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Die neuesten Bücher zu Weihnachten


Weihnachtszeit ist Lesezeit! Wir stellen euch die neuesten Bücher der letzten Wochen vor. Mit dabei: Ildikó von Kürthy, Peter Høeg und Håkan Nesser -

Peter Høeg - Das stille Mädchen

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Der Plot klingt nach neuem Lieblingsbuch: Kasper Krone ist der berühmteste Clown Europas - und er hat eine einzigartiges Gabe: Er kann den Grundton der Seele eines Menschen hören. Er hört ihre Stimmungen, ihre Gefühle. Er hört die Stadt und das Leben - nur nicht die Stille. Bis er KlaraMaria trifft, ein neunjähriges Mädchen, von der die Stille ausgeht - und die ein Geheimnis mit sich trägt. So weit, so gut.

Dann wird es abenteuerlich: KlaraMaria wird entführt, Kaspar Krone will sie finden und sie retten. Es folgt eine Mischung aus abgedrehter James Bond-Story und Esoterik-Ratgeber, dem der Leser leider nur schwer folgen kann.

Während es Peter Høeg in "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" gerade mit seiner Sprache geschafft hat, den Leser zu fesseln, verstrickt er sich jetzt selber in absonderlichen Formulierungen und Handlungs-Sprüngen. Was das Buch dennoch lesenwert macht, sind seine Beschreibungen der Klangwelten, die Kaspar Krone in jeder Sekunde wahrnimmt. Wie etwa hier: "Als er ausstieg, umschloss ihn die Stadt wie eine Schallmauer. Keine Harmonie keine konzentrischen Wellen, kein klangliches Zentrum. Anderthalb Millionen Menschen mit je ihrem - unkoordinierten - Refrain."

Sehr schade, Peter Høeg. Das ist leider kein Lieblingsbuch geworden.

Peter Høeg Das stille Mädchen 464 Seiten, 24.90 EUR Hardcover, Hanser ISBN: 3446208240

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Liza Marklund - Nobels Testament

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Bei Filmen ist es ja meistens so: mit jeder Fortsetzung werden sie schlechter. Bei Büchern ist das zum Glück anders. Zum Beispiel beim Herrn der Ringe, bei Harry Potter und auch - Gott sei Dank - bei Liza Marklunds Krimis.

"Nobels Testament" ist der sechsten Teil aus Marklunds Krimi-Reihe um die Journalistin Annika Bengtzon - und bisher mit Abstand der packendste. Es geht um eine Serienkillerin, um Macht und viel Geld, um den Kampf der Wissenschaftler und deren höchste Ehre: den Nobelpreis.

Liza Marklund erzählt einen spannenden Krimi-Plot und schafft es dabei zeitgleich auch das Privatleben ihrer Heldin weiter zu zeichnen: Annika Bengtzon steckt in einer großen Beziehungskrise, dazu macht ihr der Job zu schaffen, und ihre beste Freundin ist auf dem Ego-Trip. Schön normal eben. Das Beste kommt aber zum Schluss: Nobels Testament endet mit einem fantastischen Kliffhänger. Jetzt muss Liza Marklund nur noch schnell in die Tasten hauen, damit wir den siebten Teil möglichst schnell in unseren Händen halten können.

Ach ja: Natürlich müsst ihr nicht die fünf Teile davor gelesen haben, um mit dem sechsten Spaß zu haben!

Liza Marklund Nobels Testament 544 Seiten, 9.95 EUR Taschenbuch, Rowohlt ISBN: 3499232995

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Håkan Nesser - Aus Doktor Klimkes Perspektive

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Ein Professor will den Liebhaber seiner Frau töten. Ein Lehrer bekommt Post von einer früheren Liebe, die eigentlich seit 30 Jahren tot ist. Und ein Mann plaudert vor einem Unbekannten ein altes Familiengeheimnis aus - und ahnt nicht, mit wem er es zu tun hat...

"Ich mag den Tod. Er garantiert eine Geschichte", hat Håkan Nesser einmal gesagt. Und tatsächlich: Die sechs Kriminalkurzgeschichten, die er in seinem Buch "Aus Doktor Klimkes Perspektive" zusammengefasst hat, ranken sich um Tod, verschwörerische Rachepläne und alte Geheimnisse. So ist man es vom schwedischen Krimiautor schließlich auch gewohnt. Während jedoch einige Geschichten wie etwa "Die Wildorchidee aus Samaria" richtig spannend sind, können andere Episoden den hohen Erwartungen, die der Leser an Håkan Nesser stellt, leider nicht gerecht werden. Zu langatmig und teils auch zu abgedreht sind einzelne Handlungsstränge, als dass man ihnen konstant folgen könnte. Somit bringt das Buch leider nur zur Hälfte Spaß. Dafür aber umso mehr.

Håkan Nesser Aus Doktor Klimkes Perspektive 288 Seiten, 8.50 EUR Taschenbuch, btb Verlag ISBN: 978-3-442-73866-3

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Hilmar Klute - HerzKammerJäger

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Josef Celle ist Privatdetektiv in der Münchener Maxvorstadt. Nun ja, eigentlich wollte er Kunsthistoriker werden, doch daraus wurde nichts. Nun schlägt er sich mit mal mehr, mal weniger langweiligen Gelegenheitsjobs durch und verbringt seine in Hülle und Fülle vorhandene Freizeit in seinem Lieblings-Weinbistro.

Alles ändert sich jedoch, als ein knapp siebzigjähriger Mann sich bei Celle meldet, mit der Bitte, seine leibliche Mutter zu suchen. Wenig später ist der Mann tot - und Celle um eine mysteriöse Diamant-Schatulle reicher. Schnell erkennt er, dass auch einige fiese Gestalten hinter eben diesem Schmuckstück her sind und er niemandem mehr vertrauen kann. Auf eigene Faust macht er sich auf, den Fall zu lösen, der ihn von der feinen Münchener Oberschicht bis in die Obdachlosenszene führt. Und am Ende sieht er sich mit einer wahrhaft brisanten Enthüllung konfrontiert, die selbst dem so abgebrühten Celle die Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Hilmar Klute ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Redakteur für die Süddeutsche Zeitung, in der er regelmäßig das Streiflicht verfasst. Es macht Spaß, seiner ironisch-sarkastischen Erzählweise zu folgen und den etwas trotteligen Privatdetektiv Josef Celle auf seinem Weg zu begleiten. Das absolute Highlight ist aber die Geschichte selbst, die so spannend ist, dass man das "HerzKammerJäger" kaum aus der Hand legen kann. 381 lesenswerte Seiten und ein absolutes Muss - nicht nur für Münchener.

Hilmar Klute HerzKammerJäger 381 Seiten, 7.95 EUR Taschenbuch, Blanvalet Verlag ISBN: 3442371090

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Ildikó von Kürthy - Schwerelos

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Marie steht kurz vor ihrem 37. Geburtstag - und damit vor der kaum zu ignorierenden Frage, was sie eigentlich in ihrem Leben unbedingt noch erreichen will. Da passt es ganz gut, dass ihr langjähriger und ebenso langweiliger Freund Frank ihr endlich den ersehnten Heiratsantrag macht. Doch plötzlich ist Marie sich gar nicht mehr so sicher, was sie eigentlich möchte. Sicherheit mit Frank - oder Abenteuerlust und maximale Unabhängigkeit? Nicht ganz unschuldig an ihrem plötzlichen Gefühlschaos ist zum Beispiel ihre plötzlich verstorbene Lieblingstante, von der die so bodenständige Marie Zeit ihres Lebens mit Sätzen wie "Wenn es um dein Leben und deine Zukunft geht, solltest du lieber handeln als warten" verunsichert wurde. Oder die beste Freundin, die auf dem Standpunkt steht, man könne nicht glücklich verheiratet und gleichzeitig treu sein. Hinzu kommen ihr schwuler Freund Erdal, der das Kind ihrer Cousine adoptieren will sowie ein berühmter Talkmaster, in den sich Marie Hals über Kopf verliebt.

"Schwerelos" ist Ildikó von Kürthys sechster Roman - und leider der bislang Schlechteste. Was in Romanen wie "Blaue Wunder" oder "Freizeichen" noch witzig war und den ein oder anderen hysterischen Lachanfall hervorgerufen hat, wirkt jetzt nur noch abgedroschen. Mehr noch: Das Buch bietet kaum eine Handlung. In endlosen Selbstgesprächen kreist die Hauptfigur Marie um ihr Leben und das, was sie daraus machen will. Doch Kürthys Leserinnen haben schon zu oft etwas über die Gewichts- und Figurprobleme der Erzählerinnen gelesen - jetzt wäre eigentlich mal Zeit für etwas Neues. Stattdessen wird wieder einmal Erdal ausgegraben, der nun zum dritten Mal sämtliche Schwulen-Klischees in einem Kürthy-Roman erfüllen muss. "Schwerelos" erinnert damit an einen misslungenen Abklatsch seiner fünf Vorgänger - jedoch mit einem Unterschied: Das Ende unterscheidet sich diesmal grundlegend von den bisherigen Büchern. Das ist fast sogar etwas überraschend, kann aber trotzdem nicht so recht über die insgesamt dünne Story hinwegtrösten. Schade.

Ildikó von Kürthy Schwerelos 256 Seiten, 17.90 EUR Hardcover, wunderlich ISBN: 978-3-8052-0849-9

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Preeta Samarasan - Abend ist der ganze Tag

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Wer das leuchtend blaue Haus in der Kingfisher Lane 67 zum ersten Mal betritt, wird beeindruckt sein. Die indische Familie Rajasekharan ist nach zwei Generationen in Malaysia zu Wohlstand gekommen, gönnt sich sogar den Luxus eines Dienstmädchens. Hinter der Fassade jedoch gärt eine explosive Mischung aus Einsamkeit, gekränktem Stolz und Lügen.

Während sich der Vater in Arbeit vergräbt, langweilt sich die Mutter auf Teepartys und schikaniert das kränkliche Dienstmädchen. Die Geschwister Suresh und Aasha fühlen sich allein gelassen, seit die älteste Tochter Uma beschlossen hat, im fernen Amerika zu studieren. Und dann stirbt auch noch die klapprige Oma unter mysteriösen Umständen.

Genauso zerrissen wie diese Familie ist das Land, in dem sie lebt. Preeta Samarasan, selbst in Malaysia aufgewachsen, beschreibt ihre Heimat als hitzigen Schmelztiegel, in dem Inder, Chinesen und Malaien mehr neben- als miteinander leben. Vor diesem Hintergrund breitet Samarasan ihre tragische Familiengeschichte aus. Mit üppiger, einfallsreicher Sprache und Elementen des magischen Realismus, wie man sie von Isabel Allende und Gabriel García Márquez, entwickelt die Autorin einen exotischer Erzählstrom, dem man sich nicht entziehen kann.

"Abend ist der ganze Tag" ist keine leichte Kost. Doch wer sich auf die komplexe Erzählstruktur und unzählige malaische und indische Ausdrücke einlässt, wird mit einem fesselnden Lese-Erlebnis belohnt.

Preeta Samarasan Abend ist der ganze Tag 480 Seiten, 19.90 Euro Hardcover, Ullstein ISBN: 3550087357

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User-Rezension: Adrian Tomine - Halbe Wahrheiten

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Ben Tanaka führt ein kleines Kino in Kalifornien, seine Freundin Miko engagiert sich in der Asiatischen Community.

Die Beziehung der beiden hat sich müde gelaufen, aber keiner schafft es einen ehrlichen und klaren Schnitt zu machen.

Ben macht es sich und den Lesern mit seiner trägen und zynischen Art schwer. Er macht es auch seiner Freundin Miko schwer. Doch auch Miko ist nicht aufrichtig zu Ben. So sind die Sympathien beim Lesen mal bei Ben und mal bei Miko.

Selten habe ich eine präzisere und wahrhaftigere Schilderung über das Ende einer längeren Beziehungen gelesen. Locker im Vorübergehen schafft es Tomine die asiatische Community in Kalifornien zu zeigen. Er tut dies mit feinem Witz, ohne jemals unkorrekt zu werden. Auch die kleinsten Randfiguren sind präzise treffend dargestellt. Sie alle haben eigenständige Charaktere und doch schafft es Tomine Typen zu zeigen, die man irgendwie aus dem eigenen Erleben wieder erkennt.

Obwohl "Halbe Wahrheiten" ein Comic ist, erinnert er eher an die Romane von Jonathan Franzen oder Paul Auster als an andere Comics. Die Bilder sind schwarz weiß und im Stil der Ligne Claire gezeichnet. Tomine ist ein Meister des Bildaufbaus, der seine Lektion bei Hergé und Hitchcock gelernt hat.

Die Dialoge sind schlagfertig, treffend und realistisch, auch die beiden Übersetzer haben tolle Arbeit geleistet. Ich glaube, jeder der Ende 20 ist und schon mal das Ende einer Beziehung erlebt hat, findet sich in der Geschichte von Ben und Miko wieder.

Für mich ist "Halbe Wahrheiten" das Buch des Jahres. Es ist witzig und zugleich melancholisch und berührend.

Adrian Tomine Halbe Wahrheiten 108 Seiten, 13.00 Euro Klappenbroschur, Reprodukt ISBN: 978-3-938511-39-8

Ein Tipp von User Florian


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