Charlotte Roche: "Ich bin auch verklemmt"

Charlotte Roche hat in ihrem ersten Roman "Feuchtgebiete" keine Körperöffnung ausgelassen: Es trieft und schleimt, prickelt und pickelt auf fast jeder Seite. Eklig? Amüsant? Feministisch? BYM.de hat nachgefragt: Was will uns die Autorin eigentlich damit sagen? -

BYM.de: Auf den ersten Seiten von "Feuchtgebiete" wischt die Protagonistin Helen mit ihrer Muschi die Autobahntoilette sauber. Beim Lesen hat sich eine Kollegin beinahe übergeben...

Charlotte Roche: Ja, es fängt schon gut an.

BYM.de: Sollten die Buchhändler zu "Feuchtgebiete" nicht gleich auch Kotztüten verkaufen?

Charlotte Roche: Ich verstehe, dass manche Leser sich ekeln, aber ich habe beim Schreiben viel unschuldiger gedacht. Die sexuellen Sachen oder alleine die Smegma-, also Scheidensekret-Geschichten, die in "Feuchtgebiete" vorkommen, sind für manche Leute vollkommen widerlich - aber alle Frauen haben das! Es wird ja niemand brutal über Seiten abgeschlachtet oder abgemetzelt, es gibt keine Massenvergewaltigungen. Sondern Helen befriedigt sich selber, hat Sex und erforscht ihren eigenen Körper. Das sind eigentlich sehr menschliche Sachen, auch die Toilettenthemen. Aber die Leute flippen alle aus.

<frage name = "BYM.de">Es ist ja auch sehr ungewohnt, solche intimen Schilderungen zu lesen.</frage> <antwort name = "Charlotte Roche">Ich glaube, dass das Buch den Leuten sehr nah kommt - zu nah vielleicht an manchen Stellen. Ich versteh das total, ich bin auch verklemmt, wenn andere dabei sind. Aber für mich ist das auch ein Spaß, dass ich Ekel oder rote Ohren bewirken kann.</antwort>

Charlotte Roche: "Ich bin auch verklemmt"

BYM.de: Stört es Sie, wenn Männer das Buch als Wichsvorlage benutzen?

Charlotte Roche: Gar nicht, im Gegenteil: Ich fände es ganz gut, wenn Frauen das Buch auch als Wichsvorlage benutzen würden.

BYM.de: Tun sie's nicht oder reden sie nicht drüber?

Charlotte Roche: Die sagen das nicht. Ich glaube, Frauen haben immer noch ein Problem, über ihre Lust zu reden. Sie trauen sich sogar nicht, es mir zu sagen. Eine einzige Bekannte hat zugegeben, dass man "untenrum ein bisschen warm wird" - aber auch nur, weil ich sie gefoltert habe.

BYM.de: War es für Sie eine Mutprobe, das Buch zu schreiben?

Charlotte Roche: Ich wollte, dass das Buch eine richtig derbe Sprache hat und die Dinge beim Namen nennt: Lust, Selbstbefriedigung, Geilheit, der Körper... Ich bin selber nicht so cool. Ich musste beim Schreiben meine eigene Scham überwinden, immer wieder Wörter erfinden, weil ich selber keinen Namen dafür hatte. Die Leute haben einen völlig falschen Eindruck, wenn sie jetzt glauben, dass ich mit nichts ein Problem hätte, nur weil ich so ein Buch geschrieben habe. Aber Stellen davon sind für mich total befreiend.

BYM.de: Gibt es denn Stellen, bei denen Sie jetzt auf Ihrer Lesetour beim Vorlesen rot werden?

Charlotte Roche: Beim Schreiben habe ich das noch locker geschafft und hatte nur manchmal das Gefühl: "Oh Gott, wenn das Buch rauskommt - dafür werde ich auf der Straße gesteinigt!" Beim Einlesen des Hörbuchs im Studio - das war lange vor der ersten öffentlichen Lesung - habe ich dann aber die Krise gekriegt! Ich habe mich an den heftigen Stellen total oft versprochen.

BYM.de: Aber das hat nichts damit zu tun, dass Sie dazu nicht mehr stehen?

Charlotte Roche: Nein, das liegt daran, dass es so zur Sache geht, dass ich selber Herzrasen kriege.

BYM.de: Sind Sie stolz auf das Buch?

Charlotte Roche: Ich kann manche Sachen noch nicht so ganz kapieren. Ich hatte gedacht, das kann auch einen richtig schlimmen Schuss in den Ofen geben. Dass viele Leute einfach sagen: "Ach ne, hau ab, du geistesgestörte Sau!"

BYM.de: Sie wollen erreichen, dass die Leute lockerer über Sex und Hygiene denken. Aber meinen Sie, ein Verklemmter oder eine Hygiene-Fanatikerin würde das Buch überhaupt in die Hand nehmen?

Charlotte Roche: Ich kann ja leider nicht wissen, wer das Buch kauft - ob das wirklich auch jemand liest, der ein Hygienefanatiker ist oder ob das nur Leute lesen, die sowieso schon so ähnlich denken wie ich.

<frage name = "BYM.de">Manche Kritikerinnen sehen "Feuchtgebiete" als feministisches Buch. Aber was hat die Emanzipation gewonnen, wenn ich Ihnen was über den Blutschleim auf meinen Tampons erzähle?</frage> <antwort name = "Charlotte Roche">So hat das gar nichts miteinander zu tun. Es geht mir um die Grundideen, die mir sehr viel bedeuten. Zum Beispiel finde ich den Gedanken schrecklich, dass Mädchen in frühem Alter vermittelt wird, sie würden wie die Hölle stinken im Schritt. Darauf wollte ich aufmerksam machen und habe immer mehr Matsche draufgepackt.</antwort>

BYM.de: Haben Sie nicht ein bisschen übertrieben?

Charlotte Roche: Das Buch ist eine Geschichte, eine Phantasie, ein völlig übertriebenes Rumgemansche. Helen Memel ist mir praktisch davon galoppiert. Die Autobahn-raststätte zum Beispiel - das ist nur ein überdrehtes Spielen mit der Paranoia vor Bakterien. Um zu beweisen, dass viele Sachen nicht stimmen, die einem beigebracht werden. Das sollen die Leute nicht nachmachen. Dann würden sie wahrscheinlich ziemlich schnell sterben... Ich habe schon Angst vor der ersten Anzeige wegen Körperverletzung - "die feministische Marilyn Manson von Deutschland". Der ist doch in Amerika immer an den Massakern schuld und ich dann in Deutschland an den Entzündungen.

BYM.de: Wie freizügig sind Sie selber?

Charlotte Roche: Ich bin auch bei manchen Sachen verklemmt. Ich will wirklich niemandem zeigen, wie spießig er ist. Wenn mich jemand fragt, was für mich spießig ist, dann sage ich als Allererstes: Ich! Ich finde mich im Vergleich zu vielen anderen Frauen spießig.

BYM.de: Was an Ihnen ist spießig?

Charlotte Roche: Wenn jemand zu Hause vor unserer Wohnung auf unserem Parkplatz parkt, dann renne ich sofort raus und schreie den zusammen. Ich habe einen großen Eigentumsanspruch, das ist ja wohl total spießig! Ich bin überhaupt nicht freizügig, ich laufe nie irgendwie nackt rum, auch nicht in der eigenen Wohnung - gar nicht!

BYM.de: "Feuchtgebiete" ist ja nicht nur schmutzig und versaut, es geht auch um Liebe. Hängen Schmutz und Liebe für Sie zusammen?

Charlotte Roche: Ja. Ich finde, dass Liebe und Leben und Dreck und Schmerz und Blut und Eiter total zusammenhängen. Wenn ich daran denke, dass mein Mann oder mein Kind krank wären und ich müsste sie versorgen... Ich will mich dazu trainieren, eine absolute Top-Krankenschwester zu sein, mich im Leben nicht zu verstecken und zu verschonen vor Sachen wie Schmerz.

BYM.de: "Um weniger Angst zu haben?

Charlotte Roche: Ja, wie in dem Buch. Helen überfordert sich absichtlich, um ein Schmerzsoldat zu sein und das Leben besser aushalten zu können. Das steckt ganz klar auch was von mir drin.

Leseprobe

Fäkal-Pornografie oder neuer Feminismus? Bildet euch eure eigene Meinung und lest hier die ersten Seiten aus "Feuchtgebiete"

Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden. Viele, viele Jahre habe ich gedacht, ich dürfte das keinem sagen. Weil Hämorrhoiden doch nur bei Opas wachsen. Ich fand die immer sehr unmädchenhaft. Wie oft ich mit denen schon beim Proktologen war! Der hat mir aber empfohlen, die dran zu lassen, solange sie mir keine Schmerzen verursachen. Das taten sie nicht. Sie juckten nur. Dagegen bekam ich von meinem Proktologen Dr. Fiddel eine Zinksalbe. Für das äußere Gejucke drückt man aus der Tube eine haselnussgroße Menge auf den Finger mit dem kürzesten Nagel und verreibt sie auf der Rosette. Die Tube hat auch so einen spitzen Aufsatz mit vielen Löchern drin, damit ich die anal einführen und da hinspritzen kann, um den Juckreiz sogar innen zu stillen. Bevor ich so eine Salbe hatte, hab ich mich im Schlaf so feste mit einem Finger am und im Poloch gekratzt, dass ich am nächsten Morgen einen kronkorkengroßen dunkelbraunen Fleck in der Unterhose hatte. So stark war der Juckreiz, so tief der Finger drin. Sag ich ja: sehr unmädchenhaft.

Meine Hämorrhoiden sehen ganz besonders aus. Im Laufe der Jahre haben die sich immer mehr nach außen gestülpt. Einmal rund um die Rosette sind jetzt wolkenförmige Hautlappen, die aussehen wie die Fangarme einer Seeanemone. Dr. Fiddel nennt das Blumenkohl. Er sagt, wenn ich das weghaben will, wäre das ein rein ästhetischer Eingriff. Er macht das nur weg, wenn es die Leute wirklich belastet. Gute Gründe wären, wenn es meinem Liebhaber nicht gefällt oder ich wegen meinem Blumenkohl beim Sex Beklemmungen kriege. Das würde ich aber nie zugeben. Wenn einer mich liebt oder auch nur geil auf mich ist, dann sollte doch so ein Blumenkohl keine Rolle spielen. Außerdem habe ich schon viele Jahre, von fünfzehn bis heute, mit achtzehn, trotz eines wuchernden Blumenkohls sehr erfolgreich Analverkehr. Sehr erfolgreich heißt für mich: kommen, obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird. Ja, da bin ich stolz drauf.

So teste ich übrigens am besten, ob es einer ernst mit mir meint: Ich fordere ihn schon bei einem der ersten Sexe zu meiner Lieblingsstellung auf: ich in Doggystellung, also auf allen vieren, Gesicht nach unten, er von hinten kommend Zunge in die Muschi, Nase in den Arsch, da muss man sich geduldig vorarbeiten, weil das Loch ja von dem Gemüse verdeckt wird. Die Stellung heißt "Mit-Dem-Gesicht-Gestopft". Hat sich noch keiner beschwert. Wenn man so was an einem für Sex wichtigen Organ hat (ist der Po überhaupt ein Organ?), muss man sich in Entspanntheit üben. Das wiederum hilft beim Sichfallenlassen und Lockermachen für zum Beispiel Analverkehr. Da bei mir der Arsch offensichtlich zum Sex dazugehört, ist er auch diesem modernen Rasurzwang unterworfen wie meine Muschi, meine Beine, meine Achselhöhlen, der Oberlippenbereich, beide großen Zehen und die Fußrücken auch. Die Oberlippe wird natürlich nicht rasiert, sondern gezupft, weil wir alle gelernt haben, dass einem sonst ein immer dickerer, Schnurrbart wächst. Als Mädchen gilt es das zu verhindern. Früher war ich unrasiert sehr glücklich, aber dann habe ich mit dem Quatsch mal angefangen und kann jetzt nicht mehr aufhören.

Zurück zum Arschrasieren. Ich weiß im Gegensatz zu anderen Menschen sehr genau, wie mein Poloch aussieht. Ich gucke es täglich in unserem Badezimmer an. Mit dem Po zum Spiegel hinstellen, mit beiden Händen die Arschbacken feste auseinander-ziehen, Beine gerade lassen, mit dem Kopf fast auf den Boden und durch die Beine nach hinten gucken. Genauso führe ich auch eine Arschrasur durch. Nur dass ich dabei natürlich immer eine Backe loslassen muss, um rasieren zu können. Der Nassrasierer wird auf den Blumenkohl gesetzt und dann wird mutig und feste von innen nach außen rasiert. Ruhig auch bis zur Mitte der Backe, manchmal verirrt sich auch dahin ein Haar. Weil ich mich innerlich sehr gegen das Rasieren wehre, mache ich das immer viel zu schnell und zu dolle. Genau dabei hab ich mir diese Analfissur zugefügt, wegen der ich jetzt im Krankenhaus liege. Alles das Ladyshaven schuld. Feel like Venus. Be a goddess! Es weiß vielleicht nicht jeder, was eine Analfissur ist. Das ist ein haarfeiner Riss oder Schnitt in der Rosettenhaut. Und wenn sich diese kleine, offene Stelle auch noch entzündet, was da unten leider sehr wahrscheinlich ist, dann tut das höllisch weh. Wie bei mir jetzt. Das Poloch ist auch immer in Bewegung. Wenn man redet, lacht, hustet, geht, schläft und vor allem, wenn man auf Klo sitzt. Das weiß ich aber erst, seit es wehtut.

Die geschwollenen Hämorrhoiden drücken jetzt mit aller Kraft gegen meine Rasurverletzung, lassen die Fissur immer weiter reißen und verursachen mir die größten Schmerzen, die ich je hatte. Mit Abstand. Direkt danach auf Platz zwei kommt der Schmerz, den ich hatte, als mir mein Vater die Kofferraumklappe unseres Autos die ganze Wirbelsäule entlanggeschrabbt hat - ratatatatat - beim volle Pulle Zuschlagen. Und mein drittschlimmster Schmerz war, als ich beim Pulloverausziehen mein Brustwarzenpiercing rausgerissen hab. Weswegen meine rechte Brustwarze jetzt aussieht wie eine Schlangenzunge. Zurück zu meinem Po. Ich habe mich unter riesigen Schmerzen von der Schule ins Krankenhaus geschleppt und jedem Dolctor, der wollte, meinen Riss gezeigt. Ich habe sofort ein Bett in der Proktologischen Abteilung gekriegt, oder sagt man Innere Abteilung? Innere klingt besser als so speziell Arschabteilung zu sagen. Man will ja nicht, dass andere neidisch werden. Vielleicht verallgemeinert man das mit Innere. Frage ich später mal, wenn die Schmerzen weg sind. Jetzt darf ich mich jedenfalls nicht mehr bewegen und liege hier in Embryonalstellung rum. Mit hochgeschobenem Rock und runtergelassener Unterhose, Arsch zur Tür. Damit jeder, der reinkommt, sofort weiß, was Sache ist. Es muss sehr entzündet aussehen. Alle, die reinkommen, sagen: "Oh."

Und reden was von Eiter und einer prall gefüllten Wundwasserblase, die aus dem Poloch raushängt. Ich stelle mir vor, dass die Blase aussieht wie die Halshaut von diesen tropischen Vögeln, wenn sie da zum Brunftangeben ganz viel Luft reinpumpen. Ein glänzendrotblau gespannter Sack. Der nächste Proktologe, der reinkommt, sagt kurz: "Guten Tag, Professor Dr. Notz mein Name." Und rammt mir dann was ins Arschloch. Der Schmerz bohrt sich die Wirbelsäule hoch bis zur Stirn. Ich verliere fast das Bewusstsein. Nach ein paar Schmerzsekunden habe ich ein platzendes, nasses Gefühl und schreie: "Aua, vorwarnen, bitte. Was war das, verdammt?" Und er: "Mein Daumen. Entschuldigen Sie bitte, mit der dicken Blase davor konnte ich nichts sehen." Was für eine Art, sich vorzustellen! "Und? Was sehen Sie jetzt?" "Wir müssen sofort operieren. Heute Morgen schon was gegessen?" "Wie denn, vor lauter Schmerzen?" "Gut, dann Vollnarkose. Bei dem Befund besser."

Charlotte Roche. Feuchtgebiete Verlag: Dumont Buchverlag 219 Seiten ISBN-13: 978-3832180577

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Fotos: Patrik Ohligschläger
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