"Wir können von Märchen lernen"

Märchen faszinieren uns - noch immer. Weshalb Prinzessinnen immer lieb und schön sind und wieso Grausamkeit in Märchen auch ihr Gutes hat, erklärt Dr. Kathrin Pöge-Alder, Märchenforscherin aus Leipzig.

Dr. Kathrin Pöge-Alder

Brigitte.de: Weihnachten ohne "Drei Nüsse für Aschenbrödel", das ist für viele kaum vorstellbar. Was macht Märchen zu Dauerbrennern?

Kathrin Pöge-Alder: Eigentlich ist das anhaltende Interesse an Märchen überraschend, weil man schon in der Romantik geglaubt hat, dass diese Art von Literatur aussterben wird. Deswegen war man damals auch bestrebt, Märchen zu sammeln und zu bewahren. Doch das war eine Fehleinschätzung, im 20. Jahrhundert erlebten Märchen eine Renaissance. Mit Märchen kann sich der Zuhörer eben gut identifizieren: Aufgrund ihres abstrakten Stils und ihrer flächenhaften Darstellung kann jeder seine Erlebniswelt damit in Verbindung bringen.

Brigitte.de: Können Sie das näher erläutern?

Kathrin Pöge-Alder: Die Helden sind keine Individuen, sondern Typen. Es wird reine Handlung geschildert, nichts Inneres, jedenfalls in den Grimmschen Volksmärchen - bei Hans Christian Andersen haben die Figuren auch Gefühle. Das heißt aber nicht, dass in den Volksmärchen die Emotionen keine Rolle spielen. Ihre Schilderung findet zwar im Text selbst nicht statt. Der Leser wird jedoch durch die schlichte, mitreißende Erzählweise zum Mitfiebern angeregt. Er füllt die Leerstellen sozusagen mit seinen eigenen Emotionen und inneren Bildern aus. Und bei vorgelesenen Märchen werden sie durch die Erzählweise transportiert, durch Betonung und Gestik. Zwischen Erzähler und Zuhörer besteht meist eine große räumliche Nähe, außerdem ist die Aufnahme über das Ohr eine viel intensivere. So wird die vorgetragene Geschichte zu einem richtigen Erlebnis.

Brigitte.de: Was haben Märchen noch zu bieten?

Kathrin Pöge-Alder: Sie verkörpern einen wunderbaren Gegensatz zur Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit. Und man kann von ihnen lernen, so merkwürdig das auf den ersten Blick klingen mag: Im Märchen wird Lebensweisheit transportiert, es kann Orientierung im Leben bieten. Zum Beispiel, wenn wir lernen, dass die kleine Geldbörse reicht, und die große uns Unglück bringt.

Brigitte.de: Aber ist es nicht eher so, dass gerade uns Frauen die moralisierende Schwarz-Weiß-Darstellung in Märchen aufstößt? Entweder sind wir dort liebe, hübsche Prinzessinnen, oder aber böse Hexen und Stiefmütter...

Kathrin Pöge-Alder: Ja, und die Männer sind stets die Helden, und auch der "Dummling" wird am Ende König... Wir haben hier vor allem die Grimmschen Märchen vor Augen, die Anfang bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gesammelt und veröffentlicht wurden. Zu dieser Zeit entsteht die bürgerliche Familie, Deutschland bildet sich heraus als Nationalstaat. Deswegen schneiden die Brüder Grimm ihre Frauengestalten auf das Häusliche zu: Die Frau hält den Mund und den Haushalt in Ordnung. So wird Goldmarie von Frau Holle für ihren Fleiß mit Gold belohnt, die faule Pechmarie dagegen mit klebrigem Pech übergossen. Wir mögen uns daran stoßen, diese Frauenfiguren entsprechen jedoch dem damaligen Zeitgeschmack. Polarisierung ist außerdem eine Gattungseigenschaft. Märchengestalten sind schön oder hässlich, gut oder böse, es gibt kaum Zwischentöne - das gilt für Männer- wie Frauengestalten. Das hat - vor allem für Kinder - auch eine beruhigende Wirkung: Das Böse wird am Ende ausgelöscht, darauf ist im Märchen Verlass.

Brigitte.de: Wenn die Familie so heilig ist, wieso wimmelt es in den Märchen nur so vor bösen Stiefmüttern?

Kathrin Pöge-Alder: Das mit den Stiefmüttern ist eine ganz wichtige Sache. Besonders Wilhelm Grimm hat in seinen Bearbeitungen dieses Motiv verstärkt. Nehmen wir den bekannten Konflikt in "Schneewittchen": Zur damaligen Zeit war es eine schlimme Vorstellung, dass eine Mutter auf ihre Tochter neidisch sein konnte. Deswegen musste die Stiefmutter her. Sie ist die Böse, über die am Ende das Gute triumphiert, und die Mutter als Typus bleibt davon unberührt.

Brigitte.de: Nun erklären Sie doch bitte, wieso Prinzessinnen immer schön und rein sind.

Kathrin Pöge-Alder: Königshäuser haben eine herausgehobene Stellung, das galt damals, und gilt auch heute, woran die Märchen nicht ganz unschuldig sind: Prinzessinnen, auch die echten, müssen bestimmte Eigenschaften verkörpern. Sie sollten besonders tugendhaft sein, besonders schön, eine eigene Meinung ist nicht unbedingt gefragt. Was passiert, wenn eine moderne Prinzessin nicht diesen Erwartungen entspricht, kann man an der japanischen Prinzessin beobachten, einer gebildeten Frau, die auch die Last ihrer Aufgaben - einen Sohn zur Welt bringen, stets lächeln, Mund halten - deutlich spürt. Die extreme Idealisierung des Erscheinungsbildes einer Prinzessin ist märchentypisch: Ihre überirdische Schönheit steht für besondere innere Tugend. Deswegen sind Prinzessinnen nicht nur schlecht für unser Frauenbild. Wenn sich kleine Mädchen wünschen, so schön zu sein wie eine Prinzessin, identifizieren sie sich auch mit deren Tugendhaftigkeit.

Brigitte.de: Gibt es Märchen, die man Kindern nicht unbedingt erzählen sollte?

Kathrin Pöge-Alder: Eigentlich sind Märchen keine Kindergeschichten. Es kommt vor allem auf die Umstände des Erzählens an: Früher wurden Märchen in traditionellen Erzählergemeinschaften vorgetragen, zum Beispiel in der Küche oder bei der Totenwache, wo die ganze Hausgemeinschaft beisammen war und sich die Zeit mit Geschichten vertrieb. Wenn es gruselig wurde, konnten die Kinder einfach unter der Schürze der Mutter verschwinden. Wenn ich heut zu Tage mein Kind alleine vor den Fernseher setze, wo es sich Märchenfilme anschaut - da fehlt die Geborgenheit, die vieles auffängt.

Brigitte.de: Wie grausam sind Märchen denn für Kinder?

Kathrin Pöge-Alder: In den Grimmschen Märchen fließt kein Blut. Wenn das kleine Mädchen, das den Glasberg aufschließen soll, sich ihren eigenen Finger abschneidet, um hineinzukommen, dann versteht jedes Kind intuitiv, dass sie ihr Letztes gibt - und nicht sich selbst verstümmelt. Kinder sollten natürlich schon eine gewisse innere Festigkeit haben. Dann haben auch grausame Szenen in Märchen eine positive Wirkung, denn sie machen den Selbsterhaltungstrieb stark: Wenn die Hexe bei "Hänsel und Gretel" in den Ofen wandert, ist das gut, denn Gretel, die im Verlauf des Märchens oft Schwäche zeigt, kann das Böse vernichten.

Brigitte.de: Sie sind Märchenforscherin und kennen sicher unendlich viele Märchen. Haben Sie ein Lieblingsmärchen?

Kathrin Pöge-Alder: Ich habe keins. Ich mag Märchen mit starken Figuren, zum Beispiel mit Rätselprinzessinnen. Das sind Prinzessinnen, die denjenigen, der um ihre Hand anhält, vor schwierige Aufgaben stellen. Jedenfalls gebe ich zu: Obwohl ich mich schon lange wissenschaftlich mit Märchen auseinandersetze, lese ich sie noch immer leidenschaftlich gerne.

Interview: Wiebke Peters
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