Leseprobe: "Rote Teppiche und andere Bananenschalen"

Der Schauspieler Rupert Everett verkörperte in den 90ern den Kumpel, den sich alle Frauen wünschten. Mit 50 hat er jetzt seine Memoiren geschrieben. Lesen Sie aus "Rote Teppiche und andere Bananenschalen" das Kapitel "Die Hochzeit meines besten Freundes".

KAPITEL 36: Die Hochzeit meines besten Freundes

Ü: Teja Schwaner, 460 S., 18,95 Euro, Gustav Kiepenheuer

Meine Agentin schickte mir das Drehbuch von "Die Hochzeit meines besten Freundes", nach dessen Lektüre ich das Gefühl hatte, endgültig ganz unten zu sein. Schauspieler können sich schneller durch ein Drehbuch fressen als ein ganzes Termitenvolk durch eine Pappwand. Man braucht nur beim ersten Durchblättern ein Auge daraufzuwerfen, wie oft der Rollenname erwähnt wird. Dann zurück zum Anfang, um eine Ahnung zu bekommen, worum es geht: die ersten paar Seiten, die letzten paar Seiten; kurz irgendwo in der Mitte reingeschaut. Zuletzt ein Blick auf den ersten Auftritt der Person, für die man dich vorgesehen hat. Wie wird sie vom Autor eingeführt? George, ein schwuler Mann mittleren Alters, sitzt am Tisch, ein Glas Champagner in der Hand. Würg.

Na ja, vielleicht würden sich wenigstens ein paar brillante Dialogzeilen finden. Fehlanzeige. Drei Sätze, und gleich danach total rausgeschrieben, damit sich der Star in einer längeren Sequenz mit dem Pâtissier beschäftigen kann.

"Aber du bist eine tolle Besetzung - Warum? Weil ich schwul bin?"

"Sind wir schon so tief gesunken, Carla?", fragte ich in London meine Agentin am Telefon. "Honey, es ist eine tolle Gelegenheit. Ein Julia-Roberts-Film. Und Regie führt P. J. Hogan. Ein großes Studio steht dahinter." "Das ist keine Rolle. Das sind drei Sätze." "Aber du bist eine tolle Besetzung." "Warum? Weil ich schwul bin? Das heißt doch nicht automatisch, dass ich diese Rolle spielen sollte. Ich war Hauptdarsteller in einigen klasse Filmen, Carla. So eine Drei-Sätze-Nebenrolle habe ich noch nie angenommen. Das wäre der absolute Tiefpunkt." "Geh wenigstens zur Vorbesprechung."

Zu der Zeit, im April 1996, spielte ich im Hampstead Theatre Club in London einen Außerirdischen, der sich als neuseeländischer Journalist tarnt. Das Stück hieß "Some Sunny Day"; geschrieben hatte es mein Freund Martin Sherman. Es war die überdrehte Geschichte einiger Außenseiter in Kairo während des Zweiten Weltkriegs, als die Deutschen kurz davor waren, die Stadt einzunehmen. Das Skript war sehr eigenartig, und man hätte wohl besser einen Film daraus gemacht.

Der Regisseur Roger Mitchell bat Uri Geller, uns zu besuchen und vom Löffelverbiegen und so weiter zu erzählen, denn es gab eine Szene, in der ich einen außerterrestrischen Wutanfall bekam, was dazu führte, dass sich sämtliche Löffel im Haus verbogen und alle Uhren plötzlich rückwärtsgingen. Uri war ein seltsamer Vogel, spindeldürr und überraschend umgänglich. Er verbog jede Menge Löffel für uns und heilte nebenbei noch mein schlimmes Knie. Wir luden ihn zur Premiere ein, und nach der Vorstellung, die meiner Meinung nach ziemlich beknackt gewesen war, kam er hinter die Bühne. "Ich habe während der Pause an all den Kritikern gearbeitet", sagte er. "Die Besprechungen werden sensationell ausfallen." Und das taten sie auch: eine maßlose Lobeshymne nach der anderen. Keiner von uns konnte es fassen.

Am Ende des Stücks sind alle aus der Stadt geflüchtet und haben mich allein gelassen. Bevor ich auf meinen Heimatplaneten zurückkehre, entbiete ich dem Menschengeschlecht und seinen Torheiten ein trauriges Lebewohl, als eine Bombe detoniert und Gips von der Decke fällt. Schnell verstecke ich mich hinter einem Schrank, und ein großer grüner Ballon, mein wahres Ich, schwebt ruckelnd und im gespenstischen Licht eines Verfolgerspots an Drähten über die Bühne und durch ein offenes Fenster hinaus. An dieser Szene konnte man beim besten Willen nichts Gutes finden, bis auf das eine Mal, als sich der Ballon am Fensterbrett verhakte und platzte. "Mistikack, Mummy", piepste eine Kinderstimme im Parkett. "Jetzt kann er nie wieder in sein Raumschiff zurück."

"Und für kurze Zeit war ich De Niro und P.J. war Scorsese."

Sehr richtig! Auch ich war meilenweit weg von zu Hause, und wie es das Schicksal wollte, befand sich an jenem Abend P.J. Hogan im Publikum. Später beim Dinner saß er mir am Tisch gegenüber wie eine Nonne, der man in den Hintern gekniffen hatte. Er zählte zu den Menschen, die nicht lügen können, war aber gleichzeitig zu schüchtern, das auszusprechen, was er wirklich dachte. Zweifellos hatte ihm das Stück nicht gefallen, doch er brachte es nicht über sich, es zuzugeben. Andererseits unterhielten wir uns offen und vorbehaltlos über die Filmfigur George, und P.J. sagte, dass er bereits dabei sei, sie umzuschreiben. Nach dem Dinner telefonierten wir beide mit unseren Agenten in L.A., um ihnen mitzuteilen, für wie langweilig wir uns gegenseitig hielten. Am nächsten Morgen rief er mich jedoch an und lud mich in sein Hotel zum Frühstück ein, wo er mir die Szene zeigte, die er nachts geschrieben hatte. Daraus wurde die berühmte Sequenz, in der George "I Say a Little Prayer" singt. Eine brillante Szene. Narrensicher. Da konnte kein Schauspieler versagen. Ich wurde langsam enthusiastisch.

Aber P.J. zögerte noch. Er flog nach L.A. zurück. Er konnte sich nicht entscheiden und bat mich um Probeaufnahmen. Die machte ich. Dann wollte er noch einmal Probeaufnahmen machen. Die machte ich nicht. Man kann Menschen im Showbusiness niemals überreden - entweder sehen sie dich in einer Rolle oder nicht. Ich bin selten für einen Film engagiert worden, für den ich Probeaufnahmen machen musste. Ungefähr eine Woche lang herrschte Schweigen. Carla und mein Manager Marc leisteten glänzende Arbeit, denn es ist nicht leicht, einen unentschlossenen Regisseur zu überreden, den eigenen Klienten einzusetzen, allerdings bestimmt noch schwieriger, diesen unentschlossenen Klienten gleichzeitig zu überreden, sich von eben diesem Regisseur engagieren zu lassen. Sie beschafften mir die Rolle. Und für kurze Zeit war ich De Niro und P.J. war Scorsese.

Die Dreharbeiten von "Die Hochzeit meines besten Freundes" bescherten mir eine herrliche Zeit. So vieles flog mir zu, alles fügte sich zu meinen Gunsten. Spontan beschloss ich, nach New York zu ziehen, und fand gleich ein hübsches kleines Haus im West Village. Es lag hinter drei Straßen versteckt am Ende einer Seitengasse inmitten von Gärten. Und wen sah ich da aus dem Nebenhaus treten, als ich eines Morgens auf dem Weg nach Chicago war? Joe McKenna aus Garderobe D im Aldwych. Wir hatten länger als zehn Jahre nicht mehr miteinander gesprochen.

"So vieles flog mir zu, alles fügte sich zu meinen Gunsten"

Nachdem man ihn am Theater gefeuert hatte, war er erst Popsänger geworden, dann Modestylist. Eine seiner frühen Modestrecken hatte er 1985 mit mir für den Tatler gemacht. Zunächst war alles bestens gelaufen, bis sich herausstellte, dass mir kein Kleidungsstück richtig passte, und wir uns furchtbar in die Wolle bekamen. Nachdem das Magazin auch noch ein Foto von mir abdruckte, auf dem ich Schnodder an der Nase hatte, grub ich das Kriegsbeil aus. Seither hatten wir die Kommunikation eingestellt. Als ich ihn jetzt sah, wich ich in meine Gasse zurück. Ich war noch nicht so weit, mich auszusöhnen. Mittlerweile war er der erfolgreichste Stylist der Welt, in seinem einfachen weißen Hemd und den schwarzen Jeans Welten entfernt von dem Kinderstar, der vor zwanzig Jahren mit seiner Lunchbox zum Aldwych getanzt gekommen war. Als er um die Ecke verschwand, eilte ich zu meinem Wagen und machte mich auf den Weg in die Windy City.

In jenem Sommer 1997 war die Hitze unerträglich. Das Zentrum von Chicago glich einer Festung aus verspiegelten Türmen, die sich am Ufer des Lake Michigan formiert hatten und, als sich unsere Maschine in die Kurve legte, aus dem Dunst über dem See auftauchten wie die grüne Smaragdstadt aus dem "Zauberer von Oz". Die riesige Wasserfläche schimmerte in der Hitze, und Millionen kleiner silberner Fische lagen tot an den Ufern. Die Filmcrew (und ich) wohnte im Marriott Residence Inn, einem von diesen sonderbaren neuen amerikanischen Hotels, die absolut ohne individuellen Charakter auskommen. Gratiskaffee, Kaffeeweißer und Süßstoff standen am Empfang auf einem Tisch bereit, und unförmige Touristen stapften auf dem Weg zum Fahrstuhl an uns vorbei. Sie hatten Papierbecher mit dem wässrigen Gebräu in der Hand und sahen im Neonschein der Fahrstuhlkabine gelbstichig aus. Das Hotel war ein kümmerlicher Baumstumpf im Hochwald der Wolkenkratzer und lag so gut wie immer im Schatten, denn nur höchst selten schickten die Spiegeltürme einen reflektierten Lichtstrahl herüber. Auf der Straße war es stickig, der Asphalt schmolz, und es roch köstlich. Jedes Reifenquietschen hallte dramatisch von den Wänden unseres gläsernen Canyons wider und wurde zur bedrohlichen Melodie, begleitet vom monotonen Summen einer Million Klimaanlagen und dem Dröhnen des Verkehrs auf dem North Wacker Drive.

"Julia und ich hatten als Gespann auf der Leinwand eine besondere Ausstrahlung"

P.J. hatte Wort gehalten: Es gab jetzt keinen Auftritt von George, bei dem er den anderen nicht die Show stahl. Am ersten Tag drehten wir eine Szene im Taxi mit Julia, dem männlichen Hauptdarsteller Dermot Mulroney und mir, in der sie Dermot vormachte, dass ich ihr Verlobter sei. Am nächsten Tag meldeten sich die grauen Eminenzen von Sony bei P.J. Sie waren außer sich vor Begeisterung. Es wurde deutlich, dass Julia und ich als Gespann auf der Leinwand eine besondere Ausstrahlung hatten. So wie es zwischen zwei Menschen auch im echten Leben klick macht und sie sich ohne ersichtlichen Grund auf Anhieb verstehen, kann auch auf der Leinwand einfach die Chemie stimmen und sich eine intensive Beziehung wie von selbst ergeben. So etwas lässt sich weder mit Geld garantieren, noch gibt es eine Technik, mit Hilfe derer es zu erreichen wäre. Wenn es jedoch dazu kommt, wird die Arbeit zum Vergnügen und man selbst zu einem besseren Schauspieler. Die Dialoge sprudeln nur so von den Lippen. Jeder Augenkontakt lässt Funken sprühen. Sich endlich einmal nicht abrackern zu müssen, ist ein so tolles Gefühl, dass man sich auf der Stelle in die andere Person verliebt - die Dreharbeiten werden zu einem verlockenden Berghang voll unberührtem Pulverschnee, durch den man mit seinem Partner im Parallelslalom wedeln wird, entspannt und strahlend schön. Alles wird zur Entdeckung. Julia war wunderschön und leicht manisch, ganz wie es sich für einen legendären Star gehört. Die meiste Zeit war sie die gelassene und pragmatische Urmutter, zusammengekauert auf einem Regisseursstuhl mit Stricknadeln und einem Beutel Wolle. Manchmal aber bäumte sie sich auf, mit geblähten Nüstern und verdrehten Augen wie ein ungezähmtes Fohlen, das ein unsichtbares Lasso wittert. Auf ihrer Stirn gab es eine Ader, die gelegentlich anschwoll, was ein Warnzeichen war, nichts Vorschnelles oder Unbedachtes zu tun. Sie konnte bocken und auskeilen und entsprach ganz dem Bild der geistreichen, schönen und tüchtigen Vollblutfrau, die urplötzlich im Badezimmer einen Nervenzusammenbruch bekommen kann.

Manchmal nahm sie mich freitagabends im Sony-Jet mit nach New York zurück. Dann wurde ich Zeuge, wie die Hollywood- Maschinerie in Gang gesetzt wurde, um eine wichtige Fracht in Glanz und Gloria von A nach B zu transportieren. Mit einem Cocktail im Kristallglas, in einen Frotteebademantel gehüllt, hüpfte sie barfuß und mit nassen Haaren aus ihrem Trailer in die wartende Stretch-Limo. An Gepäck hatte sie nur den Wohnungsschlüssel und ihren frisch erkorenen schwulen Intimus dabei.

"Ein Star berührt eben nie den Erdboden"

Angeregt über Themen plaudernd, die ein Mädchen nur mit einem Mann erörtern kann, der keine verborgene Erektion hütet, steckten wir auf dem Rücksitz die Köpfe zusammen und nippten an unseren Drinks, während wir auf dem Weg zum Privatflughafen durch die Außenbezirke rauschten. Tore öffneten sich wie durch Zauberhand, bis wir auf einen riesigen Jet zufuhren, der mitten auf dem leeren Flugfeld stand. Eine Teppichbrücke half, die paar Meter reale Welt zu überqueren. Auf Zehenspitzen eilte Julia hinüber und sprang an Bord. Die Türen schlossen sich, und im selben Moment bewegte sich der Jet auch schon. Wir saßen mit unseren Drinks auf einem großen Doppelbett. Nette junge Mädchen in Uniformen boten uns appetitliche Häppchen an, und die Zeit verging buchstäblich wie im Fluge. Amerika zog unter uns vorbei. Es schien unvorstellbar weit entfernt zu sein. Zur Landung legten wir uns zurück. An der offenen Tür der nächsten Stretch-Limo stand ein Leibwächter mit einem großen Strauß Blumen im Arm. Bevor sie bei sich zu Hause ausstieg, zog sie sich ein Paar Omahausschuhe an, um das einzige Wegstück zu überwinden, das Hollywood nicht kontrollieren konnte - den Gehsteig zwischen der Limousine und ihrer Eingangstür. Ein Star berührt eben nie den Erdboden.

Diese Herrscherinnen des Universums landen oft in den Armen ihrer Fitnesstrainer, und auch Julia hatte sich dem ihren zugewandt. Er hieß Patrick. Ich war von diesen mächtigen Frauen fasziniert. Statt Begleiterinnen von Präsidenten zu werden, heiraten sie ihre Friseure. Diese Märchenprinzessinnen waren gefangen im Elfenbeinturm. Die einzigen Menschen, denen sie begegneten, waren ihre Co-Stars und ihr Personal. Wie schon Madonna roch auch Julia ganz entfernt nach Schweiß, was ich sehr sexy fand. Die weiblichen Superstars haben auch etwas Männliches, anders geht es gar nicht. Wenn ein Mädchen den langen Weg aus dem aufgebrochenen Ei bis zum Meer überleben will, muss sie ganz spezielle "soziale Kompetenzen" entwickeln, um nicht den Raubvögeln zum Opfer zu fallen, die in den obersten Etagen der Filmindustrie lauern. Die Besetzungscouch ist absolut keine Lösung für eine hoffnungsvolle Aspirantin. Will sie überleben, muss sie lernen, die anderen zu ficken, bevor sie von ihnen gefickt wird, wodurch sie zu einer Art "She- Man" wird, zu einer schönen Frau mit unsichtbaren Eiern. Wenn sie Sex mit einem Mann gehabt hat, muss sie wahrscheinlich gegen das Verlangen ankämpfen, ihn mit Haut und Haar zu verspeisen. Auf jeden Fall aber gemahnt die Superstarfrau ihn und seinesgleichen mit ihrem eigenartigen, potenten Geruch, ebenso betörend wie furchteinflößend, daran, wer die Hosen anhat. Und markiert den Mann mit diesem Duft als ihr Revier.

"Dieser Film war Julias Revier. Cameron Diaz war der Widerpart zu Julia."

Dieser Film war Julias Revier. Doch ein weiteres Superstarbaby hatte sich aus dem Ei gepellt und wagte erste Schritte über den Strand ans Meer. Cameron Diaz war der Widerpart zu Julia, schlaksig und überschäumend vor Lebensfreude, ein burschikoser Wildfang mit Gazellenbeinen und, anders als Julia, traumsicher auf hohen Absätzen. Sie liebte fettige Hamburger, machte sich nichts draus, wenn sie sich bekleckerte, und wischte sich hinterher die Hände an ihren Jeans ab. Sie war die Freundin von Matt Dillon.

"Warum kann sich Cameron in meiner Gegenwart nicht entspannen? ", fragte Julia eines Tages. In Wahrheit konnte sich Julia in Camerons Gegenwart nicht entspannen. Denn es erfordert eine Menge Mut von einem Superstar, eine Rolle anzunehmen, in der sie ihren Typen an eine jüngere Frau verliert. Es bedeutete auch, dass Julia nicht mehr als naive Unschuld besetzt wurde. Sie wurde bereits an dreiunddreißigster Stelle unter den mächtigsten Frauen Hollywoods geführt. Sie hatte das Debakel "Mary Reilly" überlebt. "Die Hochzeit meines besten Freundes" sollte ihr Comeback werden. Und plötzlich war da dies bezaubernde Kätzchen, das jeder gern hatte und das von Fenstergestaltung sprach statt von Gardinen und so natürlich war, dass es unnatürlich erschien. Es muss Julia Nerven gekostet haben. Cameron wurde direkt unter unseren Augen erwachsen. Szene um Szene griff sie nach Julias Krone, vom genialen Auftritt in der Karaoke-Bar bis zur Konfrontation in der Damentoilette. Vielleicht war es ihr nicht bewusst, aber Julia blieb es keinesfalls verborgen.

Das alles ist jedoch völlig unbedeutend, solange jeder seinen Job gut macht. Die Mädchen kamen nicht miteinander aus? Na und? Die Szenen zwischen ihnen waren mit jener bedrohlichen Energie aufgeladen, die nicht von der Gagenhöhe abhängig ist, sondern dann entsteht, wenn die Kunst mit dem Leben flirtet. Julia war großartig wie nie. Etwas anderes konnte sie sich auch nicht leisten. Sie gab alles, und meiner Meinung nach setzte sie damit Maßstäbe im Genre der romantischen Beziehungskomödie, die seither niemand übertroffen hat. Ihr perfektes Timing und ihre makellose Schönheit wurden ausbalanciert von einer anrührenden Verletzlichkeit, die den Film qualitativ weit über das erhob, was die Studios gewöhnlich an Fließbandware anzubieten hatten. Martin verließ indes Miami und zog in mein Haus im West Village.

Jener Sommer war die schönste Zeit in den wechselvollen Jahren, die wir miteinander verbrachten. Das Leben war ein Feuerwerk der Freude. Erfolgstrunken und verliebt in die Welt verbrachte ich die Wochenenden mit Martin und Mo auf Entdeckungstouren in New York. Die Stadt war nicht wiederzuerkennen. Sie war sicher geworden, befand sich in den Händen der Großindustrie und der Mittelklasse. Alle Gefahr hatte sich verflüchtigt.

"Liederliches Luder, das ich bin,kostete ich diese Treffen in vollen Zügen aus."

Man brauchte nirgends mehr Angst zu haben, und der Song "Native New Yorker" von Odyssey hatte ausgedient. Jetzt waren Junior Vasquez und die DJ-Kultur angesagt: eine Welt aus Remixes und Remakes. Miese alte TV-Serien wurden plötzlich zur Kunst erklärt, und die cleveren Filmstars liebäugelten mit der Werbung. Die einzigen Huren, die auf der 42nd Street übrig waren, hießen Minnie und Mickey Mouse. Doch ich liebte die Stadt mehr als je zuvor. Sonntagabends kam die Stretch-Limo. Ich sprang hinein, und die umgekehrte Reise führte mich vor Julias Eingangstür und schließlich ins Marriott Residence Inn, nachdem wir Julia im Four Seasons abgesetzt hatten.

Manchmal ging ich mit P.J. und Cameron essen oder auch mit Dermot und seiner Frau Catherine, ansonsten wurde es ein recht einsamer Sommer. Ich hatte kaum zu tun, musste aber für den Fall, dass es regnete, in Chicago bleiben, damit eine meiner neuen Szenen in den Drehplan gequetscht werden könnte. Also saß ich oft im Marriott herum, beobachtete während der langen glutheißen Nachmittage das Kommen und Gehen und träumte von einem kometengleichen Aufstieg zum Star. Es gab nur ein Problem: Der schwule George, den ich spielte, verdrückte sich nach der Hälfte des Films. Ich musste mir etwas einfallen lassen, um auch am Ende noch mitzumischen.

In einem bittersüßen Finale verliert Julia ihren Dermot an Cameron, und im ersten Rohschnitt des Films tanzt sie bei der Hochzeitsfeier noch mit einem feisten Verbindungsbruder. Damit hört der Film auf. Als sich die Studiobosse die Ergebnisse der Testaufführungen ansahen, stellten sie fest, dass sämtliche Amerikaner der bürgerlichen Mittelklasse sich einig waren: Ihr Sweetheart sollte den "Schwulen" kriegen! Warum? Weil er ein ulkiger Typ war.

P.J. schrieb ein neues Ende, das wir zu Ostern im Jahr darauf drehten. Meine Gebete waren erhört worden - George befand sich auf der Gewinnerseite. Nichts ist mit dem Egotrip zu vergleichen, der in dem Moment beginnt, wenn man ins Visier von Hollywoods geballter Aufmerksamkeit gerät. Als der Film hundert Millionen Dollar eingespielt hatte, wurde mir eine Art Triumphzug verordnet, auf dem ich die Studiobosse kennenlernen sollte. Liederliches Luder, das ich bin, kostete ich diese Treffen in vollen Zügen aus. Flankiert von Agentin und Manager und unter den verstohlenen Blicken von Praktikanten und Assistenten durch die Korridore der Bürolabyrinthe zu stolzieren, um schließlich von mächtigen Hochglanzmännern in gestärkten weißen Hemden und mit Krawatten begrüßt zu werden, war berauschend wie eine Laufstegparade.

Sich im Chefbüro niederzulassen, Kaffee und Komplimente huldvoll entgegenzunehmen, während man prüfend in Augenschein genommen, abgeschätzt und eingestuft wird, machte einen Heidenspaß. Ich hatte zwei Filmideen vorzutragen. Ich wollte einen schwulen James Bond spielen und eine Komödie mit Julia Roberts über zwei Superstars, die verheiratet waren, obwohl er schwul war. Beide wurden mir abgekauft.

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