Nurejews Hund

Als der weltberühmte Tänzer und spätere Choreograf Rudolf Nurejew 1993 in Paris starb, hinterließ er einen Hund namens Oblomow. Es war ein leicht übergewichtiger, fast unförmiger, ein besonders träger Hund.

Auf relativ kurzen Beinen und sehr breiten Pfoten trug er einen schweren Leib in den Farben schmutzigweiß, beige und verwaschenschwarz, seine Augen tränten, seine kräftigen Krallen waren zu lang und kratzten auf Parkettboden, seine Ohren hingen trostlos neben dem melancholischen Gesicht. So, wie sich besonders schöne und attraktive Menschen instinktiv mit unscheinbaren Freunden umgeben, damit ihr eigener Glanz nicht Schaden nimmt, so hatte sich vielleicht Rudolf Nurejew, der Weltmeister der Schwerelosigkeit, ausgerechnet diesen kurzatmigen, plumpen Hund ausgesucht, der ergeben neben ihm schlurfte, während sein Herr geradezu flog, tanzte, durchs Leben glitt.

Oblomow begleitete seinen Herrn überall hin, auch zum täglichen Training in den Ballettsaal mit den riesigen Spiegeln, dem glatten Boden und der Barre. Dort lag eine weiche Decke neben dem Klavier, und wenn Monsieur Valentin spielte und Rudolf Nurejew sich an der Stange bog und drehte, lag Oblomow schläfrig auf seiner Decke neben dem Klavier, schaute durch fast geschlossene Augen dem Treiben zu und seufzte ab und zu tief. Er verstand inzwischen viel vom Tanz, wenn er auch nicht recht begriff, weshalb Lebewesen sich der Tortur unterzogen, mit beiden Beinen gleichzeitig in der Luft zu sein und dabei noch die Arme graziös emporzurecken, ailes de pigeon, en avant et en arrière. Wozu das alles? Der Boden erbebte leicht, und Oblomow spürte den Rhythmus des Klaviers und der tanzenden Füße und nahm ihn zufrieden grunzend in sich auf. Un, deux, trois, allez! Nurejew sprang in die Luft, die Beine fest und gerade aneinander geschmiegt, die Arme gestreckt, assemblé soutenu, seine Partnerin kam ihm in einer grande jetée en tournant entgegengeflogen, und Oblomow spürte tief in seinem Inneren unter dem dreifarbigen Fell, was Schönheit ist. Es machte ihn glücklich. Nachts träumte er mitunter von acht Ballerinen in apricot-farbenen Tutus, die gemeinsam pas emboités tanzten, eine Serie voreinander geschachtelter Schritte in die jeweils fünfte Position.

All das gefiel ihm ungemein, aber am meisten liebte er es, Nurejew zuzusehen, wenn auch dessen Sprungkraft nicht mehr so groß war wie noch in früheren Jahren. Oblomow, der seine ideale Balance nur durch maximale Trägheit erreichte, konnte sich nicht satt sehen an den kraftvollen Sprüngen Nurejews, seine Schwerelosigkeit schien ihm ein Wunder, sein Herz vibrierte vor Liebe, und die Augen wurden ihm feucht ...

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Elke Heidenreich, geboren 1943, begeisterte die BRIGITTE-Leser 17 Jahre lang mit ihrer Kolumne "Also". 1992 brachte die Journalistin und Moderatorin ihren ersten Erzählband "Kolonien der Liebe" heraus. Mittlerweile gehört sie zu Deutschlands wichtigsten und erfolgreichsten Schriftstellerinnen. Im August erscheint "Rudernde Hunde" mit Erzählungen von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder (160 S., 15,90 Euro, Hanser).

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