Adam Davies: "Liebe ist wie ein gigantischer Wirbelsturm"

Wie lässt sich Liebe in Worte fassen? Lieben Männer anders als Frauen? Und gibt es sie, die eine große Liebe? Fragen, auf die man als Autor eines Liebesromans bestimmt Antworten hat. BRIGITTE.de bat "Froschkönig"-Verfasser Adam Davies zum Gespräch.

Über den Roman "Froschkönig"

Adam Davies: Froschkönig, Übersetzung: Hans M. Herzog, 384 Seiten, 19.90 EUR, Diogenes

Ein Problem gibt es bei diesem Roman: Evie, die Frau, in die der Erzähler Harry verliebt ist, ist so rundherum vollständig klasse, dass man als Leserin manchmal eine hässliche kleine Eifersucht auf sie verspürt. So eine Frau hat ein verlogener New Yorker Loser wie Harry natürlich überhaupt nicht verdient, und genau darum geht's hier. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte tut Harry nicht wirklich viel, um sich die lautere Liebe der großartigen Evie zu verdienen. Von seinen Versäumnissen erzählt Adam Davies mit beiläufiger Raffinesse, witzig, elegant und unaufgeregt zugleich. Es heißt, die Geschichte werde derzeit verfilmt von Darren Star, der 94 Episoden von "Sex and the City" geschrieben hat. Wer wohl zauberhaft genug ist, die zauberhafte Evie zu spielen?

Interview mit Adam Davies

Adam Davies

BRIGITTE.de: Harry ist ja am Anfang ein ziemlicher Mistkerl. Würde sich eine Frau so verhalten wie er?

Adam Davies: Ich hoffe nicht. Eigentlich sollte sich überhaupt niemand so wie Harry benehmen, niemand sollte die Gefühle anderer Menschen so verschwenden, wie er es tut. Dabei hat Harry eigentlich Angst vor der Liebe. Er fühlt sich wertlos, er hat das Gefühl, die Liebe von Evie nicht zu verdienen. Er ist ein emotionaler Krüppel - ein typischer junger Mann eben, der den Empfindungen anderer Menschen misstraut.

BRIGITTE.de: Können Frauen ähnlich misstrauisch sein?

Adam Davies: Aber sicher. Nur aus anderen Gründen. Frauen scheinen einfach ein intuitiveres Verständnis von Liebe zu haben. Und sie sind sehr viel mutiger. Wenn ein Mann die Worte 'Ich liebe dich' ausspricht, dann verwandeln sie sich für ihn in Zement. Wenn Frauen sie aussprechen, klingen sie völlig anders und beinhalten ein Gefühl von Schicksalhaftigkeit.

BRIGITTE.de: Harrys Problem besteht ja auch darin, dass er seine Liebe nicht ausdrücken kann ...

Adam Davies: Ja, er liest jahrelang Wörterbücher, um die Liebe, die er zu Evie empfindet, in die richtigen Worte zu fassen. Er sucht einen Weg, seine ganz speziellen Gefühle auch ganz speziell auszudrücken. Und er hat das Gefühl, vor Evie zu versagen, wenn er diese Wörter nicht findet. Das ist sein allergrößter Fehler, dass er Evie nicht einfach so liebt, wie sie ist und wie sie es verdient.

BRIGITTE.de: Kennen Sie die Gefühle, mit denen Harry kämpft, aus Ihrem eigenen Leben?

Adam Davies: Die sind mir schon ziemlich vertraut. Auch ich habe jahrelang gegen Verlustängste und Kummer angekämpft. Das war eine sehr harte Zeit, und ich habe genau wie Harry sehr lange gebraucht, um meine Gefühlswelt mit der Sprache zu versöhnen. Das klingt jetzt kompliziert, aber im Grunde genommen ging es dabei um die Angst davor, meine wahren Gefühle auszusprechen. Für mich war es dasselbe wie die Angst vor dem Tod. Es war dieselbe Art von Stille. Eine tödliche Stille.

BRIGITTE.de: Kennen Sie auch Harrys Angst vor Klischees?

Adam Davies: Das kann man so sagen, ich mag keine Klischees. Ich meine, das Leben besteht doch darin, die Einzigartigkeiten der Dinge und der Menschen zu erkennen. Wenn Menschen nur in Klischees denken, dann fehlt ihnen der Blick für diese Nuancen. Und ich finde, sich nicht um die Besonderheiten zu kümmern, das ist eine Art geistige Faulheit, eine Fehlfunktion des Herzens.

BRIGITTE.de: Ist Liebe für Männer und Frauen unterschiedlich?

Adam Davies: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mich eigentlich nicht wirklich qualifiziert fühle, um diese Frage zu beantworten. Liebe ist doch wie ein gigantischer Wirbelsturm. Riesig! Mächtig! Sie beeinflusst den gesamten Planeten, aber niemand versteht sie wirklich. Wie soll also ich, ein Scheidungskind, ein unverheirateter Schriftsteller, ein Mann, diese Frage beantworteten?

BRIGITTE.de: Worin besteht der größte Unterschied zwischen Ihren Beziehungen und denen Ihrer Eltern oder Großeltern?

Adam Davies: Ich habe eine ziemlich verdrehte Vorstellung von Ehen, wahrscheinlich, weil ich der Einzige in meiner Familie bin, der noch nicht geschieden ist - was auch daran liegt, dass ich als Einziger noch nie verheiratet war. Eigentlich fühle ich mich auch für dieses Thema nicht wirklich qualifiziert, aber über die Ehe meiner Eltern kann ich nur sagen, dass ihre Liebe nie sichtbar war. Ich habe sie nie Händchen halten sehen. Sie haben nie liebevoll miteinander gesprochen. Das stelle ich mir schrecklich vor, irgendwann auf so eine Beziehung zurückzuschauen und zu erkennen, dass man seine Zeit irgendwie verschwendet hat. Zeit, in der man jemanden wirklich hätte lieben können.

BRIGITTE.de: Würden Sie jemandem glauben, der Ihnen schwört: Ich liebe dich für immer?

Adam Davies: Wörter können lügen, aber Gefühle nicht. Ich würde es glauben, wenn ich es fühlen könnte. Vor fünf Jahren hätte ich es aber auf keinen Fall geglaubt.

BRIGITTE.de: Wie fühlte es sich an, seinen ersten Liebesroman beendet zu haben?

Adam Davies: Evie sagt in meinem Buch: Alle Bücher sind Liebesbriefe. Als ich das Buch fertig hatte, empfand ich es so, als hätte ich meinen bestmöglichen Liebesbrief geschrieben, und es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass ich es so gut gemacht hatte, wie ich konnte. Ich wollte ein Buch über die große Liebe schreiben, die alles verändern kann. Ich stellte mir am Anfang die Frage, ob jemand, der so voller Macken und Fehler ist wie Harry, von der Liebe in einen freundlichen guten Menschen verwandelt werden kann. Vorher wusste ich nicht, ob das möglich ist. Jetzt weiß ich es.

Interview: Christa Thelen Buchrezension: Stefanie Hentschel Fotos: Diogenes
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