Bücher: Favoriten für den Frühling

Kulinarisches von Martin Suter, Komisches von Tommy Jaud, Kurioses von Nina Hagen: Die BRIGITTE-Redaktion stellt ihre Favoriten für den Frühling vor. Zehn Buch-Tipps. Der Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse ging am 18. März an Georg Klein für seinen "Roman unserer Kindheit". Hier kommen zehn weitere lesenwerte Bücher.

Zeitgeschichte: "Der Koch" von Martin Suter

Was für ein Jammer, dass man Bücher nicht essen kann. Martin Suters neuer Roman wäre einer der ersten, den man sich auf der Zunge zergehen lassen müsste. Kardamom, Kokosöl, Zimt, Safran und Mandeln: Das sind nur einige der Zutaten, mit denen Maravan, ein Kochgenie aus Sri Lanka, Offenbarungen auf den Teller zaubert. Sein Problem: Er ist Tamile und muss als Asylbewerber in der Schweiz seine Tage als Küchenhilfe fristen - bis er mit einer Kollegin einen Catering-Service für Liebesmenüs eröffnet. Seine ayurvedischen Küchengeheimnisse bringen ermattete Paare und das Geschäft in Schwung. Doch dann kommen eines Tages auch Waffenhändler auf den Geschmack.

Gekonnt verknüpft Suter Finanzkrise, Bürgerkrieg und Kochkunst zu einem packenden Roman. Mit starkem Abgang: Im Anhang finden sich die Rezepte! (272 S., 21,90 Euro, Diogenes) Angela Wittmann

Liebesroman: "Luft und Liebe" von Anne Weber

Anne Weber, die Frau, die vor 25 Jahren von Offenbach nach Paris ging und ihre Bücher zwei Mal schreibt (erst auf Deutsch, dann auf Französisch) galt lange als Geheimtipp. "Ida erfindet das Schießpulver" hieß ihr Erstling über eine eigenwillige Konventionsbrecherin, 1998 in Frankreich, ein Jahr später bei uns erschienen. In Deutschland bekam Weber bereits mehrere Literaturpreise, unter anderem für "Gold im Mund" - eine feine Beobachtung der bizarren Alltags-Folklore im Großraumbüro. "Luft und Liebe" ist nun ihr erster Liebesroman. Und da klingt jeder Satz so poetisch und schön als ziere er ein Liebeslied. Doch die scheinbare Leichtigkeit des Titels und der Sprache ist natürlich Täuschung. Was zunächst im Gewand einer wunderbaren Romanze daherkommt, entpuppt sich als handfeste Betrugsgeschichte mit einem Märchenprinzen, der sich in den Mühlen der Fortpflanzungsmedizin als Totalausfall erweist. Zum Schmerz der gefoppten Heldin, die eine emotionale Bauchlandung erlebt. Und zum Vergnügen der Leser, die sich über die hintergründige Ironie der Autorin freuen. Selten hat jemand mit so diebischer Lust über das Zerplatzen von Illusionen geschrieben wie Anne Weber. (188 S., 17,95 Euro, S. Fischer) Franziska Wolffheim

Familienroman: "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" von Moritz Rinke

Paul Wendland-Kück hat ein paar Probleme zu viel: Seine Galerie in Berlin läuft nicht, seine Mutter schickt ihm ständig Pakete mit gammligem Salat aus Lanzarote, seine Freundin verschwindet nach Barcelona. Und er muss dringend zurück in den Ort seiner Kindheit, die Künstlerkolonie Worpswede, denn das Familienanwesen der Kücks droht im Teufelsmoor zu versacken. Inklusive der Bronzestatuen seines Großvaters, der gerade posthum zum Künstler des Jahrhunderts ernannt wurde. Leider spuckt das braune Moor mehr Familiengeheimnisse aus, als Paul lieb ist: Bildnisse von Nazigrößen zum Beispiel - und was wurde eigentlich aus der schönen Marie die angeblich kurz vor Kriegsende von der Gestapo abgeholt wurde? Und welche Rolle spielt Ohlrogge, ein Ex-Freund von Pauls Mutter, der einen Hass auf die Kücks schiebt, seitdem er vor fast vierzig Jahren ihre Hochzeitsgesellschaft mit der Güllespritze durchtränkt hat und durch die folgende Schadensersatzklage für immer finanziell ruiniert war?

Dass der Verfasser Moritz Rinke eigentlich ein sehr erfolgreicher Theaterautor ist - seine Niebelungen-Version eröffnete 2002 die neuaufgelegten Festspiele in Worms - merkt man sofort: Er hat ein Händchen fürs Dramatische, Groteske, und sein Roman liest sich rasant wie ein Krimi. Auch wenn es eigentlich um recht gewichtige Themen geht, wie Künstler- und Nazitum, Verdrängung und Schuld. Und wie im modernen Regietheater üblich, endet die Tragikomödie am Schluss leider etwas arg drastisch. Aber so einen unterhaltsamen Parforceritt durch die norddeutsche Tiefebene muss man Rinke trotzdem erst mal nachmachen. (469 S., 19,95 Euro, Kiepenheuer & Witsch) Meike Schnitzler

Historischer Roman: "Gnade" von Toni Morrison

Da kniet eine Mutter im Staub und fleht den fremden weißen Mann an, er möge ihre Tochter mitnehmen und nicht sie selbst. Weil sie merkt, dass der Besucher ihre kleine Florens als Menschenkind sieht und nicht nur als ein Stück Vieh. Die Sklaverei gibt es 1675 noch nicht lang in der Neuen Welt. Und Jacob Vaark, der eigentlich mit Menschenhandel nichts zu tun haben will, nimmt das Mädchen von einem Schuldner in Zahlung, weil ihn die Mutter rührt. Sie sehen sich nie wieder, die Tochter wird sich immer verstoßen fühlen. Dabei hat sie es gut auf Vaarks Farm, die von vier Frauen mitten in der Wildnis bewirtschaftet wird. Eine Gemeinschaft der Ausgestoßenen, die funktioniert, bis die Blattern den Farmer dahinraffen und auch seine Frau erkrankt. Florens verliert jeden Halt, und die Gespenster ihrer Vergangenheit machen ihr Glück und ihre Zukunft zunichte... Toni Morrison ist nicht nur Nobelpreisträgerin für Literatur, sie erzählt so spannend und herzzerreißend, dass man es kaum aushalten würde - wäre da nicht ihr Erbarmen mit den Menschenkindern und Opferlämmern der Geschichte, die immer wieder Trost gibt und auch Hoffnung. (Ü: Thomas Piltz, 224 S., 18,95 Euro) Angela Wittmann

Debüt: "Axolotl Roadkill" von Helene Hegemann

Das Buch nervt. Trotzdem habe ich Axolotl Roadkill in einem Rutsch gelesen. Kraftvoll, obszön und hart beschreibt der Roman eine albtraumhafte Selbstzerstörung. Getrieben und erlebnishungrig schlingert die 16-jährige Mifti durch Berlin, erzählt von Experimenten mit Drogen, der Suche nach irgendeiner Form von Halt, von wüstem Sex und sadistischen Missbrauchsfantasien. Nicht zum Aushalten und dann wieder anrührend.

Die Autorin Helene Hegemann, die kurz nach Erscheinen ihres Buches 18 wurde, polarisierte mit ihrer krassen und überdrehten Milieuschilderung die Kritiker. Und rief die Echtheits-Fahnder auf den Plan. Ich habe dieses Buch keinen Augenblick als Biographie gelesen. Aber es trifft eine gefühlte Wahrheit: In Miftis Aufbegehren gegen den linksintellektuellen Vater, die bekloppten Geschwister, ach, eigentlich gegen alles, habe ich die Erinnerung an einen fast vergessenen Furor des Erwachsenwerdens wiedergefunden. In der Lust und Zielstrebigkeit, mit der Hegemann Tabus bricht, liegt eine - faszinierende - Authentizität. Dass die Autorin ganze Passagen abgeschrieben hat, stört mich nicht wirklich. Okay, sie hätte die wichtigsten Quellen nennen sollen. Aber auch so ist der eigenwillige Hardcore-Roman ein starkes Buch. Schön, dass er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. (208 S., 14,95 Euro, Ullstein)Claudia Kirsch

Humor: "Hummeldumm" von Tommy Jaud

Irgendwann sagt Sina: "Da habe ich uns einen schönen Scheiß zusammengebucht, was?" Recht hat sie: Die deutsch-österreichische Reisegruppe, mit der sie und ihr Freund Matze im Bus durch Namibia fahren, ist eine Katastrophe, nur der schwarze Guide Bahee scheint normal. Das sorgt für Komik an allen Enden, erst recht, wenn man Tommy Jauds Ritt durch ein halbes Dutzend Dialekte folgt. "Hummeldumm" ist das erste seiner Bücher, das er als Hörbuch auch selbst liest - der Ex-Radiomann macht es großartig. Sein Lieblingsdialekt? "Nadürlich des Frängische, weil ich dord herkomm." Aber egal ob gehört oder still und leise selber gelesen: Dieses Buch ist ein Riesenspaß (320 S., 13,95 Euro, Scherz) Stephan Bartels

Fantasy: "Saphirblau - Liebe geht durch alle Zeiten" von Kerstin Gier

Denis Scheck ("Druckfrisch", ARD) ist ein strenger Kritiker. Wer einmal gesehen hat, wie er Bestseller in die Tonne klopft, hat daran keinen Zweifel. Aber Chartstürmerin Kerstin Gier konnte bestehen: "Weil ich nun mal eine Schwäche für Zeitreisegeschichten habe, besorge ich mir jetzt auf der Stelle "Rubinrot", den ersten Band dieser streckenweise durchaus amüsanten Trilogie von Kerstin Gier.?" Machen Sie's wie Denis Scheck: Lesen Sie "Rubinrot" und "Saphirblau", folgen Sie den jungen Liebenden Gwendolyn und Gideon quer durch die Jahrhunderte, und freuen Sie sich auf den dritten Band "Smaragdgrün" - auch wenn der erst im Herbst erscheint. (395 S., 15,95 Euro, Arena) Angela Wittmann

Jugendbuch: "Der Fürst des Nebels" von Carlos Ruiz Zafón

Endlich liegt Zafons legendärer erster Roman, für den er den spanischen Jugendliteraturpreis erhielt, wieder vor. Jahrelang vergriffen, wurde "Der Fürst des Nebels" nur noch zu aberwitzigen Preisen im Internet gehandelt. 1943 zieht Max mit seiner Familie aus Paris in ein beschauliches Küstenstädtchen, um dem Krieg zu entfliehen. Was die Familie nicht ahnt, hier lauert eine ganz andere Gefahr. Der Sohn der ehemaligen Besitzer des alten Hauses ist unter tragischen Umständen ertrunken. Verantwortlich dafür scheint ein mysteriöser Magier namens Cain zu sein - so erzählt es der alte Leuchtturmwärter. Cain oder eben der Fürst den Nebels hat viele Gesichter. Lässt Wünsche in Erfüllung gehen, fordert aber eine schreckliche Gegenleistung dafür. Vor Jahren ging er mit einem Schiff vor der Küste unter. Und mit ihm ein nicht eingelöstes Versprechen. Eine atemberaubende Schauergeschichte mit einem Finale voller Schrecken. Fazit: Der Pakt mit dem Teufel ist lebensgefährlich. Ab 12 Jahre. (Ü: Lisa Grüneisen, 270 S., 16,95 Euro, Fischer) Anke-Maren Köster

Biografie: "Bekenntnisse" von Nina Hagen

Nina Hagen kennt jeder, oder glaubt zumindest zu wissen, wer oder was sie ist: Punkerin, Rockerin und Bürgerschreck. Ihre Tochter Cosma Shiva fand im Interview mit BRIGITTE kürzlich das liebevollere Wort Paradiesvogel: "Das blöde ist nur, dass sie sich immer so verrückt ausdrückt, dass die Leute nicht richtig zuhören und denken, sie spinnt." Um endlich Klarheit zu schaffen, hat Nina Hagen (56) jetzt - sie überrascht uns immer wieder - ein Buch geschrieben. Genannt hat sie es "Bekenntnisse", um keine Zweifel daran zu lassen, dass sie auch darin kein Blatt vor den Mund nimmt. Selbstverständlich geht es um Sex, Drugs, Rock'n'Roll, allerdings auch um - Überraschung gelungen - Gott. (280 S., 18,00 Euro, Pattloch) Simone Rickert

Krimi: "Leopard" von Jo Nesbø

Drei Mordopfer und keine Spur: Die Polizei in Oslo gerät allmählich in Panik. Und holt den drogenabhängigen Top-Ermittler Harry Hole zurück, denn der hat - unter persönlichen Opfern - den letzten Serientäter Norwegens gefasst. Auch diesmal fndet Hole einen bislang übersehenen Hinweis. Am Ende führt ihn seine Jagd zu einem der perfidesten Mordwerkzeuge der Welt ... Komplex, tiefsinnig und superspannend ist das neue Werk von Nesbø und mit über 700 Seiten auch ziemlich umfangreich - aber keine einzige wollen wir missen auf dem Weg zum überraschenden Finale. (Ü: Günther Frauenlob und Maike Dörries, 700 S., 21, 95 Euro, Ullstein) Stephan Bartels

Foto: Getty Images

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