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Faszination des Bösen


Keine Woche, in der nicht mindestens ein Krimi auf der Bestsellerliste zu finden ist. Warum lesen wir so gerne Bücher über Mord und Totschlag? Ein Gespräch mit dem Psychologen Jens Hoffmann.

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Brigitte.de: Viele Menschen sind begeisterte Krimi-Leser: Wie lässt sich das aus psychologischer Sicht erklären?

Jens Hoffmann: In Krimis geht es meist um Morde oder Gewaltverbrechen, also um Dinge, vor denen wir Menschen Angst haben. Indem wir uns in Büchern damit auseinandersetzen, können wir unsere Angst unter Kontrolle bringen. Das ist so wie bei einem Freund von mir, der große Flugangst hat. Um die zu überwinden, hat er sich zu einem absoluten Flugexperten entwickelt.

Brigitte.de: Nun werden wir schon durch die Medien täglich mit Tod, Leid und Verbrechen konfrontiert. Warum greifen wir in unserer Freizeit dann nicht alle zu Heile-Welt-Literatur?

Jens Hoffmann: Natürlich kann Ablenkung, also die Flucht in eine heile Welt, auch eine Strategie sein. Aber der Mörder, der sich hinter der Maske der Normalität verbirgt, den wir vielleicht kennen und trotzdem nicht erkennen, ist von seinem Wesen her viel schwieriger zu erfassen und gerade deshalb so interessant.

Brigitte.de: Das Böse übt also eine Faszination auf uns aus...

Jens Hoffmann: Wenn wir einen Krimi lesen, wissen wir natürlich genau, dass das Fiktion ist. Aber die Menschen sind auch vom realen Bösen fasziniert. Das hat sich zum Beispiel gezeigt, als der amerikanische Gefangene Berg im Irak geköpft wurde und die Bilder der Exekution durch das Internet gingen. Das war am nächsten Tag das meistgesuchte Thema bei der Suchmaschine Google. Die Leute wollten ihre Sensationslust befriedigen. Dafür suchen sie sich aber eher reale Geschichten und verfallen nicht ins künstlerische Krimi-Lesen.

Brigitte.de: Faszination des Bösen ist das eine, spielt auch die Identifikation mit dem Bösen eine Rolle? Versetze ich mich insgeheim in die Ehefrau hinein, die die Liebhaberin ihres Ehemannes erschießt?

Jens Hoffmann: Sie spielen darauf an, ob wir nicht alle das Böse, die Aggression und den Tötungswunsch in uns haben, den wir dann beim Krimilesen ausleben können. Das wird meiner Meinung nach überschätzt. Natürlich haben wir alle Aggressionen in uns. Aber wenn man sich anschaut, wer wirklich gewalttätig wird, dann gibt es zum einen die Leute, die in Beziehungen verstrickt sind, die eskalieren, zum anderen Leute, die serienmäßig Gewalttätigkeiten begehen. Die sind aber nicht so wie wir, sondern antisoziale Charaktere, die ihr ganzes Leben lang Grenzen missachten und denen andere Menschen egal sind.

Brigitte.de: Die meisten Krimis gehen gut aus: Am Ende ist der Mörder gefasst. Sind Krimis auch deshalb so beliebt, weil am Ende die Weltordnung wiederhergestellt wird?

Jens Hoffmann: Lange Zeit war das sicherlich ein vorherrschendes Motiv, weil alle Krimis darauf aufgebaut waren. In letzter Zeit gibt es viel mehr Krimis, in denen der Täter davonkommt. Serienmörder erscheinen teilweise als Menschen ohne Bindung, die tun, was sie wollen - jenseits aller moralischen Beurteilungsmöglichkeiten. Darin spiegeln sich auch sehr stark gesellschaftliche Entwicklungen und Ängste wider.

Brigitte.de: Egal, ob der Täter gefasst wird oder nicht. In Krimis ist auf jeden Fall mehr los als im Alltag von Ottonormalverbrauchern. Holen wir uns die Spannung aus den Büchern ins eigene Leben?

Jens Hoffmann: Das spielt bestimmt eine Rolle. Die Medien suggerieren einem ja schon seit längerer Zeit, dass man eigentlich ein ganz besonderes Leben haben muss mit lauter Kicks und viel Action. Das lässt sich natürlich gut in der Fiktion besorgen.

Brigitte.de: Greifen Sie eigentlich privat auch zum Krimi?

Jens Hoffmann: Nein, ich habe beruflich zu viel damit zu tun. Bei mir ist es umgekehrt: Ich freue mich, wenn ich mal andere Sachen lesen kann.

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Jens Hoffman, Jahrgang 1968, ist Kriminalpsychologe und beschäftigt sich vor allem mit den Themen Täterprofilerstellung und Stalking. Er arbeitet an der TU Darmstadt und ist außerdem in einem psychologischen Beratungsunternehmen tätig.

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