Der Roman dieses Sommers: "Liebespaarungen" von Lionel Shriver

Ganz selten gibt es ein neues Buch, das man sofort allen Freundinnen schenken möchte. "Liebespaarungen" von Lionel Shriver ist so ein Buch.

Alles, was im Leben nicht Zufall, Pech oder Glück ist, geschieht, weil wir uns dafür oder dagegen entscheiden. Und gar nicht selten fragen wir uns später: Wäre die andere Wohnung nicht doch schöner gewesen? Wäre ich zufriedener, wenn ich den anderen Job angenommen hätte? Und, vielleicht die größte Frage von allen: Wäre ich glücklicher geworden mit dem anderen Mann?

Aber weil wir nur ein Leben haben, erfahren wir nie die Antwort. Lionel Shriver wollte sich damit nicht abfinden. Die amerikanische Autorin hat einen Roman geschrieben, der "Liebespaarungen" heißt und mit einem Kuss beginnt, der zu einer Entscheidung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Männern führt.

Ihre Heldin Irina ist Anfang vierzig, Kinderbuch-Illustratorin in London, seit zehn Jahren fest liiert mit Lawrence, einem liebenswerten, soliden Politologen. Die beiden führen ein gleichförmiges Leben mit viel Vertrautheit und wenig Leidenschaft. Als Irina zufällig allein mit dem halbseidenen, aber attraktiven Ramsey zu Abend isst, kommt sie an eine emotionale Weggabelung: Ramsey, zu dem Irina sich seit Langem hingezogen fühlt, küsst sie. Und Irina ist klar: Wenn sie jetzt aufsteht und geht, verläuft ihr Leben weiter wie bisher; wenn sie aber den Kuss erwidert und bleibt, wird sie Lawrence verlassen - und nichts bleibt, wie es war.

Von diesem Punkt an verläuft Shrivers Buch zweigleisig: In abwechselnden, kunstvoll nebeneinander herlaufenden Kapiteln erzählt sie, wie Irinas Leben weitergeht, wenn sie a) beim langweiligen Lawrence bleibt oder b) zum spannenden Ramsey zieht. Dieses Gedankenexperiment ist nicht neu, aber es ist noch nie so konsequent und mitreißend durchgespielt worden. Wie die Leidenschaft einer neuen Liebe aufflammt und dann im Alltag verkokelt, wie die Intimität einer langen Beziehung einem Kraft gibt und im nächsten Moment die Luft abschnürt, wie Sex uns erheben und bedrücken kann - darüber hat seit Langem niemand so rasant und so lebensklug geschrieben.

"Wie die meisten Frauen in meinem Alter habe ich vor so einer Entscheidung gestanden", sagt Lionel Shriver, die viel jünger aussieht als 51, vor allem, wenn sie lacht, eine zierliche, energische Frau, die im Londoner Stadtteil Southwark in einer mit alten Möbeln voll gestellten engen Mietwohnung lebt (wie ihre Heldin Irina), ihre Kleidung secondhand kauft (wie Irina) und auch im Zimmer rote Samthandschuhe trägt, weil sie (wie Irina) eine Kreislaufschwäche hat, die zu chronisch unterkühlten Händen führt. "Ich musste mich zwischen zwei hervorragenden Kandidaten für meine Zuneigung entscheiden. Und ich wusste, dass beide ihre Schwächen haben und ihre Stärken. Aber ich wusste auch, dass diese Informationen nicht ausreichen würden, um wirklich abzusehen, wie mein Leben mit dem einen oder dem anderen verlaufen würde." Es habe mehr als einen Moment gegeben, in dem sie in die eine oder in die andere Richtung habe gehen können: "Die schwierigste Entscheidung meines Lebens", sagt sie.

Und während eines Gesprächs mit einer Freundin, als sie wieder einmal abgewägt und sich gequält habe, sei ihr die Idee gekommen, aus dieser Notlage einen Roman zu machen. "Im Englischen sagen wir: Du kannst deinen Kuchen nicht aufheben und aufessen, du musst dich entscheiden. Aber das Schöne an der Literatur ist: Du kannst einfach zwei Paralleluniversen erfinden, im einen stellst du den Kuchen in die Speisekammer, im anderen verschlingst du ihn." Kurz: "Ein sehr persönliches Buch."

Lionel Shriver ist eine ungewöhnliche Schriftstellerin. Das beginnt mit ihrem Vornamen: Eigentlich heißt sie Margaret Ann, aber mit 15 gab sie sich den Jungennamen Lionel, weil sie, wie sie sagt, schon immer ein "Wildfang" war und weil sie aus ihrer Identität als Tochter eines strengen Pfarrers und einer Hausfrau in North Carolina "ausbrechen" wollte. Seit zehn Jahren lebt die Amerikanerin in London, nach Umwegen über Israel, Kenia, Thailand und Nordirland. Nach "sehr dürren und sehr harten Jahren" als erfolglose Schriftstellerin wurde sie 2005 auf einen Schlag weltberühmt mit "Wir müssen über Kevin reden", einem Buch, das eines der höchstgelobten, wahrscheinlich aber auch meistgehassten dieses Jahrzehnts ist: die tiefdunkle, verstörende und reißerische Lebensbeichte einer Mutter, deren Sohn an seiner Highschool neun Menschen tötet. Ein Buch, das eine Zumutung ist, weil es die unbeantwortbare Frage stellt: Ist mein Kind böse, weil ich es nie geliebt habe, oder habe ich es nie geliebt, weil es böse ist?

Als "Kevin" in Großbritannien 2005 den wichtigen "Orange Prize" für den besten Roman einer Frau gewann, sagte Shriver sinngemäß: völlig zu Recht, sie habe unbedingt gewinnen wollen, und sie sehe nicht ein, warum Frauen ein Problem mit "nacktem Ehrgeiz" und "hartem Wettkampf" haben und so tun sollten, als würden sie sich genieren, einen Preis zu gewinnen. Spätestens seitdem gilt sie als Provokateurin mit einer Vorliebe für schonungslose Äußerungen. Wobei sie vor sich selbst nicht Halt macht: In einem großen Meinungsartikel warf sie den Frauen ihrer Generation, die sich gegen Kinder entschieden hätten, um sich selbst zu verwirklichen, Egoismus und Verantwortungslosigkeit vor - und nahm sich selbst als Paradebeispiel für das von ihr kritisierte Lebensmodell.

"Liebespaarungen" hat die Kritiker überrascht, weil es, anders als "Wir müssen über Kevin reden" und anders als Lionel Shrivers Zeitungsartikel, bei aller Zerrissenheit einen großen Frieden ausstrahlt. "Auch wenn man beide Leben durchspielt, kann man nicht sagen, welches besser oder schlechter ist", sagt Shriver. "Wir belasten uns so sehr mit der Frage, wer für uns der richtige Partner ist; jeder, der sich zwischen zwei Menschen entscheiden musste, weiß, wie viel Kummer einem das bereitet - aber am Ende bleibt das merkwürdige Gefühl, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist." Sie lacht. "Und das ist nicht zynisch gemeint, sondern als Erleichterung."

Wie gesagt, es gibt Parallelen zwischen Shriver und Irina, und die Autorin deutet an, dass Irinas Freund Lawrence Ähnlichkeit mit Shrivers langjährigem Exfreund hat, einem Sachbuchautor, mit dem sie zehn Jahre zusammen war; und Ramsey, Irinas lebensverändernde Affäre, mit dem Mann, für den Shriver sich entschieden hat: ein amerikanischer Jazz-Schlagzeuger, den sie inzwischen geheiratet hat. "Mein Ehemann hat sehr großzügig auf das Buch reagiert. Ich habe es erst meinem Agenten geschickt, weil ich fürchtete, mein Mann würde Einwände haben, schließlich hat er viel beigetragen zu einer der Hauptfiguren. Aber er hat nichts persönlich genommen, er wollte nichts nachverhandeln. Er ist wunderbar, ein Traum, der Wahrheit geworden ist", sagt Lionel Shriver. Die eben, trotz aller Ähnlichkeiten, nicht Irina ist. Sondern in der realenWelt eine einzige folgenreiche Entscheidung treffen musste.

Lionel Shriver: "Liebespaarungen" (Ü: Monika Schmalz, 579 S., 22,90 Euro, Piper)

Text: Till Raether Bild: Getty Images Ein Artikel aus der BRIGITTE 10/09
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