Unsere Leserinnen über den neuen Roman von Orhan Pamuk

Einstimmung auf die Frankfurter Buchmesse und das diesjährige Gastland Türkei: Fünf BRIGITTE.de-Userinnen haben Orhan Pamuks neuen Roman "Das Museum der Unschuld" gelesen und rezensiert.

Orhan Pamuk, Das Museum der Unschuld, Ü: Gerhard Meier, 560 Seiten, 24,90 Euro

Kemal, ein junger Mann aus der Oberschicht Istanbuls, verfällt der Liebe zur armen, blutjungen Füsun, einer Verwandten. Hat ihre Liaison eine Zukunft? Fünf BRIGITTE.de-Leserinnen kennen die Antwort schon. Sie durften vorab Orhan Pamuks neuen Roman "Das Museum der Unschuld" (ab 10. September im Handel) lesen und rezensieren. Wie ihnen "Das Museum der Unschuld" gefallen hat, erfahren Sie auf den nächsten Seiten. Zu den Rezensionen

Die Geschichte einer großen Liebe ist die Geschichte einer ganzen Welt - Rezension von Leserin Ingrid Özkan

Ingrid Özkan

"Der Leser sei gewarnt. Orhan Pamuks Roman wird ihn so sehr fesseln, dass er sich nach einiger Zeit dabei ertappt, verstohlen zur Seite zu blicken, da er den sanften Blick Füsuns auf sich gerichtet vermutet."

Istanbul 1975: Das Leben des 30jährigen Kemal scheint perfekt zu sein. Er ist ein reicher Geschäftsmann und gehört zu den ersten Familien der Istanbuler Gesellschaft. Seine Braut ist die schöne und gebildete Diplomatentochter Sibel. Doch kurz vor seiner Verlobung begegnet Kemal an einem sonnigen Frühlingstag der 18jährigen Füsun, einer entfernten Verwandten. "Füsun" bedeutet "Zauber" und Kemal verfällt diesem Zauber in leidenschaftlichen Liebesstunden vollkommen. Trotzdem verlobt er sich mit Sibel und Füsun verschwindet daraufhin spurlos. Als Kemal sie wiederfindet, ist sie die Frau eines anderen. Acht lange Jahre weicht er dennoch nicht von ihrer Seite, bis es ihm gelingt, sie zurückzugewinnen und sich erneut mit ihr zu vereinigen. Doch die Sonnenblumen, die Füsun im Traum ihrer ersten Liebesnacht sah, führen sie nun in eine andere Welt, in die ihr Kemal nicht folgen kann.

Kemals einziger Trost bleiben die Gegenstände, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat und die ihn allesamt mit Füsun verbinden. Sie sind nicht Zeugnis seiner Liebe, sondern vielmehr eingefrorene Augenblicke seines unendlichen Glücks. Er beschließt, sie in einem Museum auszustellen, das er "Museum der Unschuld" nennt. In der Zeitlosigkeit des Museums wird so jeder Blick, den ihm Füsun schenkte und jede Berührung ewig.

Orhan Pamuks neuer Roman spielt im Istanbul der 70er und 80er Jahre, in den Vierteln, in denen der Autor geboren wurde, aufgewachsen ist und heute noch lebt. Der Leser gewinnt ein genaues Bild der Istanbuler Gesellschaft dieser Zeit, ihrer Moralvorstellungen, aber auch ihrer Alltagskultur. Im Roman trifft der Leser nicht nur bekannte Figuren aus Pamuks anderen Büchern wieder, sogar der Autor selbst tritt in das Geschehen ein und wird Teil der Geschichte.

Wofür eignet sich das Buch? Der Leser sei gewarnt. Orhan Pamuks Roman wird ihn so sehr fesseln, dass er sich nach einiger Zeit dabei ertappt, verstohlen zur Seite zu blicken, da er den sanften Blick Füsuns auf sich gerichtet vermutet. Spätestens dann sollte er dem unergründlichen Zauber Istanbuls selbst nachspüren. Nicht im strahlenden Sommer, sondern im Herbst, wenn die Straßen von einem leichten Kohlenduft durchzogen sind. Manchmal wird er dann glauben, er sähe Kemal oder Füsun vorbeihuschen. Und vielleicht wird das "Museum der Unschuld", das Orhan Pamuk wirklich eröffnen will, dann ja schon fertig sein ...

Mein Lieblingssatz: "Die Besucher, die sich Schaukasten um Schaukasten alles ansehen, werden merken, wie sehr ich Füsun acht Jahre lang beim Abendessen beobachtete und dabei auf alles unendlich achtgab, auf ihre Hand, ihren Arm, ihr Lächeln, den Fall ihres Haars, ihre Taschentücher, Haarspangen und Schuhe, auf die Art, wie sie ihre Augenbrauen zusammenzog, ihre Zigaretten ausdrückte, den Löffel in der Hand hielt, und dann werden die Leute erkennen, dass Liebe ungeheuer viel mit Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu tun hat." (S. 548)

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Poesie der Gegenstände - Rezension von Leserin Carmen Bettendorff

Carmen Bettendorff

"Ein sehr poetischer und vielschichtiger Roman"

Orhan Pamuks neuer Roman spielt in Istanbul und beginnt Mitte der 70er Jahre. Die leidenschaftliche Beziehung zu Füsun, einer ärmeren Verwandten, erlebt Kemal als einen paradiesischen Zustand. Vierzig Tage treffen sich die beiden in einer leerstehenden Wohnung. Trotzdem verlobt sich Kemal mit der schönen Sibel. Als diese erkennt, dass Kemal hoffnungslos in Füsun verliebt ist, lösen sie die Verlobung auf. Füsun jedoch verschwindet, und erst nach monatelangem Suchen kann Kemal sie finden. Hier setzt der große, zentrale Teil des Romans ein. Über einen Zeitraum von acht Jahren wird Kemal fast täglich die inzwischen verheiratete, noch bei ihren Eltern lebende Füsun zum Abendessen besuchen.

Während draußen auf den Straßen Istanbuls ein bürgerkriegsähnlicher Zustand herrscht und das Militär putscht, beschränkt sich die äußere Handlung auf ein Minimum. Alles spielt sich nun auf der Ebene der Blicke, des Nonverbalen und dem minutiösen Aufspüren der Empfindungen ab. Füsuns Haus wird für Kemal zu einem magischen, zeitlosem Ort, an dem er die "reine Poesie" erlebt und sich vorstellt, es würde alles so weitergehen.

Im Lauf der Zeit entwendet Kemal immer mehr Gegenstände, an denen noch Füsuns Duft haftet und allmählich reift in ihm die Idee, diese auszustellen im "Museum der Unschuld", um so die Geschichte ihrer Liebe noch einmal erzählen zu können.

Ein sehr poetischer und vielschichtiger Roman, der dem Leser auch einen tiefen Einblick in die damaligen türkischen Geschlechterrollen verleiht.

Wofür eignet sich der Roman? Ein wunderschönes Buch für Istanbul-Fans und zur Einstimmung auf die Frankfurter Buchmesse.

Mein Lieblingssatz: "Es war der glücklichste Augenblick meines Lebens, und ich wusste es nicht einmal. Doch hätte ich es gewusst, wäre dann alles ganz anders gekommen und mein Glück mir erhalten worden?"

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Heldin der Unschuld - Rezension von Leserin Karin Pfeiffer

Karin Pfeiffer

"Füsun wurde in meinem Kopf und meinem Herzen zu einer Heldin der Unschuld, die mir liebenswert in Erinnerung bleiben wird."

Der Roman erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich rettungslos in ein junges Mädchen verliebt. Es beginnt mit einer heißen Affäre zwischen dem 30-jährigen Kemal und der 12 Jahre jüngeren Füsun. Beide kannten sich schon in ihrer Kindheit, da sie entfernte Verwandte sind.

Kemal lebt in reichen Verhältnissen, genießt das Dolce Vita der türkischen Society in den 1970er /1980er Jahren und steht kurz vor der Verlobung mit der bezaubernden Sibel. Einem beschwerdefreien, zuckersüßen Leben steht eigentlich nichts im Wege, als im eines Tages Füsun über den Weg läuft. Kemal, der gewohnt ist, alles zu bekommen, was sein Herz begehrt, lässt nicht locker, bis er auch Füsuns Liebe sein Eigen nennen darf. Die schöne Füsun aus ärmlichen Verhältnissen, aber mit unglaublicher Lust aufs Leben verschenkt ihr Herz, ohne Gegenleistung zu fordern.

Kemal verlobt sich und kann noch nicht auf seine Gefühle hören. Füsun zieht die Konsequenzen und so wendet sich das Blatt. Kemal wird liebeskrank, kann Tag und Nacht an nichts anderes mehr denken als an seine junge Geliebte, die ihm jetzt versagt bleibt. Jahrelang besucht er Füsun, die mittlerweile verheiratet ist, und ihre Eltern. Der Schein muss gewahrt bleiben und so werden Vorwände gesucht, um dieses Verhalten zu rechtfertigen - vor Außen- und Innenwelt.

Um seinen Schmerz zu lindern, beginnt Kemal schon früh, Gegenstände aus Füsuns Welt zu sammeln. Der Anblick, das Befühlen dieser leblosen Dinge rufen in ihm zarte Erinnerungen vor, denen er sich leidenschaftlich hingibt. Im Lauf der Jahre entsteht dadurch eine so große Sammlung, dass ein Museum gefüllt werden kann.

Beim Lesen eines Liebesromans verfällt man normalerweise ins Schmachten. Es gibt Stellen, in denen man mitleidet, errötet, sich weint oder freut. Hier jedoch wird man durch die Geschichte tatsächlich geführt, als ob man durch ein Museum wandle. Man ist über 500 Seiten lang Zeitzeuge einer wortreichen ungewöhnlichen Liebes- und Lebensgeschichte. Manchmal kopfschüttelnd, manchmal verärgert, manchmal mitfühlend, mal staunend, mal gelangweilt. Gleichzeitig darf man in den Spiegel schauen, den Orhan Pamuk der türkischen Gesellschaft vorhält und erhält nebenbei interessante Einblicke in das damalige Zeitgeschehen. Die dadurch entstehende Distanz ist in meinen Augen große Romankunst, da zuletzt die verehrte Füsun in meinem Kopf und Herzen doch noch zu einer Heldin der Unschuld wurde, die mir liebenswert in Erinnerung bleiben wird.

Wofür eignet sich der Roman? Lesen Sie den Roman einfach dann, wenn Sie mal wieder die Lust überfällt, in ein außergewöhnliches Museum zu gehen.

Mein Lieblingssatz: "Meiner Auffassung nach sträuben sich Leute gegen Nachgemachtes nicht etwa, weil es gefälscht ist, sondern weil sie fürchten, es könnte billig aussehen. Eine Ware nicht nach ihrem Wert an sich zu beurteilen, sondern nach ihrer Marke, ist für mich aber verwerflich. So wie es ja auch Menschen gibt, die nicht auf ihre Gefühle achten, sondern auf das Gerede der Leute."

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Geschichte einer unglücklichen Liebe - Rezension von Leserin Silvia Muhl

Silvia Muhl

"Das Buch beschreibt eine intensive Liebe. Man merkt, wie sehr die jungen reichen Türken der Tradition verhaftet sind, obwohl sie sich an der europäischen Lebensart orientieren."

Der Autor beschreibt die Liebesgeschichte des Istanbuler Fabrikantensohnes Kemal, der ihm den Auftrag dazu gegeben und ihm anhand der Dinge im "Museum der Unschuld" die Geschichte seiner unglücklichen Liebe erzählt hat.

Kemal trifft Füsun, die er als Kind schon kennen gelernt hat und verliebt sich in sie. Er trifft sich täglich in einer Stadtwohnung mit ihr. Obwohl er Füsun liebt, verlobt er sich wie geplant mit Sibel. Danach verschwindet Füsun und auch die Familie zieht weg.

Ziemlich ausführlich - teilweise langatmig - wird geschildert, wie Kemal Gegenstände seiner Liebsten anbetet, die sie in der Wohnung benutzt hat. Er merkt, dass er nur Füsun lieben kann und löst die Verlobung mit Sibel.

Nachdem er über eine Freundin Füsuns eine Einladung zu der Familie bekommen hat, besucht er diese. Füsun ist inzwischen in einer arrangierten Ehe. Kemal kommt jahrelang fast täglich zu der Familie, wo er immer wieder Dinge entwendet, die ihn an Füsun erinnern. Als die Ehe von Füsun geschieden wird, könnte endlich das Happy-End kommen ....

Orhan Pamuk beendet das Buch nach Kemals Erzählungen mit dem von ihm gewünschten Satz: "Jeder soll wissen, dass ich ein glückliches Leben geführt habe."

Das Buch beschreibt eine intensive Liebe. Man merkt, wie sehr die jungen reichen Türken der Tradition verhaftet sind, obwohl sie sich an der europäischen Lebensart orientieren.

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