Kate Christensen: "Es hat Spaß gemacht, diesen Frauen zu erlauben voller Sehnsucht zu sein"

Wie schreibt man das beste Buch des Jahres? Mit frechen Sex-Szenen - und Frauen um die 80. Kate Christensen hat für ihren Mut jeden Preis verdient. Den PEN/Faulkner Award hat sie schon bekommen - nach Updike, DeLillo und zuletzt Philip Roth. Die 46-jährige Amerikanerin soll davon selbst am meisten überrascht gewesen sein. Exklusiv für Sie: Unsere Lieblings-Stellen aus "Feldmans Frauen" als Leseprobe

Kate Christensen "Feldmans Frauen".

BRIGITTE.de: Wussten Sie wirklich nicht, dass Ihr Roman "Feldmans Frauen" als bestes amerikanisches Buch des Jahres für den PEN/Faulkner Award nominiert war?

Kate Christensen: Das ist wirklich wahr - es war die totale Überraschung für mich, um nicht zu sagen: ein Schock.

BRIGITTE.de: Weil Sie dachten, diese alten Löwen der Literatur und dann ich?

Kate Christensen: Genau. Ich bin fast in Ohnmacht gefallen, als der Anruf kam.

BRIGITTE.de: Ein alter Löwe seiner Zunft ist auch der Titelheld ihres neuen Romans - der fiktive Maler Oscar Feldman. Der allerdings schon auf der ersten Seite tot ist.

Kate Christensen: Damit ist die Bühne frei für die Musen seines Lebens. Es hat riesig Spaß gemacht, diesen Frauen zu erlauben voller Sehnsucht zu sein. Voller Lust, Leidenschaft, Hoffnung und Leben.

BRIGITTE.de: Sie haben mal gesagt, die männliche Muse sei ein unzählbar rares Gut in der Kunstwelt. Wie steht es mit ihrer Musen-Sammlung?

Kate Christensen: Meine Musen sind Männer, die ich zu irgendeiner Zeit meines Lebens beeindrucken wollte. Das ging mit einem Jungen namens Kenny los. Er ging mit mir in die achte Klasse, und ich wollte ihn heiraten. Aber er war in ein Mädchen verknallt, das viel hübscher war und viel netter. Ich musste mir also was ausdenken. Ich schrieb meine erste Erzählung und schickte sie ihm Kapitel für Kapitel während des Unterrichts. Ich wollte ihn zum Lachen bringen, und als ich dann vier Reihen hinter mir dieses erlösende Geräusch vernahm, wollte ich niemals aufhören zu schreiben. Seit damals habe ich jedes meiner Bücher für eine andere männliche Muse geschrieben.

BRIGITTE.de: Aber gewidmet haben Sie Ihren Roman diesmal Ihrer Mutter Lizzie.

Kate Christensen: Meine männlichen Musen pflege ich geheim zu halten. Und meine Mutter hat mich in der Tat zu meinem neuen Roman inspiriert: Sie hat sich in ihren 60ern noch einmal verliebt und hatte eine fantastische Affäre. Mit einem Mann, den sie schon 30 Jahre kannte. Er war die Liebe ihres Lebens, aber sie musste eben erst ein gewisses Alter erreichen, um ihn zu bekommen. Und während ich das Buch schrieb, gab es in den Medien plötzlich jede Menge Meldungen über Liebende weit über 80 - anscheinend haben sie mehr Sex als sonst jemand.

BRIGITTE.de: Was hat Ihre Mutter zu ihrem Roman gesagt?

Kate Christensen: Sie liebt das Buch.

BRIGITTE.de: Haben Sie eigentlich deutsche Wurzeln? Wenn man Ihren ersten Roman "Die Barhockerin" liest, wird man den Verdacht nicht los, dass Sie eine Menge über deutschstämmige Mütter und Hummelfiguren wissen.

Kate Christensen: Ich hatte einen deutschen Großvater. Hans Otto Max Friedrich Pusch - meine Mutter ist in Dornach geboren und Schweizerdeutsch war ihre Muttersprache. Die Pusch-Familie wanderte nach Amerika aus, als sie drei war, damit mein Großvater nicht in Hitlers Armee eingezogen werden konnte. Ich hab auch Vorfahren aus Norwegen und England, bin also eine Nord-Europäische-Mischung, aber meine deutschen Wurzeln sind ein starker Teil meines Erbes.

BRIGITTE.de: In Ihren Büchern wird nicht nur leidenschaftlich geliebt, sondern auch leidenschaftlich gegessen. Schreiben Sie, wie Sie kochen?

Kate Christensen: Absolut. Ich gehe in die Küche oder setze mich an meinen Schreibtisch mit einer Idee, aber ohne Rezept oder Fahrplan für den Plot. Ich nehme meine Figuren oder Zutaten und fange an herumzuspielen. Und irgendwann übernehmen die Bestandteile und bestimmen, was ich den Leuten auftische. So macht mir das am meisten Spaß.

Das Buch: "Feldmans Frauen" von Kate Christensen

Kate Christensen "Feldmans Frauen".

Dieser Roman macht doch tatsächlich jünger. Weil seine Heldinnen weit über 70 sind und so wild, dass sie einen sofort anstecken mit ihrem Übermut, ihrem Heißhunger und ihrem Geschick, Männer ins Bett zu kochen. "Feldmans Frauen" heißen sie, benannt nach Oscar Feldman, einem fiktiven Maler. Zeit seines Lebens hat er obsessiv Frauen-Akte gemalt und es bis ins New Yorker MoMA gebracht. Gleich zu Beginn des Romans steht sein Nachruf in der "New York Times". Und damit wird sein Leben erst kompliziert. Denn er hinterlässt nicht nur eine Frau und eine Schwester, die als Künstlerin immer in seinem Schatten stand (beide im Nachruf erwähnt), sondern auch eine Langzeit-Geliebte Teddy (im Nachruf ebenso unerwähnt wie die gemeinsamen Zwillingstöchter) und deren Busenfreundin Lila, die sich ebenfalls nach Feldman verzehrte. Dass dann auch noch zwei Biografen auf den Plan treten, die - im Wettlauf um das erste Werk über den Künstler - ordentlich Staub aufwirbeln, lässt den Roman über zweite, dritte, ja sogar vierte Chancen im Leben zu einem großen Spaß werden.

"Ich glaube, er hat sich ein bisschen in mich verliebt", sagt Oscars Geliebte Teddy (74) nach dem Besuch des ersten Biografen. "Wie alt ist er?", fragt ihre Freundin Lila. "Vierzig, würde ich sagen, vielleicht ein bisschen älter." - "Ein Junge", sagt da die Freundin. Und freut sich. Und die verwitwete Geliebte freut sich noch mehr. "Ich bevorzuge einen jungen Spund." Kate Christensen wollte einen Roman darüber schreiben, "wie es ist, wenn man am Ende eines Lebens steht und fühlt, dass man noch so viel Leben in sich hat". Gelungen ist ihr das mit einem Witz, der selbstironisch um Besenreiser und "Armgebamsel" kreist. Und einer Würde, die ihr zu Recht den PEN/Faulkner Award für das beste amerikanische Buch des Jahres 2008 eingebracht hat.

(Ü: Kristina Lake-Zapp, 352 S., 16,95 Euro, Droemer)

Exklusiv für Sie: Unsere Lieblings-Stellen als Leseprobe

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