Family-Life: Wie aus dem echten Leben

Jetzt gibt's die Brigitte Kult-Kolumne endlich auch als Buch: 26 Geschichten wie aus dem prallen Leben, illustriert - natürlich - von Papan.

Kindergeburtstage, die wie der Sturm auf die Bastille wirken, schwierige Schwiegerväter, irrsinnige Mütter, familiäres Singen im Auto, sadistische große Brüder, schreckliche Urlaubsfotos, seltsame Ehemänner, aber auch herrliche Babys, schwangere Väter und sprechende Hunde - den Autorinnen und Autoren von "Family-Life" ist nichts Menschliches fremd. Kleine Kostprobe? Dann lesen Sie folgende Geschichte.

Der Vollwert-Ersatz

Dietrich Faber sollte die Kindergärtnerin vertreten. Einen Tag lang. Eigentlich kein Grund, die Nerven zu verlieren, meinen Sie? Ich bin in einem Kindergarten. Das heißt, eigentlich nicht ich, sondern mein Sohn Ben. Aber irgendwie sind wir Eltern fast mehr zugegen als unsere Kinder. Denn wir sind elternselbstoganisiertundverwaltetet. Da wir kochen, putzen, renovieren und uns mindestens dreimal pro Woche zum fünfstündigen Elternabendmarathon treffen, um über die vollwertigste Zahnpasta zu entscheiden, haben fast alle Eltern ihren ursprünglichen Beruf aufgeben müssen. Wenn mal eine der beiden Erzieherinnen krank ist, muss Ersatz her, und dieser sollte diesmal ich sein. Vollgetankt mit positiven Energien trat ich morgens pünktlich um 8 Uhr meinen Dienst an. Meine erste gute Tat war es, die bei meinem Anblick loskreischende Anne aus den Armen ihrer Mutter zu reißen. Nachdem ich Kamikaze-Anne, die in ihrer Freizeit gern mit dem Kopf zuerst von hohen Schaukeln herunterzustürzen pflegt, mit launigen Späßen und abgesperrter Tür zur Ruhe bringen konnte, wies mich Ben streng darauf hin, dass so Vertretung nicht gehe. "Wie geht denn Vertretung?", fragte ich, während Anne im freien Fall vom Klettergerüst an mir vorbeirauschte. "Du musst mit uns spielen!" Ach so.

"Dietrich, du Blödmann", trällerte Jacqueline mir feixend zu, worauf alle Kinder heiter einstimmten. "Dietrich, ich Blödmann", sang ich im Geiste mit, während ich ernst und hobbypädagogisch verkündete: "Blödmann genannt zu werden, das find ich jetzt irgendwie nicht so gut." Danach wurde ich von einem Teletubbie erschossen, und wir konnten frühstücken. Ich bewunderte Erzieherin Olga, der es virtuos gelang, zehn Kinder gleichzeitig dazu zu bewegen, zu essen, zu trinken, sich nicht die Gabel durch das Teletubbie-Kostüm ins Auge zu stechen und sich im Anschluss gar noch vollwertig die Zähne zu putzen. Staunend saß ich auf meinem ca. 20 cm hohen Holzstuhl und wischte mir die ausgespuckten Müslireste meiner reizenden Tischnachbarin von der Brille.

Während ich mich bereits zu diesem Zeitpunkt reif für zwei Wochen Urlaub fühlte, legte Olga erst richtig los. Innerhalb von sieben Sekunden verwandelte sie die Kindergruppe in eine rauschende Hochzeitsfeier, auf der König Benedikt die Prinzessin Katjuscha heiratete und alle Kinder inklusive Olga reizende Kostüme trugen, bei deren Anblick alle Oma- und Opa-Herzen höher geschlagen hätten. Mein Herz dagegen schlug hoch, als ich versuchte, ungefähr 46 Füße mit 223 Gummistiefeln passend in Verbindung zu bringen, sowie ebenso viele Beine in so genannte Matschhosen zu bugsieren.

Wieder wurde ich erschossen, diesmal mit einem aus Öko-Holz selbstgeschnitzten Maschinengewehr. Ich rief den Kindern zu: "Spielt doch mal Frieden!" Fragende Kinderaugen starrten mich verwirrt an, und mir fiel ein, dass es für Kinder in diesem Alter ungemein wichtig ist, ihre Aggressionen zu spüren, zu kanalisieren und auszudrücken oder so. Dann wurde ich von Kopf bis Fuß eingematscht - und ich gehöre nicht zu den stolzen Besitzer einer Matschhose. Tobias begann feixend und meine Ermahnungen ignorierend die abgezählten vollwertigen Melonenstücke den übrigen weinenden Kindern wegzuessen, um die Reste dann quer durch den Garten zu schmeißen. Da spürte auch ich meine Aggressionen, kanalisierte sie und gab ihnen Ausdruck.

Welcher Schluss ist der Richtige?

Wir hatten Sie in unserer Verlosungsaktion nach dem richtigen Schluss gefragt. Die Entscheidung war nicht leicht, denn gut sind alle drei Varianten. Die Lösung lautet: Schluss B. Hier können Sie noch alle Vorschläge nachlesen:

Schluss A Und zwar sehr laut. Bei der nächsten Elternvollversammlung wurde beschlossen, im nächsten Krankheitsfall lieber Saddam Hussein um Hilfe zu bitten als mich. Ich akzeptierte klaglos und erleichtert. Ich habe meine Vollbeschäftigung als Vater an den Nagel gehängt. Zur Zeit befinde ich mich auf einer dreimonatigen Wanderung durch Spitzbergen, allein, versteht sich. Und wenn ich wiederkomme, suche ich mir einen Job. Vielleicht als Löwenbändiger. Oder Stuntman. Hauptsache, ruhig und ungefährlich. Dietrich Faber, 31, ist Autor und lebt in Gießen

Schluss B Und zwar sehr laut. Ich brüllte Worte, die nicht auf diese Seite gehören und schon gar nicht in den Kindergarten. Mein Ausbruch tat mir Leid. Mir wurde einmal mehr klar, dass ich eben nur ein Ersatz war und nicht einmal ein vollwertiger. Ich bin eben keine Zahnpasta. Dietrich Faber, 31, ist Autor und lebt in Gießen

Schluss C Und zwar so laut, dass besorgte Nachbarn vorsorglich den Kinderschutzbund informierten. Mein Sohn Ben merkte sich den genauen Wortlaut meiner Verwünschungen und trägt ihn mir auch heute noch mit dem größten Vergnügen vor. Auch meinen unflätigen Fluch auf 223 Gummistiefel - er gehört nicht auf diese Seite -, dem ich es zu verdanken habe, dass ich mit sofortiger Wirkung als Ersatzmann ersetzt wurde. Dietrich Faber, 31, ist Autor und lebt in Gießen

Buch bestellen

Kester Schlenz (Hrsg.): "Family-Life" 26 aufregende Geschichten aus dem Familienalltag. Illustriert von Papan.

Mosaik-Verlag, 128 Seiten., 12,90 Euro, ISBN 3-576-11675-3.

Zum Shop

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Lieblingsartikel direkt in dein Postfach

Melde dich jetzt kostenlos an!