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Von Crocs bis Arschgeweih - ein Rückblick auf die Nullerjahre

Von Crocs bis Arschgeweih - ein Rückblick auf die Nullerjahre
Ein Jahrzehnt geht zu Ende, und wir fragen uns: Was bleibt? Die Journalisten Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk gehen in ihrem Buch "Das Jetzikon" dieser Frage nach und stellen Kultobjekte der Nullerjahre vor. Lesen Sie, was die Alltagsgegenstände über uns verraten.

2000: Das Jahr "to go"COFFEE CUP

Von Crocs bis Arschgeweih - ein Rückblick auf die Nullerjahre

BLÜTEZEIT: ab 2000 MATERIAL: Wachspapier und Polyethuran-Deckel FUNKTION: Nahrungsaufnahme im Full-Speed-Modus

Am 8. Februar 2009 meldete die Firma Rosenthal AG Konkurs an. Mehr als 100 Jahre lang hatte die bayerische Traditionsmarke edles Porzellangeschirr hergestellt, von Hand bemalte Teller und filigrane Tassen, die in Vitrinenschränken aufbewahrt und, wenn überhaupt, nur bei besonderen Gelegenheiten hervorgeholt wurden. Politiker und Arbeiter beklagten nach der Insolvenz routinemäßig die Beschädigung des Wirtschaftsstandorts Deutschland und den Verlust von Arbeitsplätzen, hinter der Nachricht steckte jedoch auch eine tektonische Trendwende der Trinkkultur. Die Porzellantasse wurde im frühen 21. Jahrhundert vom Pappbecher ersetzt. Der wenige Gramm schwere und wenige Cent teure Behälter für den «Coffee to go» breitete sich von urbanen Zentren wie New York oder San Francisco rasend schnell über den Globus aus und gehörte bald auch in der Provinz zum Standard-Outfit des modernen Flaneurs – wie Laptoptasche, Headset und Sneakers. 2008 wurden allein in den USA mehr als 16 Milliarden Kaffeebecher aus Papier verbraucht. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit jedes Jahr 300 Milliarden Wegwerfbehälter auf den Müllhalden landeten. Die Überreste einer enormen Koffein-Orgie.

Porzellantassen und -teller wurden im bürgerlichen Zeitalter für ein Familienleben angeschafft. Die Pappbecher bildeten den Hausstand des urbanen Nomaden, der keinen Familiensitz und kein Geschichtsbewusstsein mehr besaß, der seine Position ständig wechselte und die wichtigsten Güter immer mit sich. Die «to go»-Becher lieferten mit Koffein, Vitaminen und Zucker die Nähr- und Zusatzstoffe für eine 80-Stunden-Woche. Milchkaffee, Kaffeecreme, Double Espresso und andere Kaffeederivate wurden zur Hauptkalorienquelle des Stadtmenschen – eine Weiterentwicklung des Fastfoods der achtziger Jahre. Für einen Burger und eine Portion Pommes musste man immerhin noch fünf Minuten in der fettgesättigten Atmosphäre eines McDonald’s-Restaurants verweilen. Im frühen 21. Jahrhundert hatte man dafür schon keine Zeit mehr und schlürfte den Lactose-Koffein-Mix im Laufschritt – Fastfood 2.0, Flüssignahrung. Der Milchkaffee ähnelte in Konsistenz und Konsumierung der Tubennahrung, die Raumfahrer und Rennfahrer zu sich nehmen. Und genau so, so ist zu vermuten, sahen sich die Menschen dieser Zeit auch: als Reisende, die mit hoher Geschwindigkeit in unbekannte Sphären und Dimensionen vordrangen.

2001: Das Jahr der ProtzautosHUMMER JEEP

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ENTSTEHUNGSZEIT: 2001 WERT: ab 60000US-Dollar FUNKTION: Shock and Awe auf der Straße In den tieferen Schichten der amerikanischen Schrottplätze finden sich die Überreste eines automobilen Giganten. Ein Fossil aus der Ära der fossilen Brennstoffe: der Hummer, einer der größten Personenkraftwagen, die je auf den Straßen der Welt unterwegs waren. Die Archäologie des industriellen Zeitalters zeigt, dass jedes Land, jedes Zeitalter auch einen PKW hervorbringen, der ihnen entspricht. Das Wirtschaftswunderland BRD baute den zähen, arbeitsamen VW Käfer, die französische Intelligenzija der sechziger Jahre war in dem elegant-kapriziösen Citroën CV 6 unterwegs. Der Hummer aber war die automobile Inkarnation der USA im Jahr 2003: kraftstrotzend, maßlos und ein bisschen paranoid. Der Hummer wurde von General Motors und der Firma AM General hergestellt, die auch die US-Armee mit dem schweren Panzerfahrzeug Humvee belieferte. Anfang der Nullerjahre hatte die Waffenfabrik dann begonnen, ihre automobilen Waffensysteme für den Straßenverkehr umzurüsten, das Modell H2 war jedoch immer noch 3 Tonnen schwer und hatte 263 PS. 2003 war der H2 bereits der meistverkaufte Groß-Jeep in den USA. Es ist denkbar, dass der Rekord-Absatz des Hummers mit den Nachrichtenbildern aus Bagdad und Kabul zusammenhing, die US-Soldaten auf Patrouille im Humvee-Militärjeep zeigten. Der Hummer war das richtige Auto für ein Land, dessen Bewohner von den Terroranschlägen des 11. September und der folgenden Anthrax-Hysterie geschockt waren und von der Regierung durch permanente Code-Red-Signale in Alarmbereitschaft gehalten wurden. Die Fahrzeugführer verschanzten sich hinter Stahlschichten und Panzerglas und signalisierten durch die demonstrative Größe und Gewalt des Gefährts ihre Widerstandskraft und ihren Patriotismus. Die Welt, die der Hummer so bedingungslos beherrscht hatte, sie wandelte sich schnell. Der Ölpreis stieg in den Jahren 2007 und 2008 auf über 100 Dollar pro Fass. Der Hummer stand plötzlich im Zentrum der Debatte über Zukunftsenergien und Klimawandel. Denn das Auto gehörte zu den größten Ölfressern der Welt. 2008 ging die Zahl der verkauften Hummer gegen null. General Motors verkaufte die Marke Hummer im Juni 2009 an die Sichuan Tengzhong Heavy Industrial Machinery Company. Durch die Wirtschaftskrise waren die USA gezwungen, ihr einstiges nationales Symbol an die aufstrebende Macht China abzutreten – der amerikanische Traum von den unbegrenzten Möglichkeiten hatte eine neue Heimat gefunden.

2002: Das Jahr der BequemtreterCROCS

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ENTSTEHUNGSZEIT: 2002 NIEDERGANG: 2008 MATERIAL: Granulatmix FUNKTION:Verstrandung des Alltags Der verrückteste Modetrend der Nullerjahre begann im Jahr 2002 auf einem Segeltrip irgendwo zwischen Mexiko und Miami. Der Amerikaner Scott Seamans stellte seinen Freunden Boedecker und Hanson stolz den Prototyp für einen neuen Segelschuh vor. Das Objekt, das er auf den Kajütentisch legte, hatte wenig gemein mit den edlen Leder- und Segeltuchschuhen, die man bis dahin auf Yachten und in Hafenkneipen getragen hatte, sondern sah eher aus wie ein seltsamer Tiefseefisch, den man gerade aus dem Wasser gezogen hatte: ein Kunststoff-Klumpen, der mit Löchern übersät war und dessen XXL-Sohle und ausgebeulter Spann auch noch den Fuß einer magersüchtigen russischen Ballerina plump und schwerfällig hätten aussehen lassen. Nur wenige Monate nach dem Segeltörn stellten Seamans, Boedecker und Hanson den neonfarbenen Gummischuh auf einer Bootsmesse in Fort Lauderdale, Florida, vor und verkauften auf Anhieb mehr als 1000 Paar. Die Crocs waren der perfekte Schuh für eine Welt, in der man in der Freizeituniform Jeans & T-Shirt in Büro, Fußgängerzone und Hotel unterwegs war, sich nicht um die zweifelnden Blicke der Passanten scherte, sondern ein Höchstmaß an Komfort und Bequemlichkeit verlangte. Auch deswegen wurden die Schuhe nicht von der Elite der Trendsetter, Fashionistas und Glamourjournalisten bekannt gemacht, sondern breiteten sich zunächst an der Basis aus, wurden vor allem von Krankenschwestern, Ärzten, Köchen und Kellnern getragen. Von Menschen also, die viel im Stehen arbeiteten, unter Stress standen und die bequemes und leicht zu pflegendes Schuhwerk schätzten. Im Jahr 2007 hatte Crocs schon über 10 Millionen Paar Schuhe verkauft, beschäftigte 5000 Mitarbeiter und steigerte den Umsatz auf 800 Millionen Euro. In dem Moment aber, in dem die Schlappe den Reiz des Neuen und Unbekannten, die Aura der Überraschung und absurden Einzigartigkeit, verloren hatte, war sie – einfach nur noch hässlich. Ab 2008 brachen die Verkaufszahlen ein. Die Aktie, die 2007 bei über 70 Euro gestanden hatte, sank 2009 auf unter 2 Euro. Analysten und Journalisten warfen der Firma strategische Versäumnisse vor, man habe es verpasst, die Produktpalette zu erweitern, etwa noch Taschen oder Kleider herzustellen (man mag sich nicht vorstellen, wie die ausgesehen hätten).Vielleicht war es für Seamans, Boedecker und Hanson zumindest ein Trost, dass der Croc in der an Absurditäten nicht eben armen Modegeschichte einen herausragenden Rang einnimmt, auf gleicher Höhe mit den 40-Zentimeter-Absätzen der Stöckelschuhe im Venedig des 16. Jahrhunderts oder den französischen Gesäßpolstern gegen Ende der Renaissance.

2003: Das Jahr der SuperstarsALEXANDER KLAWS

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BLÜTEZEIT: 2003 NIEDERGANG: 2003 FUNKTION: Entzauberung des Popmythos Den Moment seiner Träume - den Applaus, das Scheinwerferblitzen, den Triumph – diese magischen Minuten also, erlebte Alexander Klaws in den Armen seiner Mutter. Am Sonntag, dem 9. März 2003, um 0:42 Uhr hatte der RTL-Moderator Carsten Spengemann unter Aufbietung seines gesamten dramatischen Talents einen Briefumschlag geöffnet und nach einer langen Pause den Namen des Gewinners der ersten Staffel der Casting-Show Deutschland sucht den Superstar (DSDS) verlesen: «Alexander.» Im 20. Jahrhundert hatten Pop- und Rockstars – von Elvis über David Bowie bis Kurt Cobain – den Lebensstil und die Ideale der klassischen Künstler und der Boheme weitergepflegt. Quer durch die Musikjahrzehnte, durch Blues, Jazz und Rock 'n' Roll, wurde die Musikwelt von einem Metathema beherrscht: Freiheit, der Opposition zur bürgerlich-spießigen Welt, dem Drang, sein Leben zur Erfüllung zu bringen. Be yourself. Do your thing. In Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar, Popstars oder Germany’s Next Topmodel stand nicht die Kunst des Singens oder Schönseins im Vordergrund, sondern die harte Arbeit, die die Kandidaten hinter den Kulissen und vor der Show leisten mussten. Die Superstar-Sendungen vermittelten den Wertekanon der neoliberalen Gesellschaft: knallharter Konkurrenzkampf, Identifikation mit den Zielen des Arbeitgebers, totale Aufopferungs- und Leidensbereitschaft. Klaws investierte seinen ersten Plattenvorschuss im Jahr 2003, der ihn zu einem angehenden Millionär machte, nicht in Kokain oder einen Maserati, sondern kaufte für 130 Euro einen Rollkoffer bei Karstadt. Und genauso nüchtern, realistisch und bescheiden verfolgte er auch seine Karriere, die erwartungsgemäß bald nach Ende der Casting-Show ins Stocken geriet. Mit seinem zweiten Album erreichte er zwar noch einmal Platz 1 der deutschen Albumcharts, das dritte kam auf Platz 20, das vierte im Jahr 2008 mit dem programmatischen Titel «Was willst du noch?» nur noch auf Platz 28. Gegen Ende der Nullerjahre agierte Klaws dann gar nicht mehr als Solokünstler, sondern trat in dem Musical Tanz der Vampire auf und als Darsteller in der TV-Serie Anna und die Liebe. Er war also ein Teil jenes Kulturproletariats geworden, das fleißig seinen Acht- oder Zehnstundentag in der Unterhaltungsindustrie absolviert, ohne dafür viel Geld oder Aufmerksamkeit zu erwarten. Er beklagte sich über diesen Abstieg nie, und vergleicht man sein Leben mit dem Schicksal von Künstlern wie Amy Winehouse oder Pete Doherty, die in den Nullerjahren vergeblich versuchten, den toten Rockmythos wiederzubeleben und dabei Look, Kontostand und Gesundheit ruinierten, hatte es Alexander Klaws ja vielleicht gar nicht so schlecht getroffen.

2004: Das Jahr der Po-ZierdeARSCHGEWEIH

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BLÜTEZEIT: 2004 FUNKTION: der Körper als Kunstwerk HISTORISCHER VORGÄNGER: Hüttenmalerei Im Sommer 2004 schien sich in Deutschland ein unbekannter Virus mit rasender Geschwindigkeit auszubreiten. Der Virus befiel offenbar nur Frauen zwischen 15 und 50 Jahren, zog jedoch keine körperlichen Folgen wie etwa Kreislaufstörung oder Hirnhautentzündung nach sich, sondern führte allein zu einer auffälligen Veränderung der Haut im Bereich der Lendenwirbel, die sich in geschwungenen Linien über den Rücken der betroffenen Personen ausbreitete. Bei dieser ornamentalen Verfärbung des Unterrückens handelte es sich um eine Tätowierung, und damit nur um eine modische Pandemie, aber ein anständiger Modetrend war ja noch nie von einem aggressiven Virus zu unterscheiden. Die längliche Tätowierung auf der sogenannten Michaelis-Raute am unteren Rücken bestand aus geschwungenen, spiegelbildlich angeordneten Phantasie-Ornamenten, die an Flügel oder Blütenmuster erinnerten. Der Modetrend wurde jedoch nicht etwa als Michaelis-Muster bekannt, sondern bekam einen viel derberen Namen. «Arschgeweih». Zum ersten Mal hörte ein breiteres Publikum die neue Vokabel am 7. Februar 2004, als der TV-Moderator Hugo Egon Balder in der Comedy-Sendung Genial Daneben auf Sat.1 zur besten Sendezeit über den Modetrend sprach. Das Wort Arschgeweih sorgte nicht nur für den größten Lacherfolg des Abends, sondern fügte auch einer der ältesten Kunstformen der Menschheit einen irreparablen Imageschaden zu. Das Wort Arschgeweih war noch erfolgreicher als das Mode-Phänomen, das es beschrieb, und klassifizierte die Trägerinnen als kultur- und geschmacklose Menschen und, wenn man so will, als hirsch- und rehartige Wesen, als leichte Beute. Die ausladende Rückenverzierung wurde zum sozialen Stigma, ein selbst zugefügtes Brandmal der Unterschicht, wie auch der Vokuhila und ein Body Mass Index von über 25. Zeitungen und angebliche Intellektuelle wie Harald Schmidt lästerten über die Untermenschen aus der Unterschicht, die Fertignahrung in ihren Einkaufskörben, die Bilder in ihren TV-Apparaten, die Muster auf ihrer Haut. Vielleicht sollte man die Tätowierten nicht für ihren mangelnden Geschmack verspotten, sondern für die Entscheidung für die Ewigkeit bewundern, diesen radikalen und ernsthaften Willen zur Kunst. Und hätte man in den Nullerjahren das Arschgeweih nicht pauschal verurteilt, hätte eine sachliche Kritik vielleicht zu einer Perfektionierung der Tätowierungskunst führen können, so wie seit jeher die Kritik zur Entwicklung und Vervollkommnung der verschiedenen Kunstdisziplinen beigetragen hat.

2005: Das Jahr, in dem WIR Papst wurdenPAPST-BIER

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ENTSTEHUNGSZEIT: 2005 MATERIAL: Hopfen, Malz und Glauben FUNKTION: religiöse Bewusstseinserweiterung Entscheidungen des Heiligen Geistes sind selten die Basis von Businessplänen. Deswegen war es auch nicht erstaunlich, dass Fritz Weideneder, Inhaber der gleichnamigen Brauerei im niederbayerischen Tann, zunächst nicht realisierte, welche Verdienstmöglichkeit am 19. April 2005 gegen 17 Uhr 50 vom Himmel gefallen war. Den Abend hatte Weideneder wie Millionen andere Deutsche vor dem Fernseher verbracht und sich darüber gefreut, dass Josef Ratzinger, der 1927 im Nachbarort Marktl geboren wurde, durch göttliche Gnade zum Papst gewählt worden war. Erst in dunkler Nacht kam ihm dann die Erleuchtung. Fritz Weideneder schreckte im Bett hoch und rief: «Wir machen ein Papstbier.» Habemus Mega-Deal. Am nächsten Morgen klebten seine Sekretärinnen mit Pritt-Stift hastig gestaltete Etiketten mit der Aufschrift «Marktler Papst-Bier» auf die braunen Halbliter-Flaschen der Brauerei. Weideneder fuhr dann mit 50 Kästen Bier die 12,7 Kilometer über die Landstraße von Tann nach Marktl. Als der Braumeister die Bierkästen auf dem Marktplatz aufbaute, stürzten sich sofort Journalisten auf ihn, die nach Niederbayern gereist waren, um Herkunft und Wesen des neuen Kirchenoberhauptes zu erkunden. Am Abend hatte Weideneder mit ein wenig Etikettenschwindel aus seiner bayerischen Mini-Brauerei eine global bekannte und berühmte Marke gemacht. Angst, ein Sakrileg zu begehen, hatte Weideneder nicht: «Zwischen Bayern, Bier und der Kirche besteht ein jahrhundertelanger Zusammenhang», entgegnete er Kritikern. Im Mittelalter hatten deutsche Klöster entscheidend zur Braukunst beigetragen. Viele bekannte Rauschmarken wie Franziskaner oder Augustiner waren sogar nach Ordensgemeinschaften benannt. Das Papst-Bier stand also in einer ehrwürdigen Tradition religiöser Bewusstseinserweiterung. Auch deshalb nahmen katholische Würdenträger die Marketing-Maßnahme mit Wohlwollen auf. So sprach Kardinal Lehmann: «Wenn ihr eine Freude habt am Papst-Bier und am Papst-Brot, dann macht das nur – solange noch etwas Wichtigeres hängen bleibt: Die Begeisterung für oder zumindest das Interesse an den Inhalten des Glaubens.» Ganz uneigennützig war das religiöse Product Placement nicht: Weideneder spendete regelmäßig für kirchliche Projekte in Meisners Bistum, nannte das eine «bayerisch-katholische Lösung» und bekreuzigte sich, wenn er am Monatsende das Geld zählte: 400.000 Flaschen Papst-Bier pro Jahr verkaufte die Brauerei, mehr als 10 Prozent des Gesamtausstoßes. Das Papst-Bier, 0,5 Liter, Stammwürzegehalt 13,4 Prozent, 5,4 Prozent Alkohol, Wasser, Hopfen, Malz, erhältlich im praktischen Souvenir-Viererpack, war das bekannteste Merchandisingprodukt der Papstheimat.

2006: Das Jahr der Nerv-ElternCHINESISCH-LEHRBUCH FÜR KINDER

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BLÜTEZEIT: 2006 FUNKTION: Waffe im kalten Krieg der Bildung VEREHRER: ehrgeizige Eltern Chinesische Schriftzeichen waren in den europäischen Städten der Nullerjahre noch ein ziemlich seltener Anblick. Die meisten Menschen kannten die fremdartigen Symbole – Striche, Punkte, Kurven – vielleicht vom China-Urlaub oder auch als kalligraphische Dekoration der Speisekarte des örtlichen Asien-Hauses. Die exotischen Chiffren wurden im Laufe der Nullerjahre jedoch immer präsenter, tauchten plötzlich in Bedienungsanleitungen, auf Frachtgut oder in PDF-Dateien auf, wurden Teil des Alltags und ließen die abstrakten Prozesse, von denen man in den Nachrichten gehört hatte – zukünftiger Weltmarktführer, verlorengegangene Jobs, das gewaltigste Wirtschaftswachstum in der Geschichte – plötzlich ganz real erscheinen. «Chinesisch ist gar nicht so schwer», dieser Satz stand auf dem Rücken von: Chinesisch Superleicht, einem Lehrbuch, mit dem bereits Kinder in die fremde Welt der Mandarin-Grammatik eingeführt werden sollten. Keine Angst (vor den Chinesen, vor der Zukunft), sollte das wohl heißen. In Deutschland verzeichneten Kindergärten, die Chinesisch- Unterricht anboten, regen Zulauf, in Städten wie Frankfurt oder Hamburg boten auch Privatunternehmen einen Mandarin-Kurs für Dreijährige an. Chinesisch-Lehrbücher für Kinder eroberten Spitzenplätze bei Amazon. Im Jahr 2000 veröffentlichte die OECD eine komparative Bildungsstudie, die der deutschen Gesellschaft schonungslos aufzeigte, dass ihre Bildungseinrichtungen im internationalen Vergleich nicht mithalten können, dass Finnen und Koreaner ihre Kinder besser auf die Zukunft vorbereiten. PISA wurde zu einem geflügelten Wort der Nullerjahre, stand für ungenügende Leistung, verkrustete Strukturen, gefährliches Weiter-So. Die Eltern misstrauten den staatlichen Stellen und investierten privat in die Lebenschancen ihrer Kinder, schickten sie auf eine teure Privatschule oder zumindest hoch aufs Zimmer, damit sie kapierten, was das verdammte Wort Ma denn nun wirklich bedeutete. Die nächste Generation der Deutschen sollte fitgemacht werden für den globalen Konkurrenzkampf mit Staaten wie China, Indien und Taiwan. Und so eroberte die Leistungsgesellschaft in dieser Zeit einen weiteren, bisher vor ihr geschützten Raum: das Kinderzimmer. Aber spielerisches, kindliches Lernen und Kuschelpädagogik waren in Deutschland ohnehin in Verruf geraten. Ehemalige Internatsleiter und Hardcore-Pädagogen verfassten höchst erfolgreiche Sachbücher über kindliche Tyrannen, die man stürzen müsse, und lobten die Disziplin. Vorbild waren nicht mehr der verständnisvolle Verbindungslehrer, sondern der Schulmeister mit Rohrstock aus dem 19. Jahrhundert und natürlich die chinesische Konkurrenz.

2007: Das Jahr der Nicht-RaucherMITGLIEDSKARTE EINES RAUCHERKLUBS

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ENTSTEHUNGSZEIT: 2007 MATERIAL:Papier, Pappe, Plastikfolie FUNKTION:Visum für das Nikotinghetto Ein Portemonnaie ist viel mehr als nur ein Container für den Geldtransport. Im geschlossenen Zustand wirkt der Behälter für Bares ziemlich unspektakulär, ein hermetisches, nach außen abgedichtetes Modeaccessoire aus schwarzem oder braunem Leder. Klappt man das Utensil aber auf, dann bekommt man in diversen Fächern, Taschen und Sichtfenstern viele Hinweise auf die Identität des Inhabers. Der Personalausweis belegt Nationalität und Wohnort. Diverse Kreditkarten und Miles-&-More-Ausweise berichten von beruflichen Erfolgen und finanzieller Potenz. Im Jahr 2008 erweiterten viele Menschen, vor allem die Bewohner von Großstädten wie München, Köln oder Berlin, diese Persönlichkeitsschau um ein weiteres Dokument: die Mitgliedskarte eines Raucherklubs. Ein Ausweis aus Pappe oder Papier, auf dem der Name einer Bar oder eines Restaurants aufgedruckt war und das neue Mitglied seinen Namen handschriftlich eingetragen hatte (die krakelige Schrift belegt, dass diese Handlung oft zu später Stunde und unter erheblichem Alkoholeinfluss vollführt wurde). Seit dem Zweiten Weltkrieg galt die Zigarette, auch dank der permanent rauchenden Stars der Populärkultur (Marlene Dietrich, James Dean, Jean-Paul Sartre), als Inbegriff von Stil, Eleganz und Coolness, erlebte aber mit dem ausgehenden 20. Jahrhundert den wohl dramatischsten Imageverlust, den je ein Konsumobjekt erlitten hat. Medizinische Studien belegten, dass Rauchen zu Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Krankheiten führte. Tabakgiganten wie Philip Morris oder R. J. Reynolds wurden zu Milliardenstrafen verurteilt, weil sie ihr Produkt in der Werbung verharmlost, die irreführende Bezeichnung «Light» verwendet und dem Tabak suchterzeugende Inhaltsstoffe zugefügt hatten. Die Menschen wollten in den Nullerjahren immer älter werden und dabei immer jünger wirken. Die Fetischisierung des gesunden und sportlichen Körpers machte aus der Zigarette das Symbol des Bösen schlechthin. Rauchen galt im 21. Jahrhundert nicht mehr als Genusshandlung, sondern als Selbstzerstörung – eine Tätigkeit, an der man undisziplinierte, unkultivierte und dumme Menschen (also: Unterschichtsangehörige) erkannte. Im 21. Jahrhundert verinnerlichten die Raucher die rauchfeindlichen Werturteile ihrer Umgebung, fühlten sich nicht nur ihren Mitmenschen, sondern auch sich selbst gegenüber nicht mehr zumutbar. Statistisch gesehen rauchte jeder Bundesbürger im Jahr 2002 noch fünf Zigaretten täglich, 2009 waren es weniger als drei. Die Raucherausweise, die man im Lauf einer langen Kneipentour gekauft hatte und dann im Geldbeutel lagerte, waren nicht nur Dokumente des Exzesses, sondern auch Schuldeingeständnisse. Strafzettel, die man sich selbst ausgestellt hatte, um sich für seinen ungesunden Lebensstil zur Rechenschaft zu ziehen.

2008: Das Jahr des LichtsENERGIESPARLAMPE

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BLÜTEZEIT: ab 2008 FUNKTION: Reduzierung der CO2-Emissionen, Zerstörung der menschlichen Seele HISTORISCHE GEGENSPIELER: Thomas A. Edison, Ingo Maurer Hamsterkäufe sind oft Zeichen für eine bevorstehende Katastrophe. Als im Frühjahr 2009 die Menschen in der Europäischen Union plötzlich begannen, größere Mengen an Glühbirnen zu kaufen, war das also ein Warnsignal. In manchen Ländern stiegen die Verkäufe von 100-Watt-Birnen um mehr als 50 Prozent. Großhändler wie Ikea oder Mediamarkt meldeten leere Regale und Lager. Vor was, muss man sich aus heutiger Perspektive fragen, hatten die Menschen damals so viel Angst? Dass der Sonne der Treibstoff ausgeht, dass es dunkel wird und nie wieder Tag? Der Grund für die Hamsterkäufe waren jedoch nicht Kriegshandlungen oder ein bevorstehender Meteoriteneinschlag, sondern die Eco-Design-Richtlinie 2005/32/EG der Europäischen Union, welche die Mitgliedsstaaten darauf verpflichtete, bis 2012 die Glühbirnen schrittweise aus dem Verkehr zu ziehen und durch Energiesparlampen zu ersetzen. Die EU-Experten erhofften sich durch die revolutionäre Verordnung eine jährliche Einsparung von 40 Terawattstunden sowie eine Verringerung der CO2-Emissionen zwischen 15 und 28 Millionen Tonnen. 40 Terawattstunden, dies nur zur besseren Einordnung, entsprachen ungefähr dem Stromverbrauch Rumäniens oder von elf Millionen Privathaushalten in Mitteleuropa. Mehr als 130 Jahre lang war die Glühbirne die sekundäre Lichtquelle der Welt gewesen. Über mehrere Generationen hatte sich die Menschheit an den kleinen, rötlich glühenden Draht und das warme Licht gewöhnt. Zwar brannten in mehr als 80 Prozent der deutschen Haushalte zum Ende des Jahrzehnts eine oder mehrere Energiesparlampen, das innovative Leuchtmittel wurde jedoch meist in der Eigenheim-Peripherie, in Kellern, Küchen oder Abstellkammern eingesetzt und nur selten im Herz des Heims, dem Wohnzimmer. Die Nacht ist der natürliche Feind des Menschen, weshalb er sie im Laufe der Zivilisationsgeschichte mit immer neuen Leuchtmitteln attackierte. Die ersten Feuerstellen datieren wir heute zurück auf das Jahr 300 000 vor Christus. Im weiteren Verlauf der Evolution der Leuchtmittel erfand man auch noch Kaminfeuer, Öllampen, Gaslaternen, Glühbirnen, Leuchtstoffröhren und organische Leuchtdioden. Die Menschheit durchlebte eine ganze Reihe von Licht-Regimen, die, weil sie oft mehrere 100 Jahre dauerten, irgendwann als «Natur» wahrgenommen wurden. Wenn die Geschichte eines lehrt, dann, dass sich diese Anpassungsleistung wiederholen wird. In wenigen Jahrzehnten wird die Energiesparlampe den Menschen vorkommen wie das Licht der Sonne. Die Menschen, die im Jahr 2009 die orangenen Kartons horteten, waren sich dessen noch nicht bewusst, aber bald liebten sie die Energiesparlampe.

2009: Das Jahr der SelbermacherBÄRLAUCH

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BLÜTEZEIT: spätes Frühjahr WERT: 4 Euro/Pfund FUNKTION: Reregionalisierung der deutschen Küche Am 20. April 2009 wandte sich Thomas Zilker, Leiter der Abteilung für Toxikologie am Klinikum Rechts der Isar in München, mit einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: «Ich esse überhaupt keinen Bärlauch mehr», erklärte Zilker, «und ich rate auch jedem anderen davon ab.» Die kulinarische Fatwa des Chefarztes hatte gute Gründe. Innerhalb einer Woche hatte Zilker in seiner Klinik fünf Bärlauchliebhaber mit schweren Vergiftungen behandeln müssen. Die scheinbar harmlose Gewohnheit von Hobbyköchen, in heimischen Wäldern und Parks nach wilden Bärlauchbeeten zu suchen, erwies sich als beinahe so gefährlich wie die Großwildjagd. Immer wieder verwechselten die unglückseligen Menschen der Nullerjahre, die sich so sehr zur Natur hingezogen fühlten, sich aber gleichzeitig immer mehr von ihr entfremdeten, das Bärlauchgewächs mit den ähnlich aussehenden, aber hochgiftigen Herbstzeitlosen. Die Warnung des Münchner Toxikologen verhallte ungehört: Kneipen und Kantinen im Ruhrpott verwendeten Bärlauch ebenso als Basiszutat wie Sterne-Restaurants bei Bergisch Gladbach und Starnberg. Die Menschen jener Zeit aßen Bärlauchpesto, Bärlauchbaguette, Bärlauchsalami, Bärlauchessig und -öl, Bärlauchravioli und «Dreierlei Mousse vom Bärlauch und Hummer mit Jus d'Aubergine». Als einheimisches und deshalb prinzipiell der Provinzialität verdächtiges Gewächs stieß der Bärlauch lange Zeit auf wenig Akzeptanz. Zwar verzehrte man die Pflanze in Mitteleuropa seit der Bronzezeit, aber spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg war das Kraut in Vergessenheit geraten. Der agrarisch-industrielle Komplex lieferte in den Nullerjahren dank Hormonen, Formfleisch und Petri-Schalen zwar immer mehr Nahrung zu immer geringeren Preisen, wirkte aber gleichzeitig wie ein diabolischer Gegenspieler für jeden Menschen, der mit Gewissen und Genussfähigkeit gesegnet war.

Die Menschen misstrauten den industriell oder gar labortechnisch gefertigten Nahrungsmitteln und führten regelmäßige Protestaktionen gegen Gen-Mais, Gammelfleisch und gedoptes Schlachtvieh durch. Der Wunsch nach nostalgischer Natürlichkeit («so wie früher bei Oma») trieb die Menschen auf Bauernmärkte, die mitten in Hamburg und Berlin aufgebaut wurden, wo sie nach schrumpeligen Tomaten suchten und erdigen Kartoffeln, nach taktilen Beweisen der Authentizität. Die Steigerung des Wochenmarktbesuchs waren der eigene Gemüsegarten und – noch extremer, noch natürlicher – das Pflücken wilder Kräuter in freier Natur. Als Objekt dieser kulturellen Regression bot sich der Bärlauch an, da die Pflanze vor allem in feuchten Waldgebieten, aber auch in Stadtparks massenweise auftrat und durch ihr Knoblauch-Aroma die ungebildeten Naturjünger schon von weitem anlockte.

Von Crocs bis Arschgeweih - ein Rückblick auf die Nullerjahre

Die Texte stammen aus dem Buch "Das Jetzikon. 50 Kultobjekte der Nullerjahre" der Journalisten Tobias Moorstedt und Jakob Schrenk (Rowohlt Verlag, 8,95 Euro, 252 Seiten)


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