Buchsalon: Unsere Leserinnen über das neue Buch von Judith Hermann

Fünf Leserinnen haben für uns vorab "Alice", den neuen Erzählband von Judith Hermann, gelesen. Welche Rezension ist die beste?

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Wenn jemand fort ist, kann man nicht mehr sagen, wie er ausgesehen hat, wie er gesprochen, geflucht, gelächelt hat, wie er durchs Leben gegangen ist. Auch wenn man ihn plötzlich zu sehen glaubt, auf der Rolltreppe, im letzten Wagen einer abfahrenden Straßenbahn, an der Ampel auf der anderen Straßenseite. Judith Hermann erzählt in "Alice" (ab 4. Mai im Handel) von den Zeiten des Übergangs, des Wartens, des Festhaltens und Loslassens - und davon, wie klar und leuchtend diese Tage sein können.

Fünf Leserinnen haben die neuen Erzählungen von Judith Hermann vorab lesen dürfen. Wie ihnen "Alice" gefallen hat, lesen Sie auf den nächsten Seiten. Und am Ende sind Sie gefragt: Wer hat die beste Rezension geschrieben? Stimmen Sie ab!

Schöner sterben - Rezension von Leserin Nathalie Schwering

"Ein Ausnahmetalent der deutschen Literaturszene"

Mit "Alice" legt Judith Hermann nach "Sommerhaus, später" (1998) und "Nichts als Gespenster" (2003) ihren dritten Erzählband vor, für den sie im Juni mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg ausgezeichnet wird.

In fünf Geschichten erlebt die Protagonistin Alice, wie jeweils ein Mann aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis stirbt. Immer persönlicher werden die Episoden, bis in der letzten Geschichte ihr Freund stirbt, der ihr noch in der dritten Erzählung Beistand leistete, als ein anderer starb. Was passiert, wenn der Tod ins Leben einbricht? Wie verändert sich das Leben, wie verändert man sich selbst? Ist die Veränderung eine andere, je näher einem der Tote stand?

Alice wirkt in ihrer Ohnmacht fast unbeteiligt. Kein Schock, kein Weinen, keine Wut - oder doch? Wie durch einen Schleier schaut man als Leser dem Tun der Charaktere zu, die sich in der Piefigkeit des Saarlandes, in der Sommerhitze Italiens und in der Bohème des Prenzlauer Bergs bewegen. Immer mit den gleichen schwerfälligen Bewegungen, als liefen sie durch tiefes Wasser.

Atmosphärisch dicht und alle Sinne beim Lesen ansprechend beschreibt Hermann, weiterhin sicher den Sound ihrer Generation treffend, die betäubende Ohnmacht, die der Tod auslöst. Die Verarbeitung der Geschehnisse jedoch findet - wie immer - jenseits der Buchseiten statt: in den Köpfen der Leser. Gerade weil Hermann ihren Lesern keine vorgefertigten Lösungen anbietet, bleibt sie ein Ausnahmetalent der deutschen Literaturszene. Nathalie Schwering

Mein Lieblingssatz: "Er [Conrad] sagte nachdenklich, weißt du, ich habe gedacht, ich wäre unverwundbar." (S. 73)

Wofür sich das Buch besonders eignet: Der Erzählband Alice bringt den Leser zur Besinnung, indem er zur Reflexion anregt.

Über das Sterben und wie es einem begegnen kann - Rezension von Leserin Carmen Jäger

"Traurig und schön zugleich"

In "Alice" von Judith Hermann geht es um das Sterben und wie es einem begegnen kann. Traurig und schön zugleich beschreibt Judith Herman in fünf Kurzgeschichten, wie das aussehen kann, wenn einer geht oder gegangen ist.

In der ersten Geschichte begleitet Alice eine Frau, die sie nicht wirklich kennt, beim Sterben ihres Mannes. Der Mann ist eine Ex-Beziehung von Alice und unheilbar krank. Eine absurde Situation. Die zwei Frauen, die sich noch nie vorher begegnet sind, warten gemeinsam auf seinen Tod. Eine Art betäubende Ruhe geht von der Geschichte aus, das Warten darauf, dass sich die eine Welt wieder verschließt und man zurückkehren kann zum Leben.

In der zweiten Geschichte begegnet Alice dem Sterben scheinbar ganz zufällig. Sie ist mit Freunden in ein Haus in Italien eingeladen worden. Der Gastgeber, ein älterer Herr, ist krank, fiebrig, nicht weiter schlimm. Am nächsten Tag fährt er in Begleitung seiner Frau in die Klinik. Er bleibt dort. Am nächsten Tag fahren alle in die Klinik und Alice spricht noch einmal mit dem älteren Herren, sie scheinen sich nahe zu stehen. Hier ist ihre Aufgabe, sie ist diejenige, die als letzte mit ihm spricht.

In der dritten Geschichte geht es vor allem darum, wie ein Paar damit umgeht, wenn es weiß, dass einer der beiden bald gehen muss. Alice versorgt die beiden mit dem Nötigsten, wie Wasser und Zigaretten. Sie ist vor allem Beobachter von außen. Das Teilhaben an letzten intimen Situationen öffnet Alice die Augen für ihre eigene Verletzlichkeit und der ihrer Beziehung.

Bei der vierten Geschichte ist jemand gegangen, den Alice gar nicht kannte. Ihr Onkel starb, bevor sie geboren war. Und doch hat sein Tod Einfluss auf ihr Leben gehabt. Sie besitzt einige Gegenstände, die er einmal besessen hat. Diese Geschichte zeigt, dass wenn jemand stirbt, immer etwas zurückbleibt. Jedes Leben hat immer Folgen für andere, beeinflusst Gedanken oder sogar ihr ganzes Leben.

Die letzte Geschichte handelt vom Aufräumen der Habseligkeiten eines Verstorbenen. Hier ist der Mann von Alice gegangen, und sie sortiert seine Kleidung aus. Es ist dabei so, als wäre an manch ein Kleidungsstück eine Geschichte angeheftet, kleine Erlebnisse aus ihrem gemeinsamen Leben. Wird sie gefragt, wo ihr Mann sei, kann Alice nicht antworten, dass er gestorben ist, er ist verreist. Carmen Jäger

Mein Lieblingssatz: Lotte (die Frau des verstorbenen älteren Herren aus der zweiten Geschichte), das wusste Alice, hatte sich einen kleinen Zettel neben die Tür gehängt, auf den Conrad, zu Lebzeiten, einen Satz geschrieben hatte mit flüchtiger, sicherer Hand: komme gleich wieder.

Wofür eignet sich der Roman besonders: "Alice" eignet sich für jeden, der über diesen Satz auch lächeln kann.

Variationen über den Tod - Rezension von Leserin Sabine Hermann

"Der Sprachstil von Judith Hermann fasziniert"

Kein leichtes Thema: Die fünf Geschichten in Judith Hermanns drittem Erzählband handeln allesamt vom Sterben. Immer verschwinden die Männer - in namentlicher Abfolge - und immer sind es Frauen, die damit fertig werden müssen.

Alice ist als Zentralfigur zwischen wechselnden Figuren, deren Bezüge nicht immer erläutert werden, in allen Erzählungen der Erfahrung ausgesetzt, dass jemand aufhört zu existieren, leidvoll, plötzlich, bedacht, selbst gewählt. Während sie in diesen Szenen anfangs eher eine Randposition einnimmt, handelt die letzte Erzählung von ihrer Verfassung nach dem Tod ihres Lebensgefährten.

Der Sprachstil von Judith Hermann fasziniert - wie schon in ihren früheren Werken - in seiner skizzenhaften, facettenreichen Weise, die vieles nur andeutet, oft wenig übergreifende Orientierung bietet, den Leser in eine assoziative, gegenwärtige Wahrnehmung zwingt.

Überzeugend wird vor allem in der letzten Geschichte die katastrophale Nähe desjenigen, der fehlt, dargestellt, überzeugend auch die Parallelität, wenn alles aus den Fugen gerät in einer scheinbar davon unberührten Welt des Alltäglichen.

Aus meiner Sicht hat die vierte Erzählung etwas Artifizielles: Motive, Bezüge und Beweggründe erschließen sich hier bei aller melancholischen Distanz nicht mehr wirklich, und auch insgesamt birgt die Aneinanderreihung männlicher Tode im Leben von Alice in der Summe am Ende die Gefahr, einen Eindruck der Absurdität zu erwecken, was nicht beabsichtigt sein dürfte. Sabine Hermann

Wofür sich das Buch besonders eignet: Keine heitere Urlaubslektüre, geeignet für all diejenigen, die es ermutigt, wenn jemand eine Sprache findet für all das Unwegsame und Befremdliche, dem der Mensch ausgesetzt sein kann.

Mein Lieblingssatz: "Sie sah auf die große Kreuzung und hatte eine Sekunde lang das Gefühl, ihr würden die Bedeutungen aller Dinge abhanden kommen." (Seite 111)

Jedes Ende ist ein neuer Anfang - Rezension von Leserin Heike Metzger

"Ich wünsche diesem besonderen Buch viele Leser."

In ihrem neuesten Werk "Alice" erzählt Judith Hermann fünf Geschichten vom Sterben und vom Tod. Verbunden werden diese durch die Titelfigur Alice, die eben jene menschlichen Verluste zu beklagen hat. Fünfmal muss sie Abschied nehmen von ihr nahestehenden Personen, in ihrem Herzen jedoch - und das wird besonders in der letzten Episode deutlich -, behalten alle ihren festen Platz.

Es ist bewundernswert wie sachlich, gleichwohl warmherzig und menschlich die Autorin mit diesem traurigen Thema umgeht. In schon fast minimalistischer Form schildert sie die Schicksale und Erlebnisse weit entfernt von Gefühlsduselei und Druck auf die Tränendrüsen. Beeindruckt hat mich die klare, geradlinige Sprache von Judith Hermann. Kein Wort ist zuviel und keins am falschen Platz. Dabei schafft sie eine bemerkenswert tiefe Atmosphäre, die mir als Leser aber doch noch genügend Raum für eigene Gedanken ließ.

"Alice" ist ein Buch für ruhige, besinnliche Stunden, und genau darin lag für mich der Reiz dieses Buches. Es ist zeitlos, leise, wohltuend unspektakulär und unsentimental. Ich wünsche diesem besonderen Buch viele Leser und werde es selbst gern weiter empfehlen. Heike Metzger

Mein Lieblingssatz: "Schrille Stimmen, Gelächter und Kinderweinen, ... und im Einschlafen vergaß sie, daß Raymond gestorben war, vergaß, daß es ihn nicht mehr gab, ließ das erschöpfende, sprachlose, schreckliche Denken an ihn einfach sein, sie ließ es los." (Seite 169)

Schwimmen lernen mit Judith Hermann - Rezension von Leserin Diana Krebs

" Judith Hermanns stärkstes Buch"

"Alice" ist ein Buch übers Sterben. Im Mittelpunkt steht Alice, die sich in fünf Erzählungen mit dem Abschiednehmen von ihr nahestehenden Menschen auseinandersetzen muss. Judith Hermann lässt uns auch in ihrem dritten Buch in die blanke Gegenwart eintauchen. Bei einem Thema wie dem Sterben ist das nicht immer angenehm. Die Autorin gönnt uns keine Pausen durch kurze Rückblenden in die Vergangenheit. Wir erfahren kaum etwas darüber, wie Alice mit den Menschen in den Erzählungen in Verbindung steht. Oder gar, wer Alice ist. Aber würde mehr Wissen über das Vergangene etwas ändern an der Endgültigkeit, der Alice ausgesetzt ist? Im Grunde lenkt es nur ab.

Judith Hermann erklärt Alices Drama nicht, sie verliert kein Wort zu viel. Als habe die Autorin die Geschehnisse auf Zwischenüberschriften reduziert. Aber deren Kraft ist gewaltig. Genau das ist die Stärke des Genres, welches Hermann großartig beherrscht: Trotz der nüchternen, unaufgeregten Sprache hinterlassen ihre Erzählungen mehr Eindruck als es manch wuchtiger Roman nicht zu schaffen vermag. Auf jeden Fall ist "Alice" Judith Hermanns stärkstes Buch. Diana Krebs

Wofür sich das Buch besonders eignet: "Alice" beleuchtet einen wichtigen Aspekt des Lebens, den Tod. Wer sich diesem Thema auf unaufgeregte Weise nähern will, der greift zu diesem Buch.

Mein Lieblingssatz: "Alice gab den Grund unter ihren Füßen auf, tauchte ein und schwamm hinaus." (S. 95)

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