Buchsalon: Leserinnen über den neuen Roman von Henning Mankell

"Authentische Charaktere", "tiefgründig", "facettenreich": sechs Leserinnen über "Daisy Sisters" von Henning Mankell. Mit Voting: Welche Rezension ist die beste?

Kein Krimi, kein Afrika-Roman: "Daisy Sisters", das neue Buch von Henning Mankell (in Schweden schon 1982 erschienen), ist ein Generationenroman über drei Frauen, die aus ihrem engen sozialen Milieu und ihrer vorgezeichneten Rolle ausbrechen wollen.

Sechs Leserinnen durften sich schon vor dem Erscheinungstermin am 27. Juli ein Bild davon machen, ob Henning Mankell auch die Disziplin Frauenroman beherrscht. Wie ihnen "Daisy Sisters" gefallen hat, lesen Sie auf den nächsten Seiten. Und am Ende sind Sie gefragt: Wer hat die beste Rezension geschrieben? Stimmen Sie ab!

Gefangen in Konventionen - Rezension von Leserin Claudia Eicher

"Auf schnörkellose, sachliche Art bitter und traurig"

Die Geschichte beginnt 1941 im dritten Kriegsjahr. Elna, ein unbedarfter norwegischer Teenager, wird in den Ferien aufs Land geschickt. Mit ihrer Brieffreundin Vivi radelt sie los. Dabei treffen sie zwei Soldaten und die naive Elna wird alkoholisiert "...so gut wie vergewaltigt".

Bis dahin fand ich das Buch eher flapsig, musste ein paar Mal schmunzeln über Elnas Einfältigkeit und die Beschreibung ihrer Eltern und ihres Alltags. Aber dann wird der Roman auf schnörkellose, sachliche Art bitter und traurig. Elna wird natürlich schwanger und versucht, verzweifelt und heimlich, das Kind abzutreiben.

In Zeitsprüngen von bis zu 15 Jahren wird die Geschichte düster fortgeführt. Auch die 14 Jahre alte Tochter Eivor hat kein Glück mit ihrem "ersten Mann". Ich musste etwas suchen, um einen Satz zu finden, der die Grundstimmung dieses Romans gut beschreibt. Dann fand ich das hier: "Eine Stunde Anlernen, und dann kann sie ihre Arbeit, solange sie lebt. Dann ist es nur noch die Schnelligkeit, die sie steigern kann, nichts sonst."

Elnas und Eivors Leben ist gezeichnet vom Fehlverhalten der Männer, von verkrusteten Gesellschaftsstrukturen und ihrer eigenen naiven Art, an das Leben heranzugehen. Erst im letzten Drittel - 1972 - kippt die Geschichte, wenn Eivor endlich gegen die männliche Gesellschaft einen kleinen "Sieg" erringt.

Wer nur die Krimis von Mankell gelesen hat wird an dieses Buch vielleicht mit falschen Vorstellungen herangehen. "Daisy Sisters" - zeitlich vor den Wallander-Büchern geschrieben - ist kein Buch zum einfach Durchlesen, sondern eines zum Innehalten und Nachdenken - und meiner Meinung nach ein Frauen-Roman, auch wenn ich diesen Begriff eigentlich nicht besonders mag. Für männliche Leser ist "Daisy Sisters" wahrscheinlich eher nicht das Richtige. Claudia Eicher

Für Glück lohnt es sich zu kämpfen - Rezension von Leserin Christiane Döschl

"Ein leises und tiefgründiges Buch"

Henning Mankell hat mit diesem Roman ein Buch geschaffen, das man so nicht von ihm erwartet hätte. Diesmal wartet er mit einer Mutter-Tochter-Erzählung auf, die so einfühlsam das Leben und die Gefühle zweier Frauen beschreibt, dass man fast vergessen könnte, dass dieser Roman nicht von einer Frau geschaffen wurde. Es ist ein ruhiges, trotziges Buch, das beschreibt, wie zwei starke Frauen für ihr Glück kämpfen.

Das Buch beginnt 1941 damit, dass sich die Mädchen Elna und Vivi auf ihre erste gemeinsame Radtour begeben. Sie lernen sich kennen und bleiben das ganze Leben hindurch Freundinnen. Elna wird jedoch auf dieser Reise vergewaltigt. Und als wäre das nicht schlimm genug, endet diese Katastrophe in einer Schwangerschaft. Aller damaligen widrigen Umstände zum Trotz bekommt sie ihr Kind, ein Mädchen namens Eivor.

Knapp 15 Jahre später lernt Elnas Tochter Eivor, die bei ihrem Stiefvater und ihr aufwächst, den Kleinkriminellen Lasse kennen. Dieser überredet sie, mit ihm zusammen abzuhauen. Eivor türmt Hals über Kopf mit Lasse und erfährt das gleiche Schicksal wie ihre Mutter. Im weiteren Verlauf erfährt der Leser dann, wie Eivor ihr Leben meistert, aber auch, wie es ihrer Mutter Elna ergeht, die immer noch Kontakt zu ihrer Freundin Vivi hat. Wie im echten Leben auch, kommt es immer anders, als man denkt. Aber immer wieder kämpfen Eivor und auch Elna um ihr Glück, ihre Träume und ihre Zufriedenheit. Christiane Döschl

Für wen sich der Roman eignet: Ein Buch nicht nur für Mütter und Töchter, sondern auch für jeden, der gerne mal anstelle eines Krimis ein leises, ruhiges, tiefgründiges, aber auf keinen Fall langweiliges Buch, zu schätzen weiß. Und natürlich ein Muss für alle Mankell-Fans.

Mein Lieblingssatz: "In einer Hütte am See Hären, einige Meilen von Anderstorp entfernt, verbringen Eivor und Jacob Halvarsson ihre fünf freien Tage bei strömendem Regen und einer Feuchte und Kälte, der weder der zugige Ofen noch ihre Liebe richtig gewachsen ist."

Von Müttern und Töchtern - Rezension von Leserin Jutta Meise

"Authentische Charaktere"

Das Cover von Henning Mankells Roman "Daisy Sisters" verheißt nur scheinbar eine Idylle: Zwei junge Frauen, Elna und Vivi, sitzen vergnügt im Gras, ihre Fahrräder haben sie hinter sich abgestellt. Es ist das Jahr 1941. Schon bald lässt sich die unerfahrene Elna mit einem Grenzsoldaten ein, wird ungewollt schwanger und verliert ihre Stelle. Nur der Briefkontakt zu Vivi gibt ihr Halt. Diese Freundschaft wird bestehen bleiben, auch wenn sich beide Frauen auseinander entwickeln. Elna bringt ein Mädchen, Eivor, zur Welt und zieht es groß. In jeglicher Beziehung erweist sich Eivor als Elnas Ebenbild.

Aber dennoch (oder gerade deswegen?) finden Mutter, Tochter und später auch die Enkelin nicht richtig zueinander und können von ihren Lebenserfahrungen kaum profitieren. Das schmerzt, weil ihre beruflichen und privaten Pläne auf vergleichbare Art durchkreuzt werden. Doch egal, was passiert, "es ist für nichts zu spät". Dieser Rat, den Eivor von ihrem Großvater erhält, gibt dem Ganzen eine ungeheuer optimistische Kraft: Ein Neuanfang ist immer möglich!

Im Zeitsprüngen lässt Mankell den Leser besonders am Schicksal Eivors teilhaben, die immer wieder ihr Leben zu ändern versucht. Alle Charaktere - auch Randfiguren wie der versoffene, alternde Varietékünstler Anders oder der neurotische Kriminelle Lasse - wirken sehr authentisch, manchmal fast zu realistisch. Denn leider können die oft brutal direkte Sprache und die unangenehme Detailfreude mancher Szenen Mankells Nähe zum "Krimi" nicht verleugnen. Jutta Meise

Für wen sich der Roman eignet: Im Vergleich mit Henning Mankells Kriminalromanen fehlt in "Daisy Sisters" eine durchgängig spannungsgeladene Handlung. Nur die Figur des Lasse Nyman erinnert gelegentlich an "Mörder ohne Gesicht". Doch gerade das unspektakuläre Geschehen und die Alltagscharaktere machen diesen Roman besonders lesenswert. Jeder, der in Mankells Krimis eher auf das "Warum?" als auf das "Was?" geachtet hat und der eine schnörkellose Sprache mag, wird den Autor nun von einer bislang ungewohnten Seite kennen und schätzen lernen.

Mein Lieblingssatz Mein Lieblingssatz ist eng mit dem Thema des Romans verknüpft und berührt mich (als Tochter und Mutter) in besonderem Maße, weil er traurig, beinahe tragisch ist. Verpasste Chancen kommen oft nicht wieder:

"Was macht es so schwer, über das Selbstverständliche zu sprechen, seine Erfahrungen zu teilen, sie an seine eigene Tochter weiterzuegeben?" (S. 222)

Ein psychologischer Familienroman ohne Wenn und Aber! - Rezension von Leserin Cornelia Schulte

"Zwischen nüchterner Beschreibung und tiefem Mitgefühl"

Eivor Skoglund, 1942 als Kind der jungen Arbeitertochter Elna Skoglund geboren, wächst mit dem Wissen auf, dass durch sie Freiheit und Träume ihrer Mutter zerstört wurden. Von ihrem Vater weiß sie nur, dass er ein junger Grenzsoldat war und Elna "so gut wie" vergewaltigte. Trotz dieser Bürde baut Eivor offenherzig Beziehungen auf, nicht nur zu ihrer unangenehm ehrlichen Mutter, dem Stiefvater oder ihrem kranken Großvater. Eivor schafft es, sich von der Mutter und auch in der Arbeitswelt zu emanzipieren, bleibt aber - wie sie von sich selbst sagt - "einfältig und starrköpfig". So wird auch aus ihr eine junge und - nach gescheiterter Ehe - alleinerziehende Mutter, die aber viel früher als ihre Mutter das Glück erkennt, Kinder zu haben.

Mankell strukturiert seinen Roman (der bereits 1982 entstand) nach Jahren: 1941, 1956, 1960, 1972 und 1981. So wird die Handlung eingebettet in die politischen Gegebenheiten, beginnend mit dem 2. Weltkrieg, über den Aufschwung bis hin zur Rezession der 70er/80er Jahre. Die Handlung bleibt nicht an die Hauptpersonen gebunden. Es kommen wichtige Begleitpersonen hinzu, ohne dass man die Verbindung ahnen kann.

Faszinierend ist vor allem, wie Mankell in "Daisy Sisters" in seiner oft harten, fast stakkatoartigen Sprache die Protagonisten und ihre Schicksale nüchtern beschreibt - und dem Leser dann doch auch ein tiefes Mitfühlen mit den Hauptpersonen ermöglicht. So gewinnen Dankbarkeit für glückliche Momente und Hoffnung auf ein glückbringendes Ziel immer wieder die Oberhand. Cornelia Schulte

Für wen sich der Roman eignet: "Daisy Sisters" ist ein Generationenroman. Ich kann ihn ruhigen Gewissens jeder Altersgruppe ab 14 empfehlen, auch wenn ich hinzufügen muss, dass nicht jeder Begeisterung für die teilweise recht brutalen Situationsbeschreibungen empfinden wird. Mankell-Fans werden den Roman lieben.

Mein Lieblingssatz: "Männer gebären Pläne und Entscheidungen, Mädchen gebären Kinder." (Seite 309)

Elna, Eivor und die anderen ... - Rezension von Leserin Britta Hoffmann

"Scharfe Beobachtungsgabe"

Schafft man es, ein neues Buch von Henning Mankell unvoreingenommen zu lesen? Kann "Daisy Sisters", 1982 geschrieben und 2009 auf Deutsch erschienen, an spätere, längst verschlungene Mankells, heranreichen?

Erzählt wird die Geschichte zweier Frauen, die 1924 mit der Geburt von Elna in Sandviken beginnt. Nach einer Reise durch Schweden, die Elna mit ihrer Brieffreundin Vivi unternimmt, findet die gerade gewonnene Freiheit der Daisy Sisters, wie sie sich nennen, ein jähes Ende. Elna wird bereits mit 19 Mutter. Auch Tochter Eivor, geboren 1942 und getrieben von der Sehnsucht nach einem besseren Leben, verrennt sich zunächst.

Mankell gelingt es, die Leserin wie in einem Sog in die Geschichte hineinzuziehen. Atemlos verfolgt man die Entwicklung von Elna und Eivor. Bis zum letzten Satz bleibt man gespannt, ob es den Frauen gelingen wird, sich aus der Umklammerung gesellschaftlicher Konventionen zu befreien.

Dabei wirken die Frauen manchmal seltsam erstarrt, wenn sie verzweifelt nach ihrem eigenen Willen suchen. Mankell führt einen hautnah an jede Figur heran. Neben hilflosen Ehemännern zeigt er Außenseiter der Gesellschaft, die er mit zutiefst menschlichen wie abstoßenden Eigenschaften ausstattet. Spätestens hier begegnet einem der spätere Mankell, der sich längst eingeholt hat.

1982 ist "Daisy Sisters" sicher ein brandaktuelles Buch gewesen, aber auch heute noch, in Zeiten relativer Gleichberechtigung, verblüfft die scharfe Beobachtungsgabe eines Mannes wie Mankell. Britta Hoffmann

Für wen sich der Roman eignet: Spannend wie ein Krimi - sollte man nur lesen, wenn man in nächster Zeit mit weniger Schlaf auskommen kann. Für Mankell-Einsteiger und -Fortgeschrittene bestens geeignet.

Mein Lieblingssatz: "Hier ist sie, Eivor Maria Skoglund, in der Mitte des Lebens, dass sie wie eine einzige Plage empfindet."

Mutter-Tochter-Beziehungen im Wandel der Zeit - Rezension von Leserin Sandra Ch. Fischer

"Sensibel und facettenreich"

In diesem Roman von Henning Mankell geht es um eine Mutter und deren Verhältnis zu ihrer Tochter, die bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde. Im Vordergrund von "Daisy Sisters" steht das Leben der Tochter Eivor, von ihrer Zeugung bis zu ihrem vierzigsten Geburtstag. Auffällig ist, dass das Mutter-Tochter-Verhältnis durch eine hohe Emotionslosigkeit geprägt ist. Elna gelingt es nicht, ihre Tochter Eivor so auf ihr eigenes Leben vorzubereiten, dass sie ohne Gewalt und Unterdrückung leben und ihre Träume verwirklichen kann. Eivor versucht, ihren Weg zu gehen und ihre realistischen Träume zu verwirklichen, aber die Männer, mit denen sie Bekanntschaften schließt, vergewaltigen und schlagen sie.

Eivor erkennt, dass sie durch das Verhalten der jeweiligen Männer gefügig und klein gemacht werden soll, findet jedoch selten einen Ausweg. Aber sie wird mit jeder Niederlage in ihren Beziehungen stärker, kämpft für ihre Kinder, aber versagt auch bei der Persönlichkeitsstärkung ihrer Kinder. Das wird besonders im Umgang mit ihrer eigenen Tochter Linda auffällig, denn auch hier schafft sie es nicht, das Mädchen zu einer aufgeklärten und starken Frau zu machen.

Lesenswert ist das Buch vor allem, weil es eine Zeitspanne von 1941 bis 1981 umfasst und somit jungen Menschen einen Blick in eine Zeit eröffnet, die sie nicht kennen. Sandra Ch. Fischer

Wofür sich der Roman besosnders eignet: Der schwedische Autor Henning Mankell ist vielen Menschen vor allem als Krimi-Autor bekannt. In den neunziger Jahren begann Henning Mankell dann, seine Afrika-Romane zu schreiben. "Daisy Sisters" nimmt einen besonderen Stellenwert im Oeuvre Mankells ein. Die Originalausgabe erschien in Schweden schon 1982. Dass die deutsche Übersetzung erst mit siebenundzwanzigjähriger Verspätung auf dem Markt kommt, ist ein "kleines Verbrechen" an der deutschen Leserschaft.

Mankell schreibt in diesem Buch genauso einfühlsam, wie in seinen Büchern über Afrika. Mankell zeigt auf sehr angenehme Weise, dass er als Mann in der Lage ist, sich dem Thema "Mutter-Tochter-Beziehungen" sensibel und facettenreich zu nähern, ohne in stereotype Klischees zu verfallen.

Mein Lieblingssatz: "Aber das Leben ist nicht so. Die Zukunft zeigt niemals etwas anderes als eine vorwitzige Nasenspitze, die hinter einem Vorhang hervorschielt." (Seite 23)

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