Die Aufpasserin

Svenja Lassen stand schon einmal ganz vorne beim Hurricane-Festival: für einen Tag zog sie sich die rote Weste der Sicherheitskräfte über. Böse gucken inklusive

Nomen est Omen

Es regnet. Nein, es gießt. Dazu fegt ein Sturm über Scheeßel, der die Bäume von rechts nach links schmeißt. Als ich mich auf diesen Job eingelassen habe, wusste ich nicht, dass der Name "Hurricane-Festival" wörtlich zu nehmen ist. In fünf Minuten beginnt das Treffen aller Security-Kräfte. Und ich gehöre heute dazu. Das heißt, ich muss da raus. In den Matsch. Wie gut, dass ich in meiner Schuhtruhe ein zehn Jahre altes Paar Boots entdeckt habe. Wollte mich längst davon trennen, bin aber eine miese Wegwerferin. Selten war ich so froh darüber, denn die Stiefel sind stabil, halten warm und haben richtig dicke Sohlen. Die brauche ich, auch wenn der Leiter wegen der Absätze misstrauisch guckt. "Kannst du darauf gut stehen?", fragt Torben. Kein Problem, ich bin standfest. Also bringt er mich etwas später zu meinem ersten Einsatzort: dem Haupteingang. Ich helfe als Springer aus und schaue mir verschiedene Jobs an. Was mich erwartet, weiß ich nicht. Aber ich kann böse gucken und habe mal einen Wochenendkurs Selbstverteidigung gemacht.

Um kurz nach 13 Uhr geht's los. Ein paar Kollegen stehen schon an den Gittern. Reiner etwa, 42, einen Kopf kleiner als ich, aber wuchtig wie eine Bulldogge. Seit zehn Jahren arbeitet er als Ordner im Hamburger St.-Pauli-Stadion, dazwischen bei Festivals. Er sagt mir, was ich tun muss: Eintrittsbänder prüfen, Körper abtasten, in Taschen gucken und verbotene Gegenstände abnehmen. Waffen und Glasflaschen dürfen nicht rein, verständlich. Dosen, Tetra-Packs und Pet-Flaschen sind erlaubt. Allerdings nur geöffnet und angetrunken. Versteh ich nicht, aber Reiner klärt mich auf: "Dann verändern sie ihre Flugbahn und können nicht mehr so weit auf die Bühne geschleudert werden." Aha. Das ist kein simpler Aushilfsjob, sondern höhere Physik. Aber jetzt will ich starten. Vorher gibt Reiner mir noch Gummihandschuhe. "Wegen der Hygiene", sagt er grinsend. "In ein paar Stunden haben sich einige Leute schon vollgepisst." Na lecker!

Fremde Menschen anfassen

Zwei Minuten später geht die erste Besucherin auf mich zu, eine junge Frau im grünen Regencape. Sie hebt die Arme und schaut gelangweilt, doch für mich ist das etwas ganz Neues: Wann fasst man sonst völlig fremde Menschen an? Ich taste über Arme und Rumpf, mache dann eine Kniebeuge und streife vom Oberschenkel abwärts jedes Bein mit beiden Händen fest ab. Nach etwa zehn Frauen bekomme ich Routine, die Hemmungen verschwinden.

Interessant zu spüren, wie unterschiedlich sich Körper anfühlen. Einige weich und schwammig, andere sind so dünn und zerbrechlich, dass ich fast Angst habe, sie zu verletzen. Eigentlich sind die Kontrollen nach Geschlechtern getrennt, aber als es voller wird, können auch Männer zu uns kommen. Einigen scheint das sogar lieber zu sein. Ein Typ im Parka stürmt strahlend auf mich zu und sagt: "Los, betaste mich! Du bist vielleicht mein einziger Sexualkontakt dieses Wochenende." Wenn er so spontan bleibt, sicher nicht. Ich muss lachen und merke, dass ich mit den Leuten so umgehe wie sie mit mir. Wer nett ist, wird auch nett behandelt. Als ich bei einem Mädel ihren "Proud to be a lesbian"-Aufnäher entdecke, zwinkert sie mir zu. Charmant! Was mir am Eingangsposten gefällt: Man trifft viele Leute. Zwar nur kurz, aber das macht die Schicht spannend. Zumindest für die zwei Stunden, die ich hier stehe. Reiner und Co. haben noch zehn vor sich.

Hitze ist schlimmer

Von den Auftritten habe ich bisher nicht viel mitgekriegt. Das ändert sich am nächsten Standort: dem Konzertgraben. Zwar stehe ich mit dem Rücken zur Bühne und schaue auf die bebende Menge, aber ich bin dicht am Geschehen. Eine Ausnahme - sonst arbeiten hier keine Frauen, weil es verdammt schwer ist, einen Körper aus der Menge über das Gitter zu ziehen. "Das wird heute aber nicht oft passieren", meint mein Kollege Steven und guckt in den grauen Himmel. "Hitze ist schlimmer, da kippen die jungen Mädchen schnell um. Die trinken nicht genug, weil sie Angst haben, zu oft aufs Klo zu müssen. Oder dass sie schwitzen und ihnen die Schminke zerläuft."

Steven hat einen rasierten Schädel, goldene Kreolen am Ohr und stahlblaue Augen - und ist trotzdem ein wahres Herzchen. Ein netter Typ, der keinen Ärger will, sondern ihn vermeiden. Das begreifen nur nicht alle. Plötzlich bauen sich zwei massige Männer vor mir auf, die noch dichter an die Bühne heranwollen. "Tut mir Leid, nur für Fotografen", sage ich. Der eine fängt laut an zu motzen, seine Bierfahne weht mir ins Gesicht. Ich bin froh, dass ein Gitter zwischen uns ist. "Nur für Fotografen", sage ich noch einmal und muss mich zwingen, ruhig zu bleiben. Gar nicht leicht. Aber reden hilft fast immer, hat Steven gesagt. Und tatsächlich, nach ein paar Minuten ziehen die beiden wieder ab.

VIP-Bereich

Meine letzte Station: der Eingang zum VIP-Bereich. Cooler Posten, denke ich, die Stars laufen direkt an einem vorbei. Doch René, der seit ein paar Stunden hier aufpasst, findet das völlig langweilig. The Cure und David Bowie interessieren ihn absolut nicht, sagt der 22-Jährige. Mich schon. Ich würde Bowie gern einmal sehen, aber seine Limousine ist noch nicht da. Also schau ich mich nach anderen Promis um und gehe in die Künstler-Lounge. Flipper und Fernseher stehen hier rum, daneben eine Bar, Teelichter und Blumen. Ich entdecke die Jungs von Life of Agony. Sie sitzen auf weißen Lederquadern und nehmen einen Drink. Sieht richtig gemütlich aus.

Ich möchte nicht wieder raus, auch wenn es aufgehört hat zu regnen. Meine Schicht beende ich selbst. Ein Privileg, denn meine Kollegen müssen arbeiten, bis alles vorbei ist. Der Wechsel zum Gast fällt mir schwer. Ich stelle mich in die Menge vor die Bühne, versuche mitzufeiern, aber achte weiterhin drauf, ob einer rempelt oder Becher wirft. Nach einer Stunde beschließe ich, den letzten Zug nach Haus zu nehmen. Was bleibt, ist Achtung vor den Security-Leuten - besonders am nächsten Morgen, als ich vor Muskelkater kaum gehen kann. Ein kleines Souvenir von zwei Stunden Kniebeugen am Eingang. Wie, bitte, hält man das sechsmal so lang aus? Respekt!

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