Buchsalon: Unsere Leserinnen über den neuen Boyle

Fünf Userinnen haben für uns "Die Frauen" von T.C. Boyle gelesen. Welche Rezension ist die beste?

Er ist genial, er ist exzentrisch und er ist der berühmteste Architekt der USA - wenn nicht gar der Welt: Mit der überlebensgroßen Figur Frank Lloyd Wright erweitert T. C. Boyle seine Darstellung mythischer Amerikaner. Und da T.C. Boyle selbst auch genial, exzentrisch und dazu ein ziemlich berühmter Schriftsteller der USA ist, sind die Erwartungen an sein neuestes Werk natürlich groß. Fünf Leserinnen haben sich bereits ihr Urteil über "Die Frauen" gebildet. Wie ihnen das Buch gefallen hat, erfahren Sie auf den nächsten Seiten. Und dann sind Sie gefragt: Wer hat die beste Rezension geschrieben? Stimmen Sie ab!

Phönix aus der Asche - Rezension von Leserin Uta Winzer

"Quicklebendiger und ironischer Mix aus sorgfältig recherchierten Fakten und spannender Fiktion"

Tief im Bundesstaat Wisconsin liegt Taliesin: real gewordene Vision des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright, der dort mit seinen Frauen und Schülern lebte und arbeitete. Zweimal brannte der Gebäudekomplex bis auf die Grundmauern nieder - und allen finanziellen Widrigkeiten zum Trotz baute Wright eine noch perfektere Version seines Traums auf den Trümmern des Vorgängers wieder auf.

Dieser Kreislauf aus Zerstörung und Wiederaufbau, dieses Wie-Phönix-aus-der-Asche-Steigen, ist sinnbildlich für das Leben Wrights, dessen Wirken und Arbeiten zwischen Tiefschlägen und Erfolgen, Ruin und Wohlstand verlief und der vom Verriss und den Lobeshymnen der Presse, dem Unverständnis und Hass seiner Zeitgenossen und der grenzenlosen Bewunderung seiner Schüler begleitet wurde.

T.C. Boyle schildert das Leben des Genies durch die Augen seiner Frauen: der zarten montenegrinischen Tänzerin Olgivanna, der gewalttätigen, morphinsüchtigen Südstaatenschönheit Miriam, der tragisch ums Leben gekommenen Mamah und seiner ersten Ehefrau Kitty. Sie alle hatten nicht nur mit den finanziellen Engpässen Wrights, seinem grenzenlosen Egoismus und den Angriffen der jeweiligen Nebenbuhlerin, sondern auch mit der Bigotterie und Prüderie der amerikanischen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zu kämpfen.

T.C. Boyles Geschichte über den großartigen amerikanischen Architekten ist daher mehr als nur eine Biografie, sondern auch eine Gesellschaftskritik am Amerika der damaligen Zeit. Wie in seinen Büchern über J.H. Kelloggs ("Willkommen in Wellville"), A.C. Kinsey ("Dr. Sex") und S. McCormick ("Riven Rock") versteht er es, sorgfältig recherchierte Fakten und spannende Fiktion zu einem quicklebendigen und ironischen Mix zu verweben, der Architekturfreunde und LiebhaberInnen anspruchsvoller Literatur gleichermaßen fesseln wird. Uta Winzer

Mein Lieblingssatz: Sie empfand "... eine gewisse Fremdheit, mehr nicht, so als wäre die Welt einen Augenblick lang verschwunden und dann in aller Unmittelbarkeit wieder auf sie eingestürmt." (der Augenblick, in dem Olgivanna vom Tod ihrer Peinigerin Miriam erfährt)

Von hinten nach vorn - Rezension von Leserin Birgit Anders

"Für Fans von T.C. Boyle ist auch dieses Buch wieder ein großer Roman."

T.C. Boyle lebt in St. Barbara in einem Haus, das von Frank Lloyd Wright (FLW) erbaut und bewohnt wurde und ihn vermutlich zu seinem neuesten Roman über den legendären Architekten inspiriert hat. "Die Frauen" befasst sich dabei nur am Rande mit dem Architekten FLW, sondern viel eher mit dem Liebhaber, Ehemann und Ex-Ehemann FLW und den dazugehörigen Frauen.

Wir werden entführt in das prüde Amerika Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem Ehebruch noch strafbar und morphinsüchtige Frauen fast gesellschaftsfähig waren. FLW war ein Egomane und Frauenheld, der dennoch von den Frauen umschwärmt wurde.

Der Roman beginnt bei FLWs letzter Frau Olgivanna, einer russischen Tänzerin, die nach einem schmutzigen Scheidungskrieg seine zweite Ehefrau Maude Miriam Noel ablöst. Diese wiederum drängte sich als "Trösterin" in FLWs Leben, nachdem seine große Liebe und Seelenverwandte Mamah Borthwick - Ehefrau eines Kunden und nie legalisierte Geliebte - umgebracht wurde. FLW hatte sich nach 22 Jahren Ehe und 6 Kindern ihretwegen von seiner ersten Ehefrau Kitty getrennt.

Das Buch wird auf 555 Seiten zeitlich von "hinten" nach "vorn" erzählt und den eigentlichen Text ergänzen haufenweise Fußnoten, was ich anfänglich sehr ungewöhnlich, aber im weiteren Verlauf sehr interessant fand. Birgit Anders

Wofür eignet sich der Roman: Für Fans von T.C. Boyle ist auch dieses Buch wieder ein großer Roman, der es einem schwer macht, sich mit so profanen Dingen wie Arbeiten, Essen, Trinken und Schlafen zu beschäftigen.

Mein Lieblingssatz: "Drei Geliebte, drei Talisiens. Man kann nur mutmaßen, wie sich Olgivanna angesichts dieser Nachfolge fühlte. Da sie eine Privatschulausbildung genossen hatte, muss sie von Heinrich VIII. gewusst haben."

Wortakrobat trifft auf Lebensjongleur - Rezension von Leserin Sabine Zeddies

"Das ist Lesespaß!"

Wer liest schon gerne über fremder Leute Ehestreitigkeiten? Dies ist die Frage, die sich dem Leser bei dem neuesten Werk von T.C. Boyle "Die Frauen" aufdrängt. Ist man zunächst irritiert, so glaubt man ein Deja-vu beim Lesen zu haben. Ist Frank Lloyd Wright der Dieter Bohlen der Architekten?

Auf über fünfhundert Seiten erfährt der geneigte Leser alles über die vier Frauen des Architekten Frank Lloyd Wright (1867-1959) und ihre Kämpfe, die jeweils nächste Mrs. Wright zu verhindern. Da der berühmt Architekt immer etwas knapp bei Kasse war, nehmen diese Kämpf zum Teil skurrile Züge an. Ordentlich angeheizt werden diese Auseinandersetzungen noch durch die sensationslüsternde Presse. Wem dies zuviel Schlammschlacht ist, dem sei gesagt, " Die Frauen" ist trotz allem ein Lesevergnügen über den Erbauer der einhundert Jahre alten Villa von T.C. Boyle in Santa Barbara.

Die Erzählperspektive aus der Sicht eines ehemaligen japanischen Schülers von F.L. Wright birgt viele komische Momente. Lesevergnügen auf höchstem Niveau findet sich immer wieder in den Wortschöpfungen T.C. Boyles wie "die Boa-constrictor-schluckt-die Ratte-Miene". Oder vergleiche wie "ich ....beobachtete ihre Augen, ... so dunkel und undurchdringlich wie die dicken Tafeln Blockschokolade in der Speisekammer." Das ist Lesespaß! Sabine Zeddies

Der Funke sprang nicht über - Rezension von Leserin Janina Arnaschus

"Als Leserin fühlt man sich auf eine sonderbare Art und Weise auf Abstand gehalten."

Zweieinhalb Jahre nach seinem letzten Buch "Talk Talk", das mir sehr gut gefallen hat, hat T.C. Boyle mit "Die Frauen" jetzt einen neuen Roman vorgelegt. Nachdem "Talk Talk" für mich aufgrund der Spannung ein unglaublicher Pageturner war, habe ich mich mit "Die Frauen" schwerer getan. Boyles Sprache ist wie gewohnt bildhaft, dennoch fiel der Einstieg in die Geschichte rund um den US-amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright schwer.

Der Funke, der bei Boyles anderen Romanen spätestens nach der 5. Seite übergesprungen ist, ist hier leider ausgeblieben. Es ist nicht die Sprache oder der Satzbau, eher sind mir die Protagonisten - Wright und seine zahlreichen Geliebten/Ehefrauen/Exfrauen - zu weit entfernt, und zu befremdlich ist die beschriebene Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts im ländlichen Wisconsin. Als Leserin fühlt man sich auf eine sonderbare Art und Weise auf Abstand gehalten, und dass obwohl Leidenschaft in all ihren Facetten doch der Grundtenor des Buches ist. Diese Art des Lesens muss man mögen, dann wird man an den Details sicherlich seinen Spaß haben. Janina Arnaschus

Der Roman eignet sich besonders: Für Architekturfans und Biographienleser

Mein Lieblingssatz: "Der Tag hatte eine langsame, entspannte Trägheit, die ihr das Gefühl gab, etwas Verhätscheltes zu sein, eine Katze, die sich auf einem Schoß räkelte (...) (Dritter Teil, Kapitel 5, S. 474)

Franks Frauen und die Komplikationen - Rezension von Leserin Nancy Brendecke

"Ein Buch für anspruchsvolle Leserinnen"

T.C. Boyles fiktive Biographie von Frank Lloyd Wright, dem berühmten amerikanischen Architekten, erzählt von seinen Beziehungen zu vier verschiedenen Frauen, drei davon seine Ehefrauen, zwischen den Jahren 1909 und 1930. Über sein architektonisches Werk lernen wir wenig; nur sein Anwesen Taliesin in Wisconsin wird beschrieben, andere Gebäude, wie das Imperial Hotel in Tokyo, werden nur nebenbei erwähnt.

Wright ist sehr arrogant und herrisch - er findet es nicht nötig, seine Rechnungen zu bezahlen, er befiehlt seinen Schülern, wie sie zu denken haben - und sein Leben in dieser Periode ist unkonventionell, hektisch und meistens chaotisch. Er ist ein Wirbelwind, der mit seinen Geliebten gegen die prüde amerikanische Gesellschaft kämpft. Die Frauen in der Erzählung, besonders die immer wieder kehrende Miriam, sind emotionell, aufgewühlt, oft dramatisch. Häufig überschlagen sich die Ereignisse, manche, wie Geldnot, Schwierigkeiten mit dem Gesetz und Pressekonferenzen, um sich zu verteidigen, wiederholen sich. Der Roman ist kompliziert aufgebaut: chronologisch rückwärts in drei Abschnitte geteilt, jeweils mit einer Einleitung und jeweils aus der Sicht der aktuellen Lebensgefährten. Seine langjährige Ehefrau (20 Jahre und vier Kinder) kommt nur vor als Übergang zu seiner ersten außereheliche Beziehung, am Anfang des dritten Abschnitts.

Der eigentliche Erzähler ist ein japanischer Schüler Wrights, Tadashi Sato, der neun Jahre bei ihm gewohnt und gearbeitet hat. Er nennt den Meister Wrieto-San und durch ihn erfahren wir vieles über Franks Arbeitsweise und sein Verhältnis zu seinen Schülern, Mitarbeitern und Kunden. Tadashis anfängliche bewundernde Kommentare über seinen Meister werden im Laufe der Geschichte zunehmend bitter und kritisch.

Dazu soll Tadashis japanische Niederschrift von seinem amerikanischen Enkel (O'Flaherty-San, ein irischstämmiger Amerikaner, oder doch T.C. Boyle selbst?) übersetzt worden sein, und die Übersetzung wird wiederum mit Kommentaren vom Tadashi versehen. Erschwerend ist, dass Tadashi durchgehend Fußnoten dazufügt, teilweise lang und abschweifend, die einen ablenken.

Als Ausgleich sind die Dialoge scharf ausgeführt, man erfährt viel über die gesellschaftlichen Werte zu der Zeit, und die landschaftliche Beschreibungen machen einen sehnsüchtig. Nancy Brendecke

Wofür eignet sich der Roman: Wie fast immer bei T.C. Boyle: für anspruchsvolle Leserinnen. Außerdem braucht man Zeit und Konzentration, um in die Welt vom Frank Lloyd Wright einzutauchen - zum Beispiel eine ganze Woche langer Winterabende. Als leichte Strandlektüre oder Stoff für die tägliche Bahnfahrt ist das Buch nicht geeignet. Man muss völlig dabei sein, um die raffinierte Erzähltechnik zu durchblicken und die wunderschöne Prosa zu genießen.

Mein Lieblingssatz: "Die vom Wind geformten Schneewehen ließen alles unberührt und vollkommen erscheinen. Sie atmete den Duft der Kiefern, sah, wie sie, Wachposten gleich, am Fluss aufgereiht standen, knorrig und lebendig, in dieser monochromen Welt aller Farbe verlustig gegangen, und spürte reine Freude in sich aufwallen. Dies war genau das Leben, das sie sich vorgestellt hatte ... " (Seite 486)

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