Leseprobe: "Die Witwen von Eastwick" von John Updike

In John Updikes letztem Roman gibt es ein Wiedersehen mit den Hexen von Eastwick.

Wie unseren Leserinnen "Die Witwen von Eastwick" gefallen hat, lesen Sie in unserem Buchsalon.

DER NEUGESCHMIEDETE HEXENRING

Diejenigen unter uns, die das schmutzige, skandalöse Treiben der drei kannten, waren nicht überrascht, als aus den verschiedenen Gegenden, in denen die Hexen sich nach ihrer Flucht aus unserer rechtschaffenen kleinen Stadt Eastwick, Rhode Island, niedergelassen hatten, Gerüchte zu uns drangen, dass die Ehegatten, welche die drei gottverlassenen Frauen mit Hilfe ihrer schwarzen Kunst für sich erfunden hatten, nicht sehr haltbar waren. Ruchlose Methoden führen zu anfälligen Resultaten. Satan ahmt die Schöpfung nach, ja, aber mit minderwertigen Zutaten. Alexandra, die Älteste an Jahren, die Fülligste im Fleische und dem Wesen nach einer normalen, großzügig gesinnten Menschlichkeit am nächsten, war die Erste, die zur Witwe wurde. Ihre erste Regung - wie die manch einer plötzlich in die Einsamkeit entlassenen Ehefrau - war, auf Reisen zu gehen, als könnte man die weite Welt dazu nötigen, einem mittels lappiger Boarding-Cards, lästiger Flugverspätungen und des leisen, aber unbestreitbaren Risikos, in einer Zeit steigender Treibstoffpreise, grassierender/sich mehrender Airline-Pleiten, selbstmörderischer Terroristen und zunehmender Metallermüdung zu fliegen, den fruchtbaren Ärger zu bescheren, den man mit einem Partner hat.

Jim Farlander, der Ehemann, den sie sich zusammengezaubert hatte aus einem ausgehöhlten Kürbis, einem Cowboyhut und einer Prise Westernerde, abgekratzt von der Innenseite der hinteren Stoßstange eines Pick-up-Truck mit Colorado-Kennzeichen, der an der Oak Street geparkt war und damals, in den frühen Siebzigern, ominös deplatziert gewirkt hatte, war, wie sich zeigte, als ihre Ehe sich gesetzt und gefestigt hatte, nur mit Mühe herauszuholen gewesen aus seiner Keramikwerkstatt und dem spärlich besuchten Töpferwarenladen an einer Seitenstraße in Taos, New Mexico.

Jim war gern dort, wo er war, und Alexandra gefiel das an ihm

Jims Vorstellung von einer Reise war die einstündige Autofahrt Richtung Süden nach Santa Fe gewesen; seine Vorstellung von Ferien hatte darin bestanden, einen Tag in einem der Indianerreservate zu verbringen - Navajo, Zuni, Apache, Acoma, Isleta Pueblo - und auszukundschaften, was die uramerikanischen Töpfer in den Andenkenläden der Reservate anboten, und darauf zu hoffen, in irgendeinem staubigen Indianeragenturladen billig einen authentischen alten, geometrisch schwarz-weiß gemusterten Pueblo-Krug zu ergattern oder ein Aufbewahrungsgefäß der Hohokam, rot auf gelbbraun, mit Spiral- und Labyrinthmuster, Objekte, die er für ein kleines Vermögen einem frisch mit Stiftungsmitteln ausgestatteten Museum in einer der blühenden Freizeitstädte des Südwestens andrehen konnte. Jim war gern dort, wo er war, und Alexandra gefiel das an ihm, denn als seine Frau war sie Teil dessen, wo er war. Sie hatte seinen schmalen Körper gemocht (den bis zu seinem letzten Tag flachen Bauch, obwohl er nie im Leben Sit-ups gemacht hatte), den Sattelgeruch seines Schweißes und den Geruch nach Lehm, der seinen starken, geschickten Händen wie eine Sepia-Aura anhaftete. Sie waren einander - auf der natürlichen Ebene - begegnet, als Alexandra, seit einiger Zeit geschieden, an der Rhode Island School of Design einen Kurs belegt hatte, dessen Leitung Jim vertretungsweise anvertraut worden war. Die vier Stiefkinder, die sie ihm auflud - Marcy, Ben, Linda, Eric -, hätten sich keinen ruhigeren Ersatzvater wünschen können, keinen, der so wohltuend schweigsam war. Ihre Kinder - ohnehin fast flügge, Marcy demnächst achtzehn - gingen ungezwungener mit ihm um als mit ihrem eigenen Vater, Oswald Spofford, einem kleinen Hersteller von Küchenarmaturen aus Norwich, Connecticut. Der arme Ozzie hatte sich so mit Haut und Haar dem Nachwuchs-Baseball und dem Firmen-Bowling verschrieben, dass niemand ihn ernst nehmen konnte, nicht einmal seine Kinder.

Dass sein Tod nah war, hatte sie zuerst im Bett gefühlt

Jim Farlander dagegen hatten die Leute ernst genommen, vor allem Frauen und Kinder, die ihm seine eigene gelassene Schweigsamkeit entgegenbrachten. Seine unbewegten grauen Augen im Schatten des breitkrempigen Huts mit der gedunkelten Stelle dort, wo er ihn mit Daumen und Fingern zusammenkniff, konnten aufblitzen wie sich ein verblasstes blaues Tuch um den Kopf, um seine langen Haare - grau, aber immer noch von Strähnen des ursprünglichen sonnengebleichten Nussbaums durchzogen und hinten zu einem acht Zoll langen Pferdeschwanz zusammengefasst - vom nassen Ton auf der mit dem Fuß angetriebenen Scheibe fernzuhalten. Als Teenager war Jim einmal vom Pferd gestürzt, seitdem hinkte er, und die Scheibe, die er nicht mit einem Elektromotor versehen lassen wollte, hinkte mit ihm, während seine maskulinen Hände aus dem Drehen heraus Tonklumpen in die Höhe zogen und zu anmutigen Gefäßen mit schlanken Taillen und schwellenden Unterteilen formten. Dass sein Tod nah war, hatte sie zuerst im Bett gefühlt. Seine Erektionen begannen eben dann zu welken, wenn sie, hätte er durchgehalten, vielleicht gekommen wäre; stattdessen wurde in seinem auf ihr liegenden Körper, in seinem Sehnen- und Muskelgefüge, ein Erschlaffen spürbar. Die Akkuratesse, mit der Jim sich kleidete, hatte etwas herausfordernd Kokettes gehabt - spitz zulaufende vanillefarbene Stiefel, straff über den Hintern sich spannende Jeans, die Taschen mit Nieten umrandet, und frische karierte Hemden mit zwei Knöpfen an den Manschetten. Er, der früher auf seine Art ein Dandy gewesen war, begann, dasselbe Hemd zwei, ja sogar drei Tage hintereinander anzuziehen. An der Unterseite seines Kinns zeigten sich weiße Bartstoppeln, Zeichen nachlässiger Rasur oder schlechter Augen. Als die beunruhigenden Blutbefunde aus dem Krankenhaus eintrafen und die Schatten auf den Röntgenbildern selbst für Alexandras ungeübte Augen sichtbar waren, nahm er die Nachricht mit stoischer Mattigkeit hin; Alexandra hatte Mühe, ihn aus seinen verkrusteten Arbeitsklamotten zu pellen und ihn dazu zu bewegen, etwas Anständiges anzuziehen.

Sie hatten nach ihren eigenen Regeln gelebt

Sie hatten sich in das Heer älterer Paare eingereiht, die in Krankenhäusern die Wartezimmer füllen, vor Nervosität so ruhig wie Eltern und Kinder kurz vor einem Auftritt in der Aula. Sie fühlte, wie die anderen Paare mit ihren Blicken müßig über sie hinpatschten und herauszufinden versuchten, wer von ihnen beiden der Kranke war, der Verurteilte; sie wollte nicht, dass es offensichtlich war. Sie wollte Jim präsentieren, wie eine Mutter ein Kind präsentiert, das zum ersten Mal zur Schule geht, sie wollte Ehre mit ihm einlegen. Sie hatten in diesen mehr als dreißig Jahren, seit sie von Eastwick fortgegangen war, nach ihren eigenen Regeln gelebt, oben in Taos; dort schufen die freien Geister von D.H. Lawrence und seiner Frau und Mabel Dodge Luhan noch immer ein schützendes Zelt über dem kümmerlichen Rest des Stamms von Möchtegernkünstlern, einer schwer alkoholisierten, New-Ageabergläubischen Kunstgewerbeclique, die sich mit ihren Arbeiten in den Schaufensterauslagen immer wehmütiger an knapsende, banausenhafte Touristen wendete statt an gutbetuchte Sammler von «Western Art». Alexandra hatte für eine Weile ihre Produktion kleiner Keramik-«Duttelchen » wiederaufgenommen - gesichts- und fußlose kleine weibliche Figuren, angenehm in der Hand zu halten in ihrer pummeligen Unförmigkeit, mit knallig gemalten Kleidern, hautnah wie Tattoos; aber Jim, in seiner Kunst eifersüchtig und diktatorisch, wie wahre Künstler es sind, war alles andere als großzügig gewesen, als es darum ging, seinen Brennofen zu teilen. Ohnehin gehörten die Miniaturfrauen, denen sie mit einem Zahnstocher oder einer seitwärts gehaltenen Stricknadel kühn eine Schamlippenspalte in den vorgebrannten Ton geritzt hatte, einer unerfreulichen früheren Phase ihres Lebens an, als sie mit zwei anderen Geschiedenen aus Rhode Island eine halbgare Vorstadtspielart von Hexenkunst praktiziert hatte.

Jims Krankheit trieben sie und Jim aus dem sicheren, kunstgewerblichen Taos hinunter in die breitere Gesellschaft, in die Täler der Sterbenden - eine riesige Herde, die wie eine Bisonstampede auf die tödliche Klippe zustürmte. Das ihr aufgezwungene Sozialverhalten - Unterredungen mit Ärzten, die meisten verstörend jung; Gespräche mit Schwestern barmherziger Gefälligkeiten wegen, um die selbst zu bitten der hospitalisierte Patient zu sehr Mann und zu deprimiert war; Mitgefühl mit anderen, die wie sie selbst in absehbarer Zeit Witwen und Witwer sein würden und um die sie auf der Straße einen Bogen gemacht hätte, die sie aber jetzt, auf diesen keimfreien Fluren, unter gemeinsamen Tränen umarmte -, all das hatte sie aufs Reisen in der Gesellschaft von Fremden vorbereitet.

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