User-Rezensionen: "Alle, alle lieben dich" von Stewart O'Nan

Sechs Userinnen haben exklusiv vorab den neuen Roman von Stewart O'Nan "Alle, alle lieben dich" gelesen und für BRIGITTE.de besprochen. Welche Rezension ist die beste? Stimmen Sie ab!

Stewart O' Nan, "Alle, alle lieben dich", Ü: Thomas Gunkel, Rowohlt, 19,90 Euro

Es ist ihr letzter Sommer vor dem College. Kim badet im Fluss, steigt in ihren alten Chevy, macht sich auf den Weg zu ihrer Arbeit in einem Schnellrestaurant - und verschwindet spurlos. Sechs BRIGITTE.de-Leserinnen wissen bereits, was das mysteriöse Verschwinden von Kim bei ihrer Familie, bei ihren Freunden, ja, in der ganzen Stadt auslöst. Sie durften vorab Stewart O'Nans neuen Roman "Alle, alle lieben dich" (ab 16. Januar im Handel) lesen und rezensieren. Wie ihnen das Buch gefallen hat, erfahren Sie auf den nächsten Seiten. Zu den Rezensionen

Die BRIGITTE.de-Community hat abgestimmt: 31 Prozent der Userinnen hat Ivika Laevs Rezension "Der stille Amerikaner" am besten gefallen! Auf den Plätzen zwei und drei landeten Sonja Czoska und Manuela Gürtler-Bayer.

Stewart O'Nan: Der stille Amerikaner - Rezension von Leserin Ivika Laev

Ivika Laev

"Wie wird man Fan von Stewart O'Nan? Dieses Buch ist auf jeden Fall ein guter Einstieg für alle, die Spannung gepaart mit exzellenter Erzählkunst zu schätzen wissen."

Die achtzehnjährige Kim verschwindet auf dem Weg zu ihrem Sommerjob und hinterlässt eine Reihe von Menschen, die mit ihr verbunden sind, trauern, hoffen und nach ihr suchen. In diesem Buch spielt das "Danach" eine zentrale Rolle: Wie wirkt sich die Katastrophe auf das Verhalten und Empfinden der Hinterbliebenen, auf ihre Beziehungen untereinander aus? Wie auch O'Nans früherer Roman "Engel im Schnee" ist dies ein stilles, introvertiertes Buch, das die Empfindungen der Figuren vor das eigentliche schreckliche Ereignis stellt.

Der Autor trifft den Leser bis ins Mark mit seiner messerscharfen, nichtsdestotrotz einfühlsamen Analyse der Hinterbliebenen. Ein wenig befremdlich ist der Umgang der Familie, vor allem der Mutter, mit dem Verlust der Tochter: Ganz selbstverständlich macht sie sich zum Werkzeug der Medienmaschinerie, die gleich nach der Katastrophe in Gang gesetzt wird.

Geärgert habe ich mich über die Übersetzung des Originaltitels "Songs for the missing", der sich in seiner Bedeutung aus meiner Sicht weitaus treffender in den Kontext einfügt als der in der Übersetzung gewählte Titel, da immer wieder auf Musik, die für Kim gespielt wird, Bezug genommen wird.

Wie wird man Fan von Stewart O'Nan? Dieses Buch ist auf jeden Fall ein guter Einstieg für alle, die Spannung gepaart mit exzellenter Erzählkunst zu schätzen wissen. Für Leser, die behutsame, eindringliche Romane genießen, aber auch gerne mal einen Krimi lesen, könnte dieses Werk sicher der Grundstein für eine Sammlung von O'Nan-Büchern werden. Ivika Laev

Mein Lieblingssatz: Ich liebe die eher beiläufigen Sätze O'Nans, die oft maßgeblich zur Intensität der Handlung beitragen, so diese Sequenz (aus der Sicht von Kims Freundin Nina, S. 80): "Was hatte sie zu ihr gesagt? 'Bis die Tage, du Plage.' Klang nach Sponge Bob. Das durfte nicht das Letzte sein, was sie zueinander sagten."

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Das Schlimmste ist das Warten - Rezension von Leserin Sabine Birk

Sabine Birk

"Wer subtile Spannung und atmosphärisch dicht erzählte Geschichten liebt, wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen."

Viel los ist hier nicht. In einer Kleinstadt im amerikanischen Mittelwesten schlägt Kim seit der Highschool ihre Zeit mit Jobben, Freunde treffen und Rumhängen tot. Nach dem Sommer wartet endlich ein neues Leben auf sie. Das Studium soll sie aus dem Provinzdasein retten. Doch daraus wird nichts - Kim verschwindet spurlos von einem Tag auf den anderen.

Stewart O'Nans "Alle, alle lieben dich" zeichnet diese kleine Welt so authentisch nach, dass man sich schon selbst zu langweilen beginnt. Ebenso greifbar beschreibt er die wachsende Verzweiflung der Eltern, als das junge Mädchen vermisst wird. Zunächst flüchten sie sich in hektische Betriebsamkeit, starten Suchaktionen und treten sogar im Fernsehen auf. Doch damit können sie der Ohnmacht nur zeitweise entfliehen. Beklemmend wird deutlich, wie Kims Vater und Mutter an diesem Leid zu zerbrechen drohen, während die kleine Schwester sich mehr und mehr in ihre eigene Welt zurückzieht.

Wer subtile Spannung und atmosphärisch dicht erzählte Geschichten liebt, wird dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen. Bis zum Schluss bangt der Leser mit, dass Kim heil wieder nach Hause kommt und ihre kleine Schwester von nächtlichen Ängsten erlöst wird: "Sie dachte, sie müsste imstande sein, Kims Gedanken zu hören, als wären sie, nur weil sie Schwestern waren, telepathisch miteinander verbunden, doch das war noch nie so gewesen, und sie konnte nur an den Schnee und die Dunkelheit denken." Sabine Birk

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Haben Sie meine Tochter gesehen? - Rezension von Leserin Sonja Czoska

Sonja Czoska

"Stewart O'Nan entwickelt in einer ruhigen und kontrollierten Sprache eine stringente und fesselnde Erzählung."

Es ist ein ruhiger Sommer in einer amerikanischen Kleinstadt in Ohio. Kim Larsen verbringt ihre Zeit zwischen dem Ende der Highschool und dem Studienbeginn, der den lang ersehnten Aufbruch in ein neues Leben darstellt, mit einem Ferienjob - und mit ihren Freunden, mit denen sie gerne am Fluss abhängt. Die Idylle wird jäh durch das mysteriöse Verschwinden der jungen Frau zerstört, die weder in ihrem Job noch Zuhause auftaucht. Die Eltern sind sofort alarmiert, die kleine Schwester irritiert, die Freunde ratlos. Es drängt sich in den ersten 24 Stunden und in den nachfolgenden Tagen und Wochen die Frage auf: Wer hat Kim wirklich gekannt?

Mit nahezu forensischer Vorgehensweise untersucht Stewart O'Nan die Auswirkungen des Mysteriums auf die Familie und das engste Umfeld. Nicht das Verschwinden und was der 18-jährigen Kim Larsons tatsächlich passiert ist, sondern der enorme emotionale Schock für Eltern und jüngere Schwester steht im Vordergrund. "Oben konnte sie wieder atmen. Sie konnte nachdenken. Sie war gerade erst aufgewacht, als ihre Mutter es ihr erzählt hatte, und es kam ihr immer noch unwirklich vor. Sie musste allein sein, um herauszufinden, was all das bedeutete..." (S. 53)

Stewart O'Nan entwickelt in einer ruhigen und kontrollierten Sprache eine stringente und fesselnde Erzählung. Jede Person und ihr höchst unterschiedlicher Umgang mit Kims Verschwinden wird schlüssig geschildert. Was für ein Genre ist dieser Roman? Vielleicht ein Mysterienspiel oder Thriller, vielleicht auch ein Buch zur Selbsthilfe. O'Nan spricht die Leser an, die sich auf die Abgründe zwischen Hoffnung und Verzweiflung hinter scheinbar alltäglichen Meldungen einlassen können. Sonja Czoska

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Wie findet man sein Leben wieder? - Rezension von Leserin Manuela Gürtler-Bayer

Manuela Gürtler-Bayer

"Die Geschichte geht einem nahe und lässt einen nicht mehr los."

Wie kann man weiterleben, wenn man von etwas Grauenvollem betroffen ist? Kann man lernen, es zu akzeptieren? Kann man sein Leben wieder da aufnehmen, wo es vorher stehen geblieben ist? Kann man wieder arbeiten gehen, sich um Spielergebnisse, gutes Essen und Wochenendausflüge Gedanken machen? Kann man das Unvorstellbare in sein Leben lassen, ohne daran zu zerbrechen? Kann man aufhören, nach der Wahrheit zu suchen? Kann und muss man vergessen? Die Geschichte von Stewart O'Nan stellt diese Fragen und zwingt einen, darüber nachzudenken. Sie packt einen dort, wo man am verwundbarsten ist, am Glauben, das Leben sei kontrollierbar. Gerade war für die Familie Larsen noch alles planbar und überschaubar. Die Alltagssorgen waren die Sorgen einer typischen Familie und drehten sich um die Arbeit, das Einkommen und bevorstehende Feiertage. Dann verschwindet ihre Tochter Kim spurlos. Mit Kims Verschwinden verändert sich das Leben der Familie dramatisch. Die Eltern Ed und Fran und Kims Schwester Lindsay müssen unvermittelt mit einer Situation umgehen, die sie nicht unter Kontrolle haben und die ihr Leben erschüttert. Sie kämpfen von nun an mit der Ungewissheit. Sie sind erfüllt von Hoffnung und Schmerz und versuchen jeder auf seine Weise, die Kontrolle über ihr Leben wiederzufinden und den Glauben an seinen Sinn nicht zu verlieren. Die Geschichte geht einem nahe und lässt einen nicht mehr los. Ein Thriller, der der Frage nachspürt, wie man in den Trümmern eines Ausnahmezustandes sein Leben (wieder) findet. Manuela Gürtler-Bayer

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Spurlos verschwunden - Rezension von Leserin Nathalie Bock

Nathalie Bock

"Mich berührt, wie O'Nan die Versuche der Charaktere beschreibt, einen Weg aus der Krise zu finden und eine Perspektive, mit der Verzweiflung umzugehen."

"Alle, alle lieben dich" vom amerikanischen Schriftsteller Stewart O'Nan ist ein teilweise entsetzlich nüchterner, manchmal tragisch-komischer, aber zumeist tiefgehend nachvollziehbarer Roman über Menschen, denen das passiert, wovor wir alle Angst haben: dass von heute auf morgen ein geliebter Mensch verschwindet.

Sommer 2005 in Kingsville, Ohio. Ed und Fran Larsen haben zwei Töchter, Lindsay und Kim. Kim hat die Highschool beendet und steht kurz davor, ans College zu gehen. Als die 18-Jährige nach einem Badetag mit ihren Freunden in ihren Wagen steigt, um sich auf ihren Sommerjob an der Tankstelle vorzubereiten, ist dies das letzte Mal, dass ihre Freunde sie sehen. Sie erscheint nicht auf der Arbeit. Ihr Bett im Haus ihrer Eltern bleibt leer. Sie scheint wie vom Erdboden verschluckt.

Wie geht die Familie Larsen mit diesem Verlust um? Wie Kims Freunde? O'Nan findet Antworten auf eine eindrucksvolle Weise; er lässt den Leser an den Gedanken der einzelnen Protagonisten teilhaben. Jeder hat seine ganz eigene Beziehung zu Kim. Die polizeilichen Ermittlungen fördern nicht die ganze Wahrheit zutage, was eine zusätzliche Spannung erzeugt.

Mich berührt, wie O'Nan die Versuche der Charaktere beschreibt, einen Weg aus der Krise zu finden und eine Perspektive, mit der Verzweiflung umzugehen. Dies tut er auf eine menschelnde Art und Weise. "Somewhere over the Rainbow" ist nur ein Beispiel, wie er dabei Bezüge zu aktueller Pop-Musik herstellt. Nathalie Bock

Mein Lieblingssatz: "Alles war anders - die Zusammenarbeit ihrer Eltern bewies, dass die Sache ernst war -, doch nach so langer Zeit konnte sie nicht einfach aufhören, auf Kim eifersüchtig zu sein, und stellte sich die verrückte Frage, ob Kim ihnen nur einen Streich spielte." (S. 54)

Wofür sich der Roman besonders eignet: "Alle, alle lieben dich" ist ein Thriller, der zum Nachdenken anregt und sicher nicht die leichteste Kost.

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Ein amerikanischer Alptraum - Rezension von Leserin Elke Hauch

"Kein Thriller, eher ein Schicksalsroman"

Kims Eltern erleben den Alptraum überhaupt, ihre Tochter ist verschwunden. Sie hatte sich mit ihren Freunden am Fluss getroffen und sollte anschließend zusammen mit ihrer Freundin Nina noch arbeiten. Doch auf der Arbeitsstelle kommt Kim nie an - und Zuhause auch nicht. Die Eltern rufen zuerst bei den Freunden an, dann im Krankenhaus und zuletzt bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Polizei einzuschalten.

In den Augen der Eltern tut die Polizei zu wenig, um Kim zu finden und so bilden sie selbst Suchmannschaften, drucken Plakate, wenden sich an die Medien und versuchen auch, Kim über das Internet zu finden - vergeblich.

Eines Tages wird Kims Auto gefunden, von ihr selbst fehlt weiterhin jede Spur. Die Eltern und Kims Schwester erleben eine grauenvolle Zeit der Ungewissheit. Irgendwann möchten sie nur noch, dass Kim gefunden wird. Sie rechnen auch damit, dass sie tot ist, sie wollen nur noch aus diesem Alptraum heraus ...

Für mich war das kein Thriller, eher ein Schicksalsroman. Elke Hauch

Mein Lieblingsabsatz: "Wir haben uns alle verändert, hätte Ed erwidern können. Ob zum Guten oder zum Schlechten, wusste er nicht genau. Es gab immer noch Augenblicke, in denen alles, was mit seinem Leben nicht stimmte, gleichzeitig auf ihn einstürzte, unentrinnbar und fest miteinander verknüpft, und dann ballte er die Fäuste, um den Drang zu unterdrücken, den Menschen umzubringen, der ihnen Kim genommen hatte."

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