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Ingrid Noll: "Ich will es richtig krachen lassen"


"Kuckuckskind" heißt der neue Roman von Ingrid Noll. Ein Gespräch mit der Autorin über heimliche Vaterschaftstests, arglistige Frauen und die Rivalität zwischen Müttern und Nicht-Müttern.

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BRIGITTE.de: Frau Noll, was halten Sie von heimlichen Vaterschaftstests?

Ingrid Noll: Man muss nicht alles wissen, der Mantel des Schweigens ist oft gnädiger. So ein Test kann eine sehr zerstörerische Wirkung entfalten. Und die Leidtragenden sind die Kinder. Aber natürlich kommt es immer auf den Einzelfall an.

BRIGITTE.de: Also gibt es Umstände, unter denen ein heimlicher Test doch akzeptabel wäre?

Ingrid Noll: Wenn eine Frau arglistig handelt, dann kann so ein Vaterschaftstest schon mal legitim sein.

BRIGITTE.de: Und was verstehen Sie unter arglistig?

Ingrid Noll: Manche Frauen schieben ganz gezielt einem Mann ein Kind unter - und der muss sein Leben lang blechen. In meiner Verwandtschaft gibt es so einen Fall: Die Frau teilte ihrem Freund nach einer kurzen Beziehung mit, er werde Vater. Er freute sich. Zunächst. Ein Test brachte herheraus, dass er nicht der Vater sein konnte. Die Frau hatte ihn gezielt ausgesucht, weil der Erzeuger des Kindes kein Geld hatte. Ob heimlich oder nicht, in so einem Fall ist ein Test völlig in Ordnung.

BRIGITTE.de: In Deutschland gilt seit April dieses Jahres ein Gesetz, das Männern den Anspruch auf Gewissheit verschafft, heimliche Tests aber verbietet.

Ingrid Noll: Welche Frau wird denn einwilligen, wenn sie es von vornherein drauf angelegt hat, dem Kerl ein Kind unterzuschieben? Aber es ist gut, dass im Gesetz das Kindeswohl im Vordergrund steht.

BRIGITTE.de: Es geht dabei ja auch um Eifersucht, verletzte Gefühle...

Ingrid Noll: ... und um Verunsicherung, Geld - da vermischt sich ganz viel. Das macht die Gemengelage nicht gerade leichter. Jeder Fall ist anders. Darum kommt es auch immer darauf an, wie eine Beziehung läuft. War der Seitensprung einmalig? Hatte er System? Wenn ein Paar in einer eigentlich guten Partnerschaft lebt, wird es auch eine Affäre verkraften und das Kuckuckskind irgendwie gemeinsam lieben können. Warum mit einem Test alles kaputt machen? Ich finde dieses ganze Getue um Blutsverwandtschaft sowieso sehr fragwürdig, schließlich können auch adoptierte Kinder sehr geliebt werden. Mal abgesehen davon, dass es nun wirklich nicht so kompliziert ist, zu verhüten.

BRIGITTE.de: In "Kuckuckskind" führen heimliche Tests zu Chaos und Schuld - und zu einem Happy End...

Ingrid Noll: Oh, bitte, verraten Sie nichts!

BRIGITTE.de: Ihre Heldinnen lügen, morden und intrigieren um zu bekommen, was sie wollen. Was für ein Frauenbild haben Sie eigentlich?

Ingrid Noll: Ich will es richtig krachen lassen. Darum sind meine Heldinnen graue Mäuse, zu kurz gekommen, keine Glückspilze. Die haben alle eine leichte Macke und schaffen es einfach nicht, den richtigen Kerl an Land zu ziehen. Und dann schrecken sie vor nichts zurück, um doch noch ihr Glück zu finden.

BRIGITTE.de: In "Kuckuckskind" geht es auch um unerfüllten Kinderwunsch und die Eifersucht von kinderlosen Frauen auf Mütter.

Ingrid Noll: Das ist ein Problem unserer Zeit. Ich kenne viele Frauen mit Kin-derwunsch, bei denen es nicht klappen will. Sie haben eine gute Ausbildung, lieben ihren Beruf, zögern das Kinderkriegen raus, geraten vielleicht an den falschen Mann - und dann ist es zu spät für ein Kind. Das schwierige Verhältnis zwischen Müttern und Nicht-Müttern ist mir aus meinem eigenen Umfeld vertraut: Bei einem Klassentreffen, das ist schon ziemlich lange her, zeigten die Mütter Fotos von ihren entzückenden Kindern. Und die kinderlosen Professorinnen gaben mit Vorträgen in New York an.

BRIGITTE.de: Wie war die Atmosphäre? Mütter gegen Karrierefrauen?

Ingrid Noll: Nein, beide Seiten waren traurig, weil sie auf etwas verzichtet hatten. Beides kann man nicht nachholen, Kinder nicht und Karriere nicht. Und eigentlich will doch jede Frau alles: einen wahnsinnig interessanten Beruf und hinreißende Kinder haben und schön, berühmt, reich, und glück-lich sein. Also ich, ich würde da bestimmt nicht Nein sagen.

Leseprobe aus "Kuckuckskind"

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Kleine Kostprobe gefällig? Wir schenken Ihnen das erste Kapitel aus Ingrid Nolls neuem Roman. Zur Leseprobe

Interview: Claudia Kirsch Foto: Regine Mosimann / Diogenes Verlag

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