Åsa Linderborg: Liebeserklärung an einen Vater mit Mängeln

Die Schwedin Åsa Linderborg verändert das Leben ihrer Leser: Durch ihr Debüt "Ich gehöre keinem" haben sich in ihrer Heimat Familien versöhnt. Und Männer, die mit sich haderten, konnten wieder an sich glauben.

Sind Alkoholiker die besseren Menschen? Wer dieses Buch gelesen hat, wird sich vielleicht dafür schämen, jemals einen Trinker verachtet zu haben. Die schwedische Kulturredakteurin Åsa Linderborg schreibt in ihrem Debüt "Ich gehöre keinem" (Ü: Paul Berf, 288 S., 17,95 Euro, btb) über ihre Kindheit mit einem alkoholkranken Stahlarbeiter als Vater. Einem Mann, der trotz des beschriebenen Elends so viel Charakter und Herzlichkeit hat, dass einem beim Lesen das Herz weh tut wegen der Diskrepanz zwischen gutem Willen und mangelndem Ergebnis. Åsas Mutter hielt das Leben mit ihm nicht mehr aus, sie verließ die Familie, als das Kind dreieinhalb Jahre alt war.

Åsa Linderborg

38 Jahre ist diese Trennung nun her, doch Åsa Linderborg weiß noch heute jede Einzelheit des Abends, der alles veränderte. Man sieht dieser Frau nicht an, dass ein Leben hinter ihr liegt, in dem sich niemand wusch oder die Zähne putzte. Åsa Linderborg ist schick gekleidet mit schwarzem Oberteil und einem Rock im Pepita-Muster, ihr Schmuck ist dezent, aber teuer. Gerade hat die Historikerin einen Vortrag an der Universität von Erlangen gehalten. Sie fällt auf mit ihren roten Haaren, den Sommersprossen und dem großen Mund - eine selbstbewusste Frau, die weiß, dass ihr die Männer hinterhergucken. Doch sobald sie über ihre Vergangenheit spricht, wirkt sie nicht mehr stark, sondern nur noch verletzt.

"An dem Tag damals war es draußen längst dunkel", erinnert sich Åsa Linderborg. "Mein Vater und ich gingen immer wieder zum Fenster und fragten uns: Wann kommt sie nach Hause? Plötzlich hörten wir einen Schlüssel, wir riefen 'Hallo', aber meine Mutter sagte nichts, zog ihren Mantel nicht aus, griff zu einer Tasche und füllte sie mit Kleidung. Sie weinte. Mein Vater setzte mich grob aufs Sofa und sagte: 'Rühr dich nicht, deine Mutter ist verrückt geworden.' Und ich saß da wie versteinert, sah, wie er sie halten wollte und wie sie ihn von sich wegstieß. Und er schrie: 'Was ist mit dem Mädchen?'" Im Buch schreibt Åsa dazu: "Ich fragte Mama, warum ich an jenem Abend, als sie uns verließ, nicht hatte mitgehen dürfen. Sie gab mir immer die gleiche Antwort: Papa tat ihr so leid, dass sie ihm das Schönste schenkte, was sie hatte."

Auch ein Vater, der viel falsch macht, kann ein guter Vater sein

Åsa Linderborg wollte die Wahrheit schreiben. Und dazu gehörte, auch all das Schlimme zu veröffentlichen, was sie als Kind nie jemandem erzählt hätte. Nicht mal ihre Mutter, die sie alle zwei Wochen besuchte, habe geahnt, wie sehr sie verwahrloste. Es gab niemanden mehr, der zu Hause die Betten bezog, keiner machte Frühstück. Statt dessen gab es einen Vater, der so trank, dass er jeden Morgen in die Spüle kotzte. "Das war die eine Seite", sagt Åsa. "Und gleichzeitig war ich sein Star. Ich habe nie einen Vater erlebt, der seiner Tochter mehr Liebe gab als meiner. Er war lustig, und ich durfte alles mit ihm bereden. Dank ihm konnte ich bereits vor Schulbeginn komplizierte Bücher lesen. Ich wollte mit dem Buch sagen: Auch ein Vater, der viel falsch macht, kann ein guter Vater sein. Für ihn brach eine Welt zusammen, als meine Mutter uns verließ. Er hat sich davon nie erholt. Und trotzdem hat er nie ein schlechtes Wort über sie verloren. Er schickte ihr sogar Blumen, als sie mit ihrem neuen Mann ein zweites Kind bekam. Und als sie in den 90ern für das Parlament kandidierte, kreuzte er ihren Namen an."

Viele kleine Geschichten erlauben, sich ein eigenes Bild zu machen von diesem starken Mann mit den tätowierten Armen, von dem es nur ein gemeinsams Foto mit seiner Tochter gibt. Das ist jetzt auf dem Cover ihres Buches zu sehen. Fotografi ert hat es die Mutter, als alle noch zusammen waren. Ein typisches Bild für die Familie: Åsa wirft sich ihrem Vater an den Hals, die Mutter steht am Rand. Von ihr sieht man auf diesem Foto nur die Zigarette im Aschenbecher.

Sie hoffte, der Vater wäre endlich tot

Am Anfang ihres Buches steht die Telefonliste, die Åsa Linderborg nach dem Tod des Vaters in seinem Portemonnaie fand. Ganz oben steht sie, Åsa, dann die Nummer, unter der er Schnaps bekam, weiter unten die Ziffern zu "Britta mit den Titten". Und dann erzählt die Autorin ihre ganz persönliche Geschichte: die kindliche Faszination als kleines Mädchen, das Drama, als der Vater während ihrer Pubertät von Weißwein- zu Schnapsflaschen wechselte und oft nicht zur Arbeit gehen konnte, wie sie anfing, ihn zu hassen, und hoffte, er wäre endlich tot, wie sie sich mit 14 von ihm trennte und zur Mutter zog, jahrelang den Kontakt vermied, bevor sie wieder zu ihm ging, als sie selbst schwanger war und wollte, dass ihr Kind einen Opa wie ihn haben sollte. Es ist ein einziges Auf und Ab zwischen zwei Menschen, die immer abhängig voneinander waren. Selbst durch seinen Tod vor sieben Jahren hat sich das nicht geändert. Wenn Åsa Linderborg heute darüber redet, dass es eine Zeit gab, in der sie die Straßenseite wechselte, sobald ihr Vater ihr entgegenkam, zittert ihre Unterlippe, und sie kämpft mit den Tränen.

Åsas Mutter wählte einen anderen Mann, ihr Vater wählte seine Flaschen

"Es war nicht einfach, das alles zu schreiben. Umso mehr freue ich mich über die verrückten Reaktionen meiner Leser", sagt sie. "Mein Vater wird heute in Schweden wie ein Held gefeiert. Einmal fuhr ich in der U-Bahn, und eine Frau schrie durch das Abteil: 'Frau Linderborg! Ich liebe Ihren Vater!' Mir schreiben Männer aus der Arbeiterschicht, dass sie seit der Schule nichts mehr gelesen hätten, aber dann mein Buch. Und eine Frau schrieb mir, sie habe seit Jahren nicht mehr mit ihrer Mutter oder ihrem Vater gesprochen. Nun hätten sie mein Buch gelesen und darüber wieder zueinander gefunden." Für Åsa Linderborg selbst hatte das Buch nicht die Wirkung, die sie erhofft hatte. Mit dem Schreiben war ihr Wunsch verbunden, endlich mit ihrer Mutter aufrichtig über ihren Vater reden zu können. Doch schlechter als seit der Veröffentlichung sei ihr Kontakt nie gewesen. "Meine Mutter war geschockt. Es war immer ihr Geheimnis, dass sie mich bei meinem Vater zurückgelassen hatte. Da ich später bei ihr lebte, erzählte sie auch im Parlament, ihr neuer Mann sei mein Vater. Aber ich wollte bei dieser Lebenslüge nicht mehr mitmachen. Nach dem Buch wurde sie von vielen Menschen nicht mal mehr gegrüßt. Aber es ist falsch, sie zu verteufeln. Meine Eltern haben beide auf ihre Bedürfnisse geachtet, bevor sie an mich dachten: Meine Mutter wählte einen anderen Mann, mein Vater wählte seine Flaschen."

Beides hat seine Wirkung hinterlassen: Bis heute, sagt Åsa Linderborg, fürchte sie, dass Menschen, die sie liebt, sie verlassen könnten. Oder dass sie für Menschen, die ihr etwas bedeuten, nicht wichtig genug ist. Doch dann erzählt sie vom Gegenteil, wie ihr zehnjähriger Sohn letztens einen neuen Freund mit nach Hause brachte und seine Familie so vorstellte: "Das ist mein Vater, das meine ältere Schwester, und das ist Åsaaaaaaa Linderbooorg." Sie sagt: "Peinlich!", aber natürlich ist es ihr alles andere als peinlich. Mit ihrer Familie wohnt Åsa in Uppsala, und in Stockholm, wo sie arbeitet, hat sie neuerdings eine Zweitwohnung. "Ich hatte immer zwei Leben, bei meiner Mutter und bei meinem Vater. Vielleicht setzt sich das so fort." In Schweden wird das Buch nun verfilmt, und ein Theaterstück soll in der Fabrik von Vasteras aufgeführt werden, in der Åsas Vater arbeitete. Die Tickets sind für ein Jahr im Voraus ausverkauft. "Ich habe Erfolg. Trotzdem fühle ich mich nicht der Mittelschicht angehörig. Ich denke bis heute, irgendwann wird jemand herausfi nden, dass ich ein Nichts bin, und dann falle ich dahin zurück, wo ich hergekommen bin."

Vielleicht ist dies der tragischste Teil der Geschichte: dass diese Frau nicht erkennt, wie besonders sie ist. Als Erwachsene sagte sie mal anerkennend zu ihrem Vater: "Ich begreife nicht, woher du all die Kraft genommen hast." Vielleicht sollte sie sich diesen Satz ruhig mal selbst sagen.

Text: Andrea Hacke Foto: Ulla Montan

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