück. Dieser Anruf war entschieden seltsam gewesen. Ein gewisser Dr. Lerchenberg, von dem sie noch nie gehört hatte, Ralph Lerchenberg. Clara warf einen Blick auf die Notizen, die sie sich während des Telefonats gemacht hatte. Dr. Lerchenberg war Arzt in Schloss Hoheneck, wie er ihr mit gehetzter, fast flüsternder Stimme mitteilte, eine Privatklinik am Starnberger See. Es gehe um eine vorübergehende vormundschaftliche Betreuung für eine ehemalige Patientin, hatte er gemeint, und ob sie bereit wäre, diese zu übernehmen? Clara hatte gezögert. Sie machte nur sehr selten Betreuungen. Auf ihre Frage, weshalb er sich damit an sie wandte, hatte er nur ausweichend geantwortet, er wolle ihr dies lieber persönlich erklären. An diesem Punkt war Clara misstrauisch geworden.

"Hören Sie", sagte sie ungeduldig. "Ich habe keine Zeit, zu Ihnen hinaus nach Starnberg zu kommen, wenn es also so dringend ist, wie Sie sagen, müssen Sie jemand anderes..."

"Nein! Bitte, hören Sie mir zu!" Seine Stimme klang, obwohl er noch immer sehr leise sprach, fast flehentlich. "Ich komme zu Ihnen, heute Nachmittag. Können wir uns irgendwo in der Stadt treffen?"

"Warum kommen Sie nicht einfach in die Kanzlei?", wollte Clara wissen.

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Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

"Das... wäre nicht gut für Sie." Er verstummte einen Moment. "Und für mich auch nicht."

Clara schüttelte den Kopf. Was hatte sie hier für einen Spinner in der Leitung? "Ich glaube nicht, dass ich die Richtige für Sie bin", versuchte sie, das Gespräch zu beenden, doch der Mann unterbrach sie erneut.

"Bitte, Frau Niklas! Ich kenne Ihre Mutter sehr gut!"

"Hat meine Mutter Sie etwa zu mir geschickt?", fragte Clara ungläubig. Was hatte, verdammt noch mal, ihre Mutter damit zu tun? Noch nie hatte ihre Mutter, Ärztin und Psychotherapeutin, Medizinerin mit Haut und Haaren, den Beruf ihrer jüngsten Tochter mehr als nur zur Kenntnis genommen.

"Nein! Sie hat damit gar nichts zu tun. Ich wollte damit nur sagen, bitte... Sie können mir vertrauen." Er verstummte.

Clara rieb sich die Stirn und kniff die Augen zusammen. Sie war gerade dabei, wieder einmal Zeit und Energie für irgendeinen Schwachsinn zu vergeuden, der einen Haufen Arbeit machen würde und kein Geld einbrachte. "Also gut", sagte sie. "Wo sollen wir uns treffen?"

"Um 15.30 Uhr im Café am Botanischen Garten", kam es wie aus der Pistole geschossen.

Clara musste fast lächeln. Dr. Lerchenberg hatte bereits alles geplant. "In Ordnung", sagte sie. "Bis dann."

"Äh, da wäre noch was", kam es zögernd aus der Leitung.

"Was noch?" Clara seufzte.

"Der Termin beim Vormundschaftsgericht, mit dem Ihnen die Betreuung übertragen wird, ist um 15.00 Uhr..."

"Wie bitte? Sie haben den Antrag bereits gestellt, ohne mich zu fragen?" Clara konnte es nicht fassen. "Was fällt Ihnen denn ein?"

"Es gab keine andere Möglichkeit, Frau Rechtsanwältin. Bitte, glauben Sie mir."

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Aktuelles Buch der Schriftstellerin Viktoria Rusch: Brudermord

Etwas an seiner Stimme brachte Clara dazu, ihren Zorn über die Eigenmächtigkeit dieses merkwürdigen Arztes ein wenig zu dämpfen. "Ich soll also da hingehen und eine Betreuung beantragen, ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, um was oder wen es sich dabei handelt, so stellen Sie sich das vor, ja?", fragte sie wütend.

"Ich schicke Ihnen ein Fax. Die Richterin war so freundlich, uns sofort einen Termin zu geben."

"Warum eilt die Sache denn so? Hat Ihr Schützling etwas angestellt?", wollte Clara wissen.

"Nein!" Die Antwort kam heftig. "Nichts hat sie angestellt, gar nichts! Da bin ich mir hundertprozentig sicher..." Er brach ab und Clara bemerkte, dass er die Hand auf die Muschel legte. Dumpfe Stimmen waren zu hören. Jemand sprach schnell und laut. Lerchenberg antwortete zunächst zögernd, wie es klang, dann wurde seine Stimme immer erregter, und obwohl Clara kein Wort von dem verstand, was gesprochen wurde, war deutlich zu hören, dass es sich um einen heftigen Wortwechsel handeln musste. Dann war Lerchenberg plötzlich wieder zu hören, seine Stimme klang merkwürdig zittrig, doch gleichzeitig sehr entschlossen: "Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung, Frau Anwältin, wir sehen uns dann also heute Nachmittag?"

"Äh, Moment..." warf Clara vergeblich ein. Dr. Lerchenberg hatte schon aufgelegt.

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Nicola Förg: Tod auf der Piste

"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

Auf der Kandahar-Piste im beschaulichen Garmisch wird ein Mann erschossen aufgefunden. Und als wenn das nicht schon brisant genug wäre, trägt er auch noch einen alten Skianzug von der WM, die 1978 in Garmisch-Patenkirchen stattgefunden hat.

Schnell finden die Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl heraus, um wen es sich bei dem Toten handelt: Ernst Buchwieser war Lehrer am Elite-Internat Ettal und nicht gerade das, was man als beliebt bezeichnen würde. Aufgrund seines militanten Engagements gegen die geplante Ski-WM 2011 hatte er viele Feinde im Ort, und seine aufbrausende, arrogante Art brachte selbst seine Freunde gegen ihn auf.

Viele Motive, Tatverdächtige und Alibis also, mit denen sich Irmi und Kathi herumschlagen müssen. Bis sie eine längst vergessen geglaubte Geschichte aus der Vergangenheit aufdecken, die den Mord an Buchwieser plötzlich in einem ganz neuen Licht zeigt...

"Tod auf der Piste": Boarische Mundart gepaart mit spannendem Mordfall

"Tod auf der Piste" ist der Auftakt zu einer neuen Krimiserie der Schriftstellerin Nicola Förg.

"Tod auf der Piste" ist der Auftakt zu einer neuen Krimiserie der bayrischen Autorin Nicola Förg, die den Tatort ihres Buches wie ihre Westentasche kennt. Während manche Dialoge unter den Protagonisten eher etwas plump daherkommen (Beispiel: "Pass auf, Bürscherl! Obacht geben - länger leben. Noch so'n Spruch - Kieferbruch!"), ist der Mordfall an sich spannend und das Ende durchaus überraschend.

Ein Buch also, das sich locker an zwei Urlaubstagen am Strand durchlesen lässt, ohne zu langweilen. Genauso gut, hätte "Tod auf der Piste" aber auch als Drehbuch für einen guten Tatort herhalten können, mit dem gleichen Ergebnis: ein kurzweiliges Vergnügen, das sich lohnt, aber ebenso schnell auch wieder vergessen wird.

Nicola Förg Tod auf der Piste. Ein Alpenkrimi. Piper Taschenbuch, 237 Seiten 7,95 EUR ISBN: 978-3-492-25389-5

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Lesprobe "Tod auf der Piste"

"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

Brauner Dreck verschmutzte den Parkplatz. Überall rannen kleine Bäche Schmelzwasser dahin, die sich einen Weg zwischen Rollsplitt und letzten Resten von verpapptem Altschnee bahnten. Es war warm, fast schon heiß, in der Sonne hatte es sicher gute fünfzehn Grad, und die Skifahrer, die mit halb offenen Skistiefeln und um den Bauch gewundenen Anoraks unter der Last ihrer Skier schwitzten, wirkten erbärmlich auf Irmi. Was sollte dabei der Spaß sein?, fragte sie sich. Zwei langhaarige Kerle schlenderten oben ohne auf einen VW-Bus zu, mit Skiern so breit wie Schalbretter und so bunt wie Bollywood-Kino.

Das war definitiv nicht ihre Welt. Irmi war als Kind mal ein bisschen Ski gefahren, aber da hatten die Skier anders ausgesehen, die Bindungen mit Drahtzug waren echte Knochenkiller gewesen, und prompt hatte sie sich auch den Unterschenkel gebrochen. Ski wurde dann nicht mehr gefahren, es war kein Geld da gewesen und keine Zeit, und so richtig traurig war Irmi auch nicht gewesen. Schule, Landwirtschaft, Musikkapelle, Schützenverein - sie hatte das Skifahren nie vermisst.

Nur auf die blöden Sprüche in der Ausbildung hätte sie verzichten können: Was? Alle Bayern fahren doch Ski! Klar, so wie sie unentwegt Lederhosen tragen und Dirndl. Irmi hatte seit ungefähr fünf Jahren kein Dirndl mehr getragen - was aber auch daran liegen mochte, dass sie denen aus ihrer Jugend um gut drei Kleidergrößen entwachsen war.

Ein Problem, das ihre Kollegin Kathi ganz sicher nicht kannte. Kathi war schlank, fast schon zu schlank. Ihre Cargo-Hüfthose hing lässig auf den Knochen, der Ansatz des Stringtanga war zu sehen, ein Teil vom Arschgeweih auch. Sie hatte wie so oft ihre langen brünetten Haare nachlässig am Hinterkopf verzwirbelt, was ihre hohe Stirn freigab, die natürlich völlig faltenlos war. Kathi wirkte ein kleines bisschen freakig, sah immer ein paar Jahre jünger aus als die achtundzwanzig, die sie nun mal war. Kathi konnte natürlich Ski fahren, Dirndl trug sie hingegen auch nie. "Wenn sich im dritten Jahrtausend Frauen freiwillig Schürzen umbinden, ist das ja wohl krank", pflegte sie zu sagen. Solche Sätze machten Irmi immer sprachlos.

"Servus", meinte Kathi und kam auf Irmi zugeschlendert, während sie noch schnell ihre Selbstgedrehte in einer Pfütze austrat. "Hast du kapiert, was hier eigentlich los ist?"

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

"Nicht wirklich. Ein Geist aus den späten Siebzigern, der irgendwo rumliegt? Christian Neureuther hat zum Kostümball aufgerufen? Aber da ist ja schon der Kollege Sailer, und der redet jetzt mal langsam und verständlich, damit wir Mädels auch kapieren, um was es geht. Gell, Sailer?" Irmi sah ihn aufmunternd an.

Sailer war nämlich einer, der jeden Satz bedächtig begann, dann immer schneller wurde und das Satzende in einer seltsamen Schnappatmung verschluckte wie ein Goldfisch auf dem Trockenen.

Sailer gab sich alle Mühe, und so erzählte der erregte Goldfisch dann von einem Toten, der "derschossn" mitten auf der Piste liege. Namentlich auf der Kandahar, und der Mann habe einen altmodischen Skidress an, eine Startnummer umgebunden, und seine Skier seien auch museal.

"Des san koane Carver", beschloss er seinen Bericht.

"Aha", meinte Irmi. "Sonst noch was?"

"Ja!" Das kam wie eine Gewehrsalve. Sailer strahlte. "I kenn den."

"Ach!"

"Ja."

"Und, Herr Sailer?"

"Das ist der Ernstl."

"Ernstl und wie weiter?" Irmi gab sich alle Mühe, dem Kollegen nicht an die Gurgel zu gehen.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

"Ja, der Ernst, der Schuilehrer".

"Sehr schön. Der Ernst. Und weiter?"

"Na, der Schuilehrer in Ettal."

"Lieber Herr Sailer. Wie heißt denn der Schullehrer in Ettal mit Nachnamen? Maier oder Huber oder Petersen?"

"Petersen hoaßt ma bei uns ned!"

"Nein, es sei denn, man ist ein Tourist aus Norddeutschland. Herrgott, Sailer, wie heißt der Mann?"

"Ach so, ja, der schreibt sich Buchwieser."

"Danke, Herr Sailer." Irmi atmete tief durch. Sie blickte bergwärts. "Und wie kommen wir da jetzt hin?"

Sailer wies auf zwei Skidoo-Schneeschlitten, auf denen je ein Bergwachtler lümmelte. "Damit?" Irmi beäugte die Gefährte kritisch. Der ganze Tag hatte schon schlecht begonnen. Aber es blieb ihnen wohl nichts anderes übrig.

Sie saß auf, und Kathi bestieg das andere Höllending. Die beiden Jungs schienen das Ganze wohl als Rennen missverstanden zu haben, außerdem hatte Irmi den Eindruck, dass der eine unbedingt seine Beifahrerin Kathi beeindrucken wollte. Mit sich aufbäumender Front schossen die Skidoos davon. Rums, das war die Bandscheibe.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

"So pressiert es auch wieder nicht. Der ist schon tot", brüllte Irmi ihrem Fahrer zu. Er drosselte das Tempo etwas, und einige weite Waldschleifen später erreichten sie einen kleinen Menschenauflauf. Die Piste war abgesperrt, zwei Bergwachtler mit Walkies hielten eine Skifahrermeute in Schach. Schlingernd kamen die Skidoos zum Stehen.

Die Piste war vereist wie ein Eisstadion, Irmi hätte sich fast hingelegt. Von einem jungen Typen in Basti-Schweinsteiger-Blond an der Absperrung kam der Ruf: "Zwoa Bulletten, jetzt geht's auf!"

Schnell wie eine Raubkatze war Kathi bei ihm. "Pass auf, Bürscherl! Obacht geben - länger leben. Noch so ’n Spruch - Kieferbruch!" Ihre braunen Augen funkelten, und der Typ machte einen Schritt rückwärts.

Die beiden Frauen traten näher. Oberhalb und unterhalb des Mannes hatte jemand Ski über Kreuz in den Schnee gesteckt, Absicherung einer Unfallstelle. Bloß sah das hier nicht wie ein Unfall aus. Eher wie eine Hinrichtung. Der Mann lag in einer seltsam verdrehten Haltung da, über seiner Schläfe befand sich ein Einschussloch. Blut hatte den umliegenden Schnee getränkt. Sein Gesicht war nicht vollständig zu erkennen, aber es war offensichtlich, dass er seitlich von hinten erschossen worden war.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

Er lag nicht weit vom Waldrand entfernt. Irmis Blick glitt an den Bäumen entlang, dann zückte sie ihr Handy. Ihre Anweisungen an die Spurensicherung waren klar und präzise. "Nehmt euch am besten Steigeisen mit", empfahl sie, ehe sie das Gespräch beendete. "Es ist hier überall arschglatt."

Ihr Blick ging zurück zum Toten. Dann zu einem der Bergwachtler.

"Habt ihr 'nen Arzt informiert?", erkundigte sie sich.

"Na, der is maushi. Was soll da ein Doktor?"

Das war wohl wahr, aber den Tod musste dennoch einer feststellen. Sie zog erneut ihr Handy raus. "Der ist zwar mausetot, aber den Doc könnt ihr trotzdem mitbringen."

Unmerklich schüttelte sie den Kopf, während sie den Toten fixierte. Ihr Blick kreuzte den von Kathi.

"Das sieht echt aus wie ein Kostümfest, oder?", sagte die.

Ernst Buchwieser trug einen seltsamen Dress und hatte eine Startnummer um, die Zahl siebzehn. Darunter befand sich der Aufdruck Ski-WM 1978. 1978 - da war Irmi zwanzig gewesen und Kathi noch nicht mal auf der Welt. Damals war Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen gewesen, aber weil Skifahren in ihrer Familie kein Thema war, fehlte Irmi jede Erinnerung.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

"Warum erschießt hier einer ein skifahrendes Gespenst aus der Vergangenheit, und das an einem Sonntag mitten auf der Piste? Was ist das denn für ein Krampf!", rief Kathi und sah richtig wütend aus.

Ja, warum? In dieser Gegend wurden eher selten Leute erschossen, vielleicht mal aus Versehen, weil ein kurzsichtiger oder besoffener Jäger einen anderen mit einem Hirsch verwechselt hatte. Aber Jäger trugen Bundhosen und Jägergrün, kein Ski-Outfit aus Omas Sportmottenkiste.

"Wer hat ihn denn gefunden?", fragte Irmi den Bergwachtler.

"Der da." Der Mann wies auf die Schweinsteiger-Kopie.

"Na dann!", rief Kathi, und das klang wie ein Schlachtruf. "Den hol ich mir!"

Irmi ließ sie gewähren. Kathi war eine aufbrausende Natur, aber in dem Fall konnte es ja nicht schaden, dass jemand das Jüngelchen mal etwas ausbremste.

"Name?"

"Sebastian Rauh."

"Von wo?"

"Mittenwoid."

"Um Gotts Wuin, a Mittenwoider, na dann wundert mi nix mehr. Eich druckt doch das Karwendel schwer aufs Hirn, oder", sagte Kathi und machte ein unschuldiges Gesicht. Außerdem war da dieses "oder". Es ist eine Schweizerische und auch Außerferner Eigenheit, immer ein "oder" an das Ende eines Satzes zu hängen. Er war zum Niederknien, dieser Dialekt, den Kathi drauf hatte. Aber Kathi war leider eine Frau, einem Mann mit diesem Dialekt hätte Irmi alles zu Füßen gelegt.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

Dann rief sie sich zur Räson, sie hatte sich auf den Toten zu konzentrieren und auf Kathi. Irmi warf ihrer Kollegin nun doch einen warnenden Blick zu, für so was konnte der Typ eine Beleidigungsklage anleiern. Tat er aber nicht, es schien eher so, dass die streitbare Kathi ihn beeindruckte, zumal sie mal wieder ihr Haar gelöst hatte und die Mähne samt dem "oder" in dem Fall auch die gewünschte Wirkung erzielte.

"Und du bist des gleiche Mistviech wie früher. Du bist ja eh a halbe Tirolerin. Du bist doch die Reindl Kathi, oder? Du warst mit meim Bruader in der Schui", sagte der Typ.

Kathi überlegte kurz. "Du bist der kloane Bruader vom Rauh Markus, oder?"

Irmi wandte sich ab, während die beiden ihre Jugenderinnerungen auffrischten. Sie beschloss, die Zeit zu nutzen und den Kollegen in Weilheim Bescheid zu geben. Genau genommen war die Station in Garmisch-Partenkirchen der Kriminalpolizeilichen Inspektion in Weilheim unterstellt. Der Kollege in Weilheim hörte aufmerksam zu: "Das klingt ja alles sehr mysteriös. Mädels, wenn ihr zusätzliches Personal benötigt, weil eine Soko gebildet werden muss, dann meldet euch, ja? Ich hoffe aber ehrlich gesagt, ihr schafft das allein. Wir sind personell total unterbesetzt."

"Schaun mer mal", meinte Irmi.

"Ja, schaut mal. Bei euch da unten im wilden Werdenfels kommt ihr sicher besser zurecht als wir. Der Werdenfelser... Ich weiß ja nicht." Er lachte. "Alles Gute!"

"Danke." Irmi ärgerte sich, aber nur ein bisschen. Immer diese ironischen Bemerkungen über ihre Landsmannschaft von den Flachländern da draußen in Weilheim. Die hatten ja nicht mal richtigen Schnee im Winter!

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

Sie betrachtete erneut den Toten, der dalag wie eine dieser Figuren im Künstlerbedarf, deren Holzgelenke man in alle Richtungen drehen konnte. Als Sailer vorher den Namen Ernst Buchwieser erwähnt hatte, da hatte sie nicht schnell genug geschaltet. Aber jetzt wurde ihr bewusst, dass sie durchaus wusste, wer er war. Jeder zwischen hier und München kannte wahrscheinlich seinen Namen, sofern er den Merkur, die Süddeutsche oder auch nur den Kreisboten konsumierte. Ernst Buchwieser, der Mann, der einfach alles tat, um die Ski-WM 2011 zu torpedieren und Sand ins Getriebe zu streuen. Was hieß da streuen? Das waren schon eher Wanderdünen, die Buchwieser in Gang gesetzt hatte.

Seine Aktionen hatten die Zeitungen gefüllt. Vor allem seine letzte Attacke: In einer Nacht- und Nebelaktion hatte er die ganzen Säulen am Eingang zum Landkreis, die die WM-Werbung trugen, umgestürzt. Natürlich nicht allein, nicht von Hand. Nein, er hatte einige Schüler verführt, ihm zu helfen. Schüler, die sich Papas Bulldog ausgeliehen hatten. Ein ländliches Geschwader war das gewesen - gerüstet mit Fendt, Claas und Deutz Power. Das hatte ihm die Schule übelgenommen, und einige der Väter auch. An den großen Artikel erinnerte sich Irmi nur zu gut, das war erst vor einigen Tagen gewesen.

Kathi kam zurück. "Das ist ja ein Ding, das war der Bruder von einem Kumpel von mir."

"Hab ich angesichts eurer Dialektentgleisungen feststellen dürfen. Ich wusste gar nicht, dass du so ein breites Tirolerisch kannst!"

Kathi grinste. "Die lokale Sprache zu beherrschen lockert eben Zungen. Also, der Basti sagt Folgendes: Er stand mit seinem Kumpel etwas weiter oben am Pistenrand, sie haben mal verschnauft, und auf einmal haben sie Schüsse gehört. Das kam ihnen erst mal nicht komisch vor, na ja, die Mittenwalder wildern ja auch alle. Als sie weiterfuhren, sahen sie den Mann da liegen. Sie haben das erst gar nicht mit dem Schuss in Verbindung gebracht, sondern an einen Unfall gedacht. Aber wie er da so lag und das viele Blut, da ist ihnen gekommen, dass der erschossen worden sein könnte. Sie haben die Unfallstelle abgesichert und die Polizei angerufen."

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

"Haben sie ihn angefasst?"

"Basti sagt, nein."

"Haben die beiden denn jemanden gesehen?"

"Das hab ich auch gefragt. Es sind natürlich noch andere Skifahrer des Weges gekommen, einige sind auch stehen geblieben. Die stehen immer noch da, dieses sensationslüsterne Pack. Andere sind weitergefahren, wahrscheinlich, weil sie Angst hatten, was helfen zu müssen. Typisch, oder? Entweder sind die Menschen voll geil auf Unfälle oder aber Schisser ohne Ende."

Wenn auch verbal wenig feinsinnig, war das für Kathis Verhältnisse fast schon gesellschaftskritisch-philosophisch, dachte Irmi leicht amüsiert.

"Das heißt, der Mörder hätte seelenruhig davonschwingen können inmitten von anderen Deppen, die sich freiwillig diese rutschigen Latten unter die Füße schnallen?", fragte sie eher rhetorisch, denn die Antwort war klar.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

Kathi nickte: "Ich hätte heute früh gar nicht aufstehen dürfen. Hätte ich gewusst, dass das so ein Krampftag wird. Buchwieser. Ausgerechnet der. Ein stadtbekannter Querulant wird erschossen. Ach was, ein bayernweit bekannter Querulant. Weißt du, wie viele Verdächtige es da gibt? Halb Garmisch! Und der gesamte Deutsche Skiverband wird ihn gehasst haben, oder."

Wieder schlingerten die Skidoos heran, diesmal mit der Spurensicherung an Bord. Der Chef der Truppe sah aus, als hätte er Zahnweh oder Schlimmeres.

"Willst du etwa sagen, dass wir hier auf dem Eis rumrutschen sollen?"

"Hasibär!" Irmi lächelte ihn an. Der Kollege hieß Bernd Hase und hasste den Spruch "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts" abgrundtief, weswegen er bei Irmi eben Hasibär hieß. "Ich hatte dir nicht leichtfertig zu Steigeisen geraten. Glaub mir halt mal was!"

Er seufzte. "Glaub einer Frau, und du fällst ab vom Glauben." Er seufzte nochmals. "Volles Programm?"

"Ja, wir brauchen den Schusswinkel. Woher wurde geschossen? Die Spuren in der Umgebung. Wer war zur Tatzeit am Berg? Und so weiter und so fort."

Inzwischen war auch der Arzt nähergetreten, so elegant, als wandle er immer nur auf dem Eis herum. Der Figur nach ein sehniger Bergfex, der wahrscheinlich nach dem Dienst mal schnell eine Siebenerwand kletterte oder rasch noch tausend Höhenmeter joggte. Er hatte extrem blaue Augen, und Irmi fragte sich, ob wohl Bergsteiger immer so blaue Augen hatten. "Was wollts von mir?", fragte er. Nicht unfreundlich, eher desinteressiert.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

"Der Bürokratie Genüge tun, oder." Kathi strahlte ihn an und löste das hochgesteckte Haar, fuhr sich durch die langen Strähnen und verzwirbelte das Ganze wieder wie zufällig am Hinterkopf.

Er schien für ihre Reize aber nicht empfänglich zu sein. Stattdessen nahm er seinen Rucksack vom Rücken, beugte sich zu dem Mann hinunter und machte ein paar schnelle Handbewegungen. Anschließend schrieb er ein paar Notizen nieder und drückte dann Kathi das obligatorische Blatt in die Hand: "Kein natürlicher Tod. War's das?"

Irmi nickte. "Ja, danke. Ich lass Sie mit dem Skidoo wieder runterbringen."

"Nicht nötig." Er zog aus seinem Rucksack ein Paar sogenannte Figln, die er in Affengeschwindigkeit anschnallte, um dann in zwei weiten Bögen von dannen zu zischen. Seine Haltung war perfekt, obwohl es auf dem Eis wahrscheinlich selbst mit scharf geschliffenen Kanten von Carvern schon schwer war, vernünftig auszusehen. Aber mit diesen Firngleitern? Selbst Kathi war sprachlos, vor allem weil er sie so dermaßen ignoriert hatte - das passierte ihr wohl eher selten. Irmi wandte sich an den Hasen, der gerade mit seiner Nikon werkelte.

"Hasibärchen, kann der Tote weg? Habt ihr so weit alles?"

"Ja, ich bin versucht zu sagen: leider. Der Schuss muss vom Waldrand gekommen sein, ich freu mich schon richtig auf diese Eiskletterei..."

Irmi lachte. "Wann hören wir von dir?"

"Wenn wir fertig sind!"

Irmi verkniff sich einen Kommentar, veranlasste, dass Buchwieser in einem Rettungsschlitten ins Tal gebracht wurde, und bestieg den einen Skidoo, nicht ohne den Fahrer zu warnen: "Wenn du wieder fährst wie eine Sau, lass ich dich verhaften."

Unten angekommen, stiegen die beiden Kommissarinnen gerade von den beiden Höllenmaschinen, als Kathis Handy ging.

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"Tod auf der Piste" von Nicola Förg

Irmi lauschte dem Gespräch mit einem Ohr.

"Jetzt beruhig dich doch, Mama... Ja, Kruzifix, ich bin in Garmisch, wo sonst... Mama, ja, ich komm so schnell es geht."

Irmi sah sie fragend an.

Kathis Stimme bebte leicht. "Meine Tochter ist nach der Schule nicht heimgekommen. Und meine Mutter dreht völlig durch."

Das sollte cool klingen, aber Irmi spürte, dass Kathi am Limit war. Wenn das eigene Kind verschwand, verursachte das eine Panik, die klares Denken binnen Sekunden ausschaltete. "Fahr heim", sagte Irmi. "Such sie. Sie ist bestimmt bei einer Freundin. Ich kann auch allein zur Familie von Ernst Buchwieser fahren. Wirklich!"

"Bestimmt?", fragte Kathi fast kleinlaut.

"Ja, sicher. Was du aber machen kannst: Du hast auch daheim über deinen Laptop Zugang zum Polizeicomputer. Recherchier doch mal, was 1978 im Werdenfelser Land so passiert ist. Was Ernst Buchwieser da gemacht hat. Geht das?"

"Sicher. Danke." Kathi ging im Eilschritt zu ihrem Auto, sie rannte beinahe. Am Wagen drehte sie sich noch mal um. "Danke!"

"Passt scho!", rief ihr Irmi hinterher. Dann wandte sie sich an ihren Kollegen: "Sailer, haben Sie die Adresse von Ernst Buchwieser? Kennen Sie seine Lebensumstände?"

"Er ist verheiratet mit einer Maria Buchwieser. Keine Kinder."

"Gut, danke!"

Langsam ging Irmi auf ihr Auto zu. Sie riss sich nicht gerade darum, eine Familie über den Tod ihres Angehörigen zu informieren, aber es musste nun mal sein.

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