Liebe in der Literatur: Die besten Sexszenen aus den neuen Büchern

Nein, natürlich dreht sich in den Buch-Neuerscheinungen dieses Herbstes nicht alles um das Eine. Trotzdem möchten wir gern die kuscheligsten, kuriosesten und bemerkenswertesten Sexszenen aus unseren Lieblingsbüchern mit Ihnen teilen - und Sie nach Ihrem Favoriten fragen.

Rebecca James: "Die Wahrheit über Alice"

Just an dieser Stelle im Buch kommen Katherine und Mick wohlverdient zusammen. Eine Seelenverwandschaft, die sogleich zur Schwangerschaft führt und damit zu großem Glück:

Wir setzen uns Seite an Seite aufs Bett, mit dem Rücken gegen die Kissen, im Schneidersitz, die Knie aneinander. Wir reden über Musik, unsere Lieblingsbands, unsere Lieblingssongs. Wir trinken jeder drei Tassen Tee und teilen uns einen Schokoladenriegel aus dem fast leeren Kühlschrank. Es ist kurz vor drei, Mick rutscht ein Stück tiefer, legt sich auf die Seite und schaut mich an, den Kopf auf einem Kissen. "Leg dich hin", sagt er. "Du musst doch hundemüde sein." Ich rutsche ebenfalls tiefer, bis wir nebeneinanderliegen, die Gesichter nah beieinander. Mick berührt mein Gesicht mit einer Fingerspitze, zieht eine Linie über meine Wange, übers Kinn, den Hals hinunter. "Du bist schön", sagt er. Wir küssen uns, pressen die Körper, die Münder fest aneinander. Und wir passen so gut zusammen, so selbstverständlich, und schon bald sind wir atemlos und angespannt vor Hitze und Verlangen. ... Er lächelt und küsst mich auf die Stirn. "Aber wir können es langsam angehen lassen. Es hat keine Eile. Ich kann warten. Ich will dich nicht unter Druck setzen." Aber ich weiß, was ich will, und die Vorstellung, noch länger zu warten, ist dermaßend frustrierend, dass sich mich nur noch mehr in meinem Entschluss bestärkt. Ich schüttele den Kopf und lächle schüchtern, nehme seine Hand und lege seinen Arm um mich. Dann rücke ich näher, bis unsere Körper eng beieinander liegen, und presse meine Lippen auf seine.

Und darum geht's im Roman:

"Ich war nicht auf Alice' Beerdigung", so beginnt dieses Buch. "Da hasste ich Alice schon und war froh, dass sie tot war. Denn Alice hatte mir das angetan, Alice hatte mein Leben zerstört ..." Damit wissen wir schon ziemlich viel. Aber ein raffinierter Psycho-Thriller hält das aus, wenn gleich am Anfang verraten wird, dass der Bösewicht am Ende seine gerechte Strafe bekommt. Zumal sich hier im Rückblick ganz langsam das Grauen entfaltet. Was die Erzählerin für Seelenverwandtschaft hielt, wurde ein Albtraum: Alice, ihre beste Freundin, der Mensch, dem sie selbst ihr traurigstes Geheimnis anvertraut, entpuppt sich als Stalkerin. Und hört nicht auf sie zu quälen, bis ihr Leben ein Scherbenhaufen ist. Ein Horror, den jede Frau sofort nachvollziehen kann. Weil wir das alle schon "in klein" erlebt haben: nur im Ansatz, oft in der Pubertät. Aber die Angst sitzt tief. Deswegen trifft dieses Thema und dieser Thriller voll den Nerv. (Ü: Tanja Handels, 320 S., 19,95 Euro, Wunderlich, ab 22.10. im Handel)

Monika Helfer: "Bevor ich schlafen kann"

Psychaterin Josefine Bartok hat mehr Probleme auf dem Teller, als sie verdauen kann. Und so beschließt sie, einfach aus ihrem alten Leben auszubrechen. Aber nicht, ohne vorher mit ihrer Tochter noch eine wichtige Frage zu klären:

"Woran merkt eine Frau, dass der Mann gut im Bett ist, Karla? Himmel, schau nicht so! Du bist sechsundzwanzig, und ich bin deine Mutter, na und?"... Karla ging in die Küche und kam mit einem großen Glas Wasser zurück. Sie trank es in einem Zug aus. Dann sagte sie: "Zum Beispiel, wenn es Dir dreimal hintereinander kommt und er es hinkriegt, dass es dir noch ein viertel Mal kommt." "Danke", sagte Josi. "Das ist schon ok", sagte Karla.

Und darum geht's im Roman:

Josi Bartok, Psychiaterin, Ehefrau, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, hat viel verloren: nach einer Krebsoperation beide Brüste, nach 20 Ehejahren ihren Mann, der sich plötzlich zu seinem Schwulsein bekennt. Aber nie verliert Josi ihren trockenen Humor. Um erst einmal Abstand zu gewinnen, reist sie nach Griechenland - und fragt vorab ihre Tochter noch schnell, woran man einen guten Liebhaber erkennen kann. Das gibt es selten: ein Buch, das gleichzeitig komisch und klug ist. Und deshalb empfehlen wir Ihnen diesen Roman aus ganzem Herzen. (223 S., 17,90 Euro, Deuticke)

Lisa-Marie Dickreiter: "Vom Atmen unter Wasser"

Kurz bevor die Familientragödie ihren Lauf nimmt, hat Sohn Simon noch eine heiße Affäre - bis ihm Beethovens Neunte dazwischenkommt:

Sie löst sich von ihm. Zerrt die Strumpfhose und den Slip über die Knie und kickt das Knäuel mit den Füßen weg. Der Rock fliegt hinterher. Die Schnelligkeit erregt ihn. "Hast Du ein Gummi?" "Klar." Seine Hand wandert zu dem krausen Haar zurück. "Dann runter damit." Sie knöpft seine Jeans auf. Die Gürtelschnalle schlägt klirrend gegen den Bettkasten. Er befreit sie von ihrem Top, sie ihn von seinen Boxershorts. Sie verheddern sich. Wieder das laute, fröhliche Lachen. Irgendwo klingelt ein Handy. Beethovens Neunte. Ihr Mund streift seinen Bauch. Beethovens Neunte! Er richtet sich auf und beugt sich zum Nachttisch hinüber. "Nicht rangehen ..." Papa mobil blinkt auf dem Display. Mann, es ist zwei Uhr morgens!

Und darum geht's im Roman:

Man sagt ja gern: "Die Zeit heilt alle Wunden." Doch bei den Bergmanns heilt die Zeit gar nichts. Ein Jahr nachdem die sechzehnjährige Tochter Sarah ermordet wurde, ist der Schmerz noch genauso groß wie am ersten Tag. Besonders Sarahs Mutter Anne kann sich ein Leben ohne Sarah nicht vorstellen. Sie schläft im Bett ihrer verstorbenen Tochter und redet in Gedanken mit ihr. Ihre Verzweiflung bringt sie sogar fast dazu, sich selbst das Leben zu nehmen. Vater Jo unternimmt hilflose Versuche, seiner Frau nahe zu kommen. Sohn Simon zieht wieder zu Hause ein, um sich um die Mutter zu kümmern. Lisa-Marie Dickreiter erzählt in ihrem Debüt-Roman aus den unterschiedlichen Perspektiven der Familienmitglieder, wie es sich anfühlt, einen geliebten Menschen zu verlieren. Das klingt schrecklich - ist aber so großartig und mitreißend geschrieben, dass man das Buch am Ende nicht traurig sondern begeistert zur Seite legt. Und auf einen weiteren Roman der Autorin hofft. (269 S., 19.90 Euro, Bloomsbury Berlin)

Konrad Hansen: "Die Männer vom Meer"

Andere Länder, andere Sitten. Das galt schon bei den alten Wikingern. Und wer jetzt glaubt, diese starken Männer seien allesamt die größten Wüstlinge weit und breit gewesen, der sollte sie hier mal in Aktion erleben ...

"Verfüge über mich, Sven Gabelbart", sagte Melkorka. Sie klatschte in die Hände, woraufhin Mägde hereinkamen und rings um das Bett Kerzen aufstellten. Dann erhob sich die Königin von ihrem Lager und ließ sich entkleiden. Unter dem weißen Gewand trug sie ein weiteres aus hauchdünnem Gewebe, und als sie auch dieses abgelegt hatte, stand sie nackt im milden Licht der Kerzen. Nun holten die Mägde eine Anzahl kleiner goldener Tiegel herbei, und Melkorka sagte zu Sven: "In meiner Heimat ist es Brauch, dass der Mann den Körper der Frau salbt bevor, er ihr das erste Mal beiwohnt. Willst du, Sven Gabelbart?" Sven hatte während ihrer Verrichtungen mehrfach Skarthis Blick gesucht, aber wie die übrigen Gefolgsleute schien dieser nur Augen für Melkorkas schönen Leib zu haben. "Höre, Melkorka", begann Sven nun stockend zu sprechen, "es gefällt mir nicht, dass du dich meinen Leuten nackt zeigst und den Eindruck erweckst, du wolltest es vor ihnen mit mir treiben. Das mag in deiner Heimat üblich sein, bei uns Dänen gilt es als unschicklich." "Ich bin König Myrkjartans Tochter", sagte Mekorka, während sich ihre Mägde daranmachten, ihren Körper mit wohlriechenden Salben einzureiben. "Mir bedeuten unsere Sitten mehr als eure. In Irland scheut sich kein Mann, eine Frau vor den Augen anderer zu begatten, es sei denn, es mangele ihm an Manneskraft. Soll ich annehmen, dass dies bei dir der Fall ist, Sven Gabelbart? Ist dein Schwanz nicht groß genug, mein Loch zu füllen?" Sie legte sich auf das Bett und spreizte die Beine. "Leg dich zu mir", sagte sie mit dunkler Stimme, "Myrkjartans Tochter ist dir zu Willen." Zwei Mägde traten zu Sven und schickten sich an, ihn zu entkleiden. Doch er stieß sie beiseite und stolperte zurückweichend über ein Kissen. "Sie her, ich mache für dich die Beine breit", rief Melkorka. "Jetzt komm und stoß mich!" Wie gebannt starrten die Männer auf ihr von dunklem Haarflaum umkräuseltes Geschlecht. Sven Gabelbart hingegen schien Melkorkas Schamlosigkeit dermaßen zu verwirren, dass er hilflos um sich blickte und allem Anschein nach am liebsten davongelaufen wäre. Niemals zuvor, erzählt Björn, habe er den sonst so beherrschten Mann in solcher Verlegenheit gesehen. (S.342 f.)

Und darum geht's im Roman:

"Es war einmal..." So beginnen Märchen und Geschichten, die von der Vergangenheit erzählen. Eine Zauber- und Beschwörungsformel für den Eintritt ins Reich der Fantasie. Jeder, der dorthin gelangt, spürt das Wunder, wenn Worte andere Welten schaffen. Und die Macht eines guten Erzählers. Von einem solchen handelt dieser historische Roman. Björn Hasenscharte heißt er, gesegnet mit der lebensrettenden Gabe, mit Geschichten zu unterhalten. "Die Männer vom Meer" ist eine Wiederentdeckung. Seit 1992 ist keine bessere Wikinger-Saga geschrieben worden. Ein wüstes Sittengemälde, für alle "Wickie"-Fans, die erwachsen geworden sind. (576 S., 14,99 Euro, Hoffmann und Campe)

Ken Follett: "Sturz der Titanen"

Ein englischer Lord, der sich in ein Hausmädchen verliebt? Das kann nicht gutgehen oder doch? In diesem Augenblick zumindest, denken die beiden nicht an gesellschaftliche Konventionen oder an die Zukunft, sondern lassen sich einfach gehen:

Er fasste den Bund ihrer Unterhose mit beiden Händen und riss den Stoff entzwei. Ethel schnappte vor Schreck nach Luft, erhob aber keinen Einspruch, auch nicht, als Fitz sie mit der Hand erkundete. Augenblicklich spreizte sie die Beine. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete schwer, als wäre sie gerannt. Fitz vermutete, dass noch niemand sie so berührt hatte, und eine leise Stimme riet ihm, ihre Unschuld nicht auszunutzen, doch sein Verlangen war zu heftig, als dass er auf die Stimme gehört hätte.

Und darum geht's im Roman:

Stellen Sie sich vor, "Pearl Harbor"-Produzent Jerry Bruckheimer würde Tolstois "Krieg und Frieden" fürs 20. Jahrhundert und für die Leinwand fitmachen - mit Flugzeugen, Panzern und jeder Menge Explosionen. Dazu: ein Cocktail aus Liebe, Leidenschaft und Sex. Die Darsteller: ein englischer Graf, der am Vorabend des ersten Weltkriegs in Russland spioniert; ein walisisches Hausmädchen, das die wahre, Klassenschranken übergreifende Liebe sucht; eine russische Adlige mit dunkler Vergangenheit; ein deutscher Militärattaché mit verhängnisvoller Neigung sowie der englische König, der letzte Zar, der amerikanische Präsident und der deutsche Kaiser. Die Hauptrolle in Ken Folletts furiosem Roman aber spielt definitiv das 20. Jahrhundert selbst. (Ü: Rainer Schumacher/ Dietmar Schmidt, 1022 S., 28 Euro, Luebbe)

Ulf Geyersbach: "Machandels Gabe"

Ignaz Machandel ist ein Freak: kleinwüchsig und verschroben, aber ein begnadeter Koch. Mit seinen Speisen gewinnt er im 18. Jahrhundert das Herz der schönen Lucette:

Machandel legte seinen Kopf zur Seite, beugte sich weit vor, sein Haar streifte ihren Unterarm. Es war heiß, und es verwirrte ihn, das Rosa ihrer Brüste zu sehen. Es erstaunte ihn, wo sie überall ihre zärtlichen Küsse hindrückte. ... "Ich bete dich an", erwiderte er. Neigte den Kopf. Küßte sie, wo sein Mund nur immer hinkam ... Das Herz schlug ihr bis zum Hals. All das war so ungewohnt herrlich, daß ihm vor Freude die Augen feucht wurden. Wenn sie einander in den folgenden Tagen liebten, dann war die Luft draußen voll und klar, die Sonne war wieder herrlich und schön, und stolz zog sie ihre Bahn. Nur alle paar Stunden schlichen sie in die Küche und verschlangen, was immer sie begehrten.

Und darum geht's im Roman:

Es gibt in der jüngeren Literatur die Tradition des bizarren Sonderlings mit der einen, außergewöhnlichen Begabung. In Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm" verfügt der skrupellose Jean-Baptiste Grenouille über das absolute Geruchsempfinden. Um den einen, alles überragenden Duft zu komponieren, geht er buchstäblich über Leichen. Robert Schneider hat den Bergbauernsohn Johannes Elias Alder erfunden, ein verkanntes musikalisches Genie mit dem absoluten Gehör. Und nun also Ignaz Machandel, ein buckliger Winzling mit der Fähigkeit, sich abertausende Aromen einzuprägen und mit seinen Kreationen die Franzosen des 18. Jahrhunderts um den Verstand zu kochen. Diese Idee erinnert doch sehr an die Vorgänger. Und doch ist Geyersbachs Roman mehr als bloßer Abklatsch. Seine Sprache reißt mit, schwelgt in Geschmackswelten von gebackenen Rosenblättern, mit Minze vesetzter, heißer Schokolade und mit einem Spritzer Limette arrondierter Artischockencreme. Da möchte man eigentlich nur noch drei Dinge tun: lesen, lesen und futtern. (240 S., 19,90 Euro, Arche)

Tom Rachmann: "Die Unperfekten"

Die unbeliebte Personalchefin trifft im Flugzeug einen Mann, den sie gerade entlassen hat, ist sich aber nicht sicher, ob er weiß, dass sie für seinen Jobverlust verantwortlich ist; weil er sie anflirtet und sie sich nach Liebe sehnt, treffen sie sich nach der Landung in ihrem Hotelzimmer:

Er stellt den Fernseher ab und wirft die Fernbedienung in die Ecke. Er knöpft ihre Bluse auf und reißt sie ihr vom Leib. Er zieht den Reißverschluss auf, schiebt ihre Hose nach unten und weg. Sie hat jetzt nur noch den beerdigungsschwarzen BH und den blauen Oma-Schlüpfer an. Sie legt schützend die Arme über die Brust und schlägt die Beine übereinander. "Können wir das Licht ausmachen?" "Lass es noch eine Sekunde an", sagt er. "Ziehst du dich nicht aus?" "Heh, nicht zudecken." "Ist aber so hell hier." "Ich will dich ansehen." "Aber du bist immer noch angezogen. Und ich liege hier mit diesem BH und diesem." Sie lacht verunsichert. "Warte, warte, nicht. Nicht die Decke hochziehen." "Wieso denn? Darf ich nicht?" "Da ist noch ein Punkt abzuhaken." Sein Ton ändert sich. Seine Stimme wird kalt. "Ein ganz kleiner." Sein Blick fährt ihren Körper entlang. "Erzähl mir mal eins, Miss Buchhaltung." Sie erstarrt zu Eis bei dem Namen. "Warum", fährt er fort, "warum hast du, Miss Buchhaltung, von den ganzen Leuten da draußen ausgerechnet mich feuern lassen?" Er steht am Fußende und starrt auf sie herunter. "Na?", sagt er. Erklär mir das."

Und darum geht's im Roman:

Journalisten kommen in Romanen meist als Helden vor: mutige Kämpfer wie Michael Blomkvist in Stieg Larssons Millennium-Trilogie. In Wahrheit sind die meisten aber ängstliche, von unerfüllten Träumen geplagte Sachbearbeiter, so wie in Tom Rachmans großartigem Roman-Debüt. Aus einem Dutzend verschiedener Perspektiven erzählt der 35-jährige Amerikaner, selbst Journalist, von den Angestellten einer erfolglosen englischsprachigen Tageszeitung in Rom. Der gelangweilte Nachrufschreiber erleidet plötzlich eine reale Tragödie; die Wirtschaftsexpertin lebt mit einem Träumer, der ihr auf der Tasche liegt; der einsame Pariser Korrespondent erfindet aus Verzweiflubg eine Sensation; die Geschäftsführerin verliebt sich in einen Redakteur, den sie gerade gefeuert hat ... Was als Puzzle beginnt, fügt sich zu einem wunderbaren Buch über Familien, echte und jene, die unsere Kollegen sind. Und über die Liebe, zu anderen Menschen und jenem scheinbar altmodischen Produkt: der auf Papier gedruckten Tageszeitung. (Ü: Pieke Biermann, 400 S., 14,90 Euro, dtv)

Tomás Eloy Martínez: "Purgatorio"

Kann man einen Menschen herbeilieben? Weil die Sehnsucht stärker ist als der Tod? Emilia träumt immer noch von Simón. Sie ist fest überzeugt, dass er lebt, obwohl die Todesschwadron ihn vor Jahrzehnten in Argentinien getötet haben soll:

Das Gefühl falscher Liebe, das Emilia in der Hochzeitsnacht gehabt hatte, verschwand am nächsten Tag wie durch ein Wunder in der unbequemen Koje des Schiffes, das von Recife ablegte. Als Simón beim Unterbringen der Koffer in der Kabine mit den Händen ihren Bauch streifte, verspürte sie das Feuer der Erregung, das sie seit ihrer ersten Menstruation tief in sich bewahrt hatte. Endlich konnte sie sie ohne die Ziererei der Jungfräulichkeit und des katholische Schuldgefühls stillen. Sie legte sich aufs Bett und bat Simón, ihr ein für alle Mal das verflixte Hymen zu zerreißen. Doch Simón hatte nicht diesselbe Eile. Er wollte jede Minute ausdehnen, in langsamen Stückchen des Verlangens zerlegen, mit sämtlichen Sinnen in Emilias Körper eintreten. Lass uns langsam machen, mein Schatz, sagte er. Es ist das erste Mal für dich. Sie war ungeduldig und verstand nicht, warum ihr Mann die Penetration hinauszögerte. Nicht langsam, jetzt, drängte sie. War das christlich? Nichts wünschte sie sich in diesem Moment so sehr wie verletzt, verunstaltet, zerstückelt zu werden. Als sie ein kleines Mädchen von sieben oder acht Jahren war, hatte ihr die Köchin erzählt, entjungfert zu werden sei wie sterben. Sie würden denselben Schmerz wie beim Tod empfinden, aber mit diesem Schmerz begännen alle Lüste Gottes. Sie überließ Simón die Initiative, der sie entkleidete und zum ersten Mal das rosa Muttermal auf ihrer rechten Gesäßbacke entdeckte rund wie eine Zehn-Centavo-Münze, und sich bei dem kleinen Fältchen Orangenhaut aufhielt, das auf einem Schenkel erschienen war. Alles, weil sie noch Jungfrau war - hatte sie sich gesagt -, mit ihren ganzen Jahren noch Jungfrau und schon Zellulitis, und er leckte die sanfte, fast unsichtbare Flaumlinie, die vom Nabel zur Mitte ihres Wesens hinunterführte. Sie hatte die Augen geschlossen, als er, ebenfalls nackt, mit der Zunge ihre Lippen öffnete und sich in ihrem Speichel verfing. Sowie sie seinen Duft und seine Sanftheit spürte, ging ihr Herz durch, noch nie hatte es so sehr gepocht, und sie dachte, allzu lange würde sie das nicht aushalten, doch es schlug noch heftiger, als Simón mit der Zunge zwischen ihre Schenkel drang.

Und darum geht's im Roman:

Simón ist verschwunden. Vor dreißig Jahren ist er mit seiner Frau verhaftet worden, in der Zeit der Militärdiktatur, wie Tausende andere Männer, Frauen und Kinder in Argentinien. Emilia war schnell wieder frei, ihr Vater war schließlich einer der einflussreichsten Männer, die im Hintergrund des Regimes die Fäden zogen. Hatte er es auf den ungeliebten Schwiegersohn abgesehen? Emilia wird den Verdacht nicht los, sie sucht ihren Simón jahrzehntelang. Als er schließlich in einem Restaurant in New Jersey unvermittelt vor ihr steht, scheint er keinen Tag gealtert. Der bewegende Roman von Tomás Eloy Martínez ist das Buch einer großen, verzweifelten Liebe, eines durch die Diktatur zerstörten Menschenlebens, einer verwüsteten Familie. Und er ist zugleich ein eindrucksvolles Buch über eine der dunkelsten Kapitel Argentiniens. (Ü: Peter Schwaar, 304 S., 19,95 Euro, S. Fischer)

Matt Haig: "Die Radleys"

Vampir-Sex wird ganz offensichtlich überschätzt. Kein Wunder, nachdem Stephenie Meyer die Sehnsucht ins schier Unerträgliche gesteigert hat. Wie also muss man sich Bella und Edward in 20 Jahren vorstellen? Hier ein Einblick in den Alltag und die Allnacht von (sex-)abstinenten Blutsaugern: "Blut trinken!", schnaubt Helen und zieht energisch die Bettdecke dichter an sich. "Ist das alles, was du im Kopf hast?" "Ja! So ziemlich!" Er hat zu schnell geantwortet, und jetzt muss er sich der Wahrheit stellen, die hinter seinen Worten steckt. Einer Wahrheit, die er traurig noch einmal wiederholt. "Ja. So ist es." Helen will sich nicht mit Peter streiten. Erstens fehlt ihr dazu die Energie. Und dann stellt sie sich die Kinder in ihren Betten vor, die jedes Wort hören können. ... Eindringlich bittet sie ihren Ehemann, still zu sein, glaubt aber nicht, dass er sie überhaupt hört. Wie dem auch sei, seine Tirade findet kein Ende, und ihr Ärger ebenfalls nicht, den sie -wie alles, was an diesem verfluchten Wochenende passiert ist - anscheinend nicht unter Kontrolle hat. Und so liegt sie da, ärgert sich über sich selbst genauso wie über Peter, während er nicht nachlässt, Salz in die offene Wunde ihrer Ehe zu streuen. "Ich verstehe das nicht", sagt er jetzt. "Ich meine, wozu eigentlich? Wir trinken kein Blut mehr voneinander. Es hat doch immer Spaß gemacht. Dir hat es Spaß gemacht. Aber jetzt machen wir gar nichts mehr zusammen, außer ins Theater zu gehen und uns Stücke anzusehen, die kein Ende haben. Dabei sind wir das, Helen! Wir sind das verfluchte Stück." Ihr fällt keine Antwort ein, so verweist sie auf den hämmernden Schmerz in ihrem Kopf. Offensichtlich provoziert sie damit einen weiteren aggressiven Ausbruch bei ihrem Ehemann. "Kopfschmerzen!", brüllt er in voller Lautstärke. "Also, ich kann dir sagen, die hab ich auch. Wir leiden alle unter Kopfschmerzen. Und unter Übelkeit. Und Antriebslosigkeit. Und schmerzenden, verschlissenen Gelenken. Und uns fällt absolut kein Grund ein, warum wir morgens aufstehen sollten. Und die einzige Medizin, die uns hilft, dürfen wir nicht nehmen." ... "Es ist schon spät, Peter", flüstert sie. "Lass uns einfach schlafen."

Und darum geht's im Roman:

Endlich wissen wir, was uns an Stephenie Meyers Blutergüssen wirklich stört: Nicht Keuschheit und Kitsch, sondern die völlig verschenkte Beschreibung einer abstinenten Vampirfamilie im Alltag. Wie sagen wir es den Kindern? Mit welchem Lichtschutzfaktor schmieren wir sie ein? Und wie läuft's im Bett, wenn der Tag zu viel Kraft kostet. Das sind die Fragen, die diese Untoten wirklich lebendig machen. Und das ist der kluge, witzige und trotzdem spannende Vampirroman, auf den wir den ganzen Dauertrend über verbissen gewartet haben. Die schönste Erlösung seit es Knoblauch, Weihwasser und Silberpfähle gibt. (Ü: Friederike Levin, 432 S., 19,95 Euro, Kiepenheuer & Witsch)

Jonathan Franzen: "Freiheit"

Shit happens: Joey - frisch verheiratet - hat nur noch eins im Kopf: die Schwester seines College-Kollegen flachglegen. Und da liegt er nun mit der schönen Jenna, nur leider hat er vorher seinen Ehering verschluckt. Ein Unfall, als er überlegte, wohin mit dem guten Stück während des Seitensprungs:

Im ersten Morgenlicht der südlichen Hemisphäre erwachte er mit einer gewaltigen Latte, an deren Dauerhaftigkeit er nicht den Hauch eines Zweifels hatte. Er setzte sich auf und schaute das Gewirr von Jennas Haaren, ihre leicht offen stehenden Lippen, den zarten, flaumigen Schwung ihres Kiefers, ihre fast heilige Schönheit. Jetzt, da das Licht besser war, konnte er es nicht fassen, wie dumm er im Dunkeln gewesen war. Er glitt unter die Decke zurück und stupste sie sachte ins Kreuz. "Lass das!", sagte sie sogleich laut. "Ich versuche wieder einzuschlafen." Er drückte die Nase zwischen ihre Schulterblätter und sog ihren Patschulidurft ein. "Im Ernst", sagte sie und schnellte von ihm weg. "Was kann ich dafür, dass wir bis drei wach waren." "Es war nicht drei", murmelte er. "Hat sich aber so angfühlt. Wie fünf!" "Jetzt ist es fünf." "Aaaah! Nicht sagen! Ich muss schlafen." Endlos lange lag er da, überwachte seine Latte, bemühte sich, sie einigermaßen aufrecht u halten. Von draußen kamen Gewieher, fernes Scheppern, das Krähen eines Hahns, die ländlichen Laute von überall. Während Jenna weiterschlief oder nur so tat, kündigte sich in seinen Eingeweiden ein Aufruhr an. Gegen seinen größten Widerstand steigerte sich der Aufruhr bis er eine Dringlichkeit erreichte, die alle anderen in die Schranken wies. Er tappte ins Bad und verriegelte die Tür. Bei seinem Rasierzeug war eine Küchengabel, die er für die äußerst unangenehme Aufgabe, die ihm bevorstand, mitgebracht hatte. Er hockte da und hielt sie mit schwitzender Hand umklammert, während die Scheiße aus ihm herausglitt. Es war eine Menge, die von zwei, drei Tagen. Durch die Tür hörte er das Klingeln des Telefons der Weckruf auf halb sieben. (...) Jenna klopfte an die Tür. "Was ist denn dadrin los?" "Einen Moment!" "Was machst du dadrin? Wichsen?" "Ich sagte, einen Moment! Ich habe Durchfall." "O Gott. Kannst du mir wenigstens einen Tampon geben?" "Gleich!" Glücklicherweise zeigte sich der Ring in der zweiten Wurst, die er auseinanderbrach. Etwas Hartes inmitten des Weichen, ein reiner Kreis im Chaos. So gut es ging, wusch er sich die Hände in dem verschmutzten Wasser, betätigte mit dem Ellenbogen die Spülung und trug den Ring zum Waschbecken. Der Gestank war grauenhaft. Er säuberte Hände, ring und Hähne dreimal mit Seife, während Jenna vor der Tür klagte, in zwanzig Minuten gebe es Frühstück. Und was er nun empfand, war sonderbar, doch er empfand es eindeutig: Als er, den Ring am Ringfinger, aus dem Bad kam und Jenna an ihm vorbei hineinrannte und gleich wieder, kreischend und über den Gestank fluchend, heraustaumelte, war er ein anderer Mensch. Er sah diesen Menschen so deutlich, dass es war, als stünde er außerhalb seiner selbst. Er war der Mensch, der die eigene Scheiße angepackt hatte, um seinen Ehering zurückzubekommen.

Und darum geht's im Roman:

Neun Jahre arbeitete Franzen an diesem Buch, das nun für Furore sorgt (das "Time"-Magazin nahm den Mann auf den Titel) und auch uns sehr begeistert hat. Franzen erzählt von den berglunds, einer Familie, aus der alle raus wollen. Vor allem Patty, eine Mittelschichts-Mom mit unerfüllten Sehnsüchten, die sich dem Selbstmitleid, dem Alkohol und schließlich dem besten Freund ihres Mannes hingibt. Glänzende Unterhaltung, nobelpreiswürdige Literatur. (Ü: Bettina Abarbanell/Eike Schönfeld, 736 S., 14,95 Euro, Rowohlt).

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