Birgit Vanderbeke: "Frauen können echt eklig zueinander sein"

In ihrem Roman "Die sonderbare Karriere der Frau Choi" schickt Birgit Vanderbeke eine Asiatin in ein südfranzösisches Bergdorf. Im Interview mit BRIGITTE.de spricht die Autorin über die Verbundenheit zwischen Frauen, über Gerechtigkeit - und gutes Essen.

Über den Roman "Die sonderbare Karriere der Frau Choi"

Birgit Vander-beke, "Die sonderbare Karriere der Frau Choi", 123 S., 16.90 EUR, S. Fischer

Wäre Birgit Vanderbekes neues Buch ein Film, würde man es eine Krimi-Komödie nennen. Da kommt eine Frau namens Choi in ein kleines Nest im französischen Südwesten, und sogar "die Skeptischen, die sich fragen, wozu um alles in der Welt ein Ort wie M** eine Chinesin braucht, sind voller Bewunderung". Etwas anfangen wolle sie, sagt sie, und dann eröffnet sie ein koreanisches Restaurant (denn natürlich ist Frau Choi gar keine Chinesin), das so toll ist, dass dafür sogar die Zufahrtsstraße ausgebaut wird. Gleichzeitig verschwindet in "Die sonderbare Karriere der Frau Choi" der eine oder andere Zeitgenosse. So weit zum kriminellen Teil dieser charmanten Krimi-Komödie. Das Komödiantische kommt hinzu mit Sätzen leicht wie Schmetterlinge, die auf den Kräutern in Frau Chois Garten landen.

Interview mit Birgit Vanderbeke

Birgit Vanderbeke

BRIGITTE.de: Eine rätselhafte Frau stellt ein südfranzösisches Bergnest auf den Kopf: Wie viel Rebellin steckt in Frau Choi?

Birgit Vanderbeke: Sehr viel! Sie ist erfinderisch, ehrgeizig, unkonventionell, ja, man kann sagen rebellisch. Aber was ich an ihr am meisten mag, das sind ihr Eigensinn und ihre Art, nur indirekt Einfluss auf das Leben in ihrem Dorf zu nehmen. Sie überzeugt diskret und zeigt, wie man mit Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit Veränderungen bewirken kann.

BRIGITTE.de: Nichts beschreiben Sie so hymnisch wie Frau Chois Kochkunst. Was würde in Ihrem eigenen Leben ohne Küche und Essen fehlen?

Birgit Vanderbeke: Gutes Essen ist mir sehr wichtig. Noch wichtiger ist mir aber das Kochen. Wenn ich eine Woche auf Lesereise bin und danach wieder nach Hause komme, zelebriere ich ein paar Tage später regelmäßig eine regelrechte Koch-Orgie, bei der ich oft auch auf Vorrat koche, also Lebensmittel konserviere und einmache. Das Verhältnis von Gut-Essen zu Kochen ist bei mir ganz ähnlich wie das von Lesen zum Schreiben. Das erstere ist wunderbar, aber ohne das letztere mag ich nicht leben.

BRIGITTE.de: In 'Frau Choi' beschreiben Sie alte ungemütliche französische Häuser und im Gegensatz dazu wunderbare funktionale asiatische Architektur: Wie muss Ihr Traumhaus aussehen?

Birgit Vanderbeke: Ich lebe ja seit Anfang der 90er Jahre in Südfrankreich und mein eigenes Haus ist eigentlich das Gegenteil von einem Traumhaus: sehr klein, komplett verschnitten, ohne Zentralheizung, ohne Fundament, so wie viele Häuser im Süden von Frankreich. Komischerweise lebt es sich gut in diesen "behinderten" Häusern. Aber irgendwann habe ich den Architekten Itami Jun entdeckt. Seine zauberhaften Häuser haben mich so sehr beeindruckt, dass ich seine Arbeit in meinem Roman würdige. Er hat mich inspiriert, neu über die Aufgabe von Räumen und Wohnungen nachzudenken. Durch ihn beginnt man davon zu träumen, die eigene Seele einmal in einem leeren Raum zu entfalten.

BRIGITTE.de: Die Frauen in Ihrem Roman scheinen sich auf fast magische Weise zu verstehen. Glauben Sie an eine unausgesprochene Verbundenheit zwischen Frauen?

Birgit Vanderbeke: In einigen Lebensphasen hätte ich darauf geschworen, dass die Verbundenheit zwischen Frauen eine naturgegebene Sache ist. Aber einige schmerzhafte Erfahrungen haben mich gelehrt, daran zu zweifeln. Diese Erfahrungen haben mich auch vorsichtiger gemacht, eine Zeit lang habe ich es vorgezogen, aus sicherer Entfernung zu beobachten, wie eklig Frauen zueinander sein können, und das Wort "stutenbissig" gelernt. Vielleicht liegt es auch daran, dass Frau Choi in meinem Roman weder mit Männern noch mit Frauen wirklich enge Freundschaften knüpft. Sie agiert indirekt und drängt sich niemals auf: Die Basis ihrer Beziehungen ist Achtung.

BRIGITTE.de: Ihr Roman erinnert an einen Krimi. Welche Krimis lesen Sie selber gern?

Birgit Vanderbeke: Ich finde Krimis langweilig, deshalb erinnern die "Ermittler" in meinem Buch auch eher an Karikaturen. Ich meine, viele Morde werden gar nicht als Straftaten erkannt, weil immer seltener obduziert wird - das habe ich bei meinen Recherchen für mein Buch erfahren. Das fand ich sehr interessant und habe es direkt in mein Buch einfließen lassen: Auch hier bleiben die Todesursachen unklar, unter anderem, weil niemand die Leichen obduziert. Und wo keine Straftat vorliegt, gibt es auch keinen Krimi.

BRIGITTE.de: Etablieren Sie mit Ihrem Roman auch eine eigene Definition von Gerechtigkeit?

Birgit Vanderbeke: Es werden ja keine wirklichen Verbrechen begangen. Intrigen, Stalking oder die Frauenverachtung eines Mannes sind ja keine echten Strafbestände. Die Frauen wehren sich und werden einfach deshalb nicht bestraft, weil sie nicht überführt werden.

BRIGITTE.de: Wenn Sie einen Tag lang für Gerechtigkeit sorgen dürften, was würden Sie als Erstes tun?

Birgit Vanderbeke: Gerechtigkeit war eigentlich nicht der Blickwinkel, unter dem ich meine Geschichte erzählen wollte. Aber wenn Sie schon fragen: Wenn ich für Gerechtigkeit sorgen könnte, dann würde gern dafür sorgen, dass der Hunger aus der Welt verschwindet. Das wäre wohl gar nicht so schwierig, wie man uns immer weismachen möchte.

BRIGITTE.de: Die Frauen in 'Frau Choi' sind sehr engagiert: Sind Sie die besseren Menschen?

Birgit Vanderbeke: Ich sehe es nicht so, dass die Frauen in dem Buch besser als Männer sind, nehmen Sie nur die kreativen Söhne von Frau Choi oder Yves, der den "Campingplatz des Jahres" leitet. Ich bewundere Menschen, die "wirklich etwas anfangen wollen", die eine Vision, den Ehrgeiz oder die Beharrlichkeit haben, eine Idee zu verfolgen. Ganz egal, ob sie Frauen oder Männer sind.

BRIGITTE.de: Sie leben als Deutsche seit 15 Jahren in Südfrankreich: Woran werden Sie sich nie gewöhnen?

Birgit Vanderbeke: Dass in Frankreich um Punkt 12 Mittag gegessen wird. Allerdings sagt man hier nicht wie in Deutschland "Mahlzeit", und daran wiederum konnte ich mich in Deutschland nicht gewöhnen.

Interview: Christa Thelen Buchrezension: Angela Wittmann Foto: Brice Toul
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