Kehlmanns Korrekturen

Nach dem Millionen-Erfolg von "Die Vermessung der Welt" ist jetzt der neue Roman von Daniel Kehlmann erschienen. "Ruhm" heißt er und hat auf Anhieb die Bestseller-Liste erobert. BRIGITTE-Autorin Beatrix Gerstberger traf Kehlmann in Wien, schrieb folgendes Porträt - und lud Kehlmann ein, ihren fertigen Text zu kommentieren.

Mit Herrn Kehlmann ist das anders. Nicht so wie sonst. Dass der in BRIGITTE Porträtierte mir nur vertrauen oder vorsichtig hoffen kann, während ich die Ränder seines Ruhms abgrase und ihn mit Fragen bewerfe. Herr Kehlmann schreibt selbst Porträts. Anders natürlich. Literarisch. Er holt sich seine Figuren aus der Welt hinter seiner Stirn. Er beschreibt sie mit Liebe, aber auch mit scharfem Auge, er ist nicht immer nett zu ihnen, und manche von ihnen löscht er am Ende einer Geschichte einfach aus.

"Schriftsteller sind keine netten Menschen, und wer Schriftstellern zu nahe kommt, der bereut es vielleicht", sagt er zu mir. Bei Herrn Kehlmann werde ich das erste Mal das Wort "Ich" benutzen. Normalerweise sollte der Schreibende nicht erkennbar sein. Finde ich. Herr Kehlmann aber wird mich durch Anmerkungen zu meinem Text über ihn sichtbar machen.

Herr Kehlmann ist hoch gebildet, sehr belesen, hat ein Philosophie- und Germanistikstudium und eine nicht beendete Promotion über Kant. Und mit "Die Vermessung der Welt" einen Bestseller, der sich fast zwei Millionen Mal verkauft hat und in 42 Sprachen übersetzt wurde. Er sucht nicht gern Gefahrengebiete auf, reist lieber unter sicheren Bedingungen. Er geht angeblich nicht tanzen, interessiert sich nicht für Mode, hört am liebsten Beethoven und schreibt auf einem Laptop, während das Radio dudelt. Er braucht keinen Porsche, obwohl er sich mittlerweile einige leisten könnte; er interessiert sich nicht besonders für Fußball und schon gar nicht für Weihnachtsmärkte. Das alles schränkt unseren gemeinsamen Themenkreis ein.

Herr Kehlmann kann mich bloßstellen, er könnte mich loben, der Dummheit bezichtigen, die Minuten mit mir als die verschwendetsten seines Lebens bezeichnen. Er könnte mich in eine seiner nächsten Geschichten einbauen, ohne mich zu fragen. Herr Kehlmann wird als höflich beschrieben, und das ist er auch: "Ich weiß es zu schätzen, dass Sie sich mir ausliefern", sagt er.

Er weiß ja, wie das läuft. Mit dem Ruhm und den Interviews. Da treffen sich zwei einmal in ihrem Leben zum Essen, plaudern über dies und das, und am Ende bekommt es enorme Bedeutung, dass er das Wiener Schnitzel bestellt hat und nicht den Salat, wie viel Trinkgeld er gegeben hat, ob er höflich zum Ober war, vielleicht etwas hat zurückgehen lassen. "Symbolische Überfrachtung" nennt er das. Also: Er hat sich nach kurzem Hin und Her für das Kalbsgulasch entschieden und im Gegensatz zu mir alles aufgegessen. Er macht sich über diese Dinge nicht viele Gedanken. Er kann das nicht, diese Art von Professionalität, wissen, wie man sich präsentieren muss und wie das dann später im Text aussieht. Man könnte das den blinden Fleck im Gesamtkunstwerk Kehlmann nennen: Er ist nicht wahnsinnig gut darin, sich in andere Leute hineinzudenken. Sogar Freunde sagen das zu ihm.

Man könnte also meinen, Daniel Kehlmann sei emotionslos, aber dem ist nicht so; ihn interessieren nur einfach so viele Dinge in diesem Universum, dass er die Emotionen dort hineinpackt und nicht in die Gesprächssituation. In Gesprächen bleibt er immer problem- und sachorientiert und hat einfach keine Ahnung, wie er rüberkommt. "Vielleicht empfinden Menschen mich ja als obsessiv", sagt er, "weil ich nicht von den Themen wegkann, um die es geht." "Obsessiv" ist ein Wort, das er sehr häufig in unserem Gespräch benutzt hat. Ich habe versäumt, ihn zu fragen, was es mit ihm und diesem Wort auf sich hat.

Seitdem "Die Vermessung der Welt" als einer der größten Erfolge der deutschen Nachkriegsliteratur gilt, ist er mit 34 Jahren ein Medienstar. Einer, von dem man glaubt, er ruhe entspannt auf den Samtkissen seines Ruhms. Aber er ist einer, der sich auch gern selbst googelt. Natürlich nicht täglich, aber immer mal wieder. Denn da habe Robbie Williams doch einmal eine fantastische Antwort gegeben: "Wenn Sie in einem Motel-Zimmer sind, und Sie hören durch die Wand, dass nebenan über Sie gesprochen wird, würden Sie da nicht auch horchen?" Man lebe besser und gesünder, wenn man es nicht täte, sagt Herr Kehlmann, aber das schaffe wohl kaum jemand. Was ihn allerdings verblüfft, ist die Oberflächlichkeit der Darstellung seiner Person im Internet und in der Presse.

Bei seinem vorherigen Buch "Ich und Kaminski", einer Mediensatire, die sich 30 000 Mal verkaufte, war er in den Porträts immer geistreich, jung und ein bisschen aggressiv, bei der "Vermessung der Welt", die mit Geschichte und Wissenschaft zu tun hat, nannte man ihn den klassisch Interessierten, immer leicht weltabgewandt, etwas verträumt. Beides sei er natürlich. Aber noch unglaublicher sei, dass ihn jemand beschrieben habe, der ihn gar nicht getroffen hat. Auf einer Lesung habe er, so las er, mit Maßanzug, Weste und Fliege gestanden und ganz arrogant die Fragen des Publikums abgewiesen. Was für ein unangenehmer Mensch, dachte Kehlmann beim Lesen dieser Episode, und dann: Das bin ja ich! Er trug Jeans, besitzt keine Weste, keine Fliegen, weil er sie nicht binden kann, und hatte alle Fragen beantwortet, sagt er.

Natürlich hat er auch die Einträge über sich bei Wikipedia überprüft. Und weil da faktisch etwas nicht stimmte, hat er es korrigiert. Sofort wurde es zurückkorrigiert mit der Bemerkung: "Fehlinformation", und Herr Kehlmann fühlte sich einen kurzen Moment fremd im eigenen Leben.

Diese Wirklichkeit, die immer wieder ihr Gesicht ändert, ist auch das Thema seines neuen Buches "Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten". Es sind in sich abgeschlossene, doch eng miteinander verwobene Geschichten über das Sichtbarsein und das Verschwinden, Wahrheit und Täuschungen. Der berühmte Schauspieler, der plötzlich von niemandem mehr angerufen wird. Der Schriftsteller auf Auslandsreise in Begleitung einer Frau, deren größte Angst es ist, zu einer seiner Romanfiguren zu werden. Der Internet-Blogger, der alles tut, um genau das zu werden. Die todkranke Frau, die mit dem Schriftsteller über ihren Tod verhandeln will. Dieser Schriftsteller bezeichnet dann genau diese Geschichte über Sterbehilfe als seine berühmteste, und Daniel Kehlmann sagt: "Das ist natürlich etwas dreist von mir, aber ich spiele ja auch mit möglichen Urteilen über mein Buch. Für mich ist diese Geschichte tatsächlich das Beste, was ich bisher geschrieben habe." Und davon handele eben auch "Ruhm", sagt er: von Autobiografien, ohne autobiografisch zu sein.

"Leicht sterile Brillanz" ist auch eines dieser Urteile, die er für sein neues Buch vorwegnimmt. "Vielleicht wird das jemand über das Buch sagen, ich denke übrigens, er hat unrecht, aber es wird natürlich einige böse Verrisse geben aufgrund des letzten Erfolges. Das ist so selbstverständlich, wie zwei und zwei vier ist. Ich habe auch schon gehört, dass Leute gesagt haben, sie werden das Buch zerreißen, die es noch gar nicht kennen. Wenn jemand viel Erfolg hat, dann will man ihn beim nächsten Mal reduzieren." In New York habe er einmal E. L. Doctorow getroffen, den großen amerikanischen Schriftsteller, und der habe zu ihm gesagt: "Misserfolg ist sehr schlecht für einen Schriftsteller, Erfolg ist sehr schlecht, eigentlich ist alles, was dir passiert, sehr schlecht für dich."

Passiert ist in seinem frühen Leben zunächst einmal nicht sehr viel. Die Mutter, eine deutsche Schauspielerin, hat ihm gern und oft vorgelesen, bis er vier Jahre alt war und die Zeichen selbst zusammensetzte. Ungeheuer viel habe er gelesen, sagt er, den ganzen Karl May, "Herr der Ringe", bei dem er sich zu Tode gefürchtet habe.

Und vielleicht machen ja auch Häuser, Zimmer einen zu dem, der man später ist. Da war das große Arbeitszimmer des Vaters, eines bekannten Regisseurs aus Österreich. Dieses Zimmer, in dem alle Wände mit alten Büchern bedeckt waren, hat er als Kind als sehr heimelig empfunden, und es war ein großes Glück, dass die Bücher immer schon da waren, die ihn interessierten. Auch der Vater hat ihm vorgelesen, Stücke mit verteilten Rollen, und so war Literatur nicht Bildungsprogramm für Kehlmann, der nicht gern in seine Jesuitenschule ging, sondern existierte in Form von Geschichten, die immer um ihn herum waren. Es folgten die schlechten Gedichte, die er zum Glück nie jemandem gezeigt hat, und dann hat er sein erstes Buch "Beerholms Vorstellung" (die Geschichte eines Zauberers, dem Täuschung und Wahrheit durcheinandergeraten) mit 21 geschrieben und mit 22 veröffentlicht.

Dieser frühe Anfang hat ihn dann doch sehr erschreckt, auch wenn ja irgendwie alle über ihn denken, er sei schon altklug und quasi erwachsen auf die Welt gekommen. Aber auch ein scheinbar so aus der Zeit gefallener Mensch empfindet es als Sprung ins kalte Wasser, wenn er innerhalb von drei Monaten zum offiziellen Schriftsteller wird. Und dann böse Kritiken bekommt und spürt, dass man ihn in seiner Heimat Österreich nicht so gern sieht. Und noch drei Bücher veröffentlicht, die niemand lesen will. Einer der Gründe, sagt er, war bei seinem zweiten Buch (einem Erzählband), dass man es gar nicht kaufen konnte, weil die Vertriebschefin des Verlages vergessen hatte, den Titel für das "Verzeichnis Lieferbarer Bücher" zu melden.

Das nächste Buch wurde dann so gut wie gar nicht mehr besprochen, und wohlmeinende Menschen teilten ihm mit, dass er nach noch einem Misserfolg wohl keinen Verlag mehr finden würde. Und da er ja nicht wirklich etwas gelernt hat, wäre er vielleicht in größter Not in eine Werbeagentur gegangen. "Schreiben", so sagt er, "ist ja eigentlich lebenslange Berufsvermeidung."

Nun kann Herr Kehlmann dazu Arthur Schopenhauer zitieren, der sinngemäß sagte, dass im Rückblick nichts auf unserem Lebensweg zufällig scheint. Dass sozusagen alles, was war, nur eine notwendige Vorbereitung zu sein scheint für das, was Kehlmann auch (diesmal zitiert er Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész) die "Glückskatastrophe" nennt: der Erfolg, das Geld, die Preise, die internationalen Freundschaften. Die chinesischen Raubdrucke, die katalanischen Fehlübersetzungen, die Steuerprüfer, die Leser. "Man muss ja nicht geliebt, aber vielleicht verstanden werden", sagt er.

Er schaut auch nach, was bei Amazon.de so über "Die Vermessung der Welt" geschrieben wird. Dann steht da: "Keine große Literatur, etwas fürs gepflegte Ablachen", das tut ihm weh, da hat er einen Schutzinstinkt und würde sich am liebsten über sein Buch werfen und rufen: "Finger weg! Wenn ihr nichts damit anfangen könnt, dann kauft euch doch etwas von Barbara Cartland." In einem Internetforum beklagte sich eine Userin über die Intelligenzlosigkeit seines Buches: So etwas Dummes habe sie noch nie gelesen. "Und dann", sagt er, "ich schwöre Ihnen, es ist nicht erfunden, hieß ihr Benutzername: die_zwetschge_sumsi."

Und wo er schon dabei ist, gibt es noch die Geschichte mit der tropfenden Plane. "Es waren noch die Zeiten des Misserfolges", sagt er. Der Bau des Literaturhauses, in dem er lesen sollte, war nicht fertig, darum las er unter einer Verdeckplane im Hof. Es regnete in Strömen, gekommen waren vier Leute. Anschließend baute sich ein dünner Mann mit Bart vor ihm auf, sah ihn mit stechendem Blick an. "Sie haben drei Bücher verfasst?", fragte er. Kehlmann schluckte und sagte nur: "Ja." - "Ich beschäftige mich intensiv mit deutscher Gegenwartsliteratur. Von Ihnen habe ich noch nie gehört."

Auch von einem nicht so erfolgreichen Autor werden ja in Deutschland 50 bis 60 Lesungen im Jahr erwartet, sagt er. Immer das Gleiche: Essen mit der Buchhändlerin, Hände schütteln, vorlesen. Man kann nicht jonglieren oder steppen, da liest man halt dann etwas. Einen "romantischen Geniekult" nennt er das, denn eigentlich liest man doch ständig Leuten aus Büchern vor, die sie schon kennen. "Absurd, nicht wahr?", sagt er. "Ein langweiliger Akt; kommen die alle, um sich mit mir zu langweilen?" Er erhält Einladungen zu den internationalen Literaturfestivals. Er bewegt sich zwischen New York, Berlin, Wien, vorher Kasachstan, wo seine Frau, eine spanische Diplomatin, arbeitete, und den Festivals in Schottland oder Australien. Er lernte Kollegen wie Zadie Smith, Jonathan Franzen, Paul Auster auf Augenhöhe kennen. Er gehört jetzt dazu, zu dieser "Gruppe der global operierenden Autoren", er ist mit einigen von ihnen befreundet. Er bekommt alle großen Preise, und dann hält da jemand 20 Minuten lang eine stockende Wikipedia-Einführung zu ihm. "Literaturveranstaltungen sind ja gemeinhin, auch unter dem Entertainment- Aspekt, das Mangelhafteste schlechthin", sagt er.

Im Kulturbetrieb sei es wichtig, dass man immer irgendwo ist, "Anwesenheitsprinzip" nennt er das. Aber irgendwann begann er sich zu verweigern und abzusagen. Und das macht er auch noch selbst, auch wenn es die Zeit frisst. Norman Mailer habe ihm zu diesem Thema einmal gesagt: "Von einem gewissen Punkt an bist du deine eigene Sekretärin."

Und dann traf er nach acht Monaten, in denen er kein einziges Interview gegeben hat, Leute, die ihm fürsorglich mitteilten, er solle doch nicht dauernd Interviews geben, man werde seiner überdrüssig. Günter Grass habe ihm übrigens dazu schon auf einer Geburtstagsfeier von Siegfried Lenz gesagt: "Jetzt beginnt für Sie die Zeit, wo alle mehr über Sie wissen als Sie selber." Zwischendurch hatte er das Gefühl, dass er zu viel von dem wirklichen Leben da draußen und zu wenig von seinem Schreibtisch hatte. Dass man das Leben versäumt, das sei ja ein Grundgefühl beim Schreiben, und es sei gut so, ein bisschen einsam, isoliert zu sein. Eine Randfigur. Na ja, manchmal macht er ja eine Ausnahme. Da war dieses Angebot, auf der "Sea Cloud" eine Kreuzfahrt zu unternehmen und darüber zu schreiben. "Kann man da Nein sagen?"

Und so scheint also das Schriftstellerleben kein zersetzendes Geschäft zu sein. Viele werden alt, und Kehlmann wird man höchstwahrscheinlich noch mit 80 das Aussehen eines großen Jungen bescheinigen. Diese Lippen, diese großen Augen. Menschen, die auf andere herabschauen oder Geheimnisse haben, senken ihre Lider, wenn man sie etwas fragt. Daniel Kehlmann macht das nie. Als sanft wird er häufig beschrieben.

Der Sanfte lässt in seinem neuen Buch die Figuren ins Unglück rennen, denn wenn er sich ihrer erbarmt und sie rettet, dann verdirbt das die Geschichte, sagt er. In einer der Geschichten steht ein Mann mit Doppelleben am Ende nackt in seiner Wohnung, es klingelt, er vermutet draußen vor der Tür all jene, die ihn immer schon so sehen wollten: ohne Geheimnis, ohne Schein, Fantasie und Trug, ganz so, wie er wirklich ist.

Gern also hätte ich Herrn Kehlmann nackt gesehen. Davon träumt doch jeder Porträtschreiber. Aber das schafft man nicht mit nur einem gemeinsamen Essen. Nicht mit einem, der die Wirklichkeit wendet, bis einem schwindlig wird und man nicht weiß, ob er nun immer anders ist oder immer gleich. Herr Kehlmann bleibt in unserem Fall also angezogen. Er trägt übrigens gern dunkle, gedeckte Farben und manchmal eine Lederjacke. Und hat sich noch einen doppelten Espresso und ein Wasser bestellt.

Fotos: billy & hells Text: Beatrix Gerstberger Ein Artikel aus der BRIGITTE 04/09
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