Ungezogene Buchhändler

Brigitte-Kolumnistin Julia Karnick über ungezogene Buchhändler.

Der Schlag trifft einen, wo und wann er will, neulich hat er mich fast erwischt: in einer Buchhandlung. Ich wartete auf meine Bücher, die in Geschenkpapier eingewickelt wurden, und ließ meinen Blick schweifen. Er traf auf ein Regal hinter der Kasse. Dort standen Bücher. Über den Büchern stand, um was für Literatur es sich handelte. Die Kategorie hieß "Freche Frauen". Mir wurde auf der Stelle schlecht.

Ich finde: Menschen, die dazu imstande sind, die Literaturkategorie "Freche Frauen" zu erfinden, dürften nicht Buchhändler sein. Von Buchhändlern erwarte ich, dass sie ab und zu nachdenken, und man muss nur ein klitzekleines bisschen nachdenken, um schnell zu dem Schluss zu kommen, dass "Freche Frauen" keine Literaturkategorie ist, sondern eine Unverschämtheit: "Freche Frauen", das muss sich ein Mann ausgedacht haben - und zwar einer von denen, die sich für überdurchschnittlich charmant und witzig halten, weshalb die Gefahr groß ist, dass man von ihnen auf Partys in ein Gespräch verwickelt wird. Wenn man den Fehler begeht, die schlechten Witze eines solchen Mannes schlagfertig zu parieren, statt sich gleich angeödet wegzudrehen, schiebt er früher oder später das Kinn vor, nickt auf eine Weise, die unter Männern Anerkennung für den Feind signalisiert, und sagt: "Ich merk schon, Sie sind auch nicht auf den Mund gefallen!" Oder: "Du bist ja wohl 'ne ganz Freche!" Dann wartet man eigentlich nur noch darauf, in die Wange gekniffen zu werden, um klarstellen zu können, zu wie viel Schlagfertigkeit man im Ernstfall fähig ist.

"Frech" ist ein Adjektiv, mit dem man Kinder beschreibt, die sich Respektspersonen gegenüber unhöflich verhalten. Wer Frauen frech nennt, behauptet, dass sie nicht erwachsen sind - oder dass es einen Personenkreis gibt, der einen generellen Anspruch auf ihren Respekt hat: Das hättet ihr wohl gern, was? Ich kenne alle möglichen Arten von Frauen: selbstbewusste, strohdoofe, provokante, emanzipierte, nicht emanzipierte, lustige oder peinliche Frauenromane produzierende Frauen - "Freche Frauen" kenne ich nicht, die existieren nur in Männerhirnen. Die frechen Frauen in Männerhirnen tragen unter den Jeans seidene String-Tangas oder gar nichts und benehmen sich auf Partys respektlos, werden aber höflicher, sobald man sie im Audi TT Richtung Schlafzimmer verfrachtet hat. Am Ziel zieren sie sich ein bisschen, geben jedoch spätestens nach einem Glas Champagner auf und leben den Rest der Nacht ihre Unverfrorenheit aus, indem sie ungeniert alles tun, wovon er träumt.

Meine Kolumnen erscheinen im Herbst als Buch. Ich habe die vage Befürchtung, dass ich es im Regal "Freche Frauen" wiederfinden werde. Vorsorglich erkläre ich:

1.) Ich trage weiße Baumwollschlüpfer und liege am liebsten lethargisch unten. 2.) Es ist mir egal, wo mein Buch steht, stellt es ins Regal "Seichte Unterhaltung", "Überflüssige Ratgeber" oder zu den Kochbüchern. Aber wagt es nicht, mich zu den "Frechen Frauen" zu stellen. 3.) Solange es in Buchläden "Freche Frauen" gibt, verlange ich ein weiteres Regal: "Ungezogene Männer".

BRIGITTE Heft 17/2006

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