Dunkle Wälder, güldenes Haar

Wieso muss Dornröschen sich ausgerechnet an einer Spindel stechen? Und Rotkäppchen allein durch den dunklen Wald eiern? Märchenforscherin Kathrin Pöge-Alder erläutert die Bedeutungen der bekanntesten Märchen-Symbole.

Apfel

Er ist eine besonders bedeutungsstarke Frucht: Eine vergiftete Birne oder Pflaume wären bei "Schneewittchen" schwer vorstellbar. Drei Versuche braucht die Königin, um ihre Stieftochter wirksam zu vergiften. Der Apfel steht für die Erkenntnis. Schneewittchen jedoch erkennt nichts - und beißt hinein. Trotzdem endet die Geschichte gut. Denn nach dem Biss in den vergifteten Apfel wird sie in einen Glassarg gebettet. Wegen ihrer Schönheit wird der Prinz auf sie aufmerksam - hätte Schneewittchen nur freundlich am Fenster gegrüßt, wäre er vielleicht vorbei geritten.

Dunkler Wald

Sollte nicht in erster Linie psychoanalytisch gedeutet werden, wie es oft passiert. Der Wald war früher das, womit ein Dorf umgeben war. Vogelfreie versteckten sich dort, oder auch Frauen, die wegen einer unehrenhaften Schwangerschaft verstoßen worden waren.

Durch den Wald muss man hindurch, wenn man irgendwo hin will. In ihm lauern Gefahren, zum Beispiel wilde Tiere. Aber auch Einsiedler und weise Frauen leben dort, die demjenigen, der hindurchgeht, wertvolle Hilfe leisten: Der Wald ist nicht nur ein Ort des Schreckens, sondern ein mehrdeutiges Symbol.

Spindel

Spinnen ist eine der sittsamen Hausarbeiten, die Spindel deswegen ein Symbol für Tugend. Der König in "Dornröschen" befiehlt, alle Spindeln zu verbrennen. Mit diesem Befehl versucht er, die Gefahr selbst zu verbieten, was natürlich nicht funktioniert, zumal die Spindel für etwas Gutes steht. Besser wäre es gewesen, die Tochter aufzuklären. Spindeln waren in allen Haushalten anzufinden. Wenn nun die Königstochter sich aus Ungeschicklichkeit daran sticht (und in den bekannten Tiefschlaf fällt), bedeutet dies auch, dass praktisches Geschick für eine Frau sehr wichtig ist.

Brunnen/ Wasser

Der Brunnen stellt die Verbindung zwischen Ober- und Unterwelt dar. Goldmarie und Pechmarie gelangen nur durch einen Brunnen zu Frau Holle, einer mythischen Figur. Man sollte sich den Brunnen nicht, wie in den meisten bildlichen Darstellungen, gemauert vorstellen:

Im "Froschkönig" ist er eher ein Wasserloch, weswegen der Ball der Königstochter so leicht hineinrollt. Mit dem Brunnen-Symbol eng verbunden ist das Wasser, das als Lebensspender gilt. Es gab auch die alte abergläubische Vorstellung, dass aus dem Brunnen die Kinder kommen. Wasser kann in seiner zerstörerischen Gewalt auch todbringend sein. Als Symbol ist es daher ambivalent.

Langes Haar

In den Haaren steckt Lebenskraft und Weisheit. Auch in der Mythologie wurde dieses Symbol verwendet. Außerdem ist langes Haar ein Sinnbild für innere Schönheit.

Ring

Ein Bild für Geschlossenheit, von der Kraft - auch Zauberkraft - ausgeht.

Berg

Er symbolisiert Anstrengung. Ein gläserner Berg ist unerklimmbar, man benötigt ein Zaubermittel, um ihn zu bezwingen. Der Berg spielt oft eine Rolle in Darstellungen, die etwas sehr Typisches für Märchen zeigen: das selbstverständliche Wunder.

Dem Helden wird immer geholfen, nie wundert er sich über die Hilfe, und nie gereicht sie ihm zum Nachteil. Oft ist im Berg ein Schatz verborgen, und wer zu viel davon nimmt, läuft Gefahr, stecken zu bleiben oder nicht mehr hinauszukommen: Eine Lehre für den Leser steckt auch in der Verwendung dieses Symbols.

Zahl "Sieben"

Die Sieben ist eine ambivalente Zahl, sie lässt sich in ihrer Bedeutung nicht festlegen. Häufig stellt sie ein vollkommenes Ganzes dar: Die sieben Zwerge oder die sieben Schwaben bilden eine 'runde' Menge. "Sieben auf einen Streich" schafft das listige Schneiderlein; mit den Siebenmeilenstiefeln kommt der Held schnell ans Ziel.

Es gibt aber auch negative Bedeutungen. Die "böse Sieben" ist eine stehende Redewendung in der Literatur, in der Bibel gibt es die sieben Todsünden. Häufig wird die Sieben für die Darstellung einer Zeitspanne verwendet: Eine Figur reist sieben Tage und und sieben Nächte, und der Teufelspakt wird meist nach sieben Jahren eingelöst.

Zahl "Drei"

Die Drei hat entscheidende Bedeutung für das menschliche Denken, Handeln und Fühlen. Sie ist charakteristisch für Volksliteratur. Im Märchen kommt sie deswegen häufig vor: Drei Mal wird zum Beispiel bei "Ilse Bilse" der Fisch gefangen, Schwestern sind meistens zu dritt, und bei Steigerungen gelingt stets der dritte Versuch.

Kathrin Pöge-Alder, 39, promovierte Germanistin, lehrt in Jena am Institut für Volkskunde. Sie ist Mitautorin der "Enzyklopädie des Märchens" und veröffentlichte 2000 ein Erzählerlexikon.

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