"Eine unglaubliche Leere": Yasmina Reza über Nicolas Sarkozy

In ihrem Buch "Frühmorgens, abends oder nachts" beschreibt die französische Autorin Yasmina Reza ihre Beobachtungen von Nicolas Sarkozy, den sie im Wahlkampf begleitete. Seitdem wird die renommierte Dramatikerin als Gemüts-Expertin in Sachen Sarkozy gehandelt - gegen ihren Willen.

"Ich suche nicht nach Nicolas Sarkozy. Ich suche mich." Im Leopardenkleid sitzt Yasmina Reza auf der Bühne des Hamburger St. Pauli Theaters, die Beine elegant übereinander geschlagen - und versucht sogleich die Hoffnungen derer zu zerstreuen, die nur gekommen sind, um mehr über den Privatmann Sarkozy zu erfahren.

An diesem Abend im April beantwortet Reza geduldig Fragen zu ihrem neuen Buch "Frühmorgens, abends oder nachts" - ein Buch, das in Frankreich vier Monate nach Sarkozys Wahlsieg erschien und dort ein großes Echo fand. In der Klatschpresse, die genüsslich Passagen zitierte, in denen der Präsident mal als trotziges Kind, mal als eitler Selbstdarsteller beschrieben wird. Und in Literaturkreisen, die die poetischen Qualitäten von Rezas Beobachtungen priesen. Ein Jahr lang war die weltweit meistgespielte Gegenwartsdramatikerin Sarkozy im Wahlkampf auf Schritt und Tritt gefolgt. Da drängt sich die Frage nach dem "Warum?" geradezu auf.

Sie wollte einen Mann portraitieren, der ein politisches Tier ist, ein "animal politique": der "Politiker als Extremfall menschlicher Existenz", der der Vergänglichkeit den Kampf erklärt hat. Sarkozy sei da im Frühjahr 2006 eine "Evidenz" gewesen.

Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass sich Sarkozy gar nicht so sehr von Rezas typischen Protagonisten unterscheidet: Er ist mittleren Alters, Teil des Establishments. Er hat etwas erreicht und ist doch auf der Suche. Er befindet sich "im ständigen Wettlauf mit der Zeit", wie Reza sagt. "Für Männer wie ihn gibt es keine Gegenwart, niemals. Sie leben immer im Morgen. Es gibt kein Jetzt, keinen Genuss, keine Freude. Da ist nur eine unglaubliche Leere."

Auf der nächsten Seite: Nach vierzehn Tagen waren Sarkozy und Reza beim "Du"

Die Autorin mit Sarkozy: Reza begleitete ihn ein Jahr lang im Wahlkampf

Zu Beginn ihrer Sarkozy-Langzeitbeobachtung hatte Reza sich strenge Verhaltensregeln auferlegt: kein Duzen, sie würde ihn stets "Herr Minister" anreden (Sarkozy war zu der Zeit französischer Innenminister). Doch schnell merkte sie, dass diese gezwungene Distanz nicht funktionierte und eher Misstrauen bei ihm weckte. Nach vierzehn Tagen waren sie beim "Du". Yasmina Reza gibt zu, von der Kraft Sarkozys ergriffen gewesen zu sein und sogar eine gewisse Sympathie empfunden zu haben. Das sei essentiell für das Schreiben: "Ich habe die Fähigkeit, fast schizophren zwischen Yasmina, der Freundin, und Yasmina, der gnadenlosen Schriftstellerin, zu unterscheiden." Nähe und Sympathie seien für die Distanz nicht hinderlich. Seit dem Ende der Wahlkampftour hat sie Sarkozy nicht mehr gesehen, sagt die attraktive Autorin. Und nach der Veröffentlichung des Buches in Frankreich verging ein ganzer Monat, in dem Reza nichts von ihm hörte. Dann ein Anruf von ihm, über dessen Inhalt sie sich nicht äußern möchte. Nur so viel: "Er meinte: 'Das ist kein Buch über mich. Yasmina, Sie haben über sich selbst geschrieben'." Yasmina Reza lächelt.

Yasmina Reza "Frühmorgens, abends oder nachts" 208 Seiten, 17.90 EUR Hardcover, Hanser Verlag ISBN: 978-3-446-23029-3

Text: Denise Klink Foto: Philippe Wojazer/Reuters
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