Kerstin Duken: "Eine Schusswunde hat jeder"

Was macht eine ehemalige BRIGITTE-Romanpreisträgerin? Weiterschreiben natürlich. Auf Kerstin Dukens "Jahrhundertsommer" folgt jetzt ihre Kurzgeschichtensammlung "Mehr als du siehst". Worum es darin geht, erzählt die Berlinerin im Interview.

Mit ihrem Debüt "Jahrhundertsommer" gewann Kerstin Duken, 42, vor zwei Jahren den BRIGITTE-Romanpreis. Ihr Manuskript stach unter den über 1600 Einsendungen hervor, weil die Geschichte einen ganz besonderen Ton hat: rasant und auf authentische Weise poetisch. Jetzt erscheint "Mehr als du siehst" (220 S., Goldmann), elf ungewöhnliche, grandiose Erzählungen, jede mit eigenem Herzschlag. Die Berliner Autorin, im Hauptberuf Werbetexterin, nimmt darin das nur scheinbar normale Leben ihrer Großstadt-Figuren auseinander, denn jede hat etwas zu verbergen: eine Abhängigkeit, eine Macke, eine schwindende Liebe, eine Neigung, manche etwas Monströses. In jedem dieser Leben bahnt sich etwas an, nur sieht man es noch nicht, noch hält eine scheinbare Normalität das Leben zusammen. Kerstin Duken schafft es, in ihren kurzen, präzisen Erzählungen ganze Innenwelten auszuleuchten: Sie knipst ihre Figuren an, beobachtet sie, liest ihre Gedanken mit, erzählt aus diesem inneren Blick heraus. Mit ihr sprach BIRIGTTE-Redakteurin Meike Dinklage.

BRIGITTE: Wie war es, Kurzgeschichten nach einem 300-Seiten-Roman zu schreiben?

Kerstin Duken: Jedenfalls keine Erholung. Ich fand es hart. Ich habe 17 neue Geschichten in einem halben Jahr geschrieben, ich wollte fürs Buch eine Auswahl haben. Tagsüber habe ich ganz normal gearbeitet und mich dann abends nach 22 Uhr an die Erzählungen gesetzt.

BRIGITTE: Elf ganz besondere Geschichten, jede ein eigener Kosmos - woher kamen die vielen Ideen?

Kerstin Duken: Ausgangspunkt war ein Satz, der mir nicht aus dem Kopf ging, wahrscheinlich habe ich ihn irgendwo gelesen. Er lautet: "Wir müssen erkennen, dass andere Menschen leiden." Das hat mich beschäftigt: Um etwas erkennen zu können, muss man genau hinsehen, zuhören, darüber nachdenken, sich einfühlen. Erkennen ist mehr als man sieht. Ich habe mich umgeschaut und festgestellt: Es stimmt. Freunde, Familie, Bekannte, Leute, die ich durch den Job kenne - bei jedem fand ich was, von dem ich dachte: Das könnte die individuelle Schusswunde sein. Diese Wunde war mein Thema, ich ging anders durch die Straßen, stellte automatisch Vermutungen an: Was könnte es bei der Frau sein, die mir entgegen kommt? Erzählungen sind da viel geeigneter als ein Roman, man kann eine Bandbreite des Leidens zeigen.

BRIGITTE: Ist dieser Satz für Sie religiös, politisch, philosophisch?

Kerstin Duken: Das ist einfach ein moralischer Satz, auch eine Antwort auf die moralischen Niederlagen, die wir zurzeit erleiden, deshalb hat er sich auch so lang in meinem Kopf gehalten. Man wird verständnisvoller, der Neid hört auf. Der Satz bestätigt sich laufend, wenn ich die Nachrichten sehe: Man verkauft Menschen zum Beispiel keine wertlosen Finanzprodukte, wenn man diesen Satz im Kopf hat. Für mich ist er eine Aufforderung, man sollte ihn seinem Handeln voran stellen.

BRIGITTE: Machen Sie das?

Kerstin Duken: Garantiert nicht immer, aber ich habe gemerkt, dass ich im Laufe des Lebens weicher geworden bin.

BRIGITTE: Unter den elf Geschichten ist eine über eine alzheimerkranke Frau, die Angst und Wut in ihrer Desorientierung empfindet - man hat das Gefühl, dass Sie das genau kennen.

Kerstin Duken: Meine Großmutter ist an Alzheimer erkrankt, gerade im Anfangsstadium war ich todtraurig. Bei Alzheimer verändert sich die Person, die man geliebt hat. Das Schreckliche für den Kranken ist, dass er so vieles an Erfahrungen und Erinnerungen, an Bildern und Gefühlen, an Gedanken und Wissen angehäuft hat, und das schmilzt dann unaufhaltsam weg, das lässt sowohl den Betroffenen als auch die Angehörigen verzweifeln. Es gibt eine Phase, in der diese Menschen bösartig werden, ich glaube, das passiert aus Angst, sich selber nicht mehr zu kennen. Für Angehörige ist das die Hölle, die stellen ihr Leben um, weil sie helfen wollen und kriegen nur eins drauf. Ich habe sehr viel darüber gelesen. Ich versuche immer, erst zu verstehen und dann zu schreiben.

BRIGITTE: Oft auch mit sehr feinem Humor.

Kerstin Duken: Prinzipiell gehört der Humor zu mir. Wir versuchen ja immer, noch eine Nuance wahrzunehmen, die uns vom Selbstmord abhält.

BRIGITTE: Wie schwer ist es, aus Kurzgeschichten wieder herauszukommen? Wie weiß man, dass sie zu Ende ist?

Kerstin Duken: Das ist sehr schwer. Ich habe diese Sehnsucht, alles zu einem Ende zu bringen, am besten zu einem guten. Aber das verbietet sich bei Kurzgeschichten. Sie sind Ausschnitte, Affären, es wird eine Richtung angedeutet, aber wo es tatsächlich endet, weiß keiner. Trotzdem möchte ich nicht die totale Interpretationsfreiheit lassen. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, bei jeder Geschichte den letzten Satz zu streichen. Nur bei der Stalker-Geschichte musste ich das nicht, da konnte ich das Ende offen lassen, weil die Hauptfigur ohnehin gerade auf einem Dach steht, über der Wohnung seiner Ex-Freundin, im Schwebezustand.

BRIGITTE: Ist ein Konflikt auch mal zu groß für eine kurze Geschichte?

Kerstin Duken: Es hat nichts mit der Länge zu tun, aber es gibt eine Geschichte im Buch, die ich nicht mehr Korrektur lesen konnte, weil sie mir selbst zu hart ist. Ich habe sie geschrieben und dann nur noch einmal grob durchgeschaut und dabei schon laut Musik gehört, weil sie mir einfach zu heftig war.

BRIGITTE: Es geht um "Kentern", ein Vergewaltiger erzählt von seinen Taten ohne jede Einsicht in seine Schuld. Woher kam die Idee?

Kerstin Duken: Es gibt einen ähnlichen, realen Fall. Ich bin eine Zeitlang regelmäßig in Strafprozesse gegangen und habe mir die die Leute angeschaut. Daraus ist die Geschichte entstanden.

BRIGITTE: Hat sich mal eine Person eingeschlichen, über die Sie weiterschreiben möchten?

Kerstin Duken: Nein, die sind ja nicht als Roman-Figuren angelegt. Aber es gibt Typen, die mich noch weiter interessieren: Der Mann aus "Liebende Augen" zum Beispiel, der seine gescheiterte Beziehung mit dem Chemiebaukasten nachstellt.

Interview: Meike Dinklage

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