Leseprobe: "Feldmans Frauen" von Kate Christensen

Lesen Sie hier einen Auszug aus Kate Christensens Roman "Feldmans Frauen", der in den USA mit dem "PEN/Faulkner Award" als bestes Buch des Jahres 2009 ausgezeichnet wurde.

Interview: Kate Christensen über ihr Buch "Feldmans Frauen"

Kate Christensen "Feldmans Frauen". (352 S., 16,95 Euro, Droemer)

"Ich kann heute Morgen nicht zum Frühstück kommen", sagte Lila in einem verlegenen Ton der Entschuldigung. Es war Samstagmorgen, nur eine halbe Stunde vor ihrer festen Frühstücksverabredung. Heute war Lila dran, Teddy zu besuchen; Teddy hatte gerade Obst in Scheiben geschnitten. Die Hand, die den Hörer umfasst hielt, war ein bisschen klebrig vom Pflaumensaft, obwohl sie sich noch schnell die Hände gewaschen hatte, als das Telefon klingelte.

"Geht es dir gut?", fragte Teddy. Es entstand ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. "Oh, ja!" "Warum kannst du dann nicht kommen?" Erneutes Schweigen. "Hör auf, so feige zu sein! Da steckt ein Mann dahinter, habe ich recht?" "Er heißt Rex", sagte Lila und lachte kurz. "Ja, er ist gerade bei mir."

Teddy blinzelte überrascht. Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass Rex bei Lila war, sie hatte sie nur necken wollen. Aus irgendeinem Grund hatte sie angenommen, dass Lilas Absage etwas mit ihren Enkelkindern zu tun hatte. "Bei dir zu Hause." "Direkt hier", sage Lila. "Neben mir." "Du liegst noch immer im Bett?", fragte Teddy und spürte, wie ihr ein ganz unbekanntes Gefühl die Kehle zusammenschnürte. Wieder Schweigen. "Nun, bring ihn doch mit, wenn du möchtest", sagte Teddy. "Ich würde ihn gern kennenlernen, und es gibt mehr als genug zu essen. Ich wollte kielbasa-Omlett machen; Männer lieben Würstchen, nicht wahr? Oscar zumindest tat es." "Danke", sagte Lila, schnurrend, hätte Teddy behauptet. "Ich denke, es geht uns ganz gut hier. Nächsten Samstag komme ich wieder, das verspreche ich, egal, was passiert." "Na gut", sagte Teddy. "Ich werde alles ganz allein aufessen. Grüß ihn von mir, ich schätze, er weiß, wer ich bin."

Sie legte den Hörer auf und stolzierte zurück in die Küche. Jetzt war sie nicht mehr hungrig. Es war ein heißer, trüber Vormittag, und die Luft war feucht wie ein Handtuch. Die Hintertür stand offen; eine matte Brise trug den Geruch schlaffer Blätter herbei. Halb unbewusst nahm Teddy eine ungeschnittene Pflaume in die Hand und zerquetschte sie langsam auf die Art und Weise, zu der Physiotherapeuten Opfern eines Gehirnschlags raten, damit diese durch das Drücken eines Gummiballs die Kraft in den Händen wiedergewinnen. Sie nahm einen kleinen Bissen, dann einen weiteren. Die Pflaume war nicht perfekt, aber verdammt nahe dran. Saft lief ihr übers Kinn, aber sie machte sich nicht die Mühe, ihn wegzuwischen. Lila und Rex hatten also eine richtige Affäre, mit allem Drum und Dran, und Lilas Stimme nach zu urteilen, lief sie schon länger als eine Nacht. Wann hatte sie vorgehabt, Teddy davon zu berichten? Vielleicht war es unfair von Teddy, verärgert zu sein, weil Lila ihr gemeinsames Frühstück in letzter Minute wegen eines Mannes abgesagt hatte, aber sie war verärgert. Sie missgönnte Lila ihr sexuelles Glück keineswegs, natürlich nicht ... oder doch? Wie dem auch sei, es kam ihr einfach unhöflich vor, eine halbe Stunde vorher anzurufen, nachdem Teddy bereits für das Frühstück eingekauft hatte und dabei war, alles vorzubereiten.

Teddy warf den Pflaumenstein in den Garten, wo er im Gebüsch verschwand. Was jetzt? Es war sieben Uhr dreißig an einem Samstagmorgen, und der ganze endlos lange Tag lag vor ihr. Vielleicht empfand sie ihre Einsamkeit, die sie für gewöhnlich unter Kontrolle hatte, deshalb als unerträglich, weil sie sich auf Gesellschaft eingestellt hatte. Normalerweise hatte sie eine ganze Menge Dinge als Bollwerk gegen diese allgemeine Art von Einsamkeit in petto, wozu unter anderem zählte, gründlich den New Yorker zu lesen, vom "Stadtgespräch" bis zu den Filmbesprechungen, Solitaire am Küchentisch zu spielen und Radio zu hören, Unkraut zu jäten, oder, in Momenten totaler Verzweiflung, die Zeit totzuschlagen, indem sie ihre unzähligen Kochrezepte sortierte oder Stapel von Katalogen oder Papieren ...

Sie ging zurück zum Telefon, nahm den Hörer ab und wählte Lewis ? Nummer. Er ging nach dem achten Klingeln dran, gerade als sie auflegen wollte. "Hallo?" Es klang atemlos. "Bist du gerannt?" "Teddy!" Die offene Freude in seiner Stimme heiterte sie sofort auf. "Hallo, Lewis. Lila hat mich gerade bei unserem samstäglichen Frühstückstreffen versetzt. Ich habe Obstsalat und Walnusskuchen gemacht, und ich habe kielbasa und ein halbes Dutzend Eier und frischen Schnittlauch und rote Paprika. Hast du Lust, zum Frühstück rüberzukommen?" "Rote Paprika rufen bei mir Verdauungsstörungen hervor." "Lewis!" Sie lachte. "Niemand bekommt Verdauungsstörungen davon." "Bring alles rüber", sagte er. "Ich schicke dir Benny mit dem Wagen. (...)

Vierzig Minuten später fuhr ein schwarzer Lincoln Town Car vor Teddys Haus an den Straßenrand. Mit einer Plastikeinkaufstasche voller Lebensmittel stieg sie ein. Im Wagen war es klimatisiert, still, und es roch nach Leder.

"Hallo, Benny", sagte sie zu Lewis' Fahrer. Benny sah wie immer ausgesprochen adrett aus. Heute trug er eine schlichte Chauffeursmütze und eine orchideengelbe Weste über einem fleischfarbenen Oxford-Hemd; sein glattes rosiges Gesicht war so gründlich rasiert, dass man den Eindruck hatte, entweder einem vorpubertären Knaben gegenüberzustehen oder einem Mann ohne Bartwuchs. Das schwarze Haar auf seinem runden Kopf war mit irgendeinem Pflegemittel auf Hochglanz gebracht worden.

"Ist etwas Weltbewegendes passiert, dass Sie kommen?", fragte er in dem an ein Dickenssches Waisenkind erinnernden Cockney-Dialekt, den abzulegen und eine vornehmere Sprechweise anzunehmen er sich nie bemüht hatte. "Ist das so weltbewegend?", fragte Teddy zurück, lehnte sich in den Ledersitz zurück und beobachtete, wie das heruntergekommene, feuchtheiße Greenpoint an ihr vorbeiglitt, die Markisen der Geschäfte - Damen- und Herrenfrisör, Blumenhändler, Metzger -, Aluminiumseitenwandungen, dürre kleine Bäum, die aus dem Gehsteig wuchsen. "Es traf sich lediglich, dass ich heute Zeit hatte."

Sie und Benny hatten jahrelang das stillschweigende Wissen geteilt, dass ein Besuch bei Lewis für sie so etwas wie eine lästige Pflicht war. Lewis besuchte Teddy nie, nicht, wie Teddy vermutete, aus Snobismus wegen ihrer Wohngegend oder der Verhältnisse, in denen sie lebte, denn Lewis war alles andere als ein Snob. Der Grund dafür war der, dass er nicht an Oscar erinnert werden wollte, obwohl Oscar nie einen Fuß in das Haus in der India Street gesetzt hatte. Greenpoint war Oscars Revier gewesen, und Lewis ? Gefühle für Oscar, als er noch am Leben gewesen war, waren kompliziert und bestenfalls gemischt gewesen. Lewis war Oscars Rechtsanwalt gewesen, und als solcher hatte er zu akzeptieren, dass man ihn für selbstverständlich nahm. Der große Künstler hatte ihn wie eine Art Auffanggefäß für seinen Zorn und seinen Groll gegenüber der Kunstwelt behandelt. (...) Und währenddessen war Lewis mehr oder weniger heimlich in Oscars Geliebte verliebt gewesen, die gleichzeitig seine Sekretärin war. Nun, da Oscar tot war, war er ein ausgemachtes Schreckgespenst für Lewis geworden, seine bête noir.(...)

Während sie dahinfuhren, stellte sie sich Lila vor, die sich verliebt in ihrem großen Bett neben einem gutaussehenden, um einige Jahre jüngeren Mann fläzte, beide nackt. In ihrer Vorstellung war Lila eine weiße Haremssklavin, glänzend, üppig, wollüstig. (...)

Als sie aus dem Aufzug trat, stand Lewis an der offenen Wohnungstür. Er nahm ihr sogleich die Taschen ab und küsste sie inbrünstig auf beide Wangen. Sie und er waren beinahe gleich groß. Genau wie Teddy war Lewis schmal, und er war fast komplett kahl. Sein Gesicht war hager, kantig; und er hatte stechend blaue Augen, die sie nun mit unverholener Gier betrachteten.

"Du bist tatsächlich hier", stellte er fest. "Komm rein, komm rein." "Ich hoffe, du hast Hunger", sagte sie und folgte ihm hinein, wobei sie sich gegen den unvermeidlichen Anfall von Klaustrophobie wappnete. Lewis war permanent damit beschäftigt, seine Wohnung umzugestalten in der Hoffnung, so vielleicht ein wenig Platz zu schaffen, etwas Luft reinzulassen, aber er und seine langjährige Innenausstatterin Ellen waren seit Ewigkeiten in einen Kampf um seinen Sammlertick verwickelt - Nippesgegenstände und Erinnerungsstücke von seinen Reisen, alte Ausgaben der Theaterzeitschrift Playbill, eselsohrige Taschenbücher, Emailleschüsseln voller Papierschnipsel, ausländischer Münzen, entwerteter U-Bahn-Fahrkarten, Sprüche aus Glückskeksen, Manschettenknöpfe, Haufen von "unsinnigem Zeug", wie Ellen es nannte. Er hortete sogar die Flugblätter, die auf der Straße an Passanten verteilt wurden, jene so wertvollen Gutscheine für einen kostenlosen Sehtest, eine Probemitgliedschaft in einem Fitnesscenter oder ein Handyangebot mit Vorteilspaket; es lagen stets ein Dutzend oder mehr solcher Handzettel allein auf seinem Couchtisch. "Ich habe großen Hunger", sagt er lachend. "Aber mach dir keine Sorgen, hätte ich keinen, würde ich so tun als ob."

Teddy ging schnurstracks in die Küche, den einzigen Raum, in der Wohnung, in dem ein wenig Platz war, um sich zu bewegen, wenngleich auch nur, weil Lewis nicht kochte und daher nur sehr wenig Küchenzubehör hatte. Nichtsdestotrotz war der Küchentresen mit Stapeln von alten Sports Illustrated bedeckt. "Räum bitte deine Pornos zur Seite", befahl sie und reichte ihm einen Armvoll.

Teddy packte die Tasche aus, fand eine Bratpfanne in einem der Küchenschränke und etwas Butter im Kühlschrank und fing an, die Paprika, den Schnittlauch und die Wurst klein zu schneiden und die Eier zu verquirlen. Als das Omelett fertig war, schnitt sie es mittendurch, verteilte dick Sauerrahm darauf und legte die beiden Hälften mit einem kleinen Berg Obstsalat darauf auf zwei Teller. Diese brachte sie ins Esszimmer und schaufelte mit einem davon einen Stapel Post beiseite, der auf Lewis' Platzset lag. Den anderen Teller stellte sie auf das Platzset seinem Stuhl gegenüber und setzte sich. Er hatte Besteck aufgelegt und Gläser mit Orangensaft sowie Tassen mit heißem Kaffee auf den Tisch gestellt - zwischen all die Stapel von Post, halb gelesenen Büchern und Zeitschriften, eine unerklärliche Tüte von einem Eisenwarenladen und ebenso unerklärlichen acht oder zehn gleichen, handgeschnitzten Masken. Teddy bediente sich mit Kaffeesahne und Zucker, während Lewis das Gesicht über den Teller senkte und glücklich den nach Wurst riechenden Dampf einatmete.

"Du hast dich selbst übertroffen", sagte er. Lewis aß für sein Leben gern, aber er hatte sich nie die Mühe gemacht, kochen zu lernen. Teddy wusste - er hatte es ihr einmal erzählt -, dass er in einem kleinen Bistro mit Kerzenlicht in der Lexington Avenue zu Abend aß oder zu Hause blieb und sich vorgekochte Gourmet-Mahlzeiten von einem privaten Cateringservice aufwärmte. Aber nichts, hatte er ausdrücklich hinzugefügt, schmecke so gut wie eine Mahlzeit, die jemand zubereitet hatte, den man liebte. Die Jahre hindurch hatte Teddy es vorgezogen, den Aufforderungscharakter seiner Worte zu ignorieren; und sie kochte bewusst nicht öfter in seiner Küche als zweimal im Jahr. Sie war nicht besonders hausfraulich veranlagt - war es nie gewesen - und wollte Lewis nicht romantisch ermutigen, denn das hätte unverzüglich zu einer tiefen und intensiven Verbindung geführt, vor der sie sich stets ein wenig gefürchtet hatte, auch wenn sie selbst nicht genau wusste, warum. Es wurmte sie ohnehin, dass er sich nicht dazu aufraffen konnte zu lernen, wie man ein einfaches Filet oder Steak grillte und Broccoli dämpfte. Mein Gott, kochen war in der Tat zu einfach und Lewis war zu intelligent, als dass er entweder im Restaurant oder vorab zubereitete Mahlzeiten essen musste. Außerdem hätte er einfach einen Koch einstellen können.

"Woher kommen diese Masken?", fragte Teddy. "Und, noch wichtiger, warum liegen sie auf dem Tisch?" "Bali", antwortete Lewis. "Ellen findet, sie passen gut an die Wand über der Anrichte." "Was ist mit der Eisenwaren-Tüte?" "Eisenwaren", sagte Lewis grinsend. "Um die Masken aufzuhängen?" "Vermutlich. Teddy, das Omelette ist superb." "Es wäre noch besser mit chorizo oder italienischer Wurst, irgendetwas Pikant-Würzigem statt Geräuchertem. Lila liebt kielbasa, das ist der Grund, warum ich sie gekauft habe." "Warum hat sie dich heute Morgen versetzt?" "Ein Mann", antwortete Teddy. "Sie hat ihn auf der Straße getroffen, und jetzt übernachtet er offenbar bei ihr." "Die Glückliche", sagte Lewis mit einem seiner Seitenblicke zu Teddy. "Die Glücklichen." Sie ließ ihn abblitzen, wie sie es seit Jahrzehnten tat. "In der Tat", sagte sie. "Wann kommt Ellen?" Lewis hatte den Anstand, verlegen zu sein. "Ich wusste es", sagte sie. "Warum sollte sie auch an einem Samstag kommen? Irgendwann wirst du so viel Benimm aufbringen, dass du mich in Greenpoint besuchst." "Du weißt, warum ich das nicht möchte", sagte Lewis. "Und ich schicke dir schließlich immer Benny." "Du willst nicht kommen, weil du fürchtest, dass Oscars Geist auftaucht und buh ruft." "Ich würde es vorziehen, Oscar überhaupt nicht zu begegnen, in keiner Form."

Teddy sah Lewis prüfend an. Wie gewöhnlich war sein Gesichtsausdruck gutmütig, undurchschaubar, ohne den kleinsten Hinweis auf ein selbstironisches Heben eines seiner Mundwinkel. Sie fiel nicht auf seine augenscheinliche Leichtigkeit herein, die auf die jahrelange juristische Gepflogenheit zurückzuführen war, nach außen hin eine gelassene Fassade zu zeigen, selbst im Ruhestand; dahinter waren seine Gedanken stets in Bewegung, seine Gefühle immer in Aufruhr. Als Chef war er insgeheim fordernd gewesen und weniger heimlich voller Anerkennung, zunächst nur, was Teddys Effizienz, Takt und Integrität betraf, doch nachdem seine Filmstar-Gattin mit einem ihrer Regisseure durchgebrannt war, war seine Bewunderung offen zutage getreten und hatte sich sogleich auch auf ihre Schönheit, ihren Witz, ihren Charme, ihre körperliche Erscheinung ausgedehnt.

Eines späten Abends, sie war lange in der Kanzlei geblieben, hatte sie um eine Unterredung mit ihm gebeten, war in sein Büro marschiert, hatte die Tür hinter sich geschlossen und ihm dann freiheraus und ohne großes Getue mitgeteilt, dass diese Entwicklung seiner Gefühle es ihr schwermachte, weiter als seine Sekretärin zu arbeiten. Lewis hatte sie gefragt, ob Oscar und sie ein Verhältnis miteinander hätten, sie hatte ihm geantwortet, dass dieses Verhältnis schon seit vielen Jahren bestand, und er war sofort bereit gewesen, sie an einen seiner Kollegen weiterzuvermitteln und eine neue Sekretärin einzustellen, da es für sie beide unmöglich war, unter solchen Umständen zusammenzuarbeiten. Ihre Freundschaft hatte die Jahre über fortbestanden, ungehindert von romantischen Komplikationen, wenngleich nur Lewis bei der Leidenschaft, die er für Teddy empfand, hatte beweisen müssen, pragmatisch über seine Begierde hinauswachsen zu können. "Ich nehme so viel von dir, wie ich kriegen kann", hatte er mehr als einmal zu ihr gesagt. Das musste gewisse Bedürfnisse in ihnen beiden befriedigt haben. Die Tatsache, dass ein Mann, der so intelligent und erfolgreich war wie Lewis, sich dafür entschieden hatte, sich über Jahrzehnte hinweg nach Teddy, seiner ehemaligen Sekretärin, zu verzehren, ergab keine Sinn, es sei denn, man zog die Möglichkeit in Erwägung, dass er einseitiges Liebesschmachten schmutzigem ehelichem Chaos vorzog. (...)

"Ich frage mich", sagte Lewis, "ob ich für dich plötzlich unwiderstehlich geworden bin, jetzt wo Lilas neuer Liebhaber eine Provokation für dich ist." "Frag dich nur, frag dich nur", sagte Teddy. "Ich kann nicht umhin, zu bemerken, dass du urplötzlich mit verführerischen Speisen auf meiner Türschwelle stehst." "Kielbasa ist verführerisch?" "Äußerst verführerisch", erwiderte Lewis. Zu ihrer Überraschung stellte Teddy fest, dass sie darauf nichts Passendes zu erwidern wusste. "Das fasse ich als ein Ja auf", sagte Lewis und musterte sie eingehend. Teddy erwiderte seinen Blick. "Ich habe die kielbasa für Lila gekauft", sagte sie nach einer Weile. "Teddy", sagte Lewis. "Hast du wirklich vor, ins Grab zu gehen, ohne einen Ersatz für Oscar zu finden?" "Ins Grab", sage Teddy lachend. Sie stand auf und begann durchs Zimmer zu streifen. "Warum erwähnst du ausgerechnet mein Grab?" (...) "Nun", sagte Lewis. "Ich habe in letzter Zeit selbst viel darüber nachgedacht. Wie nahe ich dem Grab bin." "Bist du wirklich all die Jahre über allein gewesen, seit Deborah dich verlassen hat?" "Nein", sagte Lewis und blickte ihr in die Augen. "Du hast Freundinnen gehabt?" "Ich habe Frauen gehabt." "All die Jahre, die wir uns kennen", sagte Teddy, "habe ich nie gewusst, ob du so etwas wie Rendezvous' hattest." "Du nimmst natürlich an, dass ich dir alles erzähle." "Natürlich", sagte sie überrascht. "Nun ja, das tue ich nicht." "Hast du dich mit einer Frau getroffen oder mit einer ganzen Reihe Frauen?" "Was für einen Unterschied macht das?" "Ich bin neugierig." "Ich habe mich, wie man so sagt, die Jahre über mit verschiedenen Frauen eingelassen." "Ellen?", fragte Teddy. Ellen passte so gar nicht zu Lewis, dache Teddy; sie war so zänkisch und frech. "Nun, das wäre möglich gewesen, wenn ich gewollt hätte." "Aber du hast nicht gewollt." "Bis jetzt noch nicht", erwiderte er. Sein Ton war heiter, neckend und zärtlich. "Du bist eifersüchtig!", stellte Lewis erfreut fest. "Auf Ellen? Ach, komm schon. Wie könntest du dich in Ellen verlieben?" "Wer sagt denn, dass man sich verlieben muss?" Sie verdrehte die Augen. "Kuchen?" "Kuchen", wiederholte Lewis, als Teddy in die Küche ging. Sie kam mit zwei Kuchentellern zurück und stellte einen davon vor Lewis. "Heute Morgen frisch gebacken", sagte sie. "Wie bleibst du so schlank, wenn du so viel isst, Teddy?", erkundigte sich Lewis. "Gehst du nach dem Essen ins Badezimmer und steckst dir den Finger in den Hals?" "Natürlich tue ich das", sagte sie und setzte sich. "Was für eine Verschwendung." Lewis nahm einen Bissen. "Der Kuchen ist gut." "Natürlich ist er das." "Richtig gut kochen?" "Ist das das einzige Kochbuch, von dem du je gehört hast?" "Gibt es andere Kochbücher?" Einen Moment lang aßen sie schweigend. "Teddy", sagte Lewis und legte seine Gabel beiseite. "Ich denke, es ist wirklich Zeit, dass wir miteinander ins Bett gehen."

Teddy verschluckte sich an einem Stück braunem Zuckerguss. "Du denkst, es ist wirklich was?" Er blickte sie durchdringend an. "Du hast gehört, was ich gesagt habe." Hustend winkte sie ab. "Und unsere Freundschaft ruinieren?" "Ich würde mit Freude unsere Freundschaft ruinieren, wenn das bedeuten würde, mit dir ins Bett zu gehen." Sie gewann wieder die Kontrolle über ihre Luftröhre. "Gütiger Gott", sagte sie und räusperte sich. "Was ist in dich gefahren?" "Das Gerede über das Grab." Er lachte. "Was haben wir zu verlieren?" Teddy lächelte in mit unergründlichem Blick an. Die Uhr hinter ihr tickte laut in die Stille - tick-tack, tick-tack -, ein hohles, knöcherndes Ticken, zu passend, um beruhigend zu wirken. (...)

"Ich plane eine Reise in die Toskana", sagte Lewis. "Willst du mitkommen? Du bist eingeladen." "Wann?", fragte Teddy sehnsüchtig. "November, Dezember, wann immer du willst." "Warum planst du diese Reise?" "Um dich dazu zu bewegen, mit mir zu kommen." "Oh, Lewis", sagte Teddy. Sie seufzte. "Du weißt, dass ich dich liebe. Du weißt, dass ich dich für den besten Mann auf der Welt halte." "Abgesehen von deinem Enkelsohn", entgegnete Lewis, als würde er sich zwingen, nicht zu erfreut über das Kompliment zu sein, weil eine Abfuhr dahinterstecken könnte. "Er ist drei." "Und Oscar ist tot." "Du bist ein weitaus besserer Mensch, als Oscar es je gewesen ist." "Das stimmt wahrhaftig", sagte er, und seine blauen Augen blitzten, "aber was mir ein Rätsel ist ... Ich muss es nicht aussprechen. Meine Frau hat mich für einen echten Kotzbrocken verlassen. Und du warst vernarrt in Oscar." Teddy sah Lewis einen Augenblick land durchdringend an. "Ich frage mich, warum", sagte sie schließlich. "Frauen scheinen Arschlöcher für unwiderstehlich zu halten", sagte Lewis. "Darwin, vermute ich. Du möchtest auf deinen Platz verwiesen werden, ein bisschen herablassend behandelt werden, weil du dann weißt, dass du mit einem Alpha-Männchen zusammen bist. Ich verspüre nicht den Wunsch, dich auf deinen Platz zu verweisen oder dich unterzubuttern, und das ist offenbar extrem unsexy. Trotzdem bin ich wohl ein Alpha-Männchen-Typ. Ich gebe nur nichts darauf, mir gegen meine behaarte Brust zu trommeln und groß damit zu tönen, wie Oscar es getan hat." "Du bist ziemlich gerissen für einen alten Kerl", sagte Teddy lachend. "Vielleicht möchte Ellen in die Toskana reisen." "Das glaube ich gern. Die meisten Männer unserer Generation haben keinen Schimmer von Frauen." "Doch, die netten schon, schließlich haben wir genügend Zeit, euch eingehend zu studieren, ohne dass unser Blick von einer aktuellen Verbindung getrübt würde." "Sagtest du nicht, du hättest Frauen gehabt?" "Hatte ich auch", sagte er mit Nachdruck. "Ich bin doch kein Mönch." "Warum hast du dich nicht wieder verliebt?" "Ich habe mich nach dir verzehrt. Das ist die Wahrheit." "Niemand verzehrt sich so lange nach jemandem. Du wolltest dich grämen." "Ich habe das nicht unbedingt genossen", sagte er. Sie sahen sich an. "Lewis", sagte Teddy. "Teddy." Sie versuchte, etwas zu sagen, doch vergeblich, also schüttelte sie nur entschieden den Kopf. "Ich bin plötzlich etwas durcheinander." "Das ist etwas Neues." Teddy stand auf und ging zu Lewis hinüber. "Steh auf", sagte sie. "Ich will etwas ausprobieren." Er stand auf, schob seinen Stuhl mit dem Bein beiseite und stellte sich ihr gegenüber. Sie blickte ihm direkt in die Augen und legte ihm die Hände auf die Schultern. "Tanz ein wenig mit mir", sagte sie. "Was sind wir, Greise?", fragte er lachend. Trotzdem legte er eine Hand auf ihre Taille, dann hob er die andere und nahm ihre Hand von seiner rechten Schulter. Er begann, sie in einem gemäßigten Foxtrott zu führen. Immer noch blickten sie einander unverwandt an. Ihre Augen waren fast auf gleicher Höhe. "Wir sind zu jung für so etwas", sagte Lewis. "Betrinken wir uns stattdessen." "Tanz einfach mit mir, ich will deinen Arm um mich spüren", sagte Teddy mit brüchiger Stimme. Lewis legte seine Wange an Teddys und tanzte entschlossen mit ihr ins Wohnzimmer. "Hier gibt es Schnaps", sagte er. "Umwirb mich", sagte sie. "Wir sind Charaktere aus einem alten Film." "In alten Filmen trinken sie Whiskey", sagte Lewis.

Teddy lehnte ihren Kopf gegen seinen und spürte die befriedigende vertraute Härte eines anderen menschlichen Schädels an ihrem. Sie summte die Melodie eines alten Liebesfilms. "Wenigstens triffst du die Töne", sagte Lewis. "Es könnte schlimmer sein." Dann drehte er seinen Kopf und küsste sie, ohne ihren Tanz zu unterbrechen.

Sie hörte auf zu summen, und beide hörten auf zu tanzen. Lewis zu küssen hätte sich merkwürdiger anfühlen müssen, doch stattdessen fühlte es sich wie etwas längst Überfälliges an. Er weiß, was er tut, dachte Teddy überrascht. Sein Mund war bestimmt und feinfühlig. Sie hatte sich nicht vorgestellt, dass es so sein würde; sie hatte sich vorgestellt, er wäre entweder übereifrig mit seiner Zunge oder seine Lippen würden sich trocken und teilnahmslos anfühlen. Stattdessen fühlten sich seine Lippen lebendig und aufregend auf ihren an, als tanzten sie mit ihrem Mund; seine Zunge war kaum zu spüren, reizte sie. Ihre Körper pressten sich leidenschaftlich aneinander, mit gleichem Druck, gleichem Verlangen. Plötzlich war sie so erregt, dass sie kaum noch stehen konnte. Sie fing an zu lachen, eher impulsiv und überrascht als belustigt. "Lewis!" "Ich habe versucht, es dir klarzumachen", sagte er. "Nun komm ins Bett."

In seinem Schlafzimmer krallte sie sich in seine Kleidung. Er stand da, lachte in sich hinein, half ihr, während sie ihn auszog. Dann streifte sie ihre eigenen Sachen ab, und sie fielen zusammen aufs Bett, nackt und knutschend. Das Licht, das durch sein Schlafzimmerfenster fiel, war hell und klar, sie konnte jedes graue Haar auf seiner Brust erkennen, jede kleine Delle und Falte auf seinem Körper, und sie wusste, dass er ihre sehen konnte, aber sie waren beide noch immer schlank und gut in Form. Ihre Körper sahen gut zusammen aus, wie ein zusammenpassendes Set. Sie sahen beide so viel besser aus, als sie erwartet hatte. Seine Oberschenkel waren muskulös, seine Flanken mager, sein Bauch war flach mit einer liebenswerten kleinen Rundung wie der eines kleinen Jungen. Sie schlang ihre Arme und Beine um ihn und wiegte ihn sanft, blickte in seien blauen, leidenschaftlichen, stets humorvollen Augen und war erstaunt, wie gut sie ihn einerseits kannte und wie aufregend dies gleichzeitig war. Seine Haut an ihrem Körper fühlte sich warm und samtig an; die Haare auf seiner Brust und seinen Beinen rieben über ihre weich Haut, so dass sie überall äußerst angenehme kleine Elektroschocks verspürte.

"Hallo, Seemann", sagt sie. "Hallo, Schöne", flüsterte er zurück. "Du hättest das schon vor zwanzig Jahren tun sollen. Da hätte ich dir noch eine echte Erektion bieten können." Sie nahm seinen Penis in die Hand und betrachtete ihn, er war gerade hart genug für ihre Absichten und perfekt geformt. Dein Schwanz ist schön", sagte sie erfreut. "Du hättest mich vorwarnen sollen!" Einen Augenblick war er still, hielt seinen Kopf zwischen ihre Brüste gepresst und schüttelte sich vor Lachen. Dann blickte er zu ihr auf und sagte mit einem spitzbübischen Lächeln, das sie nie zuvor an ihm gesehen hatte. "Ich hätte dich wirklich vor meinem Schwanz warnen sollen." Sie lachte ebenfalls, und dann hatten sie einander für lange Zeit nichts mehr zu sagen.

Auszug aus: Kate Christensen "Feldmans Frauen". (Ü: Kristina Lake-Zapp, 352 S., 16,95 Euro, Droemer)

Interview: Kate Christensen über ihr Buch "Feldmans Frauen"

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