Siri Hustvedt und "Die Leiden eines Amerikaners"

Wie werden wir, was wir sind? Diese Frage stellt Siri Hustvedt in ihrem neuen Roman, der kürzlich bei Rowohlt erschienen ist.

Bestseller-Autorin Siri Hustvedt im Porträt

Manche Menschen sind von so hypnotisierender Schönheit, dass ihr Äußeres alles andere vollkommen überschattet - ihre Begabungen, ihre Intelligenz, ihren Witz, ihre Ängste, ihre Schwächen und ihren Charakter überhaupt.

Siri Hustvedt in Brooklyn am Fenster ihres Hauses. Hier lebt sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Paul Auster

Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt ist ein solcher Mensch. Groß und feingliedrig schwebt sie mehr in einen Raum, als dass sie ihn betritt, und bringt ihn wie von selbst zum Leuchten. Sie ist die Eleganz in Person, lauter klassische Linien, grazile Gesten und dazu eine feine, unbewusste Würde, die sie der ordinären Welt ein wenig entrückt. Vor 150 Jahren hätten die amerikanischen Gesellschaftsmaler sich vermutlich duelliert, um ihr Porträt in Öl anfertigen zu dürfen.

Man versteht gleich, warum Siri Hustvedt und ihr langjähriger Ehemann, der amerikanische Romancier und Filmemacher Paul Auster, eine Art Königspaar der New Yorker Intellektuellenwelt bilden. Sie haben einen Glamour, der Dichtern und Denkern im Regelfall völlig abgeht. Hustvedt würde sich nie über ihre Schönheit beklagen, Gott bewahre - "ich bin ein eitler Mensch", gibt sie lächelnd zu, und "Vogue" liest die 52-Jährige schließlich auch. Ihren Besuch führt sie hinauf in ihr Arbeitszimmer im obersten Stock des großbürgerlich-viktorianischen Stadthauses, das sie mit ihrer Familie in Brooklyn bewohnt, und dort lässt sie sich auf der Fensterbank neben einem Bücherregal nieder, das von literarischen, wissenschaftlichen und kunstgeschichtlichen Bänden überquillt.

Nicht nur schön

"Es ist sehr sonderbar", sagt sie vorsichtig, "dass es den Menschen in unserer Gesellschaft so schwerfällt, von Äußerlichkeiten abzusehen." In der Selbstwahrnehmung der Siri Hustvedt spielt ihr Aussehen eine untergeordnete Rolle. Sie fühlt sich zutiefst missverstanden, wenn die Leute nur ihre Schönheit sehen. "Aber wenn man sich endlos darüber ärgert, verdirbt man sich nur das Leben", sagt sie. Trotzdem: Hustvedt selbst begreift sich als ernsthafte Denkerin, als Sucherin, Forscherin und als Künstlerin, die mit der Welt die Früchte ihres Nachdenkens teilen will.

Das hat Hustvedt bislang in den Romanen "Die unsichtbare Frau", "Die Verzauberung der Lily Dahl" und "Was ich liebte" getan, dazu in zwei Essaybänden und einer Gedichtsammlung. Nun erscheint ihr vierter Roman, "Die Leiden eines Amerikaners", eine groß angelegte norwegisch-amerikanische Familiengeschichte.

"Warum werden wir zu denen, die wir sind?", fragt Hustvedt in ihrem neuen Roman.

Das Buch schildert ein Jahr im Leben des geschiedenen Brooklyner Psychiaters Erik Davidsen. Der ist ein Mann in mittleren Jahren, einsam, zurückhaltend und ein wenig ratlos. Für Patienten und Familienangehörige ist Erik der perfekte Zuhörer, sich selbst aber hat er fast verloren. Im Nachlass seines verstorbenen Vaters findet Erik neben einem Tagebuch aus dessen Jugend als Farmerssohn im Mittelwesten auch den rätselhaften Brief einer Fremden, die mit dem Vater offenbar ein Geheimnis teilt. Erik beginnt zu recherchieren und setzt sich im Laufe der Geschichte nicht nur mit seiner Herkunft als Nachfahre norwegischer Einwanderer auseinander, sondern erneuert auch seine Bindungen an die Vergangenheit. Nebenbei verliebt er sich in eine junge Buchillustratorin, die ihn noch weiter aus dem Gleichgewicht bringt, ehe er schließlich einen wackligen Frieden mit sich und der Welt schließt.

Der Alltag der Figuren in "Die Leiden eines Amerikaners" wird so unentwegt von Rätseln, Träumen und Erinnerungen, gar Halluzinationen durchdrungen, dass irgendwann die Realität als eine sehr poröse Angelegenheit erscheint. Was ist wirklich, was nicht? Wissen wir das immer so genau?

Auf der Suche nach der Identität

Unser Leben ist nicht nur im konkreten Hier und Jetzt verankert, so macht Hustvedts Roman deutlich, sondern besteht aus unendlich vielen Facetten, manche davon fassbar, andere sehr vage - Facetten, die auf jeden Fall aber bis weit in die Vergangenheit reichen, weit auch in unser Unbewusstes hinein und auf jeden Fall weit über unser individuelles Selbst hinaus.

"Warum werden wir zu denen, die wir sind?", fragt Hustvedt. Sie hat auf der Fensterbank ihre Beine so akrobatisch umeinandergewickelt, wie das nur Frauen mit sehr langen, sehr dünnen Beinen können, und hält die Arme vor ihrem Körper verschränkt. Das sind die entscheidenden Fragen ihres Werks und ihres Lebens, die Fragen, die sie immer wieder fasziniert haben: Wie lässt sich unsere Identität herleiten? Was trägt bei zu der Komposition, die wir unser Ich nennen? Welche Rolle spielen unsere Gene, welche unsere Familien, welche die schlichte Tatsache, ob wir schön sind oder nicht?

Vom Landei aus dem Mittleren Westen zum Star der New Yorker Intellektuellenszene: Siri Hustvedt hat einen weiten Weg zurückgelegt.

Hustvedt hat allen Grund, sich das zu fragen, denn sie hat in ihrem eigenen Leben eine erstaunliche Wegstrecke zurückgelegt. Wie ihr Held Erik - und wie schon Lily in "Die Verzauberung der Lily Dahl" - wurde sie in einem kleinen Ort im amerikanischen mittleren Westen geboren, als älteste von vier Töchtern einer Familie, in der die europäischen Wurzeln und Traditionen noch stark gepflegt wurden: Siri sprach Norwegisch, ehe sie Englisch lernte. Man muss sie sich wohl als eines jener zarten, verträumten, dünnhäutigen Kinder vorstellen, die allerorten Gespenster sehen, sich in bestimmte Wahnvorstellungen regelrecht hineinsteigern und vor lauter Aufregung ohnmächtig werden können. Gerade in der amerikanischen Prärie, besiedelt von vernünftigem, kräftigem Bauernvolk, muss die kleine Siri mit den riesigen Augen wie ein Wesen aus einer anderen Galaxie gewirkt haben. Sie zeichnete und las, lebte vor allem in ihrem Kopf und beschloss schon früh, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Und dass sie weg musste aus dem mittleren Westen - nach New York, in die Großstadt.

Harte Anfangszeiten in New York

"Ich wäre niemals geblieben", sagt Hustvedt in dem schleppenden und zugleich dramatischen Tonfall, der sie manchmal mitten im Gespräch wie eine Schauspielerin wirken lässt, die auswendig gelernte Zeilen eines Dramas deklamiert. "Ich bin wirklich der Provinz entflohen, keine Frage." Sie wusste nicht viel über New York, "aber ich hatte diese Idee von New York im Kopf, und das reichte eigentlich". Eine romantische Idee von Aufregung, Abenteuer, urbaner Hochspannung und hochgeistigen Gesprächen, von einer Welt voller Menschen, die genauso von Büchern und Gedanken zehrten wie sie. Mit Anfang zwanzig kam Siri Hustvedt 1978 als Studentin nach New York, bettelarm und völlig verzückt, und sie hat seither nie wieder woanders gelebt. Sie stürzte sich auf die Bibliotheken und in diverse Affären, erlitt zwei Migräne-Anfälle, die jeweils etliche Monate dauerten und ihr Leben fast zum Stillstand brachten, schrieb Gedichte und schlug sich mit diversen Jobs durch. Selbst dass sie sich phasenweise nur "Nudeln und Hühnchenleber, die kostete bloß 39 Cent das Pfund", leisten konnte, hat ihr den Traum vom New Yorker Intellektuellenleben nicht vergällt. Siri Hustvedt wusste, wer sie sein - oder jedenfalls werden - wollte.

Die Suche muss einfacher geworden sein, als sie Anfang der achtziger Jahre bei einer Lesung Paul Auster vorgestellt wurde. Sie verliebte sich "in ungefähr zehn Sekunden" in den stattlichen dunklen Kerl mit den melancholischen Augen, der damals schon aussah wie die Hollywood-Besetzung eines Schriftstellers - und sie verbrachte die nächsten paar Stunden damit, den acht Jahre älteren Auster davon zu überzeugen, dass sie die Frau seines Lebens sei. "Ich weiß noch", sagt sie lächelnd, "dass ich ganz bewusst gedacht habe: Diesen Typen will ich nicht wieder ziehen lassen." Als sie wenige Monate später 1981 heirateten, waren Hustvedt und Auster gleichermaßen unbekannt. Doch sie glaubten aneinander, sie wurden getragen von der gegenseitigen Bewunderung für ihr Werk. Dann schaffte Paul Auster den Durchbruch mit der Veröffentlichung von "Stadt aus Glas" im Jahr 1985, dem ersten Band einer Trilogie, die ihn als einen der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller seiner Ära etablieren sollte.

Nicht mehr nur die Frau an der Seite von Paul Auster: Siri Hustvedt fühlt sich zunehmend für ihre eigene Arbeit anerkannt.

Und während Hustvedt und Auster zu Hause Partner in Fleisch und Geist waren, wurden sie von der Außenwelt - bei den Dinnerpartys, Empfängen und Lesungen des intellektuellen New York - lange nur als Klischee wahrgenommen: der dunkle Denker und die blonde Beauty, der brillante Kultautor und seine blendend gekleidete Trophäengattin. Sie waren Mr. und Mrs. Paul Auster. Es hat Jahre gedauert, bis sich Siri Hustvedt aus diesem Schatten als "Frau an seiner Seite" herausgearbeitet hat. Sie machte ihren Doktor und bekam eine Tochter, aber erst 1992 erschien ihr literarisches Debüt, der schmale, stark von ihrer literaturwissen-schaftlichen Arbeit geprägte Roman "Die unsichtbare Frau". Anspruchsvoll, ja, aber auch angestrengt, kein echter Durchbruch.

Der gelang ihr erst vor ein paar Jahren mit "Was ich liebte", einer von den Siebzigern bis in die Gegenwart reichenden Saga, die eine Freundschaft zweier ungleicher Männer nachzeichnet, zugleich ein vibrierendes Porträt der New Yorker Boheme. In "Was ich liebte" wie auch jetzt in "Die Leiden eines Amerikaners" gibt es Frauenfiguren, die für Bücher über Themen wie weibliche Krankheitsbilder oder die Subjektivität der Wahrnehmung recherchieren, und die Früchte dieser Recherche breitet Siri Hustvedt gern in ihren Romanen aus. Sie selbst kann sich so besessen in die schwierigsten Forschungsfelder hineinfressen, dass ihr Mann sie schon gemahnt hat, jetzt sei es aber gut - sie müsse wirklich die Leserei einstellen. Worauf Hustvedt dann heimlich weitere Bücher in braunen Papiertüten ins Haus schmuggelte.

Lebt sie heute das perfekte Leben?

Ihr Wissensdurst führt dazu, dass sie gelegentlich das Erzählen zugunsten des Dozierens vergisst und ihre Geschichten mit so viel gewollter Bedeutung unterfüttert, dass dem Leser wenig selbst zu entdecken bleibt. Manchmal hat man das Gefühl, dass Siri Hustvedt der Welt etwas zu heftig beweisen muss, dass sie nicht nur schön, sondern auch gescheit ist - eine Stubenhockerin im unpassenden Gewand eines Supermodels eben. Wieder stellt sich die Frage: Warum werden wir zu denen, die wir sind? Wäre Hustvedt eine andere, noch bessere Autorin, wenn sie weniger perfekt aussähe? Und wenn sie nicht damit zu kämpfen gehabt hätte, immer die Frau an der Seite des erfolgreicheren Mannes zu sein? Direkte Fragen nach ihrem Leben als Mrs. Paul Auster beantwortet Hustvedt mit lange einstudierter Nonchalance. Zunehmend aber, sagt sie, "fühle ich mich für meine eigene Arbeit anerkannt".

Von einer Kindheit in der tiefsten Provinz zu einer Karriere in den höchsten amerikanischen Geisteszirkeln: Das ist eine Biografie, wie sie nur ganz, ganz wenigen gelingt. Eigentlich hat Siri Hustvedt heute das perfekte Leben. Sie lacht, ein ganz unerwartet gackerndes Lachen, das sie einen Augenblick lang völlig verändert - und sie schlagartig sehr zugänglich macht. "Das ist eine reine Außenwahrnehmung", sagt sie. "Dieses Bild eines perfekten Lebens hat überhaupt nichts damit zu tun, wie sich die Wirklichkeit für mich anfühlt." Sie zeigt auf ihren Schreibtisch und sagt: "Meine Tage verbringe ich überwiegend hier. Und dann mache ich Erledigungen, beantworte E-Mails, gehe zum Yoga und koche das Abendessen. Nicht sehr glamourös, oder?"

Siri Hustvedt macht eine Pause, wickelt ihre Beine auseinander und andersherum wieder zusammen und sagt dann nachdenklich: "Ich bin dankbar dafür, wie viel Glück ich gehabt habe. Ich habe das Gefühl, dass ich mich immer noch entwickle, und etwas Besseres könnte mir gar nicht geschehen. Ich fühle mich heute vollkommen frei."

Leseprobe aus "Die Leiden eines Amerikaners"

Lust auf eine kleine Kostprobe von Siri Hustvedts literarischem Können? Lesen Sie den Anfang ihres Romans "Die Leiden eines Amerikaners".

Mehr Informationen über Siri Hustvedts neuen Roman finden Sie bei Rowohlt.

Susanne Weingarten Fotos: Katja Heinemann
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