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Leseprobe aus "Kuckuckskind" von Ingrid Noll


"Kuckuckskind": Eine Geschichte über drei heimliche Vaterschaftstests, zwei Tote und eine sehr ungewöhnliche Patchworkfamilie.

Wir schenken Ihnen das erste Kapitel.

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Früher hatten mir das Singen im Chor und die wöchentlichen Proben sehr viel bedeutet. Es war eine nette Gemeinschaft, die sich da einmal in der Woche zusammenfand, außerdem konnte ich mein musikalisches Wissen erweitern und einen Abend lang alle Probleme vergessen. Die Konzentration, die für zwei Stunden nötig war, machte mich nie müde, sondern gab mir Kraft. Beschwingt und in bester Laune kam ich dann nach Hause zurück.

Bis zu jenem schwarzen Montag, als die Probe ausfiel, ohne dass man uns vorher benachrichtigen konnte. Wir standen schon im Vereinsraum vor dem Flügel herum und schwatzten, als die Frau des Chorleiters hereinstürzte und uns mitteilte, ihr Mann habe einen Unfall gehabt. Die meisten von uns zogen in eine Kneipe weiter. Vielleicht hätte ich ihnen besser folgen sollen, doch ich beschloss, den frei gewordenen Abend daheim zu verbringen. Gernot würde sich bestimmt freuen.

Als ich mein Fahrrad abgestellt hatte und unsere Haustür aufschloss, tönte mir Musik entgegen. Ich lauschte verwundert: Je t'aime - moi non plus ...

Diese alte Aufnahme von Serge Gainsbourg und Jane Birkin hatte ich mir während eines Studienaufenthaltes in Frankreich zugelegt. Seltsam, dachte ich und setzte erst einmal Teewasser auf, denn ich fror ein wenig. Draußen war es herbstlich kühl geworden, und ich hatte nur eine Strickjacke übergezogen. Ob Gernot litt, wenn er jeden Montagabend allein war? Tröstete er sich mit erotischen Chansons? Wir hatten schon lange keinen Sex mehr gehabt.

Anscheinend hatte er mein Kommen nicht bemerkt. Ein leiser Argwohn bewog mich, die Schuhe auszuziehen, über den Flur zu schleichen und durch einen Türspalt ins schummrig beleuchtete Wohnzimmer zu spähen.

Zuerst konnte ich nicht richtig erkennen, was sich da auf unserem Sofa abspielte. Aber es waren unübersehbar zwei Personen, die dort stöhnten.

Ich weiß wirklich nicht, wie lange ich regungslos zuschaute. Leider - oder besser Gott sei Dank - hatte ich keine Erfahrung, was in einem solchen Fall zu tun ist. Sollte ich mich blind und taub stellen, einfach verschwinden und erst wie erwartet kurz nach zehn Uhr zurückkommen? Sollte ich mich vor ein Auto werfen oder Feuer legen? Hineinstürmen und einen hysterischen Anfall kriegen? Oder gar alle beide erschießen? Doch anstatt in irgendeiner Form einzugreifen, trat ich völlig verstört, aber lautlos den Rückzug in die Küche an. Das Wasser kochte schon eine Weile, ich selbst brauchte anscheinend etwas länger, bis mein Blut zum Sieden kam. Wie in Trance hängte ich einen Teebeutel in die Kanne und goss das sprudelnde Wasser darüber. Den Deckel schob ich beiseite. Dann stellte ich zwei Tassen, die Zuckerdose und den Tee auf ein Tablett und startete die Attacke.

Mit flinken Schritten näherte ich mich dem Sofa, erstarrte plötzlich wie unter Schock, hielt das Tablett sekundenlang schief und ließ die volle Kanne über die Sünder kippen. Gernot und seine Gespielin fuhren in panischem Schreck auseinander und brüllten vor Schmerz. Der kochend heiße Tee hatte zu großflächigen Verbrühungen geführt, zumal er hauptsächlich auf nackte Bäuche traf.

Meine Angst vor einer Strafanzeige war groß, da es sich um einen klaren Fall von Körperverletzung handelte und der Notarzt beide ins Krankenhaus einwies. Gernot erklärte die Verbrennung mit einem selbst verschuldeten Unfall, weil er die heikle Situation nicht im Detail schildern mochte; auch bei der Scheidung kam die Sache nicht zur Sprache. Und von mir wird sowieso niemand erfahren, dass ich mit voller Absicht Vergeltung geübt habe.

Am besagten Abend rief ich zwar die Rettungsstelle an, sprach aber kein Wort mit meinem Mann. Als der Krankenwagen abfuhr, packte mich ein Weinkrampf. Keiner konnte mich trösten, denn von da an war ich allein.

Gernot musste nicht lange im Krankenhaus bleiben. Nach seiner Entlassung fand er unser Häuschen unbewohnt vor. Ich hatte in der Zwischenzeit das Nötigste gepackt und war in ein Hotel gezogen. Bereits nach einer Woche bot mir ein Makler meine jetzige möblierte Wohnung an. Ohne sie vorher zu besichtigen, sagte ich zu, denn ich brauchte eine Übergangslösung. Leider ist es bis heute dabei geblieben, weil ich seit unserer Trennung wie gelähmt bin.

Wahrscheinlich schleppt jeder Erinnerungen mit sich herum, die nicht zu verdrängen sind und das gesamte Leben belasten, ein Gemisch aus Scham, Zorn, Peinlichkeiten und Trauer. Meine Rolle bei unserem Ehedrama war alles andere als rühmlich gewesen und hatte auch meinem Mann einige Narben zugefügt. Und ich bin seitdem regelrecht süchtig geworden. Bei diesem Wort denkt man an Drogen oder Alkohol. Nein, darum geht es nicht, obwohl ich kurz nach meinem Auszug jeden Abend eine Flasche Wein leerte. Doch dieses Problem bekam ich schnell wieder in den Griff.

Ich bin sudoku-süchtig. Inzwischen kennt ja fast jeder das Spiel mit neun Quadraten, bei dem es auf Konzentration und Logik ankommt. Das erste Rätselheft lag monatelang in meinem Arbeitszimmer herum, ohne dass ich es auch nur anrührte. Meine Mutter hatte es mir geschickt, und ich war eher verärgert als erfreut über ihr Geschenk. Rechnen lag mir nicht, wie ich dachte, doch später merkte ich, dass es darauf überhaupt nicht ankam.

Immerhin steckte ich in den Pfingstferien - auf meiner ersten Städtereise als Single - das Heftchen ein. Bei dieser Gelegenheit wollte ich die beliebten Rätsel einmal ausprobieren und dann endlich wegwerfen. Doch o Wunder: Die stumpfsinnige Zeit im Airport und in der Luft verging beim Raten so schnell, wie es sich gehört - im Fluge. Die einsame Reise war zwar eine einzige Pleite, aber bereits am dritten Tag in Budapest kaufte ich mir ein neues Sudoku-Heft, und schon konnte ich nicht mehr damit aufhören. Die simplen Aufgaben für Anfänger ließ ich bald links liegen, die mittleren löse ich inzwischen perfekt. Nur die schweren schaffe ich noch nicht mit dem Kugelschreiber, nehme lieber Bleistift und Radiergummi, um eine falsche Zahl verbessern zu können.

Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich den Anschluss an meinen Freundeskreis verlor, die Chor- und Yogastunden aufgab und die Klassenarbeiten viel zu lange unkorrigiert auf immer größeren Stapeln liegenließ. In jeder freien Minute greife ich nach einem Sudoku, kaufe Zeitungen und Illustrierte nicht mehr nach dem Inhalt, sondern nur nach der Qualität der Rätselangebote. Auch mein Computer, den ich früher wenig nutzte, dient mir zum Herunterladen immer neuer Variationen. Ich weiß selbst nicht, was ich eigentlich davon habe, wenn ich möglichst schnell und fehlerfrei mit dem Ausfüllen fertig werde. Ein Glücksgefühl stellt sich nie ein, eher das dringende Bedürfnis, sofort mit dem nächsten Sudoku zu beginnen. Ich habe ein schlechtes Gewissen bei meinem neuen Hobby, falls man es noch so nennen kann. Im Grunde schäme ich mich dafür, und ich mag keinem Menschen davon erzählen. Wen würde das auch interessieren? Als Deutschlehrerin fällt mir sofort die Zeile eines Gedichtes ein:

Du wirst vergehn, und Deiner Füße Spur Wird bald kein Auge mehr im Sande finden.

Eines Tages bemerkte ich während einer zäh sich ziehenden Deutschstunde, dass ein Schüler ganz ungeniert Zahl um Zahl in ein Sudoku eintrug. Hinterrücks näherte ich mich seinem Platz und schnappte mir das Blatt. Während ich die Klasse mit einer schriftlichen Aufgabe beschäftigte, füllte ich es vollständig aus und gab es dem Jungen am Ende der Stunde kommentarlos zurück.

Ich habe Manuel zwar keinen Verweis erteilt, ihm aber bewiesen, dass ich schneller bin als er. In meinem Unterricht hat er es nie mehr gewagt, Zahlenreihen auszutüfteln, doch seitdem verbindet uns unsere geheime Leidenschaft. Schon länger war mir aufgefallen, wie geistesabwesend der pubertierende Junge ist. Meistens hängt er teilnahmslos in seinem Stuhl und zwirbelt mit der linken Hand eine Lockensträhne um den Zeigefinger.

Im Lehrerzimmer wird oft getratscht, meistens über Belangloses. Zum Beispiel lassen sich meine männlichen Kollegen immer wieder abfällig über die kleinen Lolitas aus, wie sie nabel- und nierenfreie T-Shirt-Trägerinnen nennen. Vielleicht wollen sie ja durch ihre gehässige Kritik die eigene Lüsternheit vertuschen. Ich mache mir lieber im Stillen Gedanken.

Die Mode der Jugendlichen ist immer freizügiger geworden, nicht zuletzt, um die Erziehungsberechtigten zu provozieren. Tätowierungen, Piercings, Sticker, Brandings, herunterrutschende Hosen, zu enge, zu weite oder zu offenherzige Shirts, das reizt nicht nur die Mädchen, auch ein paar Jungen wollen auf ähnliche Weise auffallen. Andere Jugendliche laufen wie angehende Banker oder artige Klosterzöglinge herum. Am Ende wächst sich das alles aus. Die wadenlangen bestickten Inderkleider, die ich in meiner Schulzeit schön fand, gefielen leider auch meiner Mutter so gut, dass sie sich ebenfalls eins kaufte und sie mir damit gründlich verleidete. Viel-leicht wäre das ja ein Tipp für geplagte Eltern, sich wie ihre Kinder tätowieren und löchern zu lassen, um es ihnen zu vergällen.

In meinen Augen ist Manuel anders als die laute Clique, mit der er in der Pause herumalbert. Wie fast alle trägt er Jeans und Turnschuhe, aber außer einem überlangen Schal und einer winzigen kreisrunden Brille nichts Modisches und auch keinen Körperschmuck.

Julian, sein bester Freund, verhält sich ähnlich. Wegen seiner Altstimme nennen ihn seine Mitschüler »Tante«. Sein Organ ist im Stimmbruch, hört sich hoch und heiser an. Man könnte meinen, es sei eine ältere Frau, die da spricht. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass Julian bei seiner Großmutter aufwächst und sich ihr angepasst hat. Seine Oma ist eine ungewöhnliche Frau. Sie gehört zu den Altgrünen, engagiert sich bei attac und wurde auf dem letzten Elternabend einstimmig (wie so oft ohne Gegenkandidaten) zur Sprecherin gewählt. Gleichmütig nahm sie die Wahl an und strickte dabei unbeirrt an einer schwarz-roten Jacke, die sie Lumberjack nennt. Ich hörte heraus, dass sie regelmäßig mit Julian und Manuel die Hausaufgaben durchgeht und sie gelegentlich zur Rebellion anstiftet.

Wieso sich Manuel gerade mit Julian angefreundet hat, ist unschwer zu erraten. Es wird diese wunderliche Großmutter sein, die ihn fasziniert. Sie ist es auch, die für ihren Enkel und seinen Freund die noblen Schals gestrickt hat: nicht aus Wolle, sondern aus Seidengarn in sehr aparten Farben.

Manchmal möchte ich zu gern über Manuels dunk­len Lockenschopf streichen, ob sich nicht vielleicht ein Ansatz von kleinen Hörnern finden lässt. Er erinnert mich an ein Bild im Schlafzimmer meiner Mutter: einen bocksbeinigen Pan, der sich im Schilf an die Nymphen heranmacht.

Ich könnte durchaus seine Mutter sein. Aus irgendeinem Grund lebt die leibliche Mama in einer anderen Stadt. Manuels Vater hat mir das auf einem Elternsprechtag erzählt. Im Gegensatz zu seinem Sohn ist er eine Spur untersetzt und vielleicht etwas älter als die meisten Väter. An beiden Händen trägt er Ringe. Mit dem Charme seines Sprösslings kann er zwar nicht ganz mithalten, aber er ist äußerst liebenswürdig.

Klassenlehrer müssen sachlich bleiben. Über Manuels Verträumtheit im Unterricht sprach ich nicht mit seinem Vater. Es ging bei unserer Unterredung einzig um die schulischen Leistungen, die in manchen Fächern dürftig sind. Ob ich seinem Sohn Nachhilfeunterricht in Französisch geben könnte, fragte er. Ich lehne das bei Schülern, deren Klassenlehrerin ich bin, grundsätzlich ab, weil leicht eine allzu private Atmosphäre entstehen und man mir am Ende Begünstigung vorwerfen könnte. Außerdem geht es keinen etwas an, wie ich wohne. Manuels Vater leuchtete meine ablehnende Antwort nicht ganz ein, er konnte mir aber auch wenig entgegenhalten. Ich empfahl ihm eine Kollegin.

Birgit übernahm die zusätzliche Einpaukerei nicht ungern. Ich erinnere mich noch genau, wie ich ihr Manuel ans Herz legte. Es war ein warmer Frühsommer, und Birgit war bereits appetitlich gebräunt und duftete nach Maiglöckchen. Sie trug ein helles neues Kleid, dessen provokante Korsage die Männer wohl unwillkürlich ans Aufnesteln denken ließ. Zum Glück saßen wir nur auf ihrem luftigen Balkon. Am nächsten Tag hatte sie das Miederkleid allerdings auch in der Schule an, wo die Kollegen Stielaugen machten.

Wir sind im gleichen Alter, doch ich bin geschieden, während Birgit mit Steffen Tucher verheiratet ist. Unsere Männer verstanden sich so gut, dass wir früher gemeinsame Urlaube in der Provence verbrachten, wo wir Lehrerinnen vor Gernot und Steffen mit flüssigem Französisch glänzten. Unter uns gesagt ist mein Wortschatz allerdings größer als der meiner Kollegin. Doch mit den gemeinsamen Unternehmungen war es nach meiner Scheidung leider vorbei, denn welche Alleinstehende mag schon gern mit einem Paar verreisen?

Fast bin ich ein wenig eifersüchtig, dass Birgit von nun an zweimal in der Woche meinen kleinen Faun in ihrem Arbeitszimmer sitzen hat. »Na, läuft es jetzt besser?«, frage ich ihn eines Tages, als Manuel nach der Deutschstunde noch als Einziger im Klassenzimmer herumtrödelt. Er sieht mich verständnislos an. »Ich meine, ob die Nachhilfe in Französisch etwas bringt?«, erkläre ich.

Manuel zuckt mit den Schultern. »Das weiß ich noch nicht«, meint er und kramt weiter in seinen Heften. »Sie haben das Sudoku sehr schnell gelöst«, sagt er schließlich, wird rot und grinst verlegen. »Anscheinend haben Sie Übung!« Ich lege den Finger an die Lippen. »Das bleibt unser kleines Geheimnis«, sage ich und grinse verschwörerisch zurück. Manuel rührt sich immer noch nicht von der Stelle. »Die Pause ist bald vorbei«, sage ich und greife nach meiner Tasche. »Ein bisschen frische Luft schadet dir ganz bestimmt nicht. Oder gibt es noch etwas, was du loswerden willst?« »Wenn Sie schon so direkt fragen«, sagt er und verstummt wieder. Ich warte. »Wie heißt der Mann von Frau Tucher mit Vornamen?«, fragt er. »Er heißt Steffen«, sage ich, »warum willst du das wissen?« »Nur so«, sagt er und geht.

Als kleines Kind habe ich oft die Großeltern besucht oder wurde bei ihnen abgeladen. Beide waren zu alt, um meinen Bewegungsdrang nach langem Stillsitzen und ausgiebigem Vorlesen zu befriedigen. Spaziergänge zum Spielplatz waren ihnen zu weit, aber sie dachten sich etwas aus, um mich auch körperlich zu ermüden.

Ihr großer chinesischer Teppich war das blaue Meer, die eingestreuten Ornamente und Blumenmedaillons ragten aus dem Was­ser hervor. Stundenlang hopste ich von einer dieser Inseln zur anderen und fiel dabei gelegentlich mit einem spitzen Schrei ins Meer. Mein Opa rettete mich dann vor dem Ertrinken und trug mich aufs Festland, wo die Oma bereits mit Russischbrot und Kakao auf mich wartete. Von Sprudel bekäme man Läuse im Bauch, behauptete sie, wenn ich nach ­Cola verlangte.

Noch als ich mit Gernot zusammenlebte, ertappte ich mich manchmal bei dem Versuch, den ererbten blauen Teppich nur auf den bunten, inzwischen ziemlich abgewetzten Mustern zu betre-ten. Auch bei unseren Fünftklässlern bemerke ich gelegentlich, dass sie auf den Schulkorridoren die Fugen der schwarz-grünen Fliesen nicht berühren. Falls doch, drohen wohl schlechte No-ten oder ähnliches Unglück. Als ich sogar Manuel bei diesem Spiel entdeckte, musste ich lächeln. Er fühlte sich völlig unbeobachtet, während seine Schritte mal kleiner, mal größer ausfielen. Er ist noch ein Kind, dachte ich und fand ihn hinreißend.

Die meisten Pädagogen haben selbst eine Familie. Gernot und ich wünschten uns auch ein Baby, aber es wollte und wollte nicht klappen. Letzten Endes war dies wohl auch der Grund für unser allmäh­liches Auseinanderdriften. Der jahrelange Druck, Sex nach dem Kalender praktizieren zu müssen, hat uns zermürbt; schließlich resignierten wir und ließen es ganz bleiben. Meine Gynäkologin konnte keine Ursache finden, warum ich kinderlos blieb, und auch bei Gernot sah es nicht aussichtslos aus.

Birgit hat ebenfalls keine Kinder, aber bei ihr ist es angeblich gewollt. Gelegentlich redet sie von Adoption und davon, dass es heutzutage genug Kriegswaisen gebe. Entsprechende Schritte hat sie aber nie unternommen, und ich kann mir kaum denken, dass ihr Mann dafür zu begeistern wäre. Bei unseren zurückliegenden Urlauben wurde dieses Thema immer totgeschwiegen. Birgit und ich engagieren uns für unsere Schüler leidenschaftlicher als die meisten Kollegen. Bei mir liegt es mit Sicherheit am unerfüllten Kinderwunsch, bei Birgit mag es ähnlich sein, nur gibt sie es nicht zu. Überhaupt weiß ich wenig über ihre Gefühle, weil wir meistens nur über Alltagsdinge Alltagsdinge sprechen oder ein bisschen blödeln. Wenn ich niedergeschlagen bin, gehe ich ihr eher aus dem Weg.

»Macht Manuel Fortschritte?«, frage ich, als wir ­eine gemeinsame Freistunde im Lehrerzimmer verbringen. Birgit nickt, schlürft erst einen Rest Kaffee und behauptet dann: »Aber klar doch, ich tu schließlich was für mein Geld! Er sagt jetzt immer ganz artig: ›J'ai compris, Madame!‹, wenn er etwas kapiert hat.« »Redet er manchmal über private Probleme?«, frage ich sie weiter aus. »Nicht viel. Aber du weißt ja sicher, dass seine Eltern getrennt sind. Keine Ahnung, ob Manuel darunter leidet. Der Vater soll jedenfalls völlig in Ordnung sein. Leider ist er zurzeit arbeitslos.« »Er ist Chemiker, nicht wahr?«

Birgit nickt, während sie in ein dick mit Teewurst beschmiertes Laugenhörnchen beißt. Seit ich sie kenne, isst sie fettreich, treibt kei-nen Sport und bleibt trotzdem schlank. Dann greift sie nach einer Papierserviette, wischt sich den Mund ab und will plötzlich wissen: »Wie nannte man eigentlich früher einen metrosexuellen Mann?« »Ganz altmodisch vielleicht Beau oder Geck«, sage ich. »Oder auch Stenz, Stutzer, Snob, Gentleman oder Dandy? Reicht dir die Auswahl?« »Anja, du bist unschlagbar!«, sagt sie. »Ich wette, so viele Synonyme stehen noch nicht mal im blauen Duden! Steffen hat mich gestern gefragt, was der Ausdruck heißt, und ich konnte es nur umständlich erklären: Der Lebensstil nicht schwuler Männer, die sich auf weibliche Art besonders fein machen und...« »Das trifft es doch haargenau«, sage ich. »Um welchen Mann handelt es sich denn?« »Um den Gecko natürlich«, flüstert sie, und wir müssen beide kichern. Diesen Spitznamen haben wir dem neuen Schulleiter unseres Heinrich-Hübsch-Gymnasiums verpasst.

Erstes Kapitel aus: Ingrid Noll, Kuckuckskind, Diogenes, 21,90 Euro (erscheint im Juli)


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