Leserinnen über "Alte Liebe" von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder

"Schnurrige Dialoge", "unbedingt lesen!", "wunderbar geschrieben" - was unsere Leserinnen von dem Buch "Alte Liebe" halten. Plus Voting: Welche Rezension ist die beste?

"Alte Liebe" erscheint am 7. September (Hanser, 192 S., 17,90 Euro)

Alte Liebe rostet nicht. Aber die Zeit ist an Lore und Harry nach 40 Jahren Ehe nicht spurlos vorbeigegangen. Die leidenschaftliche Lore hat Angst, bald mit dem frisch pensionierten Harry untätig im Garten zu sitzen. Nur in einem sind sich die Alt-Achtundsechziger einig: Ihre Tochter Gloria hat alles nur Mögliche im Leben falsch gemacht! Nun will Gloria in dritter Ehe einen steinreichen Industriellen heiraten, der auch noch ihr Vater sein könnte. Wie konnte es so weit kommen? Fünf BRIGITTE-Leserinnen kennen die Antwort bereits. Sie durften "Alte Liebe" vorab lesen. Wie ihnen das Buch gefallen hat, lesen Sie auf den nächsten Seiten. Und am Ende sind Sie gefragt: Stimmen Sie ab, wer die beste Rezension geschrieben hat.

Die Lore und der Harry in mir... - Rezension von Ingeborg Kleen

Ingeborg Kleen

Obwohl 40 Jahre verheiratet, fühle ich nicht wie Lore und denke nicht wie Harry. Ich habe auch keine Tochter, die gerade im Begriff ist, zum dritten Mal zu heiraten. Dennoch hat kaum ein Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe, mich so in Identifikationen verwickelt, wie der Roman "Alte Liebe".

Nach 40 Jahren Ehe scheint Lore in Harrys Kopf und Harry in Lores gleichsam ein Eigenleben zu führen, und so kommt zu den realen Dialogen immer wieder der innere Dialog, den beide mit- und übereinander führen. "Ich ärgere mich über Harrys Kommentare, die ich jetzt schon höre, ..., ich kenne doch meinen Harry." Zwischendurch beim Lesen immer mal wieder ein Erschrecken über die Spiegelung der Klischees des eigenen Lebens: ich fühle mich ertappt, erkenne die Lore in mir und mich in Harrys Kommentaren, erkenne meine "alte" Ehe - und muss lachen. Dieses Lachen über das Leben, wie es nun einmal ist, bildet den Grundton und macht die Abschiede, die das Buch durchziehen, erträglicher: Abschied vom Leben, Abschied von Sehnsüchten und Träumen, von Jugend, Beruf und der Illusion, Orientierung im Leben erwachsener Kinder zu sein. Mitten in diesem abschiedlichen Leben und einer Zeit, die an ihnen vorbeizieht, sind da nur noch Lore und Harry, die sich einen Moment lang neu erkennen und begegnen. Vielleicht ist das das Geheimnis alter Liebe. Wenn Sie dem auf die Spur kommen wollen, sage ich mit Elke Heidenreich: "Unbedingt lesen!" Und füge hinzu: und an Eltern, Schwiegereltern und junge Paare mit Zukunftsorientierung verschenken.

Wofür sich der Roman besonders eignet: Neben der Empfehlung für alle, die Langzeitbeziehungen erlebt, erlitten und manchmal genossen haben und für alle Paare, die Zukunft denken und planen, bietet dieses Buch auch einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der Alt-68er. Ergänzend noch eine andere Idee: Man könnte diesen Roman überall da einsetzen, wo es um die Unterschiede im Erleben und Verhalten von Männern und Frauen geht. Sozusagen Gender Mainstreaming für Betagte. In diesem Sinne wünsche ich mir noch mehr Bücher, die von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder gemeinsam geschrieben werden.

Mein Lieblingssatz: "Lass uns so sein, dass wir andere nicht beneiden müssen." Besonders gut gefallen mir die witzigen, schlagfertigen Wortwechsel zwischen Lore und Harry. Davon ist aber keiner in einem Satz zu fassen. Der schlussendlich von mir ausgewählte Satz kommt zu der Ehre, weil ich mit ihm mehrere Tage im Nachdenken über mein Leben schwanger ging.

Alles beginnt mit der Sehnsucht - Rezension von Ute Decker

"Alte Liebe" nennen Elke Heidenreich und Bernd Schröder ihr Buch, der Leser begreift schnell, dass all jene es lesen müssen, die sich nicht zufrieden geben können mit dem, was ihr Leben ausmacht, die nicht aufgeben, sondern um das ringen, was sein könnte. Ein Ehepaar hat nach fast vierzig gemeinsamen Jahren die Illusionen verloren, die es sich über den anderen und sich selbst macht. Respekt und Witz sind geblieben, ja, aber Lore begreift, dass ihr die Freude fehlt mit Harry, der seinen Garten pflegt und das Bier schätzt. Die Frage nach dem Glück wird lauter gestellt, als Lores Mutter stirbt und die gemeinsame Tochter einen Bonzen heiratet, der den Idealen der Eltern ins Gesicht schlägt und die Entfremdung vom einzigen Kind unausweichlich bewusst macht. Was trägt, wenn Gedichte nicht mehr trösten, lange verschwiegenen Fragen nicht mehr ausgewichen werden kann und Weinen endlich möglich wird? Der Mensch, bei dem Sätze mit "Weißt du noch..." beginnen können, bei dem Lore fast erschrocken begreift: "Ich glaube, ich liebe dich noch!"

"Alles beginnt mit der Sehnsucht", meint Nelly Sachs. In "Alte Liebe" finden sich zwei Menschen nicht ab und verstummen, vor allem Lores Sehnsucht ist dafür viel zu groß, und der nur scheinbar einfach gestrickte Harry weiß schon lange, was "seine Lore" für ihn ist. Nun wollen sie so sein, dass sie andere nicht beneiden müssen.

Und dann? Dann passiert das, was manche Menschen "Schicksal" nennen und andere - wie mein Vater - "das Leben". Aber was wirklich gelebt und geliebt wird, das ist nie vorüber, das wächst weiter, "ein Baum aus Tränen oder vergangenem Glück". Das weiß nicht nur Rose Ausländer, das begreift auch Harry in "Alte Liebe" und wir mit ihm.

Mein Lieblingssatz: "Lass uns so sein, dass wir andere nicht beneiden müssen." (S. 144)

Alte Liebe schätzen lernen oder Das Glück auf der Erde zu finden - Rezension von Sabine Neuhaus-Engel

In ihrem Buch "Alte Liebe" erzählt das ehemalige Ehepaar Elke Heidenreich und Bernd Schroeder in schnurrigen Dialogen die Geschichte des Ehepaares Lore und Harry. Beide kennen nach vierzig Jahren Ehe die eigenen und die Fehler des anderen. Leider werden sie dadurch zunächst auch nicht unbedingt annehmbarer.

In Rückblicken schildern beide den Beginn ihrer Ehe. Harry wollte eigentlich Architekt werden, ist aber letztlich als Sachbearbeiter im Bauamt gelandet und mittlerweile Pensionär. Er liebt seinen Garten, seine Pflanzen - für die kein Weg zu weit ist - und auch das "Bierchen" zwischendurch. Lore hingegen arbeitet als leidenschaftliche Bibliothekarin, die die Pensionierung fürchtet. Sie hält sich für unersetzlich, hat aber mehr Angst vor der Vorstellung mit Harry untätig im Garten zu sitzen. Ihre Tochter Gloria, selbst Mutter, steht kurz vor ihrer dritten Eheschließung mit einem älteren, aber steinreichen, Bauindustriellen. In vielen Dingen uneins, sind sich Harry und Lore diesmal einig. Gloria hat alles Mögliche in ihrem Leben falsch gemacht.

Eine zentrale Frage ist, ob an der Hochzeit teilgenommen werden soll oder nicht. Beide glauben genau zu wissen, was der andere darüber denkt. Immer wieder werden in Rückblenden Szenen der Ehe geschildert. Fragen, ob Harry sie nun mit Verena oder Mira betrogen hat, werden angerissen, bleiben aber ohne Antwort. Im Grunde schildert das Buch eine Liebe, die über Jahre hinweg gewachsen ist und die sich nun im letzten Drittel des gemeinsamen Lebens befindet. In vierzig Jahren ist aus zwei unterschiedlichen Menschen ein "wir" geworden, was beiden aber zunächst nicht bewusst ist ...

Wofür sich der Roman besonders eignet: Vor Jahren schrieb Elke Heidenreich ein Buch mit dem Titel "Wer nicht liest, ist doof". Eigentlich kann man diesen Titel ummünzen in "Wer dieses Buch nicht liest, ist doof". Mit den Figuren Lore und Harry kann sich leicht jeder Verheiratete oder in einer Beziehung lebende identifizieren. Unspektakuläre Ereignisse aus dem Alltag werden geschildert, wie sie tagtäglich vorkommen. Mit ihrer (Heidenreich/Schroeder) besonderen Art von Humor, Ironie und Gelassenheit sind ausgezeichnete Dialoge entstanden.

Mein Lieblingssatz: In einer Zeit, in der es immer weniger Langzeitehepaare, sprich Vorbilder gibt, zeigt Elke Heidenreich auf, wie einfach es doch eigentlich sein kann. Ich denke, es ist doch nur eine Frage der Zeit, wann eine Ehe bzw. Beziehung diesen Punkt erreicht. Am Anfang startet man mit einem riesigen Berg an Vorsätzen, die aber im Alltag untergehen. Die ursprüngliche Beziehung zwischen zwei Menschen tritt in den Hintergrund. Andere nehmen die ersten Plätze ein. Da ist zum Beispiel der Nachwuchs, um den sich primär gekümmert werden muss. Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem dieser sich seiner eigenen Freiheit bewusst wird und sich diese auch nimmt. Zurück bleibt eine Lücke, die man nur schwer wieder füllen kann. Jeder für sich, kann dies ohne Weiteres. Man schafft sich einfach ein Hobby an. Gemeinsam diese Lücke zu füllen ist schon kniffeliger, da man sich in den Jahren voneinander entfernt hat. Sich aufeinander zuzubewegen ist zwar anstrengend und auch mühselig, aber es ist es wert. All dies wird in dem Satz "Sie lieben sich, sie verlieren sich, sie finden sich wieder" wunderbar verpackt.

40 Jahre Ehe ... und noch Liebe? - Rezension von Leserin Bettina Hofmann

Bettina Hofmann

"Alte Liebe" ist ein gelungener Roman zum Schmunzeln und hat einen hohen Wiedererkennungswert, nicht nur in der Nachkriegsgeneration. Dieses Buch, von leichter Hand geschrieben, geht die Themen des Altwerdens augenzwinkernd an. Es ist äußerst unterhaltsam geschrieben. Der Leser spürt zwischen den Zeilen die Sehnsüchte, Ängste und Irritationen im Leben des Paares. Der Roman erzeugt Neugier bis zur letzten Seite des Buches.

Zwischen den Hauptakteuren Lore und Harry besteht eine Vertrautheit und gegenseitige Achtung. Es ist in den Texten zu spüren, obwohl jeder von ihnen in früheren Zeiten eine unbedeutende Liebesaffäre mit einem anderen Partner hatte. Man hat sich in 40 Jahren "eingerichtet". Der bodenständige, pensionierte, Bier trinkende Harry, der am liebsten nur seinen Garten bearbeitet und die Bücher liebende, arbeitsame und reisefreudige Lore haben immer noch Träume. Das gegenseitige "Frotzeln" ist für sie zum Lebenselexier geworden. Man ist zwar vertraut miteinander, jeder hat aber seine kleinen Geheimnisse.

Natürlich stellt sich auch bei ihnen die Sinnfrage des Lebens. Jeden Morgen aufstehen, dann Zähneputzen, arbeiten, einkaufen, essen, schlafen. Lore denkt nach 40 Jahren Ehe eher an das berühmte Hamsterrad. Wofür machen wir das denn täglich?

Das Alter, seine Folgen und der Tod werden von Lore und Harry des Öfteren thematisiert. Sowohl die fällige Patientenverfügung als auch das Testament sollten schon längst unter Dach und Fach sein. Das fortschreitende Alter fordert von beiden seinen Tribut in Form von Rückenschmerzen, Müdigkeit oder Lustlosigkeit. Keiner von ihnen möchte im Seniorenheim dahin siechen wie Lores Mutter Leni, die zum Schluss nur eine Hülle ihrer selbst ist und durch den Tod erlöst wird. Genau wie Theo, Lores Bruder, der nach der Diagnose Krebs einfach seinen Wagen an eine Betonmauer setzt.

Lore sieht die Endlichkeit im Leben und beschließt für sich, mehr aus diesem Leben zu machen. Es muss doch noch ein zweites Glück geben. Gedanklich schwadroniert sie mit einem jungen Geliebten, so wie Madonna es gerade vorlebt. Letztendlich weiß sie natürlich, was sie an ihrem Harry hat - und bei der Hochzeit ihrer gemeinsamen Tochter Gloria kommen sich Lore und Harry emotional wieder näher ...

Wofür sich der Roman besonders eignet: Dieses Buch eignet sich nicht nur für Langvermählte. Auch frisch Verliebte jüngeren Datums können sich an diesem Roman "erheitern". Es ist eben ein Buch aus dem prallen Leben.

Mein Lieblingssatz: "Ich krieg im Moment die Balance zwischen Leben und Tod nicht gut hin."

Lore und Harry - Rezension von Dagmar Kattau

Ein Buch, das nachdenklich und ein bisschen traurig stimmt. Aber da sind auch diese besondere Stellen, die mich auflachen lassen. Lebensweisheiten und Momente, wunderbar gedacht und aufgeschrieben.

Es ist die Geschichte von Lore und Harry, aber man denkt immer wieder zwischendurch "Ach, bei denen auch"!

Die Gespräche - nervig, auch jetzt nach 40 Jahren noch eifersüchtig, amüsant und liebevoll dabei - sind so gut nachvollziehbar. Wer hat solche Situationen nicht schon erlebt. Die Gedanken beider - rückblickend oder gegenwartsbezogen, man kann sie so gut verstehen. Die Tochter, der Bruder, ach, nicht zu viel vorwegnehmen von der Lektüre. Man sollte es einfach lesen, dieses Buch.

Elke Heidenreich und Bernd Schroeder ist ein Buch gelungen, das mich restlos begeistert.

Wofür sich der Roman besonders eignet: Er ist eine gute Lektüre für Menschen, die in einer langjährigen Beziehung leben.

Mein Lieblingssatz: "SAG DOCH WAS", der letzte Satz des Romans.

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